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Neue jüdische Presse · 1909-09-15 · Heft 36 (15.9.1909) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 36 (15.9.1909)
Date
1909-09-15
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Serie 4 „Aber Kind, diese Frage! — In unserm Verhältnis zu einander ist keine Aenderung eingetretcn. Ich habe doch von jeher gewußt, daß Du nicht in Wirklichkeit meine Tochter bist, und Du warst mir dennoch teuer, als wärest Du mein eigenes Kind. — Und seit meine Frau mir entrissen worden ist, warst Du mein Eins und mein Alles. — Weißt Du das denn nicht?" „Doch," sagte sie, während ein leises Lächeln für einen Moment über ihr verweintes Antlitz huschte, „das weiß ich — Du hast es wenigstens zuweilen gesagt — aber — jetzt —" „Wen habe ich jetzt außer Dir?" „Ich weis; nicht," flüsterte sie, während sie wiederum das müde Haupt aus seine Schulter fallen ließ, „also ich darf immer Vater zu Dir sagen — ich könnte es auch nicht anders. — Aber zu dem andern —" „Zu ihm darfst Du nie Vater sagen. Du weißt es doch, er ist Kardinal, hätte daher nicht heiraten dürfen. Er kann Dich daher nur als Nichte anerkennen, und Du wirst ihn vermutlich Oheim nennen müssen." „Vater hätte ich auch nicht zu ihin sagen können, unmöglich! — Mer m u ß ich, m u ß ich denn bei ihm bleiben?" ■ Rabbi Jizchak zuckte die Achseln. „Nur unter dieser Bedingung ist der Bischof für Deine Befreiung eingctreten." „Ach, hättest Du ihm nur nichts davon gesagt! — und wenn ich auch noch so lange in dem elenden Loch hätte bleiben müssen, einmal hätten sie mich doch hinauslassen müssen, und dann wäre ich doch wenigstens bei Dir gewesen." „Das ist noch sehr die Frage. Aber nicht zweifelhaft ist, daß Du, falls der Bischof nicht für Dich ciügetreten wäre, noch am selben Tage der scheußlichsten Prozedur unterworfen worden wärest, die Du schwerlich überlebt hättest." Tirza preßte die bebenden Lippen aufeinander. „Wenn Du heimreisest und ich hier allein bei fremden Leuten bleiben muß — das werde ich auch .nicht überleben können." „Sei unbesorgt Kind, ich lasse Dich nicht allein unter den Fremden. Wenn ich auch nicht im selben Haus mit Dir werde wohnen können, so bleibe ich doch im selben Ort und hoffe, daß es mir gestattet wird. Dich täglich zu sehen und zu. sprechen." Tirza atmete schwer auf, allmählich begann sie doch, etwas ruhiger zu werden. „Aber — aber — wie wird denn das gehen? Bei Nichtjuden kann ich doch nicht essen! Glaubst Du, daß man mir gestatten wird, daß ich selbst für mich koche?" Rabbi Jizchak zuckte die Achseln. „Das weiß ich wirklich nicht, möchte es aber bezweifeln, denn der Kardinal ist ein sehr vornehmer Herr und Du wirst fortan eine vornehme Dame sein; man wird Dich Kontessa situliercn oder Kontessina, aber daß man Dir gestatten wird. Dein Essen selbst zuzubereiten, das glaube ich nicht." „Wer was werde ich dann machen? Ohne zu essen, kann man doch nicht leben." „Freilich nicht, aber ich sehe in der Tat nicht ein, weshalb Du nicht im Hause des Kardinals solltest essen können." - Sic blickte ihn verständnislos an. „Wer glaubst Du denn, baß in der Küche des Kardinals die Speisen nach ritueller Vorschrift zubereitet werden?" „Das glaube ich keineswegs. Wer liebes Kind, Du übersiehst, daß die Speisegesetze nur für Juden verbindlich sind, aber keineswegs für die Tochter der Gräfin Turnek." ,^>err Gott im Himmel! ich bin keine Jüdin?" Entsetzen malte sich in ihren Zügen. „Gott! mein Gott! — warum bin ich denn keine Jüdin? — Ich liebe doch die Lehre, die Du Deinem Volke gegeben hast und habe alle Deine Gebote.immer treu und freudig erfüllt — warum hast Du mich als Mchtsüdin erschaffen? — Mer das.macht doch nichts," fuhr sie sich besinnend fort, „wenn man auch nicht im Judentum geboren ist, so kann man doch zu demselben übertreten. — Nicht war, lieber Väter. Du wirst mir dabei behilflich sein?" Rabbi Ji-chak schüttelte den Kopf. „Vorläufig nicht, liebes Kind; vorläufig würde ich bas nicht verantworten können." ,.Wer um's Himmels willen, warum denn nicht? hältst Du die jüdische Religion bcitnnicht für die einzig wahre." „Gewiß! Wer in ihrem vollen Umfang verbindlich ist unsere heilige Lehre doch nur für uns Juden, d. h. für die Nachkommen unseres Stammvaters Wrabam und für diejenigen, die zu unserer heiligen Religion übergetreten sind —" „Nun ja, — eben deshalb will ich zum Judentum übertreten!" Er schüttelte abermals verneinend das Haupt. „Solange Du nicht zu uns übergetreten bist, hast Du Deine Pfiicht getan, wenn Du nur die sieben noachidischen Gebote treu erfüllst; bist Du aber zu uns Äberqetreten, so hast Du nur dann Deine Pflicht erfüllt, wenn Du sämtliche Ge- und Verbote, die Gott seinem Volke geaeben hat. tteulich beobachtest. So lange Du jedoch nicht selbständig bist, nicht in jeder Beziehung frei über Dich verfügen kannst. so lange kannst Du nicht wissen, ob Du immer in der Lage sein würbest, alle jene Frankfurker JfraeMWS ymnkkenKickt. Gebote zu beobachten. Vorläufig wäre cs daher Leichtsinn, die Verpflichtung zu etwas zu übernehmen, ohne die Sicherheit, den übernommenen Verpflichtungen Nachkommen zu können. Siehst Du das nicht ein?" Sie sah cs allerdings ein und ließ — schmerzlich seufzend — das Köpfchen hängen. Inzwischen war es Wend geworden, der Wirt hatte in eisernein Leuchter eine brennende Unschlittkerze hercingebracht, die flackernd den Raum erhellte. Er berichtete, daß Pater Anselmo fragen lasse, ob die Herrschaften ihn empfangen wollten, und gleich darauf trat der Geistliche in das Zimmer. „Guten Wend, Doktor! ergebener Diener Kontessa! — Nun, wie geht's, wie fühlt Ihr Euch En Rom. — Doch was sehe ich! Die Kontessa noch in Reisetoilette?" Rabbi Jizchak fuhr sich mit der Hand über die Stirn. „Ich habe der Kontessa eben jetzt mitgcteilt, daß sie zu diesen! Titel berechtigt ist und das bat die Ahnungslose überaus erschüttert." „Das begreife ich," versetzte der Pater, „das ist ja selbstverständlich. Wenn man sich immer nur für ein kleines, unbedeutendes Mädchen gehalten hat und mit cincmmal erfährt, daß man eine hochgeborene Gräfin ist — wen das nicht erschüttern sollte —" „Ach nein, nein!" flüsterte Tirza, „das ist's nicht — aber — aber — mein Vater —" „Euren Vater wird Euch kein Mensch streitig machen, Kontessina," entgegnete der Geistliche lächelnd, „und Euer Oheim verzehrt sich in Sehnsucht nach Euch." „Woher wisset Ihr das?" fragte Rabbi Jizchak. „Ich komme soeben von ihm," erwiderte der Geistliche, indem eine leichte Röte sein intelligentes Gesicht überzog, „ich hatte ihm ein Schreiben von dem Bischof zu übergeben." „Ahä!" sagte der Rabbi. „In dem Schreiben mußte Eurer erwähnt sein, denn seine Eminenz erkundigte sich sofort nach Euch und nach der Kontessa, seiner Nichte, und war glücklich über meine Versicherung, daß auch die Kontessina die anstrengende Reise glücklich überstanden. Er ersuchte mich, der Kontessa seine herzlichsten Grüße zu übermitteln und ihr zu sagen, wie sehr ihr Oheim sich nach ihr sehne. Morgen Vormittag um Hehn Uhr wird er eine Sänfte herschicken, die die Kontessa zu ihm bringen soll, und er läßt Euch bitten, Doktor, dieselbe zu begleiten." Pater Anselmo blieb noch ein Weilchen, denn er glaubte sich. verpflichtet, noch allerlei Ratschläge zu erteilen. Tirza schwieg zu allem und atmete erst erleich, tert auf, als der Geistliche gegangen war. Sn war so überreizt, daß sic die Anwesenheit eines Fremden gradezu wie ein körperliches Unbehagen empfand; der Arzt gewahrte es und reichte ihr vor allem ein beruhigendes Medikament, und bann gelang es ihm auch, sie zu überreden, einige- Nahrung zu sich zu nehmen. „So bist Du mein braves Kind," lobte er sie. indem er ihr die blassen Wangen stteichelte, „und weochalto, wetzowoto uwerachto — nachdem Du gegessen hast und satt geworden bist, wirst Du beten, und dann wirst Du Dich niederlegen und wirst unter dem Schutze Gottes gut und.hoffentlich recht lange schlafen. Das Kabinett liegt nach Westen, da wird Dich die Morgcnsonne nicht stören." Nicht ohne Anstrengung erhob sich Tirza. Rabbi Jizchak geleitete sie in das anstoßende Zimmer. „Die Wirttn könnte Dir auch beim Auskleidcu behilflich sein; wenn Du willst, rufe ich sic." „Nein, bitte nein, ich kann schon allein. — Wenn sie mich auch Kontessa schimpfen, ich bin doch keine und mag auch keine sein. — Nur Dein Kind will ich ' sein." „Das bist Du und das bleibst Du, auch wenn Du vorläufig in einem Palast wolmcn wirst." Sie schüttelte heftig den Kopf. „Ich will in gar keinem Palast wohnen, nur bei Dir will ich sein! — bei Dir!" — „Liebes, gutes Kind, sei nicht unvernünftig! — Wenn Du Dich jetzt sträuben würdest gegen dasjenige, was der Kardinal Dir bestimmt hat. so würde man mir die Schuld geben, und da ich Jude bin, so wäre cs nicht unwahrscheinlich, daß man mein vermeintliches Unrecht alle Juden entgelten lassen würde, und — Dir ist doch die Geschichte unseres Volkes nicht fremd und Dü weißt baber, was wir zu gewärtigen haben, wenn Nichtjuden sich berechtigt glauben, uns eines Unrechtes zu zeihen. — Das wirst Dü nicht auf Dein Gewissen laden ivollen." ,.Ncin! o nein!" flüsterte sie, indem abermals ein Strom von Tränen ihren Augen entstürzte. „Nie werde ichtun oder unterlassen, was meine Glaubensgenossen schäbigen könnte, und wenn es mein Leben kosten sollte und selbst wenn ich Dich nie Wiedersehen sollte." „Das wußte ich ja. Du bist mein braves, starkes Mädchen, und überdies glaube ich, daß der Kardinal nichts Unbilliges von Dir verlangen und sehr freundlich gegen Dich sein wirh, denn es liegt ihm sehr daran. Deine kindliche Zuneigung zu gewinnen. Bei seiner hervorragenden Stellung halte Nr. 36. ich cs-daher für durchaus nicht unwahrscheinlich, daß Du Deinen Glaubensgenossen hin und wieder von großem Nutzen sein könntest." „Das glaubst Du wirklich, lieber Vater? Nun, dann will ich auch nicht mehr weinen und nicht mehr klagen; Du wirst es sehen, ich werde Deine Dir würdige Tochter sein und bleiben." Sie fuhr e mit dem Tuche über das tränenfeuchte Angesicht, n blickte sie mit erzwungenem Lächeln zu ihm auf. „Gute Nacht, lieber Vater! Sei nur meinethalben unbesorgt, ich werde Dir keine Schande machen, und vorläufig hoffe ich, recht gut zu schlafen, und für heute werde ich gar nichts mehr denken." Sie hatte bei diesen Worten seine Hand an ihre Lippen gezogen; er nickte ihr liebevoll zu. „Schlafe wohl, liebes Kind! Nichts denke» ist das beste, was Du tun kannst." Trotz ihres guten Vorsatzes, nichts zu denken und rasch einzuschlafen, hörte Rabbi Jizchak sie doch noch lange sich von der einen Seite auf die andere wälzen, wobei die Bettstatt jedesmal in den Fugen knarrte. Endlich hörte er nichts mehr und dankte Gott, daß der Schlaf sie schließlich übermannt hatte. Doch schon in früher Morgenstunde hörte er die Bettstelle wieder knarren und das junge Mädchen mit ihren Effekten hantieren. Sie hatte sich ihr bestes Kleid hervorgesucht, und als die Wirtin kam, ihr zu helfen, war sie schon vollständig gngckleidet. Nur mit den« gekürzten Haar konnte sie nicht recht fersig werden, doch dafür wußte die ehemalige Kammerzofe Rat. Wie flüssiges Gold ließ sie es frei herniederfallen und ließ es nur durch eine lichtblaue Seidcnschlcife, die mit dem Anzug harmonierte, zurückhalten, daß die Fülle nicht belästigte. Die Wirtin war entzückt von dem Aussehen der Kontessina und konnte nicht aufhören, sie zu bewundern. Wer auch Rabbi Jizchak war überrascht, als er sie erblickte. War es, weil er sie lange nicht in weiblichen Kleidern gesehen hatte, oder war der Ausdruck ihres lieblichen Angesichtes ein anderer geworden? — er vermochte sich darüber keine Rechenschaft zu geben, aber tatsächlich war sie ihm nie so schön erschienen. (Fortsetzung folgt.) Am Rausch-hoschonoh. Von Rudolf Jeidel, Pfungstadt. Der Herbstnebel begann sich zu verteilen, und die Sonne vergoldete wundervoll mit ihren Sttahlcn die ersterbende Natur; es schien, als wollte sie ihr mit ihrem nur noch schwachem Hauche den letzten Abschiedskuß aufdrückcn. Anmutig lehnte sich das Städtchen zu Seiten des sagenumwobenen Rheins, und golden erglänzten die Dächer und Türme im hellen Sonnenschein. Eine mächtige steinerne Brücke wölbte sich über die schäumenden Wogen des Flusses, ein wunderbares Panorama 'darbictend. Schon seit Jahrhunderten hieß man die Brücke die „Juoenbrücke". Sie war Zeuge der gräßlichen Judenverfolgungen. Von hier aus warfen die Barbaren die wehrlose» Kinder und Greise in den Strom, und allnächtlich um Mitternacht — so geht im Volke die Sage — „erhebt sich von neuem das Jammern der Ermordeten, und selbst die Beherzten meiden unr diese Stunde die Brücke." In der Mitte der Brücke stand einsam in Träumen verloren ein Greis. Der Herbstwinb, der schon rauh und unsanft wehte, trieb sein Spiel mit den weißen Haaren des Alten. Aber er achtete cs nicht; unbeweglich wie eine Statue stand er da, seine Augen starr in die Ferne gerichtet, als wollte er mit seinen Blicken eine andre Welt erschauen. Lange stand er so. — Da plötzlich wurde er von seinem Sinnen anfgeschreckt. Ein-leichter Handschlag hatte seine Schulter berührt, und ein Gesicht von Anmut, Liebe und Treue tauchte seine Blicke in die tiefen Augen des Mannes. „Gut Jontof, Vater!" ries freudig das junge Mädchen dem Hochbetagten zu; sie nannte ihn Vater, denn ihre Eltern waren früh gestorben und der Greis hatte die Waise zu sich genommen. „Gut Jontof!" klang es zurück; doch der Tov der Stimme ließ merken, daß es ihm unliebsam war, gestört worden zu sein, und fein runzliches, faltenreiches Gesicht zog sich in noch tiefere Falten. „Vater, warum bist du denn heute so ernst? Es ist doch heute Jontof, wo man sich freuen soll! Komm, nimm meinen Arm, wir wollen fröhlich sein und uns mit den andern freuen." „Nicht doch, liebe-Tochter! Der Mensch braucht Stunden, in denen ■ er all feine Gedanken .in seiner Seele zurückrufen muß, und gerade am Rausch -haschonoh ruft ein guter Jude die Erinnerungen seiner Jahre in sich zurück; die Gedanken an all das Irdische tönen wie mächtiger Schofarklang in seinem Herzen. Als ich heute morgen 'ü>en Klang des Schofars hörte, drang mir der Ton bis in's Herz, bis in innerste Mar!.' mir war es, als würde es mit Donnersttmme zurufen: „Sündiger Mensch, kehre um! Gezählt sind deine Tage! Gedenk, daß du Staub bist!" Erschöpft hielt er inne.

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