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Neue jüdische Presse · 1909-09-15 · Heft 36 (15.9.1909) · p. Seite 5

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 36 (15.9.1909)
Date
1909-09-15
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 36. Seite 5. „Aber Vater," sprach besorgt das Mädchen „welche ernsten traurigen Gedanken! Wie darfst Du so sprechen? Weißt Du nicht, wie ich Dich liebe; weißt Du nicht, wie ich täglich Gott bitte. Dick gesund zu erhalten, — und Du spricht vom Sterben." Mit einem festen Druck erfaßte der Greis ihre Hand und sagte: „So vernimm denn die Gedanken, die heute mein Innerstes so tief ergriffen haben. Sieh mich an! — mein Blick, einst so stolz, > ist müd geworden; mein Haar, einst schwarz, ist silberweiß, und meiu Gang ist müde und schwer, denn achtzig Jahre lasten schwer auf meiner Schulter. — Achzig Jahre" — sprach er dumpf. — „Wo ist die Zeit, wo ist sic hingeeilt?" — Fast »wilder Schmerz sprach aus seinen Morten. — „In die Ewigkeit! Nimmer kehrt sie zurück, — im Meere der Ewigkeit für immer begraben. — Ein göttliches Gnadengeschenk, ein Fürstengeschenk wäre es, gäbe die Ewigkeit auch nur eine Minute zurück. — Siehst Du die Wellen, meine Tochter, die sich vom Meer zu Meere wälzen. Haltlos rollen Sie an Dir vorbei, Jo endlos wie die Zeit, und weiter rauschen sie, und untcrgehend und aus den Wassern gebären sich neue Mellen, ans dem Grabe entsteht neues Leben und uns den ersterbenden Geschlechtern ein neues Geschlecht; — alles geht wie ein Kreislauf, inrmer neu sich bildend und untergehend." Weinend verbarg bas Mädchen sein Gesicht. Ein lautes Aufschluchzen verriet die tiefe innere Erregung. „Vater", sprach sie, „ich tränmtc von Blumen und Rosen, von Sonnenschein und Glück, — und jetzt ist der schöne Traum dahin, ein leeres Nichts und tiefe schtvarze Finsternis ist in meinem Herzen geblieben. — Alles soll vergehen? Nicht's soll bestehen? Gibt es nichts, was dem Wechsel der Zeit standhält? — rief sie fragend — „und doch" — fuhr sie fort — „es gibt ettvas, - das nie sterben kann, das nicht vergeht. — Mein Herz sagt mir, ein Wesen wacht über Dich, das Dich nicht verläßt." „O, Du meine kluge Tochter," sprach freudig der Greis, „das ist das Gottvertrauen, was aus Dir spricht. Das Gottvertrauen ist die Kraft, die die Not und Sorge überwindet. — Merk auf, präge die Worte, die ich Dir sage, fest in Deinem Herzen ein: Uns, dem Volke Jisrael, ist von Gott ein köstlich Gut vermacht worden, ein Licht fiir's Leben, eine Leuchte für die Stätte des Todes, — und dieses Licht, bas ewig besteht, das dem Wechsel der Zeit standhält, ist unsere Lehre. Tau- ' sende unserer Väter haben ihretwillen freudig die unsäglichsten Qualen erduldet, Gut und Blut geopfert um ihretwillen. Ihr Erbe, liebe Tochter, halt in Ehren, es ist das köstlichste, was Du besitzen kannst! „Vater," fiel das Mädchen freudig ein, „gern will ich der Worte gedenken, die Du gesprochen hast, zu halten an den göttlichen Gesetzen. Doch eine Bitte habe ich an Dich, lieber Vater!" „Und das wäre!" sprach sanft der Greis. „Segne mich, Vater, damit der Worte ick immer gedenke. Wenn Du mich segnest, — so segnet mich auch Gott." „Diesen Wunsch will ich Dir gern erfüllen! — Hier, auf dieser Brücke, auf der Deiner Brüder verbluteten für die Gotteslehre, will ich Dir den Segen wünschen, daß Gott Dich mit Glück segne als ein Zeichen, daß unsere Feinde, wenn sie uns noch so sehr bedrohen und drängen, das Volk Jisroel nicht vernichten können." Langsam legte er feine Hände auf ihr Haupt, und laut weinend rief er: „Jcworecho adonai wejichmorecho." Bunte Chronik. Die Inden im Riff-Gebiete. Unter den Riff-Kabylen, welche.'gegenwärtig mit den Spaniern Krieg führen, wohnen, wie Ernst v. Hesse-Wartcgg in der „Bossischen Ztg." mitteilt, viele Juden. Sie sind' die Handelsvermittler zwischen dcir Kabylen und den Spaniern. Von den ans Spanien vertriebenen Juden abstammend,' bedienen sie sich heute noch untereinander der spanischen Sprache, haben sich aber sonst in Aussehen, Gebräuchen, Sitten usw. größtenteils den Kabylen untergeordnet. Sie tragen auch die gleiche Kleidung und sind 'nur an ihrem ausgesprochenen Gcsichtsvorsprung und an den über die Ohren hängenden Haarlocken erkennbar. Den Galya sind sie unentbehrlich und werden daher auch bei weitem nicht so bedrückt wie die Jrcken weiter südlich. Sic sind vornehmlich Handwerker, machen Pantoffel, Sättel, Seile, Kupfer-, Eisen- und Goldarbeiten, sind Händler, aber niemals Ackerbauer. Jeder Jude steht unter dem besonderen Schutz eines Galya. dem er dafür zahlt. Sie dürfen Reisen ins Inland, nach Algier und Spanien nnternehinen, besorgen die Geschäfte.ckes Berberstmnmes und sind nur einer nichtigen Beschränkung unterworfen: sie dürfen keinen Grundbesitz haben. Die Häuser im Lande der Galya,' dnrchlvegs aus - Stein oder Lehm gebaut, können fie von deren Besitzer nur Frankfurter Israelitisches Familienblatt. für ewige Zeiten mieten, das heißt bis ihre eigene Familie ausstirbt, und alle Ausbesserungen müssen sie auf eigene Kosten vornehmen. Dagegen hat der Hausbesitzer das Recht, seine Mieter zu irgend einer Zeit an die Luft zu setzen. Die Juden waren es, welche die Handelsbeziehungen mit den Spaniern in Melilla wie in den anderen drei Presidios an der marokkanischen Küste angebahnt haben, denn den Galya ist es bei den schwersten Strafen verboten, den Spaniern Lebensmittel zu verkaufen. Kunst und Literatur. H o r a j a n n h a m s ch i ch i b e - I s r o ö l. Geschichte der jüdischen Atessianologie. Kritisch untersucht und im Rahmen der Zeitgeschichte dargestellt von Dr. Joseph Klausner. 1. Teil: Die jüdische Messianologie im Zeitalter der Propheten. Krakau 1908. S. 131, Oktav. Zu beziehen durch Verlag „Achiassaf", Warschau, Postfach Nr. 25. Dr. Klausner, der bereits auf diesem Gebiete eine größere Arbeit geliefert hat („Die Messianischen Vorstellungen des jüdischen Volkes im Zeitalter der Tannaiten", deutsch, 1901, zu beziehen durch Verlag Poppelaucr, Berlin C„ Neue Friedlichste. 59), stellt sich zur Ausgabe, die jüdische Messianologie in ihren: vollen Umfang geschichtlich zu untersuchen und darznstcllen — eine Aufgabe, die, wie der Verfasser in der Einleitung bemerkt, trotz mehrfacher Einzclverfnche noch bei weitem nicht erschöpft ist. Wohl fanden verschiedene Perioden der Messianologie reichliche Behandlung, doch fehlt es noch immer an einer umfassenden Bearbeitung dieses Themas — und diese Lücke soll das in Angriff genommene Wert des Dr. Klausner ausfüllen. Im Gegensätze zu vielen Werken dieses Genres, die in den Messiasgcdanken vorzugsweise den kosmopolitischen Optimismus vertreten zu sehen glauben, betont Dr. Klausner auch das national-politische Motiv des historischen Zukunftsideals und versucht darin beiden Agenden gerecht zu werden. Wir geben der Hoffnung Ausdruck, daß es Herrn Dr. Klausner, der bekanntlich einer der arbejts- und leistungsfähigsten hebräischen Schriftsteller und Gelehrten ist, gelingen möge, sein groß angelegtes Werk mit Erfolg zu Ende zu führen. Zwei Reden, gehalten von Rechtsanwalt Dr. David Farbstein, Zürich, Verlag der Freien Vereinigung von Mitgliedern der Israel. Kultusgcmeinde Zürich. Die erste der Reden ist durch die Art, wie in Zürich die Bnei-Brith Loge gegründet wurde, veranlaßt worden. Sie wendet sich besonders gegen die Monopolisierung der jüd. Wohltätigkeit für die reichen Juden und verlangt für die Züricher Israel. Knltusgemeindc Statuten, die es ermöglichen, daß in Zukunft nicht nur der Wille einzelner, sondern der Wille der Gesanitheit als Gcmeindewille zum Ausdruck komme. Die zweite Rede hat Dr. Farbstein im Stadtrat als Antwort auf die Ausführungen des Polizeivorstandes gegen die starke Einwanderung russischer Juden gehalten. Erinnerungen aus dem „alten Moisling" von 1822—1860. Nach einem Vortrag von Eisak Jacob Schlomer. 10 Seiten. Lübeck, Werner u. Hörnig. In der Zeit von 1816—1822 mußten die Juden, welche unter der französischen Herrschaft in Lübeck wohnen durften, wieder nach dem Lübecker Dorf Moisling zurückwandern. Verfasser, dessen Jugend in die Zeit nach 1822 fällt, schildert nun das religiöse und gesellschaftliche Leben der Moislinger Juden, skizziert kurz Persönlichkeit und Beruf eines jeden einzelnen von ihnen und gibt so ein kulturhistorisch interessantes Bild. Kaiser Friedrich Quelle -.Offenbach a. M. —— Gegen Gicht and Rheumatismus bewährt. Mk. 1.35. Wocheu-Kaleuder. (Zeitangaben nach dem Luach.) Rausch - haschono h. Festes - Anfang in Frankfurt: Mittwoch Abend 6 Uhr 30 Min. Am Ransch-haschonoh, mit dem die „Assercs jemei teschuwoh" (— 10 Bußtage) beginnen, gebe man sich nicht wie sonst irdischen Genüssen hin. Löblich ists, ganz „Thillim" zu lesen. Beim Kiddusch am Abend Schehechijonu, am 2. Abend eine neue Frucht dazu nehmen. Man genieße abends Honig - und Süßapfel als Symbol eines „süßen" Jahres. Der Gottesdienst beginnt möglichst früh. (6 Uhr.) Die Festgebetc sprechen von der Huldigung Gottes a) als Schöpfer, b) als Richter. Das große Mussafgebet enthält 9 Brochaus, darin „Olenu". Nach dem Schacharis die inhaltreichen Bitten ,Qwinu Malkenn": auch nach Mincho-Schmono-E., und so während der ganzen 10 Bußtage, Sabbat und Eref- Jaum-Kippur ausgcnominen. Schofarblasen göttlich gebotene Pflicht. Tonarten traditionell. Nichts genießen vor dem Hören dieses Blasens, wie auch sonst nicht vor dem Beten. (Frauen und Schwache ausgenommen.) Bedeutung: Zeichen der Huldigung, Weckruf zur Buße, Erinnerung an den Widder bei Jsaks Opferung, Erinnerung an die Offenbarung. — Der Blasende fei ein würdiger Mann. Das Schofar entspreche den gesetzlichen Vorschriften. Bis zur Dämmerung darf man's hören, wenn nicht früher möglich. Nach beendeter Andacht morgens nochmals 30 Signale gebräuchlich. Es ist ein viel geübter Brauch, am ersten Tage nach dem Mincho-Gebet an einen Bach. Fluß oder Sec mit Fischen zu .gehen und das „Taschlich-Gcbet" zu verrichten. Sinn: „Taschlich", du mögest werfen — unsere S jucken — in Meerestiefe, daß man ihrer nicht mehr gedenke, Noch andere Deutungen existieren. * Samstag, den 18. September (— 3. Tischri): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 6 Uhr — Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt o. M. 7 Uhr 20 Min. in Berlin 7 Uhr 05 Min. Wochenabschnitt: H a a s i n n. Eine poetische Darstellung der Geschichte und des hohen Berufes Israels. Äm Schlüsse des Wochenabschnittes ist von Moses Ende die Rede. Der Samstag heißt „S ch a b b o s - S ch n w o" (Bußesabbat). Im Morgengebet Jauzer-Einschaltung. ebenso Auphan; im Mujsaf bei der Keduscho „Elauheichem." Nachmittags kein Zidkoscho - Zedek. An diesem Sabbat gewöhnlich eine erbauliche Moral- Predigt. (Dcrascha.) Z aum-Ged alj a. Sonntag: Zaum-Gedalja (Fasten Gedaljahs). Gemeindcfasttag, also Pflicht für alle Erwachsenen. Erinnerung an die Ermordung des frommen Statthalters Gedaljah, den Babylons König Nebuchaduezar nach der Zerstörung des 1. Tempels (518 vor 1) über den kleinen Rest der in Jerusalem Zurückgebliebenen anstellte. Zahlreiche fromme Männer fielen mit Gedalajah. Der Rest floh nach Egypten. So sank Israels letzte Stühe. — Vermehrte Selichausgebete. Wajchal-Lesen aus der Thora, morgens und nachmittags, wenn mindestens ein Minjan fastet. Offenbacfttr Druckluft»Anlage Telefon 123. Offatlbach a. II. Telefon 123. Unübertroffene bewahrtest* TapplchralnlBQnB* 0. Schmidt Sandweg 85 akalk. Kerrmslkneilkerei. Reparaturen prompt u. "billig. Anzug aufbägeln Mk. 1.20. Die H andelsfachxchule für Mädchen, ein staatlich konzessioniertes und den staatlichen Schulaufsichtsbehörden unterstehendes Institut, hat sich zur Aufgabe gemacht, jungen Mädchen, welche sich der kaufmännischen Tätigkeit widmen wollen, eine gründliche theoretische und praktische Ausbildung für diesen Beruf zuteil werden zu lassen. Die Schnlräume, welche sich Schwanenstraße 8 in einem für diesen Zweck eigens eingerichteten Gebäude befinden, werden allen sanitären Anforderungen gerecht. Sie weisen eine durchaus zweckentsprechende, mit den Wünschen der Regierung gleichfalls übereinstimmende Einrichtung auf. Das Lehrerkollegium des neuen Instituts setzt sich aus den bewährten Lehrkräften der früheren „Handelsschule für Mädchen", Untcrweg 1 zusammen. Die Leitung der Schule übernahm zufolge einer Verfügung des Herrn Ministers für Handel und Gewerbe Herr I? Gans, welcher von seiner Tätigkeit am früheren Institute her sich einer allgemeinen Beliebtheit bei Eltern und Schülerinnen erfreut und den Ruf eines tüchtigen, bewährten Pädagogen genießt. Der vielseitige und äußerst zweckentsprechend gestaltete Lehrplan arbeitet auf eine gründlich? Ausbildung der Mädchen für die kaufmännische

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