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Neue jüdische Presse · 1909-09-15 · Heft 36 (15.9.1909) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 36 (15.9.1909)
Date
1909-09-15
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 36. Frankfurter JsraelBWes Fcnm'lienölatt. Seite 3. cand. Phil. W. Halberstadt (Kassenwart). Der Schriftführer, Herr cand. med. Jakob Levy (Berlin 6 25, Kaiser Wilhelmstr. 18 E III), ist gern bereit, gesetzestrencn Akademikern ans Wunsch Auskünfte aller Art zu erteilen. Liffa. Zur Feier des 50 fährt gen Bestehens des jüd. Alters- und Krankenhcims Wollheimsche Stiftung waren auch die Behörden vertreten. Justizrat Nürnberg hielt die Festrede. Landrat von Kardorff betonte in seinen Worten den vorbildlichen Wohltätigkeitssinn der jüdischen Bewohner Lissas, und Bürgermeister Wollberg hob besonders die mustergültige Leitung der Anstalt hervor. Kaufmann B a - ginsky und Justizrat Wolfs sprachen für die Synagogengcmeinde, und der greise Rabbiner Dr. Bück schloß in warmen Worten den Reigen. Oesterreich-Ungar«. Wien. Der »Neuen National-Zeitung" schreibt man aus Czcrnowitz über den jüdischen Wahlkatastcr in der Bukowina: „Mit dem jüdischen Wahlkataster wird es also ernst. Der Referent des Permanenz-Ausschusses, Baron Hormazaki, hat bereits im Sinne der gefaßten Beschlüsse den Entwurf einer neuen Landtags-Wahlordnung torgelegt und darin eine Anzahl von Mandaten den Juden als einer Nationalität reserviert. So erhalten im Großgrundbesitze die Juden zwei Mandate von zehn; sonst aber erhalten die Juden zusammen mit den Deutschen fünfzehn Mandate und müssen sich untereinander über die Verteilung einigen. Im 8 12 des Entwurfes erhalten die jüdischen Abgeordneten das Recht, einen jüdischen Landcsansschuß-Beisitzer zu wählen!" Sarajevo (Bosnien). Hier fand dieser Tage folgender, von dem Erwachen der j ü d. Selb st a ch t n n g ein erfreuliches Zeugnis ablegende Aufruf massenhafte Verbreitung: „Inden! Wie die Tagcsblätter melden, beabsichtigt eine Budapcster Orpheum-Gesellschaft unsere Stadt dieser Tage niit ihrem Besuche zu beehren. Es ist allgemein bekannt, in ivas für einer Weise bei derlei „Kunstdarbietnngcn" das jüdisch: Familienleben, unsere Sitten und Gebräuche verhöhnt und in den Kot gezerrt werden. Uns ist cs darum zu tun, daß Diejenigen, dir ein Interesse für das Judentum haben, sich über dasselbe an anderer Stelle Informationen holen. Es ist eine traurige Tatsache, daß in Wien, Budapest und .den anderen Großstädten cs fast durchwegs Juden sind, die an solchen Darbietungen Gefallen finden, noch trauriger aber ist es, daß Viele diese uns ' entwürdigenden Lügen, diese geistlose und gemeine Persiflage und Karrikatnr als das wahre Bild des Judentums und jüdischen Lebens ansehen. , i! i f * I Wir halte» es darum für eine Ehrenpflicht der selbstbewußten Sarajewoer Judenschaft, dieses freche Attentat auf ihr Nationalbewußtsei» mit Entrüstung zurückzuiveisen und diesen Vorstellungen fernzubleibcn. Wer sich nicht selbst achtet, ist auch der Achtung der Anderen nicht wert! Die Sarajewoer jüdisch-akademische Jugend." Amerika. New-Aork. Hier wird demnächst ein interessanter Prozeß zur Entscheidung kommen, dessen Tatbestand auf den Antisemitismus in unserem.Lande der Freiheit ein charakteristisches Licht wirft. Der Tatbestand ist folgender: Der Fabrikant Jakob Brasch aus Boston wollte in dem erstklassigen Pamberton- Hotel in Hüll absteigcn. Der Manager des Hotels musterte den Gast und sagte dann .lächelnd: „Wollen Sie gefl. einen Blick auf die Wand gegenüber werfen!" Dort war nämlich ein Plakat aufgehäugt mit den Worten: „Juden sind hier unerwünscht!" Mr. Brasch machte sofort kehrt, fuhr zu einem Advokaten und verklagte den Hotelbesitzer zu 5000 Dollars Schadenersatz. Der Hotelbesitzer entschuldigte sick damit, daß seine Gäste, die sich hauptsächlich aus nichtjüdischen Millionären rekrutieren, ihm rund- >veg die Freundschaft gekündigt haben, weil er auch reiche Juden in sein HLtel ' aufnehme, und er daher zur Anbringung des Plakats gezwungen gewesen sei. New-Aork. Der am 4. August verstorbene Michel Horn hat sämtlichen jüd. Wohltätigkeitsinstitutionen Newyorks Legate hinterlassen. Die Summe sämtlicher vermachter Legate beträgt 40 000 Dollars. Die Tochter des Kardinals. Historische Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung). Sie hatte» den Weg über den Brenner genommen, jene alte Römerstraße. Es war ein weiter, weiter Weg, doch zu jener Zeit der verhältnismäßig beste. Und endlich, endlich, nach einer Reihe von Wochen hatten sie ihr Ziel erreicht: die ewige Stadt lag vor ihnen. Schon seit einigen Tagen war Rabbi Jizchak überaus wortkarg gewesen, besorgt hatte Tirza oft zu ihm emporgeschaut, ohne daß er es gewahrt hätte und Pater Anselmo hatte sich jedoch noch mehr als sonst um sie bemüht, hatte durch seine interessante Unterhaltung ihre Besorgnis zu zerstreuen gesucht. Je näher sie der Stadt kamen, desto fester preßte Rabbi Jrzchak die Lippen auf einander, desto starrer wurde sein Blick. „Fehlt Dir etwas, lieber Vater?" fragte Tirza, indem sie ihre Hand auf die seine legte, „fühlst Du Dich nicht ganz wohl?" Er fuhr zusammen, schüttelte jedoch verneinend den Kopf. „Sei unbesorgt, liebes Kind, ich fühle mich vollkommen wohl." Alber seine Stimme war seltsam belegt. „Wo werdet Ihr Logis nehmen?" fragte der Geistliche, „habt Ihr schon ein bestimmtes Quartier im Auge?" Rabbi Jizchak schüttelte verneinend den Kopf. „Ich werde mich erst erkundigen müssen." ' „Ihr beabsichtigt doch nicht, im Ghetto zu logieren?" Einen Moment ruhten die Augen der Männer fest in einander, als wolle jeder die Gedanken des andern vom Grund aus erfassen, dann schüttelte der Rabbi abermals das Haupt. „Vorläufig suche ich kein Logis im Ghetto." „Selbstverständlich nicht. — Aber wenn Ihr wollt, könnte ich Euch ein Logis empfehlen, in dem Ihr Euch ganz behaglich fühlen könntet." „Ihr werdet auch dort logieren?" „Wo denkt Ihr hin. In Rom, wo es so viele Klöster gibt, logiert kein Geistlicher in einem Gasthaus. Aber von dem Logis, das ich Euch empfehle, kenne ich Wirt und Wirtin persönlich." „Dann wäre ich Euch dankbar, wenn Ihr dem Kutscher bedeuten wolltet, wohin er uns führen soll." Sie hatten das Tor der Ewigen Stadt erreicht, der Geistliche war hinüber zu dem Rosselenker gestiegen und hatte sich neben ihn gesetzt und bedeutete ihin nun mit einem Stabe, wohin er die Pferde zu lenken hatte, bald hierhin, bald dorthin. Endlich hielt der Wagen vor einem für jene Zeit stattlichem Gebäude. Es war das Gasthaus, das Pater Anselmo für die Reisenden ansersehen hatte. Er schwang sich zuerst von dem Kutschbock herunter, indem er dem vor seinem Hause stehenden Wirte einige Worte zurief. Rasch eilte dieser herbei, zog die Hand des Paters an seine Lippen und trat mit diesem zu dem Wagen, um die Angekommenen zu begrüßen. Dann wollte er vor allem dem schönen Knaben beim Hinunterspringen vom Wagen behilflich sein; Tirza aber brauchte seine Hilfe nicht, ehe er sich dessen versah, stand sie neben ihnr. Rabbi Jizchak verließ zuletzt das Gefährte, nachdein er alle in deinselben vorhandenen Effekten dem Wirt und dessen Leuten übergeben hatte. Sehr bald war das meiste in dem freundlichsten Zimmer des Gasthauses untergebracht, nur einige Stücke hatte Tirza in das anstoßende Kabinett bringen lassen, das sie für sich bestimmt hatte. „So," sagte sic, als die Wirtsleute sich endlich entfernt hatten und sie mit ihrem „Vaterle" sich allein befand, „so Vaterle, jetzt sind wir also in Rom, jetzt mußt Du aber auch ein anderes Gesicht machen, — oder Du mußt mir wenigstens sagen, was Du hast oder was Dir fehlt." Er atmete schwer aus. liebkosend glitten feine Finger über das rosige Gesichtche», das sorgend zu ihm emporblickte. „Nun, lieber Vater, willst Du es mir nicht sagen?" „Doch liebes Kind — ich will es Dir sagen — bas heißt, ich muß es Dir sagen — ich Bin dazu gezwungen." „Herr Gott im Himmel! — ist es denn so arg?" Er schüttelte schmerzlich seufzend den Kopf. „Nie. nie hätte ich es Dir gesagt, — wenn — wenn ich nicht dazu gezwungen wäre." Tirza erblaßte bis auf die Lipven. „Mir ist angst, lieber Vater!" flüsterte sie, in sich erschauernd, indem sie das bleiche Angesicht gegen seine Schulter lehnte. Er schlang den Arm um die Zitternde und geleitete sie zu einem Lehnsessel, in den. er sie sanft niederdrückte, dann zog er einen Sessel herbei und setzte sich dicht neben sie. „Sprich, lieber Vater!" stammelte sie, „sage mir — was ich ivissen muß — mir ist — als müßte ich sterben —" „Nicht, Kind, — so verzagt darfst Du nicht sein — wenn ich auch weiß, daß cs Dich schwer treffen wird — so weiß ich doch auch, daß Du mein starkes Mädchen bist — und daß Du bei allem bedenken wirst, das; alles, was uns trifft, uns nach Gottes Ratschluß trifft." „Sprich, lieber Vater — sprich!" Er nahm ihre eiskalten Hände in seine Hände und hielt sie fest, als wolle er sic erwärmen, — und dann begann er, zuerst öfters stockend, dann rascher sprechend, und teilte ibr wahrheitsgetreu alles mit. Nur in einer Beziehung hielt er sich nicht ganz strikte an der Wahrheit, weil er besorgte, die Wahrheit werde sic nicht ertragen können. Er machte sie glauben, daß die Gräfin Turnck bereits Witwe geivcsen, als sie mit dem Kardinal I. eine heimliche Ehe eingegangen und weil der Kardinal als. Geistlicher weder seine Gattin noch sein Kind hatte anerkennen können, so wäre sie gezwungen gewesen, sich von demselben zu trennen. Lautlos hatte das unglückliche Kind ihm zugehört, ihr ganzes Leben, ihr ganzes Glütk lag zertrümmert, lag in Scherbe» — Hin und wieder hatte ein heftiges Zittern sie ersaßt, dann hatte er ihr ein Glas Wasser an die Lippen gehalten, hatte sie so gezwungen, einige Tropfen zu trinken, und dann hatte er den Arm um sie geschlungen und die bebenden Glieder fest gehalten, daß sie sich nicht bewegen konnten. Und nun hatte er geendet und blickte mit unendlicher Liebe, mit unendlichem Mitleid in das verstörte liebliche Angesicht, das wie erstarrt schien in unermeßlichem Schmerz. — Ihm wurde angst vor dieser Starrheit. Sie hatte keine Träne vergossen, hatte keinen Schmerzenslaut vernehmen lassen; allzu groß, allzu schwer war, was sie getroffen hatte. „Tirza! — Liebling! — sei nicht wie erstarrt — verzage nicht! — Bedenke, es ist Gott, der Dir diese schwere Prüfung sendet." „Gott!" flüsterte sic, in sich erschauernd, „Gott! — der Allgütige! — der Alllicbende! — Hat in Wirklichkeit Gott cs gewollt, — daß meine Eltern sich ihres Kindes entledigen — wie — wie — Riwkah hat mir erzählt, — daß der Kuckuck seine Eier in fremde Rester legt — so — grade so —" Die Sprache versagte ihr, auf's neue überfiel sie ein heftiges Zittern. Abermals zwang er sie, einige Tropfen Wasser zu nehmen. „Sag', — sag!" stammelte sie, indem sie händeringend zu ihm emporschaute, „hat Gott das gewollt?" „Nein, Kind, nein, mein liebes teures Kind! — das hat Gott sicherlich nicht gewollt." „Warum hat er es denn zugelassen?" — schrie sie auf, „er ist doch allmächtig." „Kind, Kind, liebes teures Kind, versündige Dich nicht! — Wie oft haben wir diese Frage erörtert. — Weißt Du nicht, was Gott zu Kann gesprochen hat? Die Fähigkeit des Menschen, sündigen zu können, das ist der Vorzug des Menschen: würde ihm Gott jede Sünde unmöglich machen, so hätte er kein Verdienst davon, den Hang zur Sünde zu beherrschen, lind darum ist grade diese Fähigkeit des Menschen zu sündigeir, die Grundlage aller Sittlichteit. lind wenn Dn auch schwer dadurch getroffen bist, so darfst Du dennoch an Gottes Vatcrliebe nicht zweifeln, die cs gefügt hat, baß Du zu Menschen gekommen bist, die Dich geliebt und gehegt und gepflegt haben, als wärest Du ihr eigenes Kind. — Oder glaubst Dn vielleicht, Du wärest bei Deinen wirklichen Eltern glücklicher gewesen, als bei uns?" „Nein, o nein!" rief sie nun endlich in Tränen ansbrechend, „ich sehe es ja ein, ich bi» undankbar gewesen gegen Gott und gegen Dich. — Nie und nimmer werde ich Ihm danken können, baß Er mich zu Euch gcfübrt, — und nie und nimmer werde ich Dir genügend danken können für alles — alles —" Sie schluchzte laut und lange und lehnte das tränenüberströmte Antlitz geacn seine Schulter. Er war frob, daß die Starrbeit gebrochen, daß sie endlich Tränen gefunden hatte: dadurch, hoffte er, würde es ibr wenigstens phpsisch leichter werben. Er ließ sie weine», ohne tröstende Worte an sie zu richten: nur bin und wieder glitten seine Finger liebkosend über ihr noch immer zuckendes Angesicht. Doch allmählich hörte das Schluchten auf, und endlich versiegten auch ibrc Tränen. Nicht obne Anstrenaung richtete sie sich auf. Schweigend verließ er das Zimmer und bolte ihr von dem Brunnen, der unmittelbar hinter dem Hanse lag, ein Glas frisches Wasser. ..Trinke, liebes Kind, es wird Dir gut tun." Gehorsam nahm sie das Glas und leerte cs bis auf den letzten Trovfen: dann atnieto sie sichtlich erleichtert auf. „Dank Dir, lieber Vater. — Ick darf Dich doch noch so nennen?" fügte sie mit bebender Stimme hinzu.

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