Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 36 (15.9.1909)
- Date
- 1909-09-15
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 36. Frankfurter UraMischsss Familienblatt. sciuitismus in Staat und Gesellschaft riesenhafte Fortschritte, und cs ist anzunehnicn, daß auch dieses Larrd sich bald den übrigen Ländern der habsburgischcn Monarchie in antisemiticis würdig . anrcihen wird. Von den Ländern des alten Europa ausgehend, setzt der Arttisemittsmus seinen Triumphzug jenseits des Ozeans fort. Die häufigen Fälle pöbelhafter Ausschreitung gegen die Juden in den Städten mit größerer jüdischer Bevölkerung und die berüchtigten Auslassungen des New Iorkcr Polizcimeistcrs über jüdische Verbrecher legen beredtes Zeugnis davon ab. Und doch sind diese Erscheinungen bloße Kinderspiele im Vergleich zur Tcrrdcnz, die Tore des freien Amerika vor den jüdischen Einwanderern aus dem Osten völlig zu sperren, eine Tendenz, die zielsicher und unbeirrbar immer weitere Kreise um sich zieht und in der rücksichtslose» Wirksanikeit des Kommissärs William Williams ihren beredten, symptomatischen Ausdruck findet. Die Erschwerung der Jmmigra-- tionsmöglichkcitcn bedeutet für die Hunderttausende von osteuropäischen Juden, die jährlich zum Wanderstab greifen, eine wahre Katastrophe. Ex Oriente lux. Das einzige Land mit größerer jüdischer Bevölkerung, das seinen jüdischen Bürgern Gerechtigkeit widerfahren läßt, ist und bleibt die Türkei. Die offizielle Einladung des Präsidenten Är Deputiertcnkammer, Achmed-Riza, an die osteuropäischen Juden, nach der Türkei cinzuwandcrn und der jüngste Erlaß des Sultans auf den Namen des Chacham- Baschi, der „der jüdischen Natton" weitgehende autonome Rechte gewährt, sind erfreuliche 'Anzeichen glänzender Entwickclungsmöglichkcitcn fiir das jüdische Volk in der Türkei, die uns den Beginn einer neuen Aera unserer Geschichte ahnen lassen. Frau Solymost gestorben. Nachklänge zum Tisza-Eszlärer Ritualmordprozcß. Aus den Erinnerungen Karl Oetvös.*) Es sind nun über siebcnundzwanzig Jahre, seitdem das Gespenst des Eszlärer Ritualmordes in Erscheinung trat. Seit sechsundzwanzig Jahren ist es durch den Freispruch des -königl. Gerichts verscheucht. -Im rasch dahinsausenden Leben des Menschen ist das eine weite Spanne, und es ist kein Wunder, wenn die bedeutenden Gestalten jenes Prozeßes hintereinander von der Schaubühne verschwinden, sterben. . . Wie sich das Leben der Angeklagten gestaltet und wie es geendet hat, das weiß ich nicht. Der alte Scharf, der einstige Dorfschammes, ist in den letzten Jahren, fast vor meinen Augen gestorben. Er tvar noch damals im Vollbesitz seiner ungewöhnlichen Körperkraft, mit seinem guten Herzen verband er eine edle Seele und eine wunderbare Heiterkeit des Geistes. Es hat micki aus der Seele' gedauert, als ich von seinem Ableben hörte, da ich ihm außerordentlich gut war. Es ist mir im Leben noch kein einfacherer, ungeschliffenerer Feldarbeiter begegnet, der mich zu sich niehr hingezogen hätte, als er. Noch Jahrzehnte nach Tisza ° Eszlär hat er mich ausgesucht, ohne, daß er mir etwas besonderes zu sagen gehabt hätte. Er fühlte cs, daß ich seinen großen Kopf, sein lächelndes Gesicht, seine edel geformten, schimmernden Augen, seinen struppigen Schnurr¬ und Backenbart gerne vor mir sehe. . . . Arm war er, wie eine Kirchenmaus. Nach der Auffassung der tieferen und mittleren Gcsellschastsfchichtcn haftet dem Begriffe: „Zsido" (Jude) etwas besonderes an. ... Es steckt darin etwas von untergeordneter Rasse, Konfession, mit dem widrigen Beigeschmack von Unsitte, Handel, Schacher und Geldgeschäft. Im alten Scharf war nichts von all dem. Er war Schammes. Dieses „Amt" sicherte ihm aber außer der elenden Wohnung nichts. Höchstens die paar Freitische im Jahre bei etwas besser situierten Konsessionsgenossen. Er mußte aber naturgeiiläß für Weib und Kinder sorgen. Die mußten essen und, wenn auch kümmerlich, bekleidet werden, und das macht Sorge. Um Arbeit war er nie verlegen. Sic war ihm auch nie zu grob. Er ging aufs Feld in kLaglohn. *) Der größte Kriminialist Ungarns veröffentlicht diese Erinnerungen im „Pesti Hirlap." Sie gewinnen an Aktualität, wenn man weiß, daß die Hauptstütze jenes unglücklichen Prozesses, die Akutter der verschwundenen Ester, dieser Tage gestorben ist ,md er, als genialer Verteidiger jener unglückseligen Affäre, bis in die geheimsten Falten der Psyche der beteiligten Personen eingedrungcn ist.- . Er war ein gesuchter Feldarbeiter. > Stark wie ein Stier, dabei fleißig und eifrig und verstand das Seusenschwingen und Schollenbrechen wie kein zweiter. Wenige Bauernburschen taten es ihm gleich. Und das will im Dorfe viel heißen. Juden tauchen zu solcher Arbeit am allerwenigsten. Und doch steckte in ihm etwas vom „Zsido". Seine Heiterkeit, sei» Witz, das Geistreiche, das Wortspiel, seine rauhen, kurzen aber immer treffenden Antworten, die verrieten jüdischen Ursprung, jüdische Rasse. Aber nie hat er jemanden mit seinem Witz gereizt, nieverletzt. Er hatte nie die Absicht, durch seinen Geist jemanden „runterzukriegen". Das Muntere und Geistreiche an ihm war nie gemacht, erklügelt, angeeignet, bewußt sondern immer absichtslos, unbewußt, instiktiv, einem naiven Gemüt und einer lieben, menschenfreundlichen Seele entsprungen. Das war der Hauptgrund dessen, daß ihn jeder liebte. Er war ein Weiser, trotzdem er fast Analphabet und bettelarm war. Seine Weisheit fand ihre Quelle dort, wo sie jede Philosophie schöpft: im klaren, vorurteilslosen Betrachten der Welt um uns, von der man nichts erwartet und nichts befürchtet. Er hatte nichts, für das er zittern mußte. Wer sollte ihn auch um seine Armut, sein Judentum, sein sommersproßiges Weib und seine neun Kinder beneiden? Die Hauptpersonen des großen Prozesses liegen schon zumeist unter der Erde. Bon den Verteidigern sind drei — iFuntak, Heumann und Herauszky — tot. Die großen medizinischen Kapazitäten sind auch begraben. Die berüchtigten Panduren und sonstigen Amtspersonen haben fast alle teils durch eigne Hand, teils durch > stumpfen Zufall das Leben eingebüßt. . . .- Tausend interessante Kleinigkeiten und Anekdoten umrahmen in meiner Erinnerung die toten Gestalten. Ich schweige sie tot. Sie waren alle dazumal weltbekannt. . . Wenn ich den alten Schars herausgreise, tue ich es darum, weil sein Sohn, der „kleine Moriz", der einzige Belastungszeuge gegen die Juden gewesen war, und trotzdem zwischen ihm und der verwitweten Solymsi, deren Kind angeblich von den Juden umgebracht sein sollte, intime Freundschaft bestand. Es ist fast wunderbar, dieser alte Scharf war fest davon überzeugt, daß er der alten Frau die Idee des Nitualmordes eingeimpft hätte — er habe sic zuerst auf den Gedanken gebracht, daß Ester durch die Juden nmgekommen —, er demnach der unbewußte Erreger des Bilbulbazillus gewesen sei. Sie wohnten nebeneinander. Er in unmittelbarer Nachbarschaft der «ynagoge. Sie nicht weit davon. So oft die alte Frau ins Dorf gehen mußte, ging sie an seiner Türe vorbei. Stand er oder seine Frau draußen, kam sie etwas näher und schwätzte. Er kam als Schammes zwischen die Menschen; hatte bald in Eszlärneudorf, bald in Eszläraltdors zu tun, er wußte alles, konnte demnach über alles Auskunft geben. So entwickelte sich zwischen ihnen durch alltägliche Berührung eine Vertrautheit und Freundschaft. Außerdem haftete ihnen auch eine äußere Eigentümlichkeit an: beide waren blutarm und reich an Kindersegen. Er Schammes, sie Dienerin; beide leben vom Tagelohn. Und, wenn die Armut ein gutes Herz hat, ist sie der freundschaftlichen Mitteilung zugänglicher als der Reichtum. Als die arme Ester verschwunden war, kam es keinem in den Sinn, zu denken, daß die Juden daran schuld seien. Diese Hypothese wurde erst einen Monat später aufgebracht. Bis dahin nahm man an, daß dem armen Ding ein Unfall zugestoßen sei. Sie muß in einem Brunnen oder in der Tisza ertrunken sein. Diese Spuren wurden auch bei der ersten Untersuchung verfolgt, und mehr als ein Symptom sprach dasür, daß sich das Mädchen das Leben genommen hatte. Um jene Zeit begegneten sich Scharf und die alte Solymost fast täglich. Sie hielt es zuhause nicht aus. Sie grübelte. Es peitschte sie immer in die Gasse. Hundert und hundert Gerüchte kamen ihr zu -Ohren. Jedes hatte ihr Herz erschüttert, das wie das Rohr vor dem wilden Sturm erbebte. Und immer hatte sie die Hoffnung, ihr Kind noch einmal lebend zu umarmen. . . Ein liebendes Herz wird nie die Hoffnung aufgeben. Wenn der nüchterne Verstand unter dem Einflüsse der trockenen Fakta auch entsagen müßte; das Herz, die Phantasie, die Liebe webten im Reiche des Traumes das frohe Bild der Wiederkehr des verschwundenen Kindes mit den lebhaftesten Farben vor ihren Augen. Sie suchte das Kind bald da/ bald dort. Und, da sie von der Dienstgeberin ihrer Tochter wußte, daß ihr letzter Weg sie nach Altdorf führte, suchte sie die Spur instinktiv dort. Sie mußte demnach mit Scharf öfter zusammentreffen. Selbstverständlich sprachen sie jedesmal nur von ihr. Entweder er oder sie lenkte das Gespräch auf Ester. Es ging gar nicht anders. Der alte Scharf begleitete mit inniger Teilnahme ihr Geschick. Immer fand er ein Trostwort, einen Hoffnungsschimmer für die verzweifelte Mutter. . . . . . Da sagte er ihr einmal: „Sorgen Sie nicht, gute Frau, Sie werden sehen, das Mädchen kommt noch vor. Als ich in Nanas wohnte, da war der gleiche Fall. Das Kind verschwand auf etliche Tage; man hatte seine Spur verloren. Daun verbreitete man noch das blöde Gerücht, daß es die Juden, weil sie vor Pesach Blut brauchen, umgebracht hätten. Und das Kind ward gefunden. Es hatte sich im Walde verirrt, dort einige Tage geschlafen... So wirds auch mit Ester" . . . Die Mutter hörte's ganz gern, dachte dabei absolut nichts; erzählte alles brühwarm weiter, wie es ihr Scharf, der Schulschammes — der Judenglöckner, wie er im Volksmunde hieß — erzählte . . Daraus haben die Schristgelehrten in logischer Verbindung mit dem Verschwinden der Ester Soly> mosi das Material zum Ritualmordmärchen zusammengestoppelt. Das hat der alte Scharf ganz fein gewußt. Er selber hat es mir so mitgeteilt. . . Als sein Junge, Moriz, befreit und mir zugeführt wurde, wollte ich den Kerl durchaus bestimmen, zurück ins Vaterhaus zu gehen, damit er nicht herumvagabondiere. Denn es sickerte hinaus, daß die Ritualnrörderfabrikanten sich des Jungen versichern wollten, um, durch seine Hilfe, die Novisiernng des Prozesses zu erzwingen. Dem wollte ich Vorbeugen. Der Junge wollte aber durchaus nicht... Er war dafür nicht zu haben. Mein Zureden blieb erfolglos. „Was fürchtest Du, Moriz?" „Daß mich der Vater prügelt, weil ich gegen die Juden ausgesagt habe." — „Er soll Dich auch verprügeln, so oft Du es verdienst, aber — sei beruhigt — wegen Deiner Zeugenaussage wird er Dir nachträglich kein Haar krümmen." Und ich wendete mich zum Vater: „Wegen dieser Geschichte, lieber Scharf, berühren Sie ihn mit keinem Worte; er war ja nur das Werkzeug anderer." „Wie denn auch? War ich denn nicht selber der Esel, der diese blöde Geschichte angczettelt hat; Hab ich denn nicht mit meinem dummen Verstand die ganze Sache verschuldet. Hätte ich geschwiegen; cs wäre den Herren nie in den Sinn gekommen." Auf mein wiederholtes Befragen erzählte er mir dann sein Gespräch mit der alten Frau haarklein. (Schluß folgt.) Aus alter Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Wiederholt seien unsere Leser auf den von der Frankfurt-Loge und dem Israel. Hilfsverein eingerichteten Arbeitsnachweis für Israeliten (Büro: Langestr. 30) aufmerksam gemacht, dessen segensreiche Bestrebungen nicht genug empföhle» werden können. Die Zahl der Stellesnchenden vermehrt sich in jeder Sitzung. Arbeiter, Handwerker und Kaufleute, die ihr Brot verdienen wollen, um nicht der Not zu verfallen, wenden sich an den Arbeitsnachweis; aber dieser kan.n nur helfen, wenn er den Petenten auch Arbeit Nachweisen kann. Berlin. Im verfloffenen Sommer-Semester hat die Vereinigung Jüdischer Akademiker (B. I. A.), deren Bestreben es ist, einen Sammelpunkt für die ge setz es treue akademische Jugend zu bilden, Hme erfolgreich^ Tätigkeit entfaltet. Ihrem Ziele getreu hat sie cs sich angelegen sein lassen, vornehmlich durch Belehrung ans jüdischem Gebiet, ihre Mitglieder zu bewußten und überzeugüngstrcuen Jehudim heranzubilden. An den zahlreichen «wissenschaftlichen Abenden bildeten die verschiedensten Gebiete des jiidischen Geisteslebens den Gegenständ von anregenden Vorträgen und Diskussionen. Es'sprachen die Herren: Rabb. Dr. E. Munk über „Die moralische Stellung des Nichtjuden in der jüdischen Gesetzgebung": sind. Phil. A.Michalski über „Das jus tolionis": G. Hildesheimer über ^Jüdische Politiker"; sind. med. I. Hes über „Tierschutz im Judentum"; Dr. E. Biberfeld über „Rabbiner Dr.- Israel Hildesheimer"; Oberlehrer Dr. I. Carlebach in einem Cyklus von drei Borträgen über „Kulturkämpfe im Judentum einst und jetzt". Besondere Erwähnung verdient ferner die Institution des „Fuxenunterrichts", der von Herrn cand. Phil. M. Munk erteilt wurde. Hier werden die jüngeren Mitglieder mit den Grundzügen der jiidischen Welt- und Lebensanschauung vertraut gemacht und erhalten Einblick in die jüdische Geschichte unter besonderer Berücksichtigung der in der Gegenwart hervortretenden Strömungen innerhalb der Judenheit. Den Zwecken des Vereins dienten in gleicher Weise Schiurim über Schulchan-Aruch und Gemoro. Neben der wissenschaftlichen Vereinstäsigkeit kam auch die Geselligkeit zur Geltung, indem außer den allwöchentlichen Ausflügen in die Umgebung noch Kneipen, Ruderabende und auch, meist im Anschluß an den Vereinsabend, gemeinsame Spaziergänge veranstaltet wurden. Der für das Wintersemester gewählte Vorstand setzt sich zusammen aus den Herren: cand. med. I. Haarburger (Vorsitzender), Rabb. Dr. E. Atunk (stellv. Vorsitzender), cand. med. I. Levy (1. Schriftführer), cand. med. A. Witkowski (2. Schriftführer),