Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1909-09-15 · Heft 36 (15.9.1909) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 36 (15.9.1909)
Date
1909-09-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2692297-2692614-2692650--04920-2699784
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Israrrkfirrter fiimiliruklntl Redaktion und ^efchäftsstelle: 7 H Jnsertionspreise: L Zrsnlifurt S. m.. . Die viergespaltene Petitzelle.25 Pfg. | j vilbelerstraße 4/6* Lcke Lleichstraße Me Reklamezelle.100 „ I ] Telefon 10507.- Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. -hh- Beilagen: 1 H-rEgever: Kal« Hei.». Preis nach Übereinkunft. HZ 7. Jahrgang. Mittwoch, de« 29. Lllul 5669 (15. September 1909). Rr. 36. ,rM •" 1 —- Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. I.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert in> In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— , Jnsertionspreise: Me viergespaltene Petitzelle. 25 Pfg. Me Reklamezelle. 100 „ Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. ' Inhalt des Hauptblattes. - Artikel: Unsere Jahresbilanz. — Frau Solymost gestorben. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Die Tochter des Kardinals. — Am Rausch-hoschonoh. — Bunte Chronik. —Kunst und Literatur. — Wochen-Kalender. — Familiennachrichten. — Barmizwohs. Bereit! s-Kalender. Unsere Jahresbilanz. Rückblick aus das Jahr 5669. Von P e l i. I. Die allgemeine Lage. Wiederum ist ein Jahr iit die Lande gegangen, scitdcni lvir zum letzten Male die Erlebnisse des jüdischen Volkes in eine kurze historische Uebersicht zusammengefaßt haben, — und wiederum ist die ewige Leidensgeschichte Israels um ein neues Kapitel reicher geworden. „Von Jahr zu Jahr erfährt das Elend unseres Stammes eine schauerliche Steigerung, und ohne daß wir es wußten, sicherlich ohne daß wir es wollten, ist das Buch Hiob mit seiner alttestamentarischen, düstern Großartigkeit das Vorbild für unsere jährlichen Berichte über die Lage des jüdischen Volkes geworden." Freilich haben wir diesmal, Gottlob, keine grauenerregenden Judcnhetzcn zu registrieren. Der katastrophale Charakter, den die alte Jndeunot in den letzten Jahren angenonmieii hat, scheint iviederum — für einige Zeit ivenigstens — zurückgetreten zu sein. Und doch ist das abgclaufenc Jahr eines der schlimmsten, über die' wir zu berichten hatten. Enger denn je zog sich in diesem Jahre - die eiserne Klammer grausamer Ausnahmegesetze und Repressivmaßregeln um den wunden Volksorgaiiisnius der jüdischen Massen in Rußland, rücksichtsloser und zielsicherer denn je werden den Juden die meisten Laufbahnen von Staat und Regierung verschlossen, und ein wohlorganisierter ökonomischer Boykott — der neueste Kurs in der Politik der „echten Russen" — sorgt dafür, daß sie auch in den wenigen Berufen, die sie ausübcn dürfen, keine Seide spinnen. Die öffentlichen Schulen sind für sie. auf mehrere Jahre hinaus — bis die sattsam bekannte, zur Zeit der „Revolution" durchbrochene Prozentnorm tviederhergestellt sein wird — geschlossen, und ein jüngstes Zirkular des uncrmüdlichcn Ministers für Volksaufklärung (!) Schwarz (nomen est omen!) verfügt die Ausdehnung dieser drakonischen Maßregel auch auf die. allgemeinen Privatschulen. Die Erlaubnis zur Eröffnung neuer jüdischer Privatschulen wird nicht erteilt, und für die bestehenden werden Vorschriften erlassen — in Rußland geschieht alles nach wie vor ans dem Wege administrativer Verordnungen —, die auf die Lahmlegung und Unterdrückung dieser Schulen abzielen. Und >vie auf dem Gebiete des Schulwesens, so har auch auf allen anderen Gebieten, ganz speziell auf dem Gebiete des Wohnrechts, der Wille, richtiger die Willkür der von der allgemeinen reaktionären Strömung ganz beherrschten Herren Minister unbedingte nornrative Gültigkeit. Und wo die zahllosen Ministerialerlasse versagen oder dem Ermessen der Behörde freien Spielraum lassen, da stellt der patriotische Eifer und die Erprcssungssucht des russischen „Tschiuowniks" rechtzeitig sich, ein, um dem jüdischen „Bürger" das Leben möglichst sauer zu inachen. Das einzige den Juden übrig gebliebene Zufluchtsmittel gegen administrative Willkür: die Interpellation in der Reichsduma, hat gewöhnlich den Erfolg, daß sie das Hohngelächter der Duma-Mehrheit hcrvorruft und die Wortführer derselben zu den grimmigsten Hetzreden gegen die Juden reizt, die dann von der offiziellen Telcgraphenagcntur in die weiten Gauen Rußlands hinausgctragen werden. So wird dafür gesorgt, daß die giftige Pflanze des kannibalischen Judenhasses immer frische Nahrung erhält, und nur der ewigen „auri sacra fames" des offiziellen, anleihebedürftigen Rußlands ist es zu verdanken, daß der Mob seinem Hasse nicht die Zügel schießen lassen darf. Diese Staatsraison vom leeren Säckel tut noch Wunder. So hat dieser Tage der als verbissener Reaktionär und Antisemit bekannte Finanzminister Kokowtzew auf einer Sitzung des Ministerrates offeicherzig diesen Grund geltend gemacht, um in der Frage des Wohnrechts der jüdischen Kaufleute erster Gilde in Moskau Stolypin gegenüber ein „liberaleres" Vorgehen in Vorschlag zu bringen. Dieser Grund war auch offenbar für gewisse Gerüchte, die man anläßlich der Zusammenkunft in Cowes ausstreute, maßgebend. Man rechnete nänilich darauf, daß die naiv tuenden Geldjuden im Westen auf den Leim gehen Iverden und täuscht sich so wenig in dieser Rechnung, daß man es sich ruhig gestatten darf, uninittelbar nach Cowes ^ur Beruhigung der echtrussischen Bundesgeiwssen die ungeheuerlichsten Judenzirkulare zu erlassen, Kleinigkeiten, die ja die jüdische Laute finance kühl lassen. Unverbesserliche jüdische Optimisten, die immer ein „gam sn l'tauwoh" zur Hand haben, werden sich vielleicht damit beruhigen, daß die finanzpolitischen Ueberlegungen der russischen Machthaber wenigstens doch den Erfolg haben, daß die Veranstaltung von Pogromen verhindert wird. Allein bei der offiziellen Pflege des äußersten Judenhasses erscheint es sehr problematisch, ob eine gewaltsame Zurückhaltung der Volkswut ausreichende Sicherheit bietet für Leben und Besitz der Juden. So sah es im allgemeinen in diesem Jahre in Rußland aus: das nackte, körperliche Dasein der jüdischen Massen aufs äußerste erschwert, ja im Grunde genommen buchstäblich mit Vernichtung bedroht, die aufstrebende jüdische Jugend über Bord geworsen, in ihren besten Gefühlen bitter gekränkt und der unentbehrlichen organischen Bedingungen der vollen Entwickelung aller Kräfte: der allseitig freien Betätigung und des Strebens nach den höchsten Zielen beraubt, ohne Aussicht, ohne Hoffnung aus Besserung der Lage. lind noch ein weiteres „Mene-Tekel" bcscheerte uns das abgelaufene Jahr. Es brachte uns die erschütternde llcberzeugung, daß wir in dem furchtbaren, uns mit Vernichtung bedrohenden Kampf ganz isoliert sind und von keiner Seite Hilfe zu erwarten haben. Die Erörterungen in der russischen Presse anläßlich des Zwischenfalles Asch-Tschirikoff zeigten, wessen wir uns von der sogenannten russischen Intelligenz zu versehen haben, ivas der Sirenengesang von der Gleich-, heit und Brüderlichkeit wert ist, den diese Intelligenz zur Zeit der „Revolution" uns unermüdlich in die Ohren pfiff. Mit der Liquidation der Freiheitsbewegung scheinen auch die Freiheitshelden ihre judensrenndlichc Gesinnung liquidiert zu haben, und Veteranen dieser Bewegung, wie Peter Struwe und Paul MUjukow, müssen nunmehr konstatieren, „daß die Kraft der Abstoßung gegen die Juden in den verschiedenen intelligenten Schichten wirklich sehr groß ist". In den anderen Ländern ist es in diesem Jahre wenig anders und noch weniger besser geworden. Von Rumänien aus hörte man nichts als unaufhörliche Judenausweisungcn aus dem flachen Lande und ab und zn kleinere Pogrome. In Oesterreich ist zur Zeit christlich-sozial Trumpf, und Staats- und Kommunalpolitiker wetteifern miteinander in. dem edlen Bestreben, den Juden jede Erwerbsmöglichkeit durch öffentliche Betätigung abzuschneiden. Diese segensreiche Tätigkeit der Diener des öffentlichen Wohles findet ihre würdige Ergänzung in einem rücksichtslosen gesellschaftlichen Boykott auf allen Gebieten des ökonomischen Lebens. Es ist bereits so weit gekommen, daß sogar jüdische Großindustrielle „aus Rücksicht auf ihre christlichen Beamten" keine Juden mehr anstellen. Baron Rothschild und Riiter v. Guttmann gebührt das Verdienst, so viel edle Selbstverleugnung und feinfühlige Rücksichtnahme auf die christlichen Mitbürger zuerst an den Tag gelegt zu haben (Witkowitzer Eisenwerk, Witkowitzer Bergbau- und Eisenhüttengewerkschaft, Steinkohlenbergbau Orlau-Lazy mch Poremba). — Bei dem in der Habsburgischen Monarchie tobenden Nationalitätenkampf geben die Juden in der Regel für beide Parteien 'den Prügelknaben ab. In Böhmen werden sie zwischen Deutschen und Tschechen, in Galizien zwischen Polen und Ruthenen wie ein Spielball hcrumgeschleudert, und die Gerechtigkeit erfordert, festzustcllcn, daß dies ° nicht zuletzt der Taktlosigkeit der Deutschen, und Polen mosaischer Konfession zu verdanken ist. — Freilich lassen es die edlen Polen, die in Rußland und Deutschland über nationalen Druck klagen und das europäische Gewissen gegen die Bedrücker anrufen, nicht fehlen, in Galizien, wo sic Herren sind, auch ohne jeden Grund den - Juden an den Leib zu rücken. Ein krasses Beispiel für die Schlachzizen-Gerechtigkeit sind die Fälle des ungestraften Raubes jüdischer Mädchen, die in letzter Zeit zu den alltäglichen Erscheinungen gehören. Nicht viel besser als 'in Oesterreich sieht es in Ungarn aus. Hier macht der Anti- * 2 4

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.