Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 35 (10.9.1909)
- Date
- 1909-09-10
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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‘ Nr. 35. Fran?furker Jfraelikisches Favnlienblatt. Seite 3. nähme, daß cs ihnen infolgedessen leichter möglich sein wird, den jüdischen Mannschaften Lei den Trupperr^Tcilcn ihres Bezirkes zu den bevorstehenden hohen Feiertagen Urlaub, oder wenigstens D i e n st b e f r e i u n g zu verschaffen. Der Herr Kriegsininistcr hat bei diesem Anlasse weiter daraus hingcwiesen, daß es dem Ernicsscn der Truppcnkominandenre überlassen bleibe, inwieweit auch i m S t a n d o r t e dem religiösen Bedürfnisse der jüdischen Maniischafften dadurch Rechnung zu tragen sei, das; ihnen, soweit es die Interessen des Dienstes gestatten, der freiwillige Besuch des syitagogalen Gottesdienstes am Sabbat ermöglicht wird. Der Erlaß ist, wie der Herr Kriegsminister mitteilt, auch den Kriegsministcrien von Bayern, Sachsen und Württemberg übermittelt worden, Berlin. Nach wie vor einer starken Besetzung erfreut sich die j-iidische Arbeitertolonie in Weißen sc e. Die in der Zahl von 80—90 Mann ständig die Anstalt frequentierenden Kolonisten finden dort Obdach, Verpflegung und Arbeitsverdienst. Jetzt beim Herannahen des Winters ist der Vorstand dafür besorgt, auch den vielfach in unzulänglicher Kleidung cintretenden Schützlingen warme Wintersachen zu beschaffen. Ein Fonds für derartige Ausgaben ist aber nicht vorhanden; daher ergeht an edle Menschenfreunde die Ausforderung, der Kolonie gebrauchte Kleidungsstücke znznwenden. Berlin. Der am 30. Mai gegründete Verband der jüdischen Jngendvereine Deutschlands hat nun seine Tätigkeit ausgenommen. Die erste Vorstandssitzung fand am 15. August er. mit einer sehr reichhaltigen Tagesordnung statt. Aus dem Protokoll über diese Sitzung sei folgendes hcrvorgehoben: 1. Mit der Wahrnehmung der Geschäfte des Vorsitzenden des Vorstandes wird Herr Dr. Alfred Apfel (Jugcudverein Gabriel Rießcr-Cöln) betraut. "2. Zwecks besserer Hanohabuiig der Verbandsgeschäfte werden verschiedene Dezernate geschaffen und zwar: a) Die' Führung der Finanzangelegenheiten wird Herrn Felix Meyer (Montesiorc-Verein Frankfurt a. M.) übertragen. b) Die Statuten- und Ausnahmckommission besteht aus den Herren Alfred Fischer (Jugendvercin Hannover) und Referendar Regensburger (Jugcndverein Braunschwcig). c) Die literarische Kommission bilden die Herren Dr. Apsel-Cöln und Dr. Rosenkranz-Berlin. ck) Mit der Geschäftsführung des Verbandes wird Herr Rabbiner Dr. Finkcl, der bisherige provisorische Geschäftsführer, weiter betraut. Außer den 2 t bisherigen Verbandsvereinen haben ihren endgültigen Beitritt die Vereine Hannover, Frankfurt, Düsseldorf, Halle, Essen, Danzig, Halberstadt, Spandau und Bochum erklärt. Auch liegen Anfnahmegesuche von mehreren Vereinen vor, die der Statuten- und Aufnahmekommission überwiesen werden. — Der Vorstand regt den Zusammenschluß der Vereine zu Provinzial- resp. Bczirksverbänden an, da er sich von derartigen Verbänden eine ganz besondere Förderung insbesondere der kleinen Vereine verspricht. — Die Vorarbeiten für die Bezirksverbände sollen an verschiedenen Tei- ' len unseres Vaterlandes bald in Angriff genommen werden. Eine besondere Aufmerksamkeit will der Verband der Frage der Versorgung der Verbands- Vereine mit Rednern widmen; die literarische Kommission übernimmt cs, eine Rednerliste herauszugeben. Dieselbe Kommission wird auch mit Verlegern, Buchhändlern und Schriftstellern in Verbindung treten, um den Vereinen eine Anschaffung von guten Büchern zu ermäßigten Preisen zu ermöglichen. Eine eingehende Aussprache findet über die Notwendigkeit von hebräischen Sprachkursen innerhalb der Jngendvereine statt. Auf Wunsch wird der Vorstand zwecks Errichtung derartiger Kurse, die er sehr empfiehlt, mit praktischen Ratschlägen zur Hand gehen. Die Frage zur Begründung einer Vcrbandszcitung soll womöglich schon in der nächsten Sitzung ihre Lösung finden. Mit Rücksicht auf die Verdienste des verewigten Dr. Gustav Karpcles wird den Verbandsvereinen empfohlen, in geeigneter Weise des Verstorbenen zu gedenken. Die Geschäftsstelle des Verbandes befindet sich Berlin 81V., Wilhelmstr. 118, III. Zuschriften sind richten an den Verband der jüdischen Jngendvereine Deutschlands, z. H. des Herrn Dr. E. Finkel. Berlin. lieber die im Oktober in Breslau stattfindende 3. Hauptversammlung des Verbandes der deutschen Juden, kann heute weiter mitgeteilt werden: Die Vorbereitungen zur Aufnahme der aus allen Teilen des Reichs erwarteten 4—500 Delegierten, welche die Gäste der Breslauer Genieindc - sein werden, trifft ein von dieser eingesetzter Ortsausschuß, an dessen Spitze der Geh. Justizrat Laudgerichtsrat W oll stein steht. Neben den sonstigen Unterausschüssen wirkt diesmal ein Frauenkomitee, das sich den zu erwartenden Damen der Delegierten widmen soll; diese Neuerung ist umso berechtigter, als — ein erfreuliches Zeichen der Zeit — in diesem Jahre zum ersten Mal auch unter den Delegierten selbst einige Frauen Sitz und Stimme haben werden. — Während der Begrüßungsabend am 16. Oktober in der Breslauer Gesellschaft der Freunde nur die Verämmliingstcilnehmer vereinen wird, ist die eigentliche Hauptversammlung am Sonntag, den 17. Oktober, vormittags im großen Saale des Breslauer Konzerthauses öffentlich; Zuhörerkarten werden in Breslau und im. Bureau des Verbandes sin Berlin ausgegebön. lli.) Pose«. Die 12. ordentliche Generalv e r s a ni m l u n g des Verbandes der S h n a g o g e n g e m e in d e u des Regierungsbezirks Posen wurde von dem Verbandsvorsteher Bankier Ignatz G o l d s ch m i d t eröffnet. Nach Begrüßung der Erchiencncn und Gedentens des verstorbenen stellvertretenden Vorsitzenden Justizrat Salz-Posen und des verstorbenen Ausschußmitgliedes G. Auerbäch-Krotvschin erstattete der Verbandsvorsteher den Bericht. Kobylagora hat sich angeschlossen, Bomst ist infolge Auslösung ausgetreten, sodaß wie im Vorjahre dem Verbände 36 Gemeinden angehören. Für den Religionsunterricht ist Dobrzyca, Jaratschewo und Xions ein Zuschuß gewährt worden. Der „Deutsch- Israelit. Gemeindebund" hat wiederum den Beitrag von 300 Jk zu den Kosten der Bezirksrabbinate bewilligt. Wie aus den Berichten der 8 Bezirksrabbinate hcrvorgeht, habe» sich diese fortgesetzt als eine oer tatkräftigsten Unterstützung würdige Einrichtung bewährt. Auf dem Gebiete der KultuSbeamten-Ausbilduug, die in bewährter Weise von Herrn Gemeinde-Rabbiner Dr. Feilchenfeld-Posen geleitet und durch den Verband materiell gefördert wird, sind weitere erfreuliche Erfolge zu verzeichnen. Von den bisher ausgebildcten Schülern des Instituts sind 13 im Regierungsbezirk Posen, 3 im Regierungsbezirt Bromberg beamtet. Gegenwärtig lind 7 Kandidaten in der Ausbildung begriffen, »on denen 2—3 im September für ihre Anstellung reif sein dürsten. An den Beratungen des IX. Deutsch-Israelitischen Gemcindetages und des III. Deutsch-Israelitischen Verbaudstages haben sich als Delegierte unseres Verbandes die Ausschußmitglieder Ignatz Goldschinidt und Samuel Silberberg beteiligt. Zur Teilnahme au der im Oktober 1909 in Breslau tagenden dritten Hauptversammlung des „Verbandes der Deutschen Inden" sind die Herren Alfred Marlus-Pinne und Sigismund Goldschmidt- Lissa vorgeschlagen worden. An der in Posen abgehaltenen 21. Jahresversammlung des Vereins jüdischer Lehrer in den Ostprovinzen hat der Verbands-Vorsteher teklgenommen. Es wird sodann der Kassenbericht verlesen (2537 Mark Einnahmen stehen 2207 Jk Ausgaben gegenüber), Decharge erteilt und die ausscheidenden Ausschußmitgliedcr wiedergemählt; neu gewählt werden in die erledigten beiden Sitze: Jnstizrat Mannheimer- Posen und Bankier G. H. Loewy-Rawitsch. Oesterreich-Ungarn. Wien. In der »Neuen Freien Presse' wax dieser Tage folgende liebliche Annonce zu lesen: „45 jühr. k. k. Bcamtenswitwc, Wienerin, jugendliche anmutige Erscheinung, Jüdin im t o l e r a n t e n S i n n e d e s W o r t e s. mit 9 jährigem befähigten Knaben, bietet durch Ehe trautes Heim Herrn von 15 bis 60 Jahren in gesicherter Position. Nichtanonyme Anträge unter usw." Prag. Im Oktober v. I. hielt der Landtagsabgeordnete Dr. Sobotka in Berann eine Rede, in der er die christliche Bevölkerung ausforderte, sich von de» Juden zu separieren. Rach der Versammlung sagte der Landwirt Vinz. Hor:ik zu mehreren Burschen: „H aut d i e Juden! Wir m ü s > e n sie massakriere n." Beim Rückweg rief er in den -Straßen laut: „Wir werden jetzt gegen die Juden losgehen!" Diese Aufforderung wiederholte er mehrmals. Er wurde wegen Aufreizung vor das Prager Landesg c r i ch t gestellt, jedoch dort sreigespröchen, weil man annahm, daß er ■ seine Aenßerung im Scherze nur vor sich hiiigesprochcn habe Und cs im übrigen auch nicht zu Ausschreitungen gegen die Juden gekommen war. Die Staatsanwaltschaft erhob gegen den Freispruch Beschwerde, über welche >der Oberste Gerichtshof als Kassationshof kürzlich verhandelte. Der Generaladvokat bezeichnete die Nichtigkeitsbeschwerde als berechtigt, um so mehr, als zwei Tage nach der Versammlung in Berann Gewalttaten gegen die Juden vorkamen. Der Kassationshof pslichtete der Anschauung des Generaladvokaten bei und hob den . Freispruch des Prager Laudesgerichtes auf. Die Strafsache wurde an die erste Instanz zur neuerlichen Verhandlung zurückgewiesen. Großbritannien. London. Der Philanthrop Jsaac Davis hat . dem „Heim für alle Juden" (Nightingale Laue, Wandsworth) 200000 Mark für die Errichtung eines Anbaus bewilligt Rumänien. Bnkarest, 3. Sept. Im Kriegs Ministerium erschien gestern eine Deputation jüdischer Bürger aus Falticeni. Der Sprecher der Deputation überreichte ein Memorandum folgenden Inhalts: Mehrere Offiziere waren bei Major Gclemey in Falticeni zu Besuch. Da dieser sie nicht alle in seiner Wohnung beherbergen konnte, ließ er sie durch den Hauptmauu Popovici bei den besser situierten Juden einquartieren. Einer der fremden Offiziere erhielt seine Wohnung bei einer jüdischen Familie angewiesen, wo in Abwesenheit der Hausfrau ein lljährigcs Kind die Wirtschaft sührte. Da der Offizier mit der Bewirtung nicht zufrieden war und das Kind erklärt hatte, es könne iu Abwesenheit der Mutter die Bettwäsche nicht täglich wechseln, wurde es vom Offizier g e p r ü - gelt. Der Bäte r des Kindes Lupu Janco begab sich zum Regimentskoinniandantcn Major Gelemey und beschwerte sich, wurde aber zur Türe h i n a u s g e w o r f e n. Bald darauf erschien der Haiiptmann Popovici mit einer -Abteilung von 20 Soldaten vor der Wohnung des Lnpn Janco und ließ ihn von seinen Leuten blutig s ch l agen, weil er cs gewagt hatte, sich zu beschweren. Es entstand ein Kamps, in den sich mehrere jüdische Passanten mischten. Hauptmauu Popovici zog den Säbel und verletzte m e h r e r e I u d e n , die schwer verwundet ins Spital überführt werden mußten. Die Deputation tvurde im Kriegsmiiiisterium aufs freundlichste empfange» und erhielt die Zusicherung, daß Regimentskonimandant Major Gclemey den telegraphischen Befehl erhalten wird, unverzüglich eine strenge Untersuchung einzulcite» und ihr Ergebnis dem Kricgsministcrium mitzuteilen. Amerika. Rew-Aork. Die Frage der Anerkennung von Pässen j ü d i s ch c r Reisender in Ru ß la nd, die zuletzt im Frühjahr d. I. auf deni Kongreß erörtert wurde, scheint neuerdings infolge einer Verordnung des Präsidenten Taft wieder in Fluß kommen zu sollen. Gelegentlich der Abreise des neu ernannten amerikanischen Gesandten Rockhill nach St. Petersburg ergriffen einige angesehene Vertreter der amerikanischen Judeuheit die Initiative, die Regierung aus den Fortbestand der schon, mehrmals auf diplomatischem Wege gerügten Ausnahmebestimmungen gegen amerikanische Staatsbürger jüdischen Glaubens bei ihrenReisen innerhalb Rußlands hinzuweisen. Der Präsident verfügte daraufhin, das; der Gesandte sogleich nach seiner Beglaubigung mit aller Entschiedenheit aus eine gleichmäßige Anerkennung aller Pässe der amerikanischen Regierung hiuzuwirken und sich zu diesem Behufe durch die jüdischen Vertreter in die Materie einführeu zu lassen habe. Die Tochter des Kardinals. Historische Erzählung von Friedrich Rott. lFortsetzung). „ES ist unmöglich, Gras Arnulf, selbst wenn ich sicher wäre, daß unsere Flucht gelingen würde — ich dürste nicht daran denken." „Das begreife ich nicht." „Weil Ihr die Verhältnisse nicht begreift, weil Ihr nicht begreift, das; cs ein schweres Verbrechen ist, wenn ein Jude ein Ehristenkind, das ihm in's Hans gelegt worden ist, als Juden erzieht. — Und wenn man dem Juden mildernde Umstände zugebilligt hätte und ihn, statt ihn zu hängen oder zu verbrennen, nur beauftragt hätte, jenes Kind seinem sittenlosen Vater zuzuführen und besagter Jude hätte sich samt seinem Kinde diesem Aufträge durch die Flucht entzogen, so wäre dieses ein gradczu toteswürdigcs Verbrechen — und wenn man des Verbrechers nicht habhaft werden könnte, so würde man sich an dessen Glaubensgenossen halten, denn mir Juden sind Bürgen, einer für den anderen, ob freiwillig oder gezwungen, das gilt unser» Gegnern gleich: und wenn ein Jude eine, ihrer Ansicht nach verbrecherische Handlung begangen hat, so halten sie sich berechtigt, Hunderte seiner StammeSgenossen dafür zu züchtigen, sei 'es durch Raub, durch Plünderung oder auch durch Mord." Gras Turnet atmete schwer auf. „Leider, leider kann ich Euch nicht widersprechen. — -Aber trotzdem kann ich es nicht fassen, daß Ihr das Kind, das Euch teuer ist wie Euer Augapfel, von Euch lassen wollt. — lind wie Tirza die Trennung von Euch ertragen wird, — das ist mir gleichfalls unersaßlich. —