Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 35 (10.9.1909)
- Date
- 1909-09-10
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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feite 4 Rabbi Jizchak zuckte die Achseln. „Das Wohl des Einzelnen darf nicht in Betracht kommen, wenn das Heil der-Gesamtheit dadurch geschädigt werden könnte. Doch zu Eurer Beruhigung will ich Euch mitteilen, das; ich Tirza nicht allein in Rom zu lassen beabsichtige, sondern mich dort ansässig zu machen gedenke und mit Zuversicht hoffe, das; der Kardinal es gestatten wird, daß ich das junge Mädchen, das ich ihm zusühre, täglich sehe und spreche." „Ihr glaubt, das; er das gestatten wird?" „Ich hoffe es. Aus seinem Schreiben geht hervor, daß er sich nach Zuneigung sehnt. Da wird er doch nicht schroff gegen sein Kind sein. Dumm sind die Herren nicht." Es entstand eine Pause. Der Graf, noch immer nach Fassung ringend, schien vollständig vergessen zu haben, daß er sich nicht in dem eigene» Heim befand. Beide Arme hatte er auf den Tisch gestemmt und beschattete mit den Händen das immer noch hin und wieder zuckende Angesicht. Endlich begann er von neuem, ohne jedoch seine Stellung zu ändern: „Seid Ihr genügend mit Geld versehen? — Ihr werdet begreifen, daß ich mich verpflichtet fühle, für die Tochter meiner Mutter zu sorgen." „Ihr seid sehr gütig, Herr Graf, aber Eue selige Mutter hat nach dieser Richtung reichlich vorgesorgt." Ein schwerer Seufzer, fast ein Aechzen,- war die Antwort. Wieder saßen die Männer mehrere Minuten schweigend einander gegenüber. Endlich erhob sich der Graf schwerfällig: „Verzeihet, daß ich Euch so lange belästige, aber Ihr wißt es, es "ist zum letzten Mal — wenigstens für lange, lange Zeit. — Mer, Ihr werdet's begreifen — ich kann nicht fort von hier, ohne sie noch ein einziges Mal — ein letztes Mal gesehen und ihr Lebewohl gesagt zu haben. — Wollet Ihr sie rufen?" „Wenn Ihr darauf besteht. — Aber Herr Graf, sie weiß noch von nichts — von gar nichts — denn Ihr wißt, es wird ein schwerer Schlag für sie sein, und darum beabsichtige ich sie so lange als möglich in Unkenntnis zu lasse». Sie freut sich sogar kindlich aus die schone Reise und auf alle die Herrlichkeiten, die sie zu sehen hofft. — Lassen wir sie dabei." „Seid unbesorgt, — von mir wird sie nichts erfahren, was sie nicht wissen soll. Aber scheiden, ohne sie noch einmal gesehen zu haben — unmöglich!" — „Geduldet Euch einen Augenblick, sie wird sofort hier sein." ■ Er verließ das Zimmer und kani gleich daraus "mit dem jungen Mädchen zurück. „Der Herr Graf wollte Dir Lebewohl sagen." Tirza trat näher zu ihm heran und blickte mit nnverholener Teilnahme zu ihm auf. Seine Lippen bebten, als wolle er sprechen; aber er brachte keinen Laut hervor. Mit einer gewissen Schüchternheit begann sie daher: „Ich habe eine Bitte an Euch, Herr Graf." „Nennt sie," flüsterte er, „und seid überzeugt — wenn es in meiner Macht steht —" „Ich weiß es," erwiderte sie, „Ihr seid gut, sehr, sehr gut; so oft der Vater Euch um Unterstützung für Hilfsbedürftige ersucht hat, nie habt Ihr solche verweigert, und alle sagen, seit dem Ihr die Herrschaft übernommen habt, ist ihnen das Leben weit leichter. — Und weil nun der Vater auf längere Zeit mit mir verreisen .nyrb, da werden die Leute vermutlich zu nieinem Vetter kommen, zu dem jungen Arzt, der den .Vater vertreten wird und werden ihn ersuchen, ihre Angelegenheiten bei Euch zu befürworten, und da —" „Seid unbesorgt, holde Jungfer, jede derartige , Bitte, die Euer Vetter an mich richten wird, ist im vorhinein gewährt." „Ich danke Euch," rief Tirza, froh erregt, „denn nun kann ich mich wieder auf unsere schöne Reise freuen." Tirza war so schön in dem lebhaften Ausdruck ihrer Herzensgüte, der Graf betrachtete sie mit heißen Augen. „Ich wiederhole, Ihr könnt unbesorgt sein; — aber —" seine Stimme bebte und wiederholt stockend fuhr er fort, „auch Ihr — müßt mir — eine Bitte erfüllen — wollt Ihr?" „Wenn es in meiner Macht steht, mit Freuden." „Einmal — nur ein einzigesmal — saget: Lieber Arnulf — lebe wohl — ich werde öfters an Dich denken." Tirza errötete über und über, fragend blickte sie auf den Doktor. Dieser neigte zustimmend das Haupt. „Wenn der Herr Graf wert darauf legt, -könntest Du das wohl sagen; ich glaube. Du wirst damit keine Unwahrheit sagen." „Nein, gewiß nicht. Also: Lieber Arnulf, lebe wohl, ich werde oft an Dich denken und an jedem Abeiür, wenn ich für meinen Vater bete, werde ich auch für Dich beten." Ein Strom von Tränen entstürzte den Augen des jungen Mannes; er neigte sich und drückte ihre Hände an seine bebenden Lippen, sie fühlte heiße Tropfen darauf fallen. Dann richtete er sich hastig auf und eilte fort. * Frankfurter Israelitisches Familienblak. Als der Rabbi am nächsten Montag früh, dem Tage der Abfahrt, aus der Synagoge kam, setzte ihm Riwkah das Frühmahl vor und teilte ihm mit, daß Tirza bereits gefrühstückt habe Und eben damit beschäftigt wäre, die von ihm zur Reise gewünschte Aenderung ihrer. Toilette vorzunehmen. Es währte auch nicht lange, da trat ein blühendschöner Knabe mit einer gewissen Schüchternheit vor den -Rabbi. Dieser blickte auf und fragte freundlich: „Was willst Du lieber Kleiner?" Tirza lachte hell auf, und Schmul und Riwkah stimmten ein. „Vaterle, Vaterle, daß Du mich nicht erkannt hast!" „Nein, in Wirklichkeit, ich habe Dich nicht erkannt. Wo sind denn Deine langen Zöpfe?" „Die hätten doch nicht zu diesen Kleidern gepaßt, darum habe ich sie zur Hälfte abschneiden müssen." „Jammerschade um die wunderbaren Haare, um die eine Königin Euch hätte beneiden können/- sagte Peter Anselmo bedauernd, „aber wahr ist's, zu diesem Kostüm hättet Ihr sie nicht gebrauche» können. So seid Ihr in der Tat ein schmucker Junker." Tirza lachte vergnügt in sich hinein, sie gefiel sich auch in ihrer neuen Tracht. Ihrer Ansicht kamen sogar ihre schönen, goldig schimmernden Haare, die leicht gewellt über Schultern und Nacken flössen, wie die Künstler und fahrenden Sänger jener Zeit ihr Haar trugen, in dieser Weise noch mehr zur Geltung als früher. Doch nun war's Zeit einzusteigen; die kräftigen Pferde stampften schon ungeduldig mit den Füßen. Der Doktor niahnte zum Aufbruch. Die alte Riwkah hatte ihr Goldkind noch einmal ans Herz gedrückt und ihr Schmeichelworte zugeflüstert, Schmul hatte ihr noch einmal mit überströmenden Augen beide Hände geküßt, und Tirza, im letzten Moment doch auch ergriffen, hatte beiden in ihrer lieblichen Weise zugelächelt und versichert, daß sie täglich an sie denken werde. Dann war sie an der Hand des Vaters hinausgetreten, hatte gleich ihm den sie Umdrängenden die Hand gereicht und ihre glückliche Reisewünsche dankend erwidert, dann hatte sie sich, von dem Vater nur leicht gestützt, in den Wagen geschwungen. Rabbi Jizchak hatte nun den Geistlichen zum Einsteigen aufgefordert, doch dieser, in zur Schau getragener Bescheidenheit, war zurückgetreten und hatte mit Entschiedenheit erklärt: '? „Nach Euch, Doktor, nach Euch!" So hatte sich denn der Rabbi neben Tirza gesetzt und Pater Anselmö beiden gegenüber. Dann hatten die Pferde angezogen und das leichte Gefährte rollte dovon, begleitet von den lauten Segenswünschen der Zurückbleibenden. Es war ikahezu die ganze Gemeinde, die sich vor dem Hause versammelt hatte und den Mreisenden den Priestersegen nachrief. Es war ein heller, sonniger Herbstinorgen, leicht rollte der Wagen auf der Landstraße dahin, die sich in Serpentinen zwischen Wiesen und Feldern hinzog. Das ganze Tal lag im Sonnenlicht und lang sich dehnende dunkele Waldungen und Felder mit schmalen bläuen Schatten und Auen, die smaragdgrün sich streckten. Dazwischen bald wie ein glitzernder Silberstreisen, bald bewegungslos, wie weißes Glas, ein schmaler Fluß oder ein größerer Teich. Wie trunken hafteten Tirzas Blicke an ihrer reizvollen Umgebung, sie glaubte, nie Schöneres gesehen zu haben, denn nur selten war sie hinausgekommen aus dem Weichbild ihrer Heimat. „Gefällt Euch der Anfang unserer Reise?" fragte der Geistliche lächelnd. „Wie sollte mir das nicht gefallen! es ist ja wunder, wunderschön! — Sehet nur den Baum dort, seine Blätter sind rot wie Kirschen." „Das macht der Herbst. O, der hat auch seine ganz besonder» Schönheiten, kauin geringere als der Frühling! Herbstesdüfte wallen über Wiesen und Felder, die Luft nimmt eine fast durchsichtige Klarheit an und gleichsam stählerne Frische, und das smaragde Grüne wandelt sich in sattes Gold. Doch Ihr werdet noch ungleich Schöneres sehen, Herrliches, Großartiges, mit dem das, was Ihr heute seht, sich in keiner Weise messen kann." Rabbi Jizchak hatte inzwischen jenes schöne innige Gebet gesprochen, das man spricht, wenn man eine Reise unternimnit. Als er geendet hatte, reichte er Tirza das Blatt, auf das er es geschrieben, und auch sie sprach leise flüsternd die innigen Worte. „Erlaubt mir auch das Blatt," bat der Geistliche, „ich habe mich auch einmal mit dem Studium der hebräischen- Sprache befaßt, doch das ist schon lange her, ich werde wohl das meiste vergessen haben." Aber alles hatte er doch nicht vergessen, das Lesen ging noch ziemlich, und einige Sätze konnte er sogar übersetzen. Das übrige ließ er sich von dem Rabbi erklären. Pater Anselmo war überhaupt ein hochgelehrter, äußerst intelligenter Mann. Die Männer verbrachten oft Stunden in lebhafter Unterhaltung, und das junge Mädchen lauschte ihren Worten fast immer mit großem Interesse. „Langweilt Ihr Euch nicht bei unser» trockenen Gesprächen?" hatte der Geistliche sie gefragt. „Durchaus nicht," versicherte sie, „ich verstehe Nr. 35. zwar nicht alles, aber doch manches, und ich hoffe, möglichst viel dadurch zu lernen." „Wenn Ihr so lernbegierig seid, möchte ich Euch einen anderen Vorschlag machen. Ihr kommt jetzt in ein schönes Land, dessen Sprache Euch fremd ist, — ich will sie Euch lehren." «Ihr sprecht italienisch?" fragte der Rabbi. „Ich habe vier Jahre in Nom gelebt." Der Pater begann den Unterricht sofort. Er staunte über Tirza's rasche Auffassungskraft, aber er war gradezu frappiert über die Raschheit, mit der der Rabbi jedes Wort, jede Regel, die er nur ein einzigesmal gehört hatte, sich zu eigen machte und in sich verarbeitete. Der Geistliche erwies sich auch sonst nicht nur als angenehmer, sondern auch als nützlicher Reisegefährte Namentlich in den Wirtshäusern wurden, sie überall mit einer gewissen Zuvorkommenheit bedient, nachdem der Geistliche den Wirten einige Worte zugeslüstert hatte, und überall wurde es ihnen gestattet, in ihrem eigenen Geschirr Milch, Eier oder dergleichen zu kochen, und überall staunte man über die Gewandtheit des lieblichen Knaben bei derartigen Verrichtungen. Auch in den Klöstern wurden sie sreundlichst ausgenommen, und >vas sie verlangten, wurde ihnen gestattet, ohne daß sie dafür auch nur das Geringste hätten zahlen können. Unablässig war der Pater bemüht, das junge Mädchen auf die großartigen Naturschönheiten der Gegend aufmerksam zu machen. Als sie, während die Witterung im Tale noch lau und milde, die ersten Bergriesen erblickte, auf deren schneebedeckten Gipfeln die Strahlen der Mittagsoune blendend sich brachen, da war sie durch den Anblick gradezu überwältigt und der Geistliche hörte sie flüstern: „Vaterle, Vaterle, nicht wahr, hier sollte man beten." „Ihr werdet in den nächsten Tagen noch weit Großartigeres schauen, wenn wir in das Hochgebirge kommen, wo die erstarrten Massen eisiger Gletscher das nackte Gestein bedecken, wo Lawinen in unabsehbare Tiefen stürzen, wo zuweilen Bergstürze den Anbau friedlicher Täler verschütten. — Nicht selten peitscht die Lava dort mit ihrer Orkankraft die aufgewühlten Schneemassen vor sich her, und dann wieder spiegelt sich die Sonne in den zerstiebten Silbersäden eines tosenden Giehbaches, oder in den ruhigen Fluten eines krystallhellen Sees und ihr Schwinden wie ihr Kommen wird durch das Glühen der beschneiten Gipfel verkündet. O, Ihr werdet staunen!" — Tirza hörte ihm gern zu, er wußte weit besser als sie selbst, dem, was sie sah und ivas sie dabei empfand, in Worten Ausdruck zu leihen. Und sie bemühte sich, seine Worte im Gedächtnis zu behalten, um bei ihrer Heimkunft den Freunden und Bekannten all' die Herrlichkeiten, die sie gesehen, besser schildern zu können. Sie staunte nur zuweilen über ihren Vater, der, obgleich Naturfreund, doch zuweilen selbst die großartigte Szenerie, die sich vor ihnen ausbreitete, nicht zu sehen schien, sondern wie in tiefen Gedanken vor sich nieder starrte. Was mochte ihn derart beschäftigen? — sollte er sich jetzt schon zurück nach der Heimat sehnen? — Sie konnte es nicht begreifen, obgleich auch ihr die Heimat teuer war und alle die lieben, guten Freunde. — Aber wenn der Vater bei ihr war, dann vermißte sie keinen. — Ihn aber beschäftigten oft trübe Gedanken, das erkannte sie deutlich. Was mochte ihn drücken? Sie sollte es nur allzubald erfahre». _(Fortsetzung folgt.)_' Kaiser Friedrich Quelle - Offenbach a. M. —- Gegen Sicht und Khenmatismns bewährt. d i v in We! t-Mündwasser Der Menschheil Wohltäter. W^iW Retorte-Flasche Mk.1.25 hhhI Überall erhältlich! Wocherr-Salertder. (Zeitangaben nach dem Lasch.) Samstag, den 11. September (= 25. Ellül): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 6 Uhr 20 Min. Sabbat-AuSgang in Frankfurt a. M. 7 Uhr 40 Mn. in Berlin 7 Uhr 20 Min. Wochenabschnitt: N i z o w i m und W a j e i l e ch. Moses ermahnt Israel, dem göttlichen Gesetze Treue zu wahren. Für die Nichtbeobachtung stellt er Strafen in Aussicht: Krankheit, Zerstreuung unter die Feinde ufw. — Die Thora, das göttliche Gesetz, ist jedem „nahe", er kann sie' erfüllen. Aufruf von Himmel und Erde als Zeugen, Israel das „Gute" und somit das „Leben" zur freien Wahl vorgelegt zu haben.' — Aehnlich der Inhalt des Wochenabschnitts „Wajeilech": Ermahnungen Moses an Israel, Strafverkündigungen beim Ab-