Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 35 (10.9.1909)
- Date
- 1909-09-10
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Nr. 35. Brief aus Koustautiuapel. Obwohl wir in einer politisch stark bewegten Zeit leben, zeigen sich bisher überall nur Ansätze zu einer Reorganisierung des Bestehenden,, überall nur Neubildungen, die im Kerne vorhanden sind, bei denen aber größtenteils begründete Aussicht ist, daß sie ihre Hülle zu sprengen vermögen und zum Lichte vorwärts drängen. Alle die vielen Völkcrfragmentc des national wie religiös so stark gespaltenen ottomanischcn Reiches suchen die Situation auszunützcn, alle arbeiten sie an ihrer Fort- und Vorwärtscntwicklung — nur toi r Anden halten in n s bei all dieser fieberhaften Tätigkeit, die sich da vor uns entfaltet, m ö g l i ch st 'i m Hintergründe und sehen als Juden der Umgestaltung der Dinge, die sich langsam aber . sicher vollzieht, teilnahmslos zu. Welche Veränderungen habe» seit der Begründung der Konstitution, jenem Ereignisse von so tief einschneidender Bedeutung, in der Judenheit der Türkei Platz gegriffen? Hat der jüdische Geist auch seine Schwingen entfaltet? Haben die Männer, die dazu berufen sind, die Geschicke der jüdischen Gemeinden zu leiten, ihre Tätigkeit der neuen Zeit anzupasscn gesucht? Was hat man zur "Schaffung sdcr notwendigsten sozialen und hunianitärcu Institutionen getan, deren die Hauptstadt der Türkei so dringend wie keine andere Stadt West- und Mitteleuropas bedarf, oder was ist geschehen zum Ausbail der bereits bestehenden in dürftigen und primitiven Anfängen sich befindenden Klubs und Lesezimmer, aus denen die „jcunesse dorec" Konstantinopcls ihren geistigen Nährstoff bezieht? Nichts, aber auch garnichts ist geschehen, um das sittliche und geistige Niveau der hiesigen Jugend zu heben. Wohl schwirren die Worte „Freiheit und „Fortschritt" in aller Munde, aber nirgends haben diese Worte ihren. Klang und ihren Inhalt mehr eingebüßt, als hier. Eine nicht gewohnte, seltsame Selbstbeschcidung legt man an den Tag. Nur hie und da unterbricht die.Stille eine etwas laute und vielleicht auch etwas geräuschvolle Meldung, daß der neue Chacham Baschi eine Auszeichnung in l Gestalt eines Ordens oder den Besuch cincx Exzellenz oder irgend eines Großwürdenträgcrs cntgegcnehmen konnte. Erst dieser Tage wurde in verschiedenen europäischen jüdischen Zeitungen der / übertragene Wortlaut des „Berat", d. i. die Zusammenstellung aller seit Jahrhunderten dem Großrabbinat zugestandenen.Privilegien, vcröfsentticht. Diese Ancrkcnnungsaktc, die mit ihren Bestimmungen dem gesetzlichen Vertreter! der ottomanischen Judenheit weitgehende Vollmachten geben und beliebig dehnbare Rechte ihm einränmcn, sind nun durch erneuten Gnadcnakt dcssSultans vollinhaltlich bestätigt worden. Wir schätzen und wissen wohl zu würdigen die vorurteilsfreie Gesinnung, die Glcichbehandlung aller religiöse» Riten und Kulte, die von jeher als geheiligte Tradition bei der türkischen Regierung und ihren Souveränen gilt, wir wissen, welche Bldeutung dieser Tatsache inncwohnt für die Stellung der ottomanischen Judenheit im Reiche, andererseits aber können wir die Gesa h r nicht verkennen, die bei einer konsequenten Handhabung und Durchführung der meist veralteten Gesetze sich ergäbe. Ein hierarchisches Regiment, das in der zeitgenössischen Judenheit vereinzelt da st ände, träte seine unheilvolle Herrschaft an. Denn nicht allein das religiöse oder besser kulturelle Leben, nein auch das private Leben eines hier ansässigen Juden wird davon stark berührt. Es hängt nun ganz von der Sinnesart und dem Temperament des jeweiligen Chacham Baschi ab, wie weit schwerwiegende Konflikte herausbeschworen oder vermieden werden. Die mit allzu großer staatlicher Macht umgürtete geistliche Autorität bürgt für das Judentum schon so eine große Gefahr in sich. Verhängnisvoll aber in ihren Folgen kann diese werden, wenn mehrere verschiedenartige Riten für den Ort in Betracht kommen. Und das ist hier in Konstantinopel der Fall. Denn hier steht der numerisch überwiegenden Sefardim - Gemeinde eine beachtenswerte Minorität der Aschkenasim gegenüber, die nun durch ihre jüngst erfolgte Konsolidierung, durch eine festgefügte Organisation erheblich an Macht und Einfluß gewonnen hat. Die Verschiedenheit der Riten, die Eigenart der aus diesen zu folgernden Rechte sind offiziell nicht abgegrenzt. Die Zeit wird es nun lehren, ob der Führer, dem die Ruder des Fahrzeugs jetzt anvertraut sind, diese gefahrvollen Klippen glücklich zu umgehen weiß und cs aus wildschäumenden Strudel der Mißhelligkeiten und Gemcindezerwürfnissc in das friedliche, ruhjge Fahrwasser der Einigkeit und einer segensreichen harmonischen Kräfteentfaltung zu lenken versteht. Die Judeubedrückungen in Rutzland. Seit achtundzwanzig Jahre» ist das Leben des russischen Volkes, von kurzen Intervallen abgesehen, ein beständiger Kreislauf: > Pogrom und Gcsetzcsbeschränkung, Gesetzcsbeschränkung und Pogrom. Allein schon lange haben es die russischen Juden nicht so bitter gehabt, wie in den letzten Monaten. Die ältesten Ausnahmebestimmungen werden ausgegraben, aufgefrischt und mit kosakischer Rücksichtslosigkeit tind spitzfindigen Kommentaren zur Anwendung gebracht. Senat und selbst die lokalen Gerichte tun sich mit der Polizciadministration zusammen, um jede Beschränkung zu potenzieren und bis zur Absurdität durchzuführen. Daß der Unterrichtsminister Schwarz mit besonderem Eifer das seinige dazu tut, um die Juden aus allen Bildungsstätten auszuschalten, wie wäre es bei der bekannten. Gesinnung des Mannes anders möglich? Vergebens appellieren verschiedene Hochschulen, die laut seinen Prozcntsatzbcrechnungcn überhaupt keine Juden oder nur sehr wenige aufnehmcn sollen, um Milderung der grausamen Vorschriften. Mit besonderer Härte hat er die bereits vollzogene I m m a t r i k u - lätion mehrerer Dutzend Jünglinge seitens der Moskauer Universität annulliert, sodaß sich die. Moskauer Universitätsbehörden veranlaßt sahen, an die Betroffenen demonstrative Entschuldigungsbriefc zu schreiben. Und nicht viel besser geht es an anderen Hochschulen zu. Wo aber selbst die Aufnahme durch das Gesetz nicht so behindert wird, da gibt cs ein anderes Mittel: die Versagung des Wohnrechts. Und wer schon selbst mit großer Mühe das Wohnrecht für ganz Rußland sich erworben hat, ist dessen nimmer sicher. Ein horrendes Beispiel aus dieser Kategorie haben die jüngsten Tage gebracht. Zahnärztinncn gehören laut dem Gesetz zu den Bevorzugten. Nun fand cs die Kiewer Administration heraus, daß eine Zahnärztin Russakowskaja, der die berufliche Praxis keine für den Lebensunterhalt ausreichenden Einnahmen ge - währten, sich auch eine Drogerie eingerichtet hatte. Welch schreckliche Sünde, welche „Umgehung" des Gesetzes! Da begann die Verfolgung der Zahnärztin durch die gewissenhaften Behörden, und das Kreisgericht, das den Wind der Petersburger Zeit genau kennt, entschied mit salomonischer Weisheit, daß eine Zahnärztin nur als solche und einzig und allein in ausschließlicher Ausübung ihres Berufes das allgemeine Wohnrecht besitze, obwohl das Gesetz nicht die mindeste derartige Andeutung enthält. Russakowskaja wurde demgemäß aus Kiew äusgcwiescn und wird bald eine lange Schar von Leidcnsgenossen nach sich ziehen. Denn nirgends ist so wie in Rußland der zahnärztliche Beruf überfüllt, nirgends sind so viele Angehörige dieses Standes genötigt, ein anderes Arbeitsfeld als Neben- oder auch als Hauptbeschäftigung aufzusuchen. Und wie viele Juden haben das zahnärztliche Studiuin dnrchgcmacht, um auf Grund des Diploms das Wohnrecht zu erwerben und ungestört einer anderen Tätigkeit, wie z. B. dem Privatlehrerberufc, nachgehen zu können! Ucberhaupt hat die Polizei die blinde Rücksichtslosigkeit gegenüber den Juden zum Prinzip erhoben. Seit zwei Dezennien lastet über den russischen Juden ein seinem Charakter nach vorsintflutliches Gesetz, wonach die Verwandten eines jeden von ihnen, der sich der Wehrpflicht entzogen hat, mit der Strafe von 300 Rubeln zu belegen sind. Der unschuldigste und notleidendste Jude wird seiner letzten Habseligkeitcn beraubt, wenn jemand aus seiner Familie vor Erreichung des militärischen Alters auswandcrt und sich nicht rechtzeitig zum Heeresdienst meldet. Mit Hülfe eines solchen Gesetzes hat der! Fiskus — insbesondere nach den großen Auswanderungsjahren — aus der ärmsten jüdischen Masje vitle Millionen herausgepreßt. Nie ist jedoch auch auf diesem Gebiet mit größerer Härte verfahren worden, wie im. laufenden Jahre. Nculich tvutztc sogar die Presse aus Lodz über einen Fall zu melden, in dem die schlecht informierte Obrigkeit bei den Eltern eines Einjährig-Freiwilligen die Strassumme eintreibt und dabei die Adresse der zu Bestrafenden nur vom angeblich flüchtigen, in Wirklichkeit, wie gesagt, dienenden Sohn zu erfahren vermag. Und selbst diese Kuriosität ist nichts Neues und hat im Leben der russischen Judenheit nicht wenige Analogien aufzuweisen. Trotzdem so die nur zum Teil charakterisierten Schläge tagtäglich auf die russischen Juden mit aller Gewalt niebcrsausen, hetzt gerade jetzt die gesamte reaktionäre Presse mit einer Wut, daß man glauben müßte, das Schicksal Rußlands sei nur von der Bedrückung der Juden abhängig. Keine Nummer dieser echtrussischcn .Blätter ohne spaltenlange Ausführungen antisemistischsten Kalibers! Ströme von Tinte ergießen sich gegen die Juden, und diese wissen es.nur zu genau, daß die echtrussischen Ströme von Tinte in Rutzland nur gar zu leicht in Ströme von Elendstränen und Blut sich verwandeln können, Ungemein groß ist darum die Unruhe, die sich der gesamten russischen Judenheit bemächtigt hat. Denn die sich um sie immer düsterer verdichtende» Wolken durchdringt nicht ein einziger Lichtstrahl. „Riiss. Korrcsp." Aus deu Geschehnissen des Tages. „Den W a n t e u d e n zu st ü tz e n und ihm aufzuhelfen," diese Forderung gehört zu deu großen sozialen Geboten des Judentums. Wenn man aber die Solidarität mit dem Wohl und Wehe des Mitmenschen, wie sie in der heutigen Judenheit vorhanden ist, betrachtet, so muß man leider feststellen, daß trotz der großen Wohltätigkeitsbetätigung, auf die wir Inden stolz sein dürfen, das soziale Bewußtsein — wenigstens, soivcit cs der Jrldenheit gegenüber zur Geltung gebracht wird — nur schwach ist. Die Wohltätigkeit ist mcist erniedrigendes Alm ose »geben; — doch gestützt und a u f g c Holsen soll der Wankende werben! Man sehe sich nur einmal die jüdische Wohltätigkeit im Privat- und Vercinslebcn an! Ein Bittet zur Weiterreise, ein Beitrag zur Miete, ein Zuschuß zur Badereise, alles gut gemeinte und anerkennenswerte Handlungen; — aber wie viele hätten diese Unterstützungen nicht nötig gehabt und brauchten so um die Hochhaltung ihrer Menschenwürde nicht besorgt zu sein, wenn man ihnen vorher helfend zur Seite gestanden hätte! Die wichtigsten sozialen Einrichtungen fehlen entweder oder sind nur ungenügend vorhanden. Und die, welche bestehen, werden nur von wenigen gefördert. So müßte in jeder größeren jüdischen Gemeinde eine D a r l e h » s k a s s e bestehen. Der wirtschaftliche Kamps ist nun einmal für den Juden ein viel schwierigerer, als für den Nichtjuden, — und verarmt der Jude, so füllt er doch der jüdischen Gemeinde zur Last. Ganz erheblich größere Schwierigkeiten als für seine nichtjüdischcn Kollegen bestehen auch für den jüdischen Angestellten, denn spricht er bei dem nichtjüdischen Arbeitgeber vor, dann heißt es sehr, sehr häufig: „Jude? Bedauere!" Man frage nun aber einmal die Arbeitsnachweise j ü d i s ch cr Inst i t u t i o n e n, welches Interesse man ihnen unter den jüdischen Arbeitgebern cntgegenbrjngt, und man wird hören, daß sogar Leute, denen ein warmes Herz für die Bedürfnisse jüdischer Wohltätigkeitsinstitutioncn nachgcrühint wird, sich nicht selten unter allerlei Ausreden weigern, Juden änzustellen; der jüdische Kommis könnte ihnen eher als der nichtjüdische zum Konkurrenten werden, der jüdische Ausläufer, Packer oder Arbeiter siele ihnen vielleicht, da er verheiratet ist, später zur Last, oder ein christlicher Arbeiter habe mehr Kraft als ein jüdischer und was dergleichen Ausreden inehr sind. Ein weiteres Beispiel: Eine der notwendigsten und am segensreichsten wirkenden Institutionen ist das H e i m d e s Jüdischen Frauenbundes in Isenburg bei Frankfurt a. M. Dieses Heim nimmt sich der Fürsorge bedürftiger Frauen und Mädchen liebe- und verständnisvoll an. Aber die Gelder aus deu Kreisen, die sonst für Wohltätigkeitszweckc stets eine offene Hand haben, fließen nur spärlich — denn die > Anstalt wirkt ja sozial! —, und so kann das auch heute schon imponierende und die höchste Anerkennung für das bereits Gcschasseue verdienende Unternehmen sich nicht so ansdehnen, wie cs erforderlich wäre. Die angeführten Beispiele für das Darniedcrliegen jüdisch-sozialen Wirkens mögen genügen! Sie zeigen, daß nicht nur aus jüdisch-religiösem, sondern auch auf jüdisch-sozialem Gebiete in der zeitgenössischen Judenheit eine Dekadenz herrscht; — eine ernste Mahnung an alle die, denen die Zukunft der Judenheit nicht gleichgültig ist! Aus aller Welt. Teugches Reich. Frankfurt a. M., 7. Sept. Aus dem Bureau der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" wird uns geschrieben: Auf eine von uns an das Kriegsministerium gerichtete Eingabe, in der für die b ev orst eh en d en h ohcn F eiertagc um Beurlaubung der jüdischen Mannschaften in die nächstgelegenen jüdischen Gemeinden, auch aus dem Manöver, gebeten worden war, hat der Herr Kriegsminister durch Erlaß vom 3. September d. I. an die kgl. Generalkommandos und obersten Waffenbehöroen verfügt, daß gegen die Befreiung der jüdischen Mannschaften vom Dienste und gegen ihre Beurlaubung nach der nächstgelegenen jüdischen Gemeinde nichts einzuwenden sei, insofern die Interessen des Dienstes und die Manöververhältnisse die Ausführung dieser Maßnahmen ermöglichen. Wir machen dieHerren Rabbiner auf diese Verfügung aufmerksam, in der An-