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Neue jüdische Presse · 1909-09-10 · Heft 35 (10.9.1909) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 35 (10.9.1909)
Date
1909-09-10
Page
– (sequence 1)
Language
German
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stiMschrs familiniblatt. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1.50, sonstige Länder Mk. 2.— edaktioir und HefchLftsstette: Srankfurt L. M.. vilbelerstraße 4/6. Lcke Lleichstraße Terefo« 10507. Herausgeber: SalU ^ei-s. , Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 .. Platz- und Daten-Vorschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. ' 7. Jahrgang. Freitag, de» 24. Ellul 5669 (10. September 1909). Nr. 35. Inhalt »es Hauptblattes. Artikel: Unsere götzendienerischen Vorfahren und wir. — Brief aus Konstantinopel. — Die Judenbedrückungen in Rußland. — Aus den Geschehnissen des Tages. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Die -Tochter des Kardinals. — Wochen-Kalender. — Familiennachrichten. Unsere götzendienerischen Borfahren und wir. Eine kultur- und religionsgeschichtliche Betrachtung von D r. Sigmund I a in p e l - K a r l s r u h e. Wir haben die Spalten dieses gesch. Blattes mit den Ergebnissen der ilcugefundenen jüdischen Inschriften schon in den: Maße in Anspruch genonlmen, daß sich mancher Leser darüber wunder» wird, wieso eine doch immerhin nur beschränkte Zahl von Dokumenten so sehr ergiebig sein kann. Allein wir haben an anderer Stelle schon darauf hingewiesen und können nicht unterlassen, es hier nochmals nachdrücklich zu betonen, daß wir diese einzig dastehenden Funde für unsere Religions- und Kulturgeschichte gar nicht genug zu verloerten imstande sind. Wir haben cs in. diesen Urkunden, trotzdem wir jetzt auf ein ganzes Jahrhundert der Jnschristcn-Entdeckuugcn zurückschaucn, mit den für unsere Bibelwissenschaft hervorragendsten und bedeutendsten Funden zu tun, und zivar hauptsächlich, weil wir in ihnen authentische Aufzeichnungen unserer eigenen biblischen Vorfahren sehen. Ter große Vorzug dieser Dokumente anderen Jnschrifteir gegenüber besteht nicht nur darin, daß der uns seit einem Jahrhundert gemachte Vorwurf, daß Ivir kein zeitgenössisches Kulturdenkmal aus unserem Altertum besitzen, dadurch verschwindet, sondern hauptsächlich in dem nicht genug zu würdigenden Momente, daß solche eigenhändige Urkunden von den biblischen Israeliten uns. indirekt — durch ihre äußere Form und Gestalt, durch ihre Sprache und Redewendungen, durch stillschweigende Voraussetzungen und Andeutungen, durch versteckte Hinweise ans den kleberlieferungsgehalt ihrer Schreiber, durch die nur nebenher zum Ausdruck gebrachten Anschauungen, durch ihre Anspielungen auf biblische Notizen und dergl. — mehr Lehrreiches bringen können, als der direkte Inhalt einer großen außerisraelitischen Inschrift. Im folgenden soll nun gezeigt werden, >vie eines der schwersten Probleme der ganzen biblischen Geschichte jetzt nach Jahrtausenden, mit Hülfe einiger nebensächlichen Punkte in unfern Inschriften, seine absolute Lösung findet. Ich meine nämlich das Problem des altisraelitischen Götzendienstes. Welchen Bibelleser hat diese mehr als sonderbare Erscheinung nicht schmerzlich berührt? Schon unsere talmudische, Weisen standen hier vor einem religionsgeschichtlichen Rätsel. Und welcher jüdischer oder christlicher Bibelfreund hat sich nicht voller Staunen gefragt, wieso sich durch die ganze biblische Religionsgeschichte, trotz Offenbarungen und sonstigen göttlichen direkten Eingriffen, der Götzendienst ungeschwächt erhalten konnte? Wie soll man sich die alten Israeliten vorstellen, die angesichts der wundcrvollsührcnden Propheten und in Gegenwart der Gottesmünncr, die die Beweise von der alleinigen Wahrheit des Gottes Israels so lounderbar und handgreiflich demonstrierten, den fremden Götzen nachhingen und ihre Hülfe suchten? Die Konsequenzen, welche die moderne Wissenschaft daraus zieht, sind wahrhaft erschreckend. Das Gesamtbild der biblischen Religionsgeschichte wird ganz auf den Kopf gestellt, die ältesten biblischen Bücher werden zu den jüngsten gemacht, der Gang der Geschichte Israels wird ganz umgedreht, alle Lehren und Erzählungen, die einen höheren Äottesbegriff zur Grundlage haben, werden als Produkte späterer Perioden angesehen usw. Und dies alles geschieht mit der besten Absicht, igeil man es eines wahren und höheren Gottcsbegriffes ganz unwürdig findet, daß er gemeinsam mit grobheidnischem Wüste in ein und demselben Hirne wohne. Wir haben schon in den vorangegangenen Abhandlungen zur Genüge nachgewiesen, daß die ägyptischen Judenkolonien, welche Jcrcmia mit seiner Emigrantenschaar in den verschiedensten Landesteilen — in Migdol, Daphne, Memphis, Patros u. a. — vorgefunden hat, schon seit der biblischen Königszeit dort existiert haben. — Jcremia selbst erwähnt (24, 8.) Judenkolonien in Aegypten noch vor der eigentlichen Zerstörung Jerusalems. — Diese jüdischen Kolonisten Aegyptens nun repräsentieren, weil sie ja schon lange Zeit vorher vom jüdischen Votkskörpcr in Palästina losgelöst wurden und die späteren religiösen Entwicklungsphasen — wie z. B. die religiöse Erneuerung unter Josia — nicht mehr durchgemacht haben, nicht blos das Zeitalter Jeremias, sondern wir müssen in ihnen auch den Typus der eigentlichen israelitischen Königszeit wicdercrkenncn. Die von ihnen herrührenden Inschriften, in denen wir jene Juden in ihrem profanen, geistigen und religiösen Leben ruhig beobachten, versetzen uns daher vollständig in die Zeit der Jesaja, Micha usw. und bieten uns so eine viel genauere Illustration vom Leben und Denken der Volksmassen, als die biblischen, Berichte, in denen blos die Anschauung der Propheten zum Ausdruck kommt und in denen die Handlungsweisen des Volkes nur vom verurteilenden und verdammenden Standpunkt des religiös und ethisch so hochstehenden Propheten aus zur Darstellung gelangen. Hören wir nun, was Jeremia im 44. Kapitel feines Buches zu jenen ägyptischen Juden sagt: „So spricht der Gott Israels: „Ihr selbst habt all das Unglück gesehen, welches ich über Jerusalem und alle Städte Judas kommen ließ.... wegen ihrer Bosheit, die sie mir zum Berdrusse getrieben haben, indem sie andern Göttern opferten, welche sie nicht gekannt hatten. Wohl sandte ich meine Knechte, die Propheten an sie; die sprachen: „Tut doch nicht solche greuliche Dinge, die ich hasse", aber sie hörten nicht auf mich .... und so ergoß sich mein Zorn und Grimm und verbrannte die Städte Judas nnd die Straßen Jerusalems,' daß sic zur Wüstenei und Einöde wurden, wie es jetzt der Fall ist. Run aber, spricht Gott Israels, weshalb wollt Ihr .jetzt wiederum großes Unheil wider Euch anrichtcn .... indem Ihr mich durch das Werk Eurer Hände erzürnet und in Aegypten, wohin Ihr gekommen seid, andern Göttern räuchert. Habt Ihr denn schon die Schlechtigkeiten Eurer Väter und Könige Judas und ihrer Weiber und Eurer selbst und Eurer Weiber vergessen, welche sie im Lande Judas trieben, und nicht ivurdcn sie zerknirscht bis auf den heutigen Tag und fürchteten sich nicht und wandelten nicht in meinen Gesetzen. Da antworteten dem Jeremia all die Männer, welche wußten, daß ihre Weiber frenrden Göttern opfern, und all die Weiber, welche da standen, mit lauter Stimme, nnd alles Volk, welches in Aegypten und Patros wohnte, also: „Auf das, welches du zu uns geredet hast im Namen Gottes, wollen wir nicht hören, sondern alles das gewissenhaft tun, was wir gelobt haben, nämlich der Königin des Himmels räuchern und ihr Trankopfer spenden, so wie wir getan haben, wir und unsere Väter, unsere Könige und Fürsten in den Städten Judas und den Straßen Jerusalems; da hatten wir Brod genug, waren im Glück und kannten kein Unglück. Doch seitdem wir ausgehört haben, der Himmelskönigin zu opfern und ihr Trankopfer zu spenden, haben >vir Mangel an allem gelitten nnd sind durch Schwert und Hunger umgekommen. Und daß wir der Himmelskönigin opfern und ihr Trankopfer spenden, — haben wir e t w a ohne Zustimmung unserer M ä n n e r i h r O p f e r ku ch en n a ch ih r er Ge - st alt bereitet nnd die Trankopfer gespendet?" Da sprach Jeremia zu dem ganzen Volke und den Weibern: „Hört das Wort Gottes, ganz Juda, die Ihr in Aegypten seid! So spricht der Gott Israels: Ihr und Eure Weiber redet mit Worten und erfüllet es in Taten, was Ihr sagt: gewissenhaft ausführen werden wir unsere Gelübde, darin wir gelobt haben, der Himmelskönigin zu opfern und ihr Trankopfer zu spenden. Haltet nur gewissenhaft Eure Gelübde und führt Eure Gelübde nur gewissenhaft aus. Deshalb hört Gottes Wort ganz Juda, die Ihr in Aegypten wohnet, wahrlich, ich habe bei meinem großen Namen geschworen, nicht soll fernerGottes Name im Munde irgend eines Mannes vonganzJudagenanntsein.daßciner sagte:So wahr Gottlebt! im ganzen Lande Aegypten." Hier sehen wir Jeremia den Götzendienst seiner Zeit mit dem der vergangenen Jahrhunderte in citl und dieselbe Reihe stellen, und zwar ist es der Kultus der Königin des Himmels, der Sonne, der feine Zeitgenossen — gleich ihren Vorfahren vor Jahrhunderten — opferten. (Schluß in brr Beilage).

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