Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 34 (3.9.1909)
- Date
- 1909-09-03
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Schwäche und Gewohnheit geworden sind, so tritt L nichts so kraß in die Erscheinung, als die Unart ' des Fischen im Trüben. Und siche! je mehr das K Fischen im Trüben verdammt wird, desto mehr häuft r.: „imb verbreitet es sich! Im Staats- und Parteii> leben gehört es sogar zur beständigen Praxis, n und wir vermögen uns nicht manchen Parteiführer und Staatsmann zu denken ohne die bewährte Kunst des Fischen im Trüben. Es waren Zeiten, Jahrhunderte, ja Jahrtausende hindurch, da man im Namen der Religion int Trüben fischte, man kreuzigte und „torqucmadete" Tausende und Abertausende zu Recht und Frommen ' der Menschheit mtb Götter. Damals gab cs nur ein einziges Heiligtum, in dessen Namen man fol- ' terte und utordete. Das war damals. Und heute! . Heute sind deren zwei: Religion und Na- ' . tionalismus, in deren Namen man jetzo das Werk des Fischen im Trüben betreibt und uni derentwillen man torquemadet und pogromiert. Religion ist gewiß eine große und heilige Sache, ' allein der Götzendienst dabei ist verwerflich. Natio- 7 nalismus ist gewiß eine große und im gewissen i Sinne heilige Sache, allein der Götzendienst, der , ■ Chauvinismus, dabei ist verwerflich. Die Religion wlll es sicherlich nicht haben, daß man Menschen! ob ihres Idealismus mordet, wohl aber der Götzen-! kullus. Der Nationalismus will es sicherlich nicht p haben, daß man die anderen vernichtet, wohl aber der Chauvinismus. Die Religion, wie auch der Na-; tionalismus basieren auf der Vernunft und dem - Gefühl und können daher nur gut und fortschritt-? .lich sein. Der Götzenkult, sowie der Chauvinismus ° dagegen fußen auf dem Unverstand und dem Instinkt und können nur rückschrittlich und verderb- 1 lich - wirken. p Welche Wunden der Götzcnkultus, das Heid-!•. nische an den Religionen, der Menschheit geschlagen hat und noch schlägt, braucht nicht erst gesagt zu P werden: außer der klerikalen Gefolgschaft ist es aller Welt zur Genüge bekannt. Allein auch der f Götzen-Chauviuisrnus hat in seinem hundertjährigen Bestände gar viel, unendlich viel Unheil angerichtet. : Der Chauvinismus war es, der den Militarismus 7 gebrächt hat. Nur ihm hat man die ganze Reaktion '■f Europas in der zweiten Hälfte des verflossenen Jahrhunderts zuzuschrciben. Der Antisemitismus, V die grenzenlose Verhetzung der Völker gegenciny. ander sind alles Ausgeburten des Chauvinismus. - Fast Bierjahrzehnte hindurch beherrschte er Frankreich, Oesterreich, Deutschland, jetzt hat er auch England und Italien in seinen Bereich gezogen.; Auch Amerika scheint allmählich von dieser Seuche . infiziert zu werden. Und was noch schlimmer, ist, daß sogar die neugebackenen Konstitutionen mit dem Chauvinismus zur Welt kommen und schon gleich bei ihrem Entstehen Haß säen. Sonst war man gewöhnt, in den Flitterwochen einer Konstitution Zeichen einer all- - gemeinen Verbrüderung wahrzunehmen, allein jetzt tsoll es anders werden. Was in Rußland bei der Ein- \- , führung der Konstitution geschah, und was noch l jetzt im Namen des Chauvinismus geschieht, ist j bekannt. Noch nie waren unsere jüdischen Brüder j in Rußland soviel Verfolgungen und Entrechtungen? ausgesetzt, wie jetzt in der konstitutionelle» .Acra. [■ Ohne das heilige Mäntelchen des Chauvinismus i hätte das große, gewaltige Rußland, das Raum für eine halbe Milliarde Einwohner besitzt, sich!- der Rechte von S Millionen nützlichen Bürger»! sogar unter einer Scheinkonstution nicht entj sagen können. Doch mit dem Götzenpanier Chauvinismus in der Hand, bringt Rußland es fertig, permanent den Fortschritt zurückzudrängen und die! anderen Nationalitäten zu knebeln. Aber auch die verjüngte Türkei, die es mit p ihrer Konstitution ernst meint, treibt Chauvinisp mus, denn nicht nur ihr Vorgehen gegen G-riechenj länd, sondern auch die neuesten Bereinsgesetze, die l alle fremden türkischen Nationalitäten mundtot machen, beweisen zur Evidenz, daß die ve'rj jüngte Türkei zum Schaden der anderen und der j< : Türkei selbst am Chauvinismus krankt. Die L Jungtürken wollen den Alttürken imponieren, und!' so fischen sie 'in den trüben Gewässern des |, Chauvinismus. f. Man sieht also, wie der Chauvinismus seine j. finsteren Fittiche langsam aber sicher um die ganze f Welt ausbreitet. Und wahrlich! die Jahrhunderte | - lange und schwierige Zivilisationsarbcit der Kul« t ' turmenichheit seit der Rennaissance läuft Gefahr, s Lurch die Krallen des Chauvinismus zernagt zu j_. werden und die Menschheit in die Barbarei zu- P rückzuversenken. Daß dabei das jüdische Volk in erster Linie die Zeche LN zahlen haben wird, ist klar. Schon jetzt - haben wir bereits viel, sehr viel Tribut dem Moloch r des Chauvinismus gezahlt. Und wo die Rettung? — jF ' Es ist Pflicht eines jeden, der über das Wort oder über die Schrift verfügt, bei jeder nur geeigneten p,- Gelegenheit für eine scharfe Scheidung der Grenzen i}:'. des Nationalismus von dem Chauvinismus einzur treten, — vielleicht gelingt es dann, dem Chauvik nismus einen Damm zu setzen, vielleicht. . . iT 8. H.—n. Brief aus Ungarn. Der 20. August Anno dvinini 1909 bedeutet eine neue Periode in der Geschichte der ungarischen antisemitischen Bewegung. Der Antisemitismus, der bis zum Weihetag des ersten ungarischen Königs, des heiligen Stephanus, das ausschließliche Privilegium des gedankenlos nach Instinkten handelndeü Mobs gewesen zu sein schien, hat durch de» Hirtenbrief des Großwardeiner Bischofs Lanyi die Freizügigkeit für das Salonparkett errungen. Bischof Lanyi benutzte nämlich die Weihe des Stephanstages, um von der Kanzel herab eine glühende Philippika „gegen die gefährliche Internationale, das zweifelhafte, unsichere Element der freim a u e r i s ch e n Iudenheit" zw schleudern. So hat denn der moderne Haman im Grenzpolizeibezirk Bortfeld, Polizeihauptmann B ä n o, für die Taten seines Judenhasses die kirchliche Weihe erhalten. Als Spezialität betreibt dieser Edle die Austreibung all' derjenigen Inden, deren Geburtsschein nicht in ungarischer Sprache geschrieben ist. Erst jüngst machte sein Gewaltakt gegen eine brave jüdische Familie Aufsehen, deren Familienvater er auswies, weil er aus Galizien stammte. Das ganze Dorf mit samt bcm Richter und dem griechisch - katholischen Geistlichen — mit Ausnahme von 4 Bauern — petitionierte» für den Unglücklichen, bescheinigten und beschwuren seine Ehrlichkeit und die Integrität seines Charakters; es half nichts. Chikanc folgte auf Chikane. Am Tage, wo die Gnadenfrist seines ungarischen Aufenthaltsrechtes abgelaufcn war, wurde er Schlag Zwölf aus die Polizei geschleppt und von dort nach der Grenze des Nachbarreichs, aus dessen Staatsverband auszutreten er gezwungen war, abgelicfert. Seine Frau, eine geborene Magyarin, gab einem unreifen Kind das Leben und schwebt, fern von ihrem Beschützer, zwischen Tod und Leben. Zwei kleine Kinder, die unterdeß der väterlichen und mütterlichen Hilfe cntratcn mußten, sind erbarmungslos zugrunde gegangen. — Rekurse, Eingaben gaben und Rckriminationen halfen nichts, denn der Referent dieser Aktenstücke, die das Treiben dieses privilegierten Holigans dokumentarisch bescheinigen sollten, ist ein Vetter von ihm. Ist es unter solchen Umständen nicht tragikomisch, loenn unsere jüdische Aristokratie das Allheil durch edles liberal-tolerantes Tun suchen? So hat der frisch geadelte Baron Deutschde H a t v a n als Zeichen seiner kurzsichtigen Weitlicrzigkcit gelegentlich seiner Erhebung zum Rittertum seiner Geburtsstadt eine katholische Kirche gespendet. Diese hohe „Edcltat" klingt umso komischer, wenn man weiß, daß der gleiche Edelmann der Oberstudiendirektor des Budapestcr jüdischen Lehrerseminars ist. _ Zioni. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M.» 1. Sept. In der heutigen öffentl. Ausschußsitzung der jüd. Gemeinde verlas Herr Daniel Wormser eingangs das Protokoll der letzten Sitzung, dem zu entnehmen ist, daß in dieser Sitzung die Aufnahme in den Jahresbericht des Philanthropins der Aeußerung des Stadtrats Horkheimer gelegentlich der Einweihung des Philanthropins („Halten Sie fern von den Pforten dieser Schule veraltete Gebräuche und Anschauungen, auf denen der Moder von Jahrtausenden liegt, die für manche der Inbegriff der Religion sind oder angeblich dafür gehalten werden"'» einmütig gerügt wurde. Die Ausschußmitglieder nahmen zustimmend davon Kenntnis, daß der Vorstand der Jüd. Bibliothek und Lesehalle neben der jährlichen Subvention von 300 Jk eine einmalige Subvention von 300 Jk gelegentlich deren Umzuges bewilligt hat, genehmigten die Kosten für die Renovierung des Friedhofssprechraumes, die Anstellung eines Portiers im Gemeindehospital und die neue Schulgeldskala des Philanthropins (bisher 2 Jahre 100 Jk, 2 Jahre 125 Jk und dann 150 Jk; nunmehr 2 Jahre 100 Jk und dann 150 Jk), welche Aenderung eine Mehreinnahme von 3000 Jk erbringen dürste (die Ausgaben des Philanthropins sind wesentlich gewachsen, nach der neuen Gehaltsordnung sind allein 18 000 Jk mehr an Lehrergehältern aufzubringcn). Zum Kapitel „Friedhofssprechraum" stellte Herr Hugo Fräukel den Antrag, dem Sprechraum einen abgegrenzten Anbau anzufügeen, damit auch Kauhanim bei den Leichenfeierlichkeiten den Sprechraum betreten dürfen; der Antrag wurde dem Vorstande zur Erwägung übergeben. Berlin. Faßt man ins Auge, daß unter etwa 500 jüd. Blinden Deutschlands 125 bis 150, unter 15 Jahren sein dürften, so muß man anerkennen, daß die Errichtung einer Erziehungsanstaltfür blinde jüdische Kinder eine dringende Aufgabe ist. Es ist deshalb lebhaft zu begrüßen, daß sich ein Komitee zur Gründung eines Vereines gebildet hat, der die Errich¬ Nr. 34. tung und Leitung einer derartigen Anstalt bezweckt. Die konstituierende Versammlung des Vereines wird am 5. September, vorm. 11 Uhr, Neue Friedrichstr. 35, stattfinden. Die vorläufige Geschäftsstelle ruht in den Händen des Herrn William Neumann («0. 18, Elisabethstr. 28/9). Hannover. Die Srmon'sche Stiftung zu Hannover und der Deutsche Verein für ländliche Wohlfahrts- und Heimatpflege (Vorsitzender Professor Sohnrey) haben gemeinsam ein Buch herausgegeben „Der Schulgarten des Jn- und Auslandes", verfaßt von Lehrer Bernhard Cronberger in Frankfurt a. M., dem Vorsitzenden des Vereins für Kleingartenbau. Diese hübsch ausgestattete Schrift, 244 Seiten stark mit 12 Gartenplänen .versehen, kann vom Verlag der Deutschen Landbuchhaudlung in Berlin bezogen werden. Die Schrift soll der Verbreitung von Schulgärten dienen, und zwar von Schulgärten, mit denen nicht nur botanische Lehrzwecke verbunden sind, sondern in denen den Kindern i,n schulpflichtigen .Alter gewisse Kenntnisse im Obst¬ und Gemüsebau vermittelt werden sollen. Hierzu bietet die vorliegende Schrift reichliche Anregung, indem sie bestehende Mustereinrichtungen schildert und Anleitungen gibt, wie eilt Schulgarten einzurichten und zil bewirtschaften ist. Die Simon'sche Stiftung hat es iu der kurzen Zeit ihres Bestehens vermocht, die Gründung einer größeren Anzahl solcher Schulgärten an jüoischen Lehrerseminarieu, Internaten, Schulen re. zu verwirklichen. Ueberall sind damit gute Erfahrungen gemacht worden. Der gesamte Unterricht hat dadurch eine wünschenswerte Bereicherung erfahren, die Kinder haben durch diese gesunde Beschäftigung mancherlei Nützliches gelernt, und insbesondere, wo es sich um kleine Gemeinden handelt, hat der Schulgartenunterricht auch schon dazu beigetrageu, das Interesse der älteren Generation am Gartenbau zu vertiefen. Jüdische Lehrer, die sich dieser Lehrbetätigung widmen, haben von der Simon'schen Stiftung namhafte Subventionen erhalten und einigen ist auch die Möglichkeit geboten worden, besondere Ausbildungskurse an Obst- und Gartenbau-Schulen mitzumachen, um sich die Fähigkeit zur Erteilung des Schulgarten- Uirterrichts anzueignen. Von der Verbreitung der vorliegenden Schrift ist auch eine Verbreitung der Schulgärten an jüdischen Schulen zu erhoffen, die von der Simonschen Stiftung ,nit Rat und Tat gefördert wird. Jüdische Lehrer oder Unterrichtsanstalten, die sich für die vorliegende Schrift interessieren,, können sie von der Simon'schen Stiftung besonders billig beziehen. Ihre Lektüre sei allen empfohlen, denen eine möglichst vielseitige Erziehung unserer Jugend am Herzen liegt. Liffa. Am 5. September feiert das Siechen- und Krankenhaus „W o l l h e i m ' s ch e Stiftung" sein 50 j ä h r i g e s B e st e h e n. Die Anstalt wurde von Joseph Wollhcim-Wieu, einem geborenen Lissaer, gegründet und hat sich ständig in erfreulichster Weise fortentwickelt. Großbritannien. London. Die im Dezember des vergangenen Jahres verstorbene Lady Goldsmid hinterließ 9 Millionen Mark für Wohltätigkeitszwecke. Der größte Teil dieser Summe fiel an interkonfessionelle Anstalten; von jüdischen Institutionen erhielten je 40000 Jk: „Jewish Board of Gardians", „Jewish Association for the Protection of Girls", „Jewish Religious Education Board", „Anglo- Jewish Association" und „Emily Harris' Home for Jewish Working Girls". Rußland. . Petersburg. Der Handelsminister hat nun Vorschrift en für jüd. Handelsreisende ausgearbeitet. Danach dürfen sich diese außerhalb des Ansiedlungsrayons kurze Zeit aufhalten, und zwar: in de» Gouveruementsstädten vier Tage, in den Kreisstädten drei Tage, in Dörfern und Kolonien nicht mehr als 24 Stunden. — Der Kultusminister hat bei der Aufnahme von Juden in Privatgymnasien die Prozent norm angcordnet. Bisher wurden Juden iu denselben, ohne jede Beschränkung ausgenommen. Shitomir. Vorige Woche wurde in der Kolonie Matiewka eine jüdische Familie das Opfer eines Raub mordes. Zale Frankel, seine Frau und sein 23jähriger Sohn wurden des Nachts überfallen, erdolcht und auf grausamste Weise verstümmelt. Die Mörder sitzen bereits hinter Schloß und Riegel; — ob aber die Strafe so schlimm werden wird, wo es sich nur um Juden handelt? — Etwa ljunbevt Erdarbeiter, die auf einer benachbarten Eisenbahnstation arbeiten, überfielen den Laden eines Juden und raubten sämtliche Waren und sämtliches Geld. Als die Polizei nach zwei Tagen endlich erschien, leugnete die Bande die Tat, und so blieb sic außer Verfolgung.