Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 34 (3.9.1909)
- Date
- 1909-09-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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ZlrartkfHtrter fmdilifdirs familiralilitt. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In» und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1.50, sonstige Länder Mk. 2.— M-daKtiorl vnd Hefchaftsfielle: Srsnkfurr s. n?., vilbelerstraße 4/6, Ecke Lleichstraße Telefon 10507. Herausgeber: Aaltz t" Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 .. Platz» und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunst. ' ' 7. Jahrgang. Freitag, de« 17. Ellul 5669 (3. September 1909). Nr. 34. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Der „hohe" Rabbi Löw. — Fischen im Trüben. — Brief aus Ungarn. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Die Tochter des Kardinals. —Wo chen-Kalend er.—Familiennachrichten. Der „hohe" Rabbi Löw. lZu seinem 300. Todestage: 18. Ellul 5060.) Bon Dr. Jsak Unna, Rabbiner in Mannheim. Das Jndcntnni hat keine Mythologie. Die Urgeschichte unseres Volkes liegt nicht in einem nebelhaften Dunkel, in dem sagenhafte Gestalten von Heroen und andere Ausgeburten der Phantasie zu entstehen pflegen, auch die Entwicklung unserer Stammväter und ihre Tätigkeit ist vom hellen Lichte der Gottcslehre beleuchtet. Und die Versuche, Israels Ahnengeschichte ebenfalls wie die anderer Völker zu einer Legendensammlung herabzudrücken, werden durch die AusgrabnugKr mehr und mehr auf ihre Wertlosigkeit und Nichtigkeit zurückgeführt, Nichtsdestoweniger hat auch die Phantasie des jüdischen Volkes nicht geruht, hat das Haupt so manchen großen Mannes mit einem duftigen Kranz von Sagen umwunden und ihm so im Andenken der Nachwelt einen verklärenden Nimbus verliehen. Das liegt eben im Wesen der Volksseele, der das tatsächliche Wirken der Geistcshelden nicht genügt, die vielmehr das Bedürfnis fühlt, ihre Tätigkeit und ihre Lebensschicksale auszuschmücken und ins Wunderbare zu erheben. Aber der Umstand, daß gerade diese Männer den Gegenstand solcher Volkserzählungen bilden, ist selbst ein Beweis für ihre Größe und für den tiefen Einfluß, den sie ans die Zeitgenossen ausgeübt haben. So knüpften sich — um nur ein Beispiel zu nennen — an die Lebensgeschichte Raschis von seiner Geburt bis zu seinem Tode solche wunderbare Erzählungen. Aber auch bei. Männern, die nicht von so überragender Bedeutung waren, finden wir solche Legenden, und es sind namentlich Vertreter der Kabbala, die hier ein großes Kontingent stellen. Die Kabbala ist nicht, wie manche oberflächliche Geschichtsschreiber es hinstellen . möchten, eine Ausgeburt der Phantasie, auch nicht bloß ein philosophisches Systeni, sie enthält zweifellos Bestandteile alter Prophetenwissenschast, die schon im Talmud als „Maase Bcreschith" und „Maase Merkaba" erwähnt wird, und die sich auf die tieferen Zusammenhänge zwischen Gott, Natur und Menschenleben bezog. Es lag nahe, daß man Männern, die ein solches Wissen von höheren Dingen besaßen, auch eine wunderwirkende Kraft zuschrieb, abgesehen davon, daß nach der jüdischen Anschauung von der Allmacht Gottes ein etwa durch das Gebet herbcigesührtes übernatürliches Eingreifen in den Gang der Ereignisse zu den realen Möglichkeiten gerechnet werden muß. Zu den Männern, die sowohl wegen ihrer geistigen Bedeutung, als auch wegen des zuletzt erwähnten Moments populär geworden sind und dadurch auch den Mittelpunkt einer Reihe von Legenden bildeten, gehört der „hohe Rabbi Löw", mit. seinem eigentlichen Namen R. Jehuda (Löw) ben Bezalet, in jüdisch-wissenschaftlichen Werken „Maharal in Prag" genannt. Prag war von jeher eine der angesehensten und hervorragendsten jüdischen Gemeinden, an deren Spitze bedeutende ralmudische Autoritäten standen; ihnen ist auch R. Löw bcizuzählcn. Seine Vorfahren leiteten ihren Ursprung vom davidischen Königshause ab. Sein Großvater hatte drei Söhne, von denen er zwei dem Talmuvstudium widmete, während der älteste, R. Bezalel, ihm im Hause behilflich sein sollte. Als sich der letztere, der besonders scharfsinnig war, darüber beklagte, gab ihm der Vater den Segen, daß alle seine Söhne Gelehrte sein mögen. In der Tat hatte er vier ausgezeichnete Söhne, von denen der vierte und jüngste, R. Löw, im Jahre 5272 geboren wurde. Mit hervorragenden Gcistesgaben ausgestattct, wurde R. Löw bald eine Leuchte in der Tbora. lieber seine Verheiratung wird eine merkwürdige Geschichte erzählt. Er verlobte sich, 32 Jahre alt, mit Perl, der tugendhaften Tochter des R. Samuel aus Prag, der einer der reichsten und angesehensten Männer der Genieinde ivar. Durch verschiedene Unglückssälle aber verlor er sein Vermögen und stellte nun dem Schwiegersöhne frei, das Verlöbnis aufzulöscn. R. Löw antwortete, daß er sein Wort dennoch halten und die Jungfrau heiraten werde. Diese hatte inzwischen durch den Verkauf von Brot und anderen Lebensmitteln sich und ihre Eltern ernährt. Es waren damals Kriegszcitcn, und eines Tages kam ein Reiter dahergesprengt, stieß seine Lanze in einen Laib Brot und wollte mit der Beute davoneilen. Sie aber fiel ihm mutig in die Zügel, stellte ihm vor, daß sie und ihre Eltern arm seien, und bat ihn, er möchte ihr doch das Brot bezahlen. Ter Reiter antwortete, Geld habe er nicht, er »volle ihr aber sein Tuch als Pfand lassen, das sie behalten dürfe, »venu er das Geld nicht binnen 24 Stullden bringe. Ter Reiter kain nicht wieder zurück, und als sie das Tuch öffnete, fand sie eine Menge Goldstücke darill. R. Löw wurde schon mit jungen Jahren zum mährischen Landesrabbiner ernaimt rind genoß als solcher großes Ansehen. Er sorgte nicht nur für das Thorastudium, sondern war auch bemüht, im Gemeindewesen segensreiche Institutionen zu schassen. Im Jahre 1573 kam er nach Prag, wo er zuerst 11 Jahre, dann noch einmal vier Jahre (1588—1592) an der Klaus wirkte; in der Zwischenzeit war er in Posen. Im Jahre 1597 wurde er zum Oberrabbiner von Prag ernannt und blieb dort bis an sein Lebensende. Er wurde in allen Kreisen hochgeschätzt und verehrt. Schon seine äußere Gestalt flößte Ehrfurcht ein. Dabei ivar er von bescheidenem, liebenswürdigem Wesen; nur >vo es sich um die Ehre der Thora und um das Einschreiten gegen die Gcsetzesverächter handelte, war er von unerbittlicher Strenge. — Beim Studium trat er für eine systematische Lehrweisc ein; man solle zuerst die schriftliche Lehre, dann die Mischna kennen 1 lernen und sich dann erst dem Talmud zuwenden. 4 Insbesondere wandte er sich gegen diejenigen,! die ohne richtige Grundlage gleich den Talmud studierten und hier durch pilpulistische Kunststücke ihren Mangel au gründlichem Wissen zu ver- | decken suchten. | R. Löw hat die jüdische Literatur durch J zahlreiche wertvolle Werke bereichert. Er schrieb j unter dem 'Namen „Gur Arjeh" eine Erklärung 1 zum Raschikommentar auf die Thora, ferner j „Ben Hagola", eine Erläuterung zu verschiedenen?f aggadischen 'Aussprüchen des Talmud, worin er j den tieferen Sinn derselben darlegte, eine Er- 4 täutcrung zu dem Pirke 'Aboth „Terech Hacha- 4 jim", und viele andere kleinere 'Abhandlungen. st Bon seinen Kommentaren zum Talmud und sei- { neu Responsen ging der größte Teil bei einem j Brande im Jahre 5749 zugrunde. Ucbcrall zeigt! er sich als gerader Denker, dem cs nur um j die Wahrheit zu tun ist. 'Auch die profanen Wissenschaften, besonders j Mathematik und Philosophie, waren 'ihm nicht s fremd geblieben. Seine Beschäftigung mit der. ] Kabbala gab, wie schon früher bemerkt, Anlaß 4 zu mancherlei Erzählungen, die über ihn im j Volke verbreitet waren. Die bekannteste ist die j Geschichte von dem Golem, dem er durch eine, st Kamea, die er ihm in den Mund legte, Lebens--- 1 geist einhauchte, und der ihm dann die Stelle eines Dieners versah. Vor Sabbat jedoch nahm , ^er dem Klotz die Kamea ab. Einmal hatte er dies vergessen, der Golem ward wütend und richtete - die größten Verwüstungen an. Man lief eiligst . zum Rabbi, und da man in der Altneuschul ° noch nicht den Sabbat eingeweiht hatte, so konnte er dem Golem noch das Amulet abnehmen, sodaß er leblos zusannnenstürzte. Auch an seinen Verj kehr mit Kaiser Rudolf II. knüpften sich mancher- H lei Legenden. Es ist aber zweifelhaft, ob er nur i einmal eine Audienz bei ihm hatte, von der im; „Zemach David" des David Gans berichtet wird, deren Gegenstand aber unbekannt geblieben ist, oder ob er öfters mit dem Kaiser zusammenkam. R. Löw starb 97jährig am 18. Ellul 5360 -j und wurde neben seiner edlen Gattin Perl auf j dem Prager Friedhof bestattet. Wie er in seinem Leben bescheiden gewesen war, so wollte er auch, daß auf seinem Grabmal nur sein Name N. Jehuda ben Bezalel ohne rühmende Ephftheta aus- . gezeichnet werde. Sein Sohn R. Bezalel war ihm im Tode vorangegangen. Seine Töchter wur-; den an hervorragende Talmudgelehrte ver- ' heiratet. Fischen im Trübe«. Eine politische Betrachtung. Fischen im Trüben ist von aller Welt als - verwerfliches Werk verpönt, und doch — - doch: ist ° diese Unsitte von jeher eine alltägliche Erscheinung im menschlichen Treiben, sowohl im Individuellen ~ wie im Parteilichen, wie im Bolklichen» gewesen, so daß sie zur allgemeinen Sitte geworden, und , wenn auch gar viele Unsitten zur menschlichen