Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 33 (27.8.1909)
- Date
- 1909-08-27
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 3 Nr. 33. Frankfurter JfraeMschxs FamilieMatt. „Die einzige Hoffnung, die ich hegen kann, ist, daß die russischen Inden erfüllt werden mit genügender moralischer Kraft, um der Unterdrückung widerstehen zu können, wie sie ihr widerstanden in vergangenen Zeiten. Die Emanzipation Jiußlands liegt scheinbar noch in weiter Zukunft und die Juden können bloß stehen und warten. Wenn ich auf mein Leben in Rußland zurückblickc, wundere ich mich oft, wieich es zuwege brachte, es solange auszuhalte». Ihr Blatt brachte seinerzeit die Mitteilung, wie id) von einem Polizeimann in Odessa überfallen wurde. Id) wurde von einem Polizeibeamten plötzlich ohne Grund attackiert und nick)t unerheblich verletzt. DaS find Ereignisse, denen die Juden konstant ansgesetzt sind. Dies erscheint jedoch nur aus der Entfernung so unerträglid). Die Anpassungsfähigkeit unserer Rasse kennt keine Grenzen. Unser Volk in Rußland geht ebenso in Theater und hat seine Unterhaltungen wie rsic hier. Es kommt ein Pogrom, sie haben eine unangenehme Wodic, aber das normale Leben ist bald wieder hcrgestcllt." „Aber die Neigung zu Unterdrückungen ist immer vorhanden?" „Das ist allerdings wahr." „Wie ist jetzt die wirtsd)aftlid)e Lage der Juden in Rußland?" „Sie ist schlechter, als sie je war. Die Konkurrenz ist stetig im Wack)sen begriffen, da Rußland im großen und ganzen sich in der Entwicklung befindet und die Juden nick)t die Möglid)keit besitzen, ihre Tätigkeit auszndchncn. Die Einsührung von Maschinen hat eine große Zahl von Hilfsarbeitern arbeitslos gemacht; die Begrenzung des Ansicdlunnsrayons und die Feindseligkeit ihrer christlichen ArbeitSgenossen, die selbst innerhalb des Ansiedluugsrayviis sick) gegen die Zulassung von jüdischen Arbeitern in die großen modernen Fabriken anflehncn, mack)t es den letzteren unmöglid), sich den neuen industriellen Bedingungen anzupasscn. Selbst diese wirtsd)aftlid)c Notlage der Inden wird die ruffifcfjc Regierung nickst veranlassen, Erleichterungen herbeiz,cführe», da sie es nur zu gerne sieht, wenn die Inden immer mehr verelenden und zugrunde gehen." „Woher soll die moralische Kraft kommen, auf welche Sie angespielt haben?" „Ich suche sie in der zionistischen Bewegung, obgleich ich außerordentlick) die Tatsache bedauere, daß diese Seite des Zionismus sehr stark vernach- . lässigt wurde. Die Führer der Bewegung haben zu viel Zeit mit wirtsd)aftlid)en Theorien und politisck)en Aspirationen vergeudet. Die materielle Seite des Zionismus wurde auf Kosten der moralischen Seite zu sehr in den Vordergrund geschoben, aber ich hege nock) die Hosfnnng, daß dies nock) gut gemacht und ein neuer Geist in die Herzen der russischen Juden einziehen wird." Rußland. Petersburg. Daß das Unterrichtsministerium nach und nach mit fanatischer Wut die Inden vonjeglichcrBildnngsmöglichkcitans- 7 ch a l t o t und dabei jetzt rigoroser als in den sdilimmsten Reaktionszeiten Alexanders III. verfährt, hat man in den letzten Wochen fortgesetzt erfahren müssen. Sv eben hat es sich jedoch zu einer Maßnahme ausgeschwungen, die ob ihrer Kleinlick)keit besonder, ck)arakteristisch ist. Als im russisch-japanischen Kriege auch etwa 60 000 jüdische Soldaten unter den rnssisck-en Fahnen standen und alle Bitternisse des außerordentlich harten Feldzuges kosteten, da traf die Regierung aus einem gewissen Schamgefühl heraus durch allerhöchsten Befehl vom 20. August 1005 die Verordnung, daß die Kinder der jüdischen Krieger unabhängig von der bestehenden Prozentnorm in die höheren Schulen auszunehmen seien. Augenblicklich gibt nun der Untcrrichtsministcr bekannt, daß diese Verordnung nur für die Zeit des Krieges Geltung gehabt hcrbe, jetzt aber nicht mehr anzuwenden sei. — Mag dieser Kommentar auch noch so absurd sein und noch so sehr dem Wortlaut des kaiserlichen Befehls zuwiderlaufen, was macht es für den fanatischen Reaktionsminister, wenn nur der Zweck der Judcnbedrückung erreicht ist?! Odessa. In der Sitzung der Stadtduma, die beschloß in einem Gesuch an den Zaren um Ausschluß der Juden von den Wahlen zur R e i ch s d u m a zu ersuchen, waren die jüdisck)en Stadtverordneten nick)t amvescnd. Für das Gesuck) ivurden drei verschiedene Texte vorgclegt. Der eine enthielt die Bitte um die Bildung einer besonderen jüdUckien Wahlkurie — und wurde als „zu liber^j» 'Zerworfen. Ein anderer Text empfahl frie Zulassung 311 10 Prozent der ^samten Wählervom 7->o'J^enden der hiesigen 'brackiter ptt1' \ "6'Ml Michael", Pelikan, ' den Wableden Vorschlag, tue Juden id,lieüe,, si. zur Reichsdnma gänzlich auszuein ei- --»egen diesen Vorschlag sprach sich nur --aziger Stadtverordneter, Professor Korsch, aus, .ct darauf hinwies, daß eine Aenderung der Wahlordnung nur ans gesetzgeberischem Wege erfolgen könne. Prof. Korsch hob ferner, hervor, daß an der Sitzung nur 32 Stadtverordnete teilnahmen, die nicht befugt wären, im Namen der Mehrheit von Juden zu 10 zahl. Der dritte, Abteilung des Vereins eingebrachier von der Stadtbevölkerung zu sprechen. Pelikan üüerchüttcte darauf den Professor mit Beschimpfungen, und empfahl seinen eigenen Vorschlag als einzige Rettung vor der „jüdisch-revolutionären Gefahr." Dieser wurde sodann auch mit 20 gegen 12 Stimmen angenommen. In der Motivierung wegen Neuaufstellung der Wählerlisten heißt es, die alten Listen wären von der früheren „revolutionären Stadtduma" aufgestellt morden. Dabei ist aber den Pelikan und Genossen ein kleines Malheur passiert. Es stellt sich näinlich heraus, daß die bisherigen Wählerlisten von Pelikan selbst und anderen Vorstehern der jetzigen Stadtduma untersck)riebeu sind. . . . Die ganze Heldentat dieses „Patrioten" sollte aber vergeblich sein. Die Vorschriften für die bevorstehende Ersatzwahl sind bereits offiziell publiziert ivorden, — und zwar i n unveränderter F 0 r m n a ch der bisherigen W a h l 0 r d n u n g. Die hiesigen Berbäudler werden nun wohl diese Enttäuschung durch eine Verstärkung ihrer „Tätigkeit" bei der' bevorstehenden Ersatzwahl wettzumachen suchen. „4t. I. K." Amerika. Rew-Uork. Auch Kanada verschließt sich mittellose» E i n w a n d e r e r u, indem es einen Besitz von 25 Dollars verlangt. Jüngst wurden aus diesem Grunde etwa 100 jüdische Einwanderer zurückgewicsen. * Aus der zionistischen Bewegung. Frankfurt a. M. Das Berliner Bureau der Palest iue Land' Development Company L t d.*) übersendet uns folgende Mitteilung: „Auf verschiedene Anfragen teilen wir hierdurch mit, daß die Zertifikate über die Aktien, deren Gegenwert bis zum 1. Juli d. I. bei den endgültigen Zahlstellen cingegangen ist, den' Aktionären bereits sämtlick) zugestellt wurden. Sollte irgend ein Aktionär das Zertifikat noch nicht erhalten haben, so bitten tvir um Mitteilung an das Büro der Gesellschaft in Berlin W. 15, Bleibtreustr. 34/35. Bei dieser Gelegenheit geben wir der Erwartung Ausdruck, daß die zahlreichen Freunde der wirtschaftlichen Ersck)ließnng Palästinas, die bisher noch keine Aktionäre unserer Gesellschaft sind, nunmehr mit dem Erwerb von Aktien nicht länger zögern werde». Der Ankauf, die landwirtschaftliche Vorbereitung und die Parzellierung von Land sind die lvichtigsten 'Arbeiten, die lvir in Palästina auszusühren haben, und eine Parzellierungsgesellschaft, wie cs die P. L. D. C. ist, ist deshalb eine der notwendigsten Institutionen. Wenn bei der Gründung unserer Gesellschaft deren Ziele leider nur vvn wenigen verstanden, von den meisten nick)t genügend gewürdigt und von manchen sogar bekämpft wurden und dadurch manche Palästinafreunde zu einer abwartenden Haltung veranlaßt wurden, so ist jetzt, nachdem sogar viele unserer früheren Gegner die absolute Notwendigkeit unserer Gesellschaft im Interesse einer systematisckien Kolonisation cinschen und eingestehen, eine fofdje abwartende Haltung nicht mehr am Platze. Zur Vermeidung von Mißverständnissen bemerken wir ausdrückllck), daß die Tätigkeit der P. L. D. C. nicht etwa mit der Tätigkeit der geplanten Agrarbank kollidiert oder durch dieselbe überflüssig wird. Die 'Agrarbank wird sich, um eine erfolgreiche Tätigkeit zu entfalten, auch hauptsächlich dem PerzellierungSgeschäst zuwenden müssen. Aber es iväre aus verschiedenen Gründen für unsere Interessen schädlich und gefährlich, wenn wir bis zu dem vorläufig noch ganz unbestimmten Zeitpunkte, in welchem die Agrarbank ihre Geschäfte beginnt, mit der Parzellierungstätigleit warten wollten. Vielmehr dürfen wir keine Zeit unbenutzt verstreichen lassen, und müssen sofort mit der Arbeit beginnen. Es ist daher Pflicht unserer Gesinnungsgenossen und ganz besonders unserer wohlhabenden Freunde, nicht länger in der Rolle stummer Zuschauer zu verharren, sondern durch zahlreichen Erwerb von Aktien an der Förderung der Kolonisation direkten Anteil zu nehmen. Wir hoffen, daß unsere aktiven Vertrauensmänner sich dessen bewußt sein werden, daß die Jnangrifsnahme und energische Fortführung der Kapitalwerbnng für die P. L. D. C. gegenwärtig zu den a l l e r w i ch t i g st e u 'Arbeiten gehört. The Palestine Land Development Company gez. O. Marburg, Vorsitzender des Direktoriums. gez. Dr. 'Arthur Ruppin, Direktor managing. p. L. Nähere Auskunft erteilt das Büro der Gesellschaft, Berlin IV. 15, Bleibtreustr. 34/35. 1 Gründeraktie d. P. L. D. C. kostet Lst. 50 —1025 Jk 1 gewöhnl. Aktie d. P. L. D. C. kostet Lst. 1 — 20 50 „ 1 Vorzeigeraktie d. P. L. D. C. kostet Lst. 1.1.6 — 22 „ Die P. L. D. C. ist laut ihren Statuten zum Verkauf von Aktien ans Teilzahlungen nicht berechtigt. *) Die „P. L. D. C." hat es sich zur Aufgabe gemacht, größere Landstücke zu erwerben, diese im Verlaufe von einigen Jahren durch jüdische Arbeiter unter der Leitung eines Agronomen in Kultur zu bringen, mit Straßen und Brunnen zu versehen NNit bann an Juden weiterzuverkaufen, D. Redakt. Zahlungen für Rechnung der P. L. D. C. nehmen blgende Banken entgegen: 1. The Jcwish Colonial Trust Ltd. London E. C., Walbrock Brook House. 2. The Anglo Palestine Company Ltd., Jaffa. 'Außerdem können neue Aktionäre der Einfachheit halber Aktienbeträge an das Bankhaus A. H. Heymann u. Co., Berlin NW. 7, Unter dcu Linden 59 überweisen." Aus der Lehrerwett. Berlin. Dr. Julius Oppenheimer, Prediger an der jüdischen Reformgemeinde, verschied im 84. Lebensjahre. — Burgkundstadt. RückzahlungvonSchul- Unterhaltungskosten. Trotzdem die hiesige Kultusgcnieinde seit 1652 eine Elementarschule aus eigenen Mitteln unterhält, wurden die Israeliten auch zur Unterhaltung der christlichen Volksschulen nntherangczogen. Auf Grund Art. 3 Abs. 2 des Schulbedarfgesetzes vom 28. Juli 1902 erhob der Kultusvorstand, Moritz L 0 n n e r st ä d t e r, gegen diese unbillige, unberechtigte und ungesetzliche Besteuerung Beschwerde und verlangte vom Stadtmagistrate, den Bedarf für die christlichen Schulen durch Sonderumlagen unter 4lusschluß der Israeliten zu erheben, was jedoch abgelehnt wurde. Infolgedessen wurde das verwaltungsrechtliche Verfahren eingeleitet. Das Königl. Bezirksamt in Lichtenfels und infolge eingelegter Berufung die Königl. Regierung von Oberfranken in Bayreuth und auch der Königl. Verivaltungsgerichtshof in München, als höchste Instanz, entschieden zu Gunsten der hiesigen Israeliten und die Stadtgemeinde wurde zur Rückzahlung der für Schulzivecke seit 1903 zuviel erhobenen Gemeindeuinlagen verurteilt. Budapest. In Tolcsva wurde Rabb. Samuel Gottlieb, bisher in Scbes-Kellemes, zum Rabbiner gewählt. Aus den Vereine«. Frankfurt a. M. „Montefiore-Verein". Am Donnerstag, den 2. September er., abends 9 Uhr, findet im Vcreinslokal eine Aussprache über die in, kommenden Winter-Semester geplanten Lehrgänge usw. statt. Diejenigen Mitglieder, welche sich an den Kursen zu beteiligen beabsichtigen, werden um ihre Anwesenheit am Donnerstag Abend ersucht. Bruchsal. Der Landesverein zur Erziehung israel. Waisen in Baden mit dem Sitz in Bruchsal hat jetzt 21 Jahre zurückgelegt und besitzt ein bares Vermögen von 255 000 Jk Der Verein, der kein Waisenhaus unterhält, hat 92 Kinder in seiner Fürsorge, die teils bei ihren 'Angehörigen, teils bei anderen geeigneten Familien untergebracht sind. Die Einnahmen aus Mitgliederbeiträgen und Tchenkungeu betrugen im Jahre 1909 13 000 Jk Die Tochter des Kardinals. Historische Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung). Als der Doktor bald darauf zu einem Kranken gerufen wurde, benutzte Tirza die erste sich ihr bietende Gelegenheit, ihre beiden alten Hansgenossen von dem ihr bevorstehenden großen Ereignisse in Kenntnis zu setzen. In ihrer Erregung gewahrte sie nicht» daß die beiden Alten ihre Freude nicht teilten und vielmehr bestürzt waren. Auch im Orte erregte die geplante Reise des allbeliebten Arztes eine an Bestürzung grenzende Aufregung sowohl unter den Juden, als unter Christen. An wen sollte man sich denn nun in Krankheitsfällen wenden? Etwa an den Bader, von dem man spöttelnd erzählte, daß er im Sold des Totengräbers stehe? Oder an den blutjungen Arzt, den kein Mensch kannte? — Nicht mit Unrecht wendeten sich die Erregten zunächst gegen den Stadtrat, dessen Vorgehen gegen die unschuldige Tochter des Arztes — unschuldig mußte sie doch sein, sonst hätte der Bischof nicht ihre Freilassung gefordert — das ganze drohende Unheil verschuldet hatte. Sie brachten cs iw Wirklichkeit dahin, daß der Obmann des Stadtrates sich mit den zwei Beisitzern zu dem jüdischen Arzt begab und in flehentlichen Ausdrücken um Entschuldigung bat wegen der Irrung, die die weisen Väter der Stadt sich hatten zu Schulden kommen lassen. Rabbi Jizchok nahm die Bittenden freundlich auf und versicherte, daß weder er noch seine Tochter ihnen das Vergangene nachtragen würden. Als sie dann jedoch die Hoffnung aussprachen, daß er die Reise anfgeben und in ihrer Mitte bleibe, erklärte er, daß er sich nach dieser Richtung hin auf nichts einlassen könne, die Gesundheit seiner Tochter habe durch die ihr wider-