Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 33 (27.8.1909)
- Date
- 1909-08-27
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4. fahrene Unbill gelitten, und könne sie sich hier in der Heimat, wo ihr so Unerhörtes begegnet, schwerlich so rasch erholen, darum könne er sein Vorhaben nicht ändern. Tirza's Befinden besserte sich nun von Tag zu Tag, und schon gegen Ende der nächsten Woche konnte Rabbi Jizchak dem Pater Anselmo mitteilen, daß er in den Morgenstunden des nächsten Montags die beabsichtigte Reise anzutrcten gedenke. . Es war am nächsten Samstag Abend. Eben hatte Rabbi Jizchak, zum letzten Male in der Heimat, die beim Ausgang des Sabbats üblichen Segenssprüche gesprochen und hatte die geflochtene Wachskerze in einigen Tropfen Wein aufzischen und erlöschen gemacht. 3knn leerte er den Becher in langsamen Zügen, langsam, ganz langsam, denn das Herz erbebte ihm. Was würde die beginnende Woche ihm bringen? ihm und dem liebreizenden jungen Mädchen, das ihn Vater nannte und das er liebte, wie nur je ein -Mann ein Weib geliebt. — Wann würde er die Heimat Wiedersehen, die ihm trotz allem unsäglich teuer? — würde er sie überhaupt Wiedersehen? — So viele Fragen und keine Antlvort. — Schwer aufatmend tauchte er die Finger in den Wein, in dem die Kerze erloschen und berührte mit den weinfeuchten Fingern die Augen, als wolle er die in denselben aufsteigende Träne zurückdrängcn. — Da neigte Tirza das liebliche Köpfchen vor ihm. ,Milkst Du mich segnen, Vater?" Segnend legte er die Hände aus ihr Haupt . und ließ sie dann liebkosend über ihre rosigen Wanken niebergleiten. Zärtlich sorgend blickte sic zu ihm empor. „Der heutige Tag mit seiner Fülle von Besuche» war zu viel für Dich, Väterchen, Du solltest Dich bald niederlegen." ... „Ich werde den weisen Rat meines Töchterchens 1? bald befolgen, denn ich fühle mich mehr erinüdet als gewöhnlich; ich will nur —" Er ward unterbrochen, die Tür ward aufgerissen, — und ohne anzuklopfen, stürzte Graf Arnulf von Turnek in das Zimmer: „Pardon, Doktor! — Pardon Jungfer!" — Die Sprache versagte ihm, er war vollständig atemlos, mit Gewalt drückte er die Hände gegen die wogende Brust, als müsse dadurch das wilde Herzpochen sich mäßigen. „Setzt Euch, Herr Graf," sagte der Arzt, indem er ihn in einen Sessel niederzog. „Ihr seid vermutlich zu rasch gegangen, oder vielmehr gelaufen." „Mag schon sein," stammelte der Graf, der .sich nicht so rasch erholen konnte, „zwei Pferde Hab' ich beinahe zu Schanden geritten — eben bin ich angekommen-und bin sofort hierher gerannt." — Er sprang auf und faßte den andern an beiden Schultern. „Doktor! Doktor! — was habe ich von Euch hören müssen! — Ihr wollt fort von hier mit Eurer Tochter! — wollet flüchten vor mirl" — „Das habt Ihr gehört, Herr Gras, daß ich vor Euch flüchten wollte? — Da seid Ihr falsch berichtet. Ich halte Euch für einen Ehrenmann, dem ich nach jeder Richtung hin vertraue, weshalb sollten wir vor Euch flüchten?" „Dank Euch für dieses gute Wort," erwiderte der Graf tiefaufatmcnd, „aber ist es denn nicht wahr, daß Ihr fort von hier wollet?" „Das ist allerdings wahr, aber habt Ihr denn nicht gehört, was meiner Tochter widerfahren ist? ' Schergen des Stadtrats haben sie überfallen und haben sie in den Kerker geschleppt, in dem sie über Nacht hat bleiben müssen, — und wenn der Bischof sich nicht in's Mittel gelegt hätte, wer weiß, was geschehen wäre!" — „Elende wahnwitzige Hallunlen!" schrie der Graf, mit dem Fuße stampfend, „daß ich da grade verreist sein mußte! — Wenn ich hier gewesen wäre, wäre das nicht geschehen, das könnt Ihr mir glauben." „Verzeihung, Herr Graf, Euer Verwalter war anderer Meinung, er meinte, es wäre ein Glück, daß Ihr nicht daheim gewesen seid, sonst hätten die Wahnsinnigen sich zu ihrer Beschuldigung noch mehr berechtigt gehalten. — Denn Ihr wisset doch, wessen sie meine Tochter ängeklagt hatten, daß sie —" „Ich weiß, ich weih, schonet das Ohr der Unschuld! — Was Werner meint, darauf ist nicht viel zu geben. Aber wenn in dieser Welt auch nicht alles am besten bestellt ist, das weiß ich: kein Mensch in der Welt wird es wagen, meine Gattin auch nur mit einem unehrerbietigen Blick anzuschauen, und darum bitte ich Euch, Doktor, darum flehe ich Euch an, gebet nrir Eure Tochter zur Frau! — Ich will sie lieben, will sie Hochhalten, will sie ehren, wie noch kein Weib geliebt und geehrt worden ist und auch Euch will ich ehren, mehr als ich meinen Vater geehrt habe, denn Ihr habt sie zu dem Juloel gemacht, bas. sie geworden ist — o, gebet sie mir!" — ,Hch danke Euch, Herr Gras," erwiderte Rabbi Jizchak, „für die hohe Ehre, die Ihr meiner Tochter erweisen wollt, aber ich glaube, Ihr habt ihr bereits vor einigen Wochen Mitteilung davon gemacht und — sie hat Euch geantwortet." „Freilich, freilich! — Spröde mit kühlem Dank hat sie meinen Antrag abgelehnt; darum bin ich Frimlfurker JsraeKÜWs FavcklienvLckt. Nr. 33. in Verzweiflung fort, hoffend durch Zerstreuung in der Ferne meine Liebe zu besiegen. Aber es ist mir nicht gelungen, ob nah oder fern, ich mochte tun, was ich wollte, ich dachte nur an sie, sehnte mich nur nach ihr. Darum wende ich mich jetzt an Euch —" „Herr Graf, Ihr werdet nicht erwarten, daß ich in dieser Angelegenheit einen Machtspruch tun oder gar meine Tochter zwingen sollte." „Wer spricht denn von zwingen! — ich würde nicht einmal wünschen, daß Ihr auch nur ein Wort zu meinen Gunsten reden solltet, wenn ich nicht überzeugt wäre, daß sie inir gut ist: — Das heißt, ich weiß sehr wohl, daß sie mich nicht so liebt, wie ich sie liebe — denn ich — ich — das Leben hat für mich keinen Wert ohne sie — es ist mir grabezu zur Last ohne sie, die ich liebe, die ich anbete wie meine Göttin —" „Verzeihet, Herr Graf, so darf man nicht reden." „Nicht?" er fuhr sich mit der Hand über die Stirn, „das müßt Ihr freilich besser wissen als ich — aber Eure Tochter ist für mich der Inbegriff alles Holden, alles Reine», alles Hehren. — Darum müßt Ihr sie mir geben, Doktor, — Ihr mußt! Ihr müßt! Ihr müßt! ,— oder Ihr habt es auf dem Gewissen, wenn ich vollends zu Grunde gehe." „Ihr unterschätzt Euch, Herr Graf! — Wenn auch im Augenblick gebeugt durch das Fehlschlagen dessen, was Ihr gehofft habt, so werdet Ihr Euch doch wieder ausrichtcn. Um Euch ist mir nicht bange!" Der Graf lachte grell auf. „Euch ist nicht bange um mich? — Nun ja, was kümmert es Euch, wenn ich zu Grunde gehe." „Graf Turnek! — so könnt Ihr reden? — kennt Ihr mich denn nicht?" „Verzeihet, in meiner Erregung habe ich meine Worte nicht bedacht. — Weiß ich doch nur allzu wohl, daß Euch das Heil jedes Bettlers am Herzen liegt, selbst das des elendesten Gauners. — Und darum Doktor, seid barmherzig! habet Mitleiden mit mir und mit allen den Armen und Unglücklichen, für die Ihr Euch so gern verwendet; Ihr wisset doch, daß Eure Bitte, eure Fürsprache bei mir nie vergebens ist. — Bedenket, was soll aus all den Unglücklichen werden, wenn Ihr Euch ihrer nicht mehr annchmet?" „Dann wird cs ihr Gutsherr tun!" Der Gras schüttelte schwer seufzend den Kopf. „Davon bin ich keineswegs überzeugt — im Gegenteil — ich sehe meinen sichern 3kuin vor Augen, wenn Ihr mir Eure Tochter nicht gebt. — Ich kann ohne Tirza nicht leben! — Nein, ich kann's nicht!" schrie er auf, „seid doch barmherzig, Doktor!" „Aber Herr Graf, ich weiß nicht, was Ihr von mir verlangt. Ihr sagtet soeben, daß meine Tochter mit kühlem Dank Euren Antrag abgelehnt habe und habt hinzngesügt, daß Ihr an einen Machtspruch meinerseits nicht denket. — Also, was soll ich tun?" „Das will ich Euch sagen. Eure Tochter hat meinen Antrag zwar abgelehnt, aber auf mein Drängen, hat sie mir doch gestauden, daß sie außer ihrem Vater keinen andern lieber hat als nrich. So viel Kühle in dieser Erklärung auch liegt, sie würde mir genügen, und ich glaube, auch Eurer Tochter. Aber sie behauptet, mich nicht heiraten zu können, weil sie Jüdin ist und ich Christ bin. Und das ist doch Unsinn, kolossaler Unsinn! — Das sollt Ihr ihr auseinander setzen." „Verzeihet, Herr Graf, dem könnte ich nicht entsprechen, denn auch meiner Ansicht nach ist eine eheliche Verbindung zwischen Christen und Juden unmöglich." „Nun ja freilich, Christen und Juden können einander nicht heiraten, das verbietet das Staatsgesetz. — Ist freilich ein Unsinn, ein kolossaler Uulinn. — Denn was ist der Unterschied zwischen Christen und Juden? Wir beten doch alle zu demselben Gott, wenn auch Euer Geistlicher die Messe hebräisch liest und unserer dieselbe lateinisch flüstert,. so ist das einerlei; der Gott dort oben versteht alle Sprachen. — .Das sollt Ihr Eurer Tochter klar machen und sollt ihr auseinander setzen, daß es eine harmlose, unschuldige Zeremonie wäre, wenn der Priester einige Tropfen Wasser auf ihr Haar sprengen würde. — Im Herzen aber kann sie ja Jüdin bleiben, kann glauben, was sie will, und beten, wie .sie will. — Mir wäre es ganz recht, wenn sie immer so-bliebe, wie sie ist, denn so wie sie ist, habe ich mich in sie verliebt, habe sie als die Reinste, als die Holdeste, als die Tugendhafteste erkannt. — Nun Doktor, wie ists, werdet Ihr mir beistehen?" Der Dottor schüttelte schwer aufatmend den Kopf. „Es tut mir leid, Herr Graf, cs tut mir sehr, sehr leid, einem Wunsche,' der Euch so sehr am Herzen liegt, nicht beipflichten zu können, — aber es ist unmöglich." „Unmöglich!" brauste der Graf auf. „Ihr wißt nicht, was Ihr sprecht! einem österreichischen Kavalier, einem Grafen Turnek ist nichts unmöglich!" Rabbi Jizchak richtete sich auf, und mit seinen blitzenden Augen schaute er dem Wilderregten fest in das zorngerötete Angesicht: „Ich weiß sehr wohl, was ich rede, aber Ihr, Graf Turnek, wißt nicht, was Ihr verlangt, und darum wiederhole ich's, eine eheliche Verbindung zwischen meiner Tochter und Euch ist unmöglich!" „Und wenn Ihr hundert- und wenn Ihr tausendmal sagt, daß es unmöglich ist/" schrie der Graf, „so sage ich Euch, daß sie dennoch mein wird! — das schw —" Er war aufgesprungen und hatte den rechten Arm wie zum Schwur erhoben, da fühlte er plötzlich, daß sich eine Hand auf seinen Arm legte und denselben niederdrückte. Das Wort erstarb ihn: in: Munde, hastig wandte er sich um, — der Arzt stand neben ihm, er hatte seine Hand auf den zum Schwur erhobenen Arm gelegt. „Schwöret nicht, Graf Arnulf!" Betroffen von dem tiefen Ernst, der in dem Gebahren des Arztes lag, senkte der Graf den Blick und nlurmclte einige vermutlich ihm selbst nicht recht verständliche Worte. Einige Augenblicke standen beide schweigend einander gegenüber. Dann begann der Graf abermals, doch mit seltsam belegter Stimme: „Wohin werdet Ihr Euch zunächst wenden?" „Nach Rom." „Ich werde Euch folgen — und wär's bis an's Ende der Welt." „Ich könnte. Euch nicht daran hindern, aber rate» könnte ich's Euch nicht." „Hol' der Henker Euern Rat, ich habe ihn nicht verlangt." „Das weiß ich — und dennoch — ich bin sonst nicht zudringlich mit meinem Rat — aber — ich habe Mitleid mit Euch —" „Ihr habt Mitleid mit mir!" rief der Graf, aus's neue Hoffnung schöpfend, „o, ich wußte cs ja, Ihr seid nicht so hartherzig, kein Leidender wendet sich vergebens an Euer edles Herz, Ihr werdet auch mich nicht der Verzweiflung preisgeben, Ihr werdet Eurer Tochter klarlegen —" „Daß sie das Richtige getroffen hat, daß — ich wiederhole es nochmals — eine Ehe zwischen Euch und ihr unmöglich ist." Der Graf stieß einen wilden Fluch aus und schien forteilen zu wollen. „Das habt Ihr mir nun bereits zum dritten Mal erklärt, wenn Ihr nichts Besseres wißt —" „Besseres weiß ich leider nicht," entgegnete Rabbi Jizchak, in seiner ruhig überlegenen Weise, „aber erklärt habe ich Euch noch gar nichts. — Ihr habt doch noch keine Erklärung von mir verlangt." Kopfschüttelnd blickte ihn der andere an. „Was wollt Ihr damit sagen?" „Nichts anderes als was ich gesagt habe. — Wenn Ihr droht, mir zu folgen bis an das Ende der Welt, um meine Tochter auch gegen meinen und gegen ihren Willen zu Eurer Gattin zu machen, so fühle ich mich nicht nur berechtigt, sondern geradezu verpflichtet. Euch die entsprechende Erklärung zu geben, auch wenn Ihr solche nicht von mir verlangt." „Ich verstehe Euch noch immer nicht." „Das könnt Ihr auch nicht. — Aber obgleich Ihr so eben versichert habt, daß für den Grafen Turnek Unmöglichkeite>l nicht existieren — eine Versicherung, die, wenn buchstäblich genommen, den Ehrenmann nicht verraten würde —, so will ich doch Euere schmerzliche Geniütserregung in Anschlag bringen und cs auch jetzt noch für unmöglich halten, daß Ihr Euer gegebenes Wort je brechen könntet." „Das ist auch unmöglich," versetzte der Graf, „ich sehe ein, ich habe mich in meiner Erregung falsch ausgedrückt." „Das weiß ich und darum nehme ich auch weiter keinen Anstand, Euch das mitzuteileu, >oas Ihr unter den obloaltenden Umständen wissen müßt. Doch verlange ich zuvor Euer Wort,'keinem Menschen und unter keinen Verhältnissen Mitteilung von dem zu machen, was Ihr in dieser Stunde erfahret." (Fortsetzung folgt.) Kaiser Friedrich Quelle ■ Offenbach a. M. »- - Gegen Gicht und Rheumatismus bewährt. Wocher»sKale«der. (Zeitangaben nach dem Lnach.) Samstag, den 28. August (— 11. Mul): Sabbat-Anfang in Frmckfurt a. M. 6 Uhr 50 Min. Sabbat-AuSgang in Frankfurt a. M. 8 Uhr 10 Min. in Berlin 7 Uhr 50 Min. Wochenabschnitt: Ki-seize. — Zunächst wird uns von der Aneignung eines kriegsgefangenen Weibes berichtet. (Die Erlaubnis, sie zu ehelichen, ist nach der Tradition gleichsam eine Konzession an den „bösen Trieb".) Das Erbrecht des Erstgeborenen. Die Bestrafung des ungeratenen Sohnes. (Eine Vorbeugungsmaßregel gegen spätere Entartung!) Schonung der Menschenehre auch beim Delinquenten, der gehängt wird. Zurückerstattung gefundenen Gutes. Strengzüchtige GeschieÜenheit der Geschlechter in Kleidung (und Sitten, nach der Tradition). — Eine Vogelmutter nicht samt den Jungen und Eiern zu nehmen. Am Hausdach Geländer anzubringen, um Blutschuld zu verhüten. Mischgattungen nicht im Weinberg anzusäcn. Tiere verschiedener Gattung nicht zu verbinden, ebenso Woll- und Leinenstoff in Kleidern. — Verleumdung einer. Jungfrau bezüg-