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Neue jüdische Presse · 1909-08-27 · Heft 33 (27.8.1909) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 33 (27.8.1909)
Date
1909-08-27
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite' 2. Frankfurter Israelitisches FamilienLlatt. Nr. 33. scheu SchriWeller. zu den großen Seltenheiten gehören, so mußten viele Talente ihre Feder in den Sand stecken und resignieren. So kani es also, daß die jüdischen Schriftsteller, die ihre Werke nur „nebenbei" verarbeiteten und keiner Redaktion unterwarfen, nichts Vollständiges dem Publikum boten. All diesem war Ben-Avigdor in der Lage abzuhclfen; er besaß die Mittel und die Fachkcnntnissc zum Redigieren und Verlegen. Getragen von dem großen Gedanken, einer großen Nation eine Literatur zu schaffen, suggerierte Ben-Avigdor diesen Gedanken all seinen Mitarbeitern, — und die Literatur entstand auch wirklich. Auch die Sprache ist seit Ben-Avigdor zu einer nie geahnten Entwicklung gelangt. Das ist das Neue an Ben-Avigdor, aber gleichzeitig das Gwße und Verdienstvolle. S. H-n. Londoner Chronik. - (Schluß). A chu d - Haam, der seit einigen Jahren in London als Kaufmann lebt und hier ein zurückgezogenes, stilles Dasein führt, ließ sich letzte Woche im Jcwish Chronicle über die Lage der russischen Juden vernehmen. Er tat cs nicht direkt, sondern durch das Medium des Interviews. Was er über die Teilnahme der Juden an der russischen Revolution vorbrachtc, ist recht wag und allgemein — ohne jede Verbindlichkeit —, denn Herr Achad-Haam ist ein sehr ruhiger stiller Herr und bleibt der Politik der Tat und des Kampfes fern. Aber was auf die Leser der großen jüdischen Zeitung Eindruck machte, ist seine pessimistische Ansicht über die Zukunft unserer Brüder in Rußland. Herr Achad-Haam, ein Mann von Genauigkeit und tiefem Ernst, dazu ein Kenner der russischen Judenfrage wie selten einer, stellt eine politische Prognose, die uns recht düster und trübe stimmen muß. Ein Volk von sechs Millionen Juden lebt unter einem Barbarenvolk, von dem es dem Untergänge zugetrieben wird, ohne jede Aussicht auf eine Besserung der Lage — trotz der Konstitution —, ohne Aussicht auf Erleichterung seiner Leiden und nur ein Objekt der Schiffahrtsgesellschaften. Es spricht schon für die ganze verzweifelte Lage der russischen Juden, daß ein so rein „geistiges Wesen", wie es unser großer hebräischer Essayist ist, der nur mit moralischen und geistigen Mitteln die Judcnfragc lösen zu können glaubte, das Bedürfnis empfand, sich über die konkrete Seite der Frage auszusprechcn. — — Die Hamburger jüdische Gemeinde, auf der Suche nach einem Rabbiner sich befindend, glaubte in England, im Lande der orgelreinen Synagogen, einen Jdealrabbiner zu finden. Sie annoncierte in hiesigen jüdischen Blättern; aber au- , statt Bewerbuirgen zu erhalten,' hat sie eine ganze Diskussion über den englischen „M i n i st c r" hcraufbeschworcn. Ein rabbinischer Spottvogel griff die Annonce der ehrwürdigen Hamburger jüdischen Gemeinde auf und stelle allerlei witzige und ernste Betrachtungen über die jüdischen „Ministers" in England an. Dieses „Essay" hat wieder eine ganze Diskussion und — Zänkerei in der jüdischen Presse in Londonhervorgcrufen. Bei dieser Gelegenheit erfuhr man allerlei Löbliches und Unlöbliches über unsere „Ministers". So z. B., daß* ihre Kenntnisse der Tora, der Wissenschaft des Judentums, mehr als eine bescheidene ist, und zwar nicht trotz, sondern gerade wegen des jüdischen Rabbinerseminars in London Seit zwei Jahren ungefähr werden die zukünftigen Rabbiner im Jewish College auch in Jore Deah uitterrichtet. Bis zu jener Zeit mußten sie sich mit einem bischen Mischna und Bibelübersetzung begnügen. Die Vorsteher dieses seltenen Institutes, das während seines langjährigen Bestehens keinen einzigen jüdischer! Gelehrten hervorgebracht, haben es, indem sie das System, keinem Zögling und Abiturienten „Hatoro" zu geben, aufstcllten, darauf abgesehen, die zukünftigen Rabbiner möglichst „niedrig zu halten",, damit sie gute Werkzeuge in der Hand der Parnessini sind. Mit anderen Worten: seit 20 Jahren tvird im Londoner Rabbincrseminar eine Generation von Ignoranten gezüchtet. Aus der Diskussion über die jüdischen Rabbiner in England, die nur von Rabbinern geführt wird, erfuhr man, das; ein Metzger, ivenu er keine Arbeit findet, rasch die fünf Schechitaregeln lernt und flink zum Schachet avanciert. Ferner erfuhr man, daß die jüdischen Ministers in der Provinz, die Schächter, Religionslehrcr und Rabbiner-in einer Person sind, nicht die geringsten Kenntnisse der Gesetze und der Traditionen besitzen. Herr Rabbiner Herbert I. Sandheim aus Swausa schreibt: „As often as not tbe officers at tlie head of the congregation are men without Knowledge eitlier of the governing art or of the 1 a w s and traditions of the Judaism". Ost müssen die „Ministers" jeden Freitag persönlich von Haus zu Haus ihre Schillinge oder Sixpence sammeln, denn ihr Honorar wird ihnen von jedem Gcmcindemitglied persönlich ausgchändigt. Oft werden sie beschimpft und zur Türe gewiesen, oder mau bittet sic, ein anderes Mal zu. kommen. In jedem Falle tvird ihnen nur selten ihr Lohn ganz ausbczahlt. . So geschrieben im Jetvish Chronicle vom 20. August von eben einenl englischen Rabbiner. Was ftir „Ministers" bei dieser Lage der Dinge die Gemeinde bekommen kann, kann man sich denken. Gewiß gibt cs, auch in England ihres Berufes würdige Rabbiner, nur sind diese nicht im Londoner Jewish College, sondern in den russischen Jeschibot erzogen ivordcn. Soweit aber die englischen „Ministers" eine englische Erziehung bekommen, erstellen sie sich einer absoluten Ignoranz und genießen auch eine ihrem Wissen gemäße Achtung. Der ftühcrc Universitätsprofcssor und jetzige Chacham der orthodoxen Portugicsengcmeindc zu Londoti erklärte mir knapp und bündig: „Jüdische Wissenschaft ist hier verboten. Wer was kann, wird entweder verfolgt oder angeekelt, denn die .Herren Engländer mosaischer Konfession brauchen nur solche Rabbis, die zu allen ihren Wünschen Ja sagen." Und ein wirklich gelehrter und intelligenter Rabbiner geht darauf nicht ein. Will zuni Beispiel der jüdische Magnat ein ivaschechter Engländer sein, so hat er nur seinem gedungenen .Rabbi zuzuwinken, und der beeilt sich, rasch zu erklären, was der große Herr wünscht. Aus den Geschehnissen des Tages. Ein Jahr ist verflossen, seitdem die „Vereinigung für das liberale Judentum in Deutschland" als ihre erste Tat die Monatsschrift „Liberales I u d c n t n m" ins Leben gerufen hat. Außer Begründung einiger Vereine ist inzwischen von ihr nichts weiter geschehen, und so dürfte wohl die Monatsschrift am besten als Unterlage für die Beurteilung des Weges dienen, den die liberale Judenheit Deutschlands einzuschlagcn gewillt ist. An und für sich bedeuten ja 'die Organisierung und die Herausgabe einer Zeitschrift erfreuliche Lebenszeichen; sie geben aber noch keine Richtung an, und deshalb haben wir mit Aufmerksamkeit den Inhalt der Monatsschrift verfolgt. Der Inhalt aber hat uns enttäuscht. Acrztc und Rechtsanwälte philosophieren da über Dinge, bei denen ihnen die Sachkenntnis abgeht, und die Vorschläge, die gemacht werden, sind nur eine Neuauflage alter Ladenhüter. Mau gewinnt unwillkürlich den Eindruck, daß in den liberalen Kreisen die Männer mit wirklich jüdischem Wisse» allmählich ausgestorben sind und eine Oede zurückgelassen haben und daß die heuttgen leitenden Persönlichkeiten aus all den Mißerfolgen der Reform nichts lernten. Die häufig literarisch elegante Form der Aufsätze und Meinungsäußerungen vermag nicht über die oberflächliche Behandlung der Ideen hinwegzutäuschen. Nirgends klar umrissene, präzise Forderungen! Nirgends ein herzhaftes Zugreifen! Warum werden die als liberales Judentum ausgegebenen Prinzipien nicht endlich einmal auf ihre Zuverlässigkeit geprüft? Sind cs doch die Liberalen, die stets gegen die Erstarrung ins Feld ziehen? Wellhausen ist längst abgetan — nur nicht bei unseren Liberalen; für diese sind all die Ergebnisse, welche die Ausgrabungen im Orient und andere wissenschaftliche Untersuchungen inzwischen gebracht haben, gegenstandslos. Man muß ' erröten, wenn man sieht, wie als gesichertes Resultat der Wissenschaft wohl ein Beweis nach dem andern für die Originalität des Judentums erbracht wird, wie wenig aber liberale Rabbiner sich zu freudigen Verkündern dieser jüdischen Werte machen und wie sie es so versäumen, jüdische Erkenntnis und jüdische Begeisterung zu fördern. Oder warum tvird nicht für einen Unterricht cingctreten, der unsere Jugend des Hebräischen mächtig und mit der Bibel vertraut macht, — das einzige vernünftige Mittel gegen die Tausseuche? lind die für das Verständnis und die Erhaltung des Judentums notwendigen jüdischen Sitten und Bräuche, — wo wird für sie eine Lanze eingelegt? Mit einem Worte: Wie lautet das j ü d i s ch e Programm der liberalen Judenheit? Das sind alles Fragen, von deren Beantwortung die jüdische Zukunft jener Kreise abhängt, die sich jüdisch-liberal nennen. Und wenn hier keine Klarheit geschaffen wird, dann sind all die sicherlich gut gemeinten Orgaiiisieriingsbestrebungeii wertlos. Aus aiXex Weü. Deutsches Reich. Bad Ems. Zum zweiten Male würde hier die Kölner F e r i eu k o l o.n i e nntergebracht. Obwohl auch heuer noch mancherlei Schwierigkeiten zu überwinden waren, kann nunmehr sestgcstellt werden, daß diese schöne Einrichtung vollkommen geglückt ist. Die Herren Dr. mcd. O ch s und Dr. med. S tc r nb e r g-Köln haben /ich die denkbar größte Mühe gegeben, alles aufs Beste vorzubereiten. — Durch ihre eifrige Propaganda, wie infolge der großen Opferwilligkcit der Rheinland- Loge, sowie der israelitischen Wohltätigkeitsvcreine der Kölner Gemeinde war es auch möglich, die Zahl der Ferienkolonisteu bedeutend zu vermehren. Es ist besonders Sorge dafür getragen worden, daß die streng rituelle Verpflegung und religiöse Unterweisung der Kinder bei Herrn Lehrer M. U ck o - Ems in den besten Händen ist. Herr Lehrer B a u m - Köln hat die Kinderschar hierher begleitet und wird auch die ganze Zeit hier bleiben, um seinen Kollegen bei der Führung der Kolonie zu unterstützen. Die Herren Rabbiner Weingarten -Ems und Dr. med.amter-Ems bekunden ebenfalls ihr großes Interesse. Letzterem Herrn verdankt die Kolonie freies Baden im feinsten hiesigen diesbezüglichen Etablissement,, im „Röurerbad"; auch hat Herr Dr. Samtcr bereitwilligst die ärztliche Behandlung der Kinder übernommen. Morgens und nachmittags werden größere Spaziergänge gemacht. Ems — die Perle der deutschen Bäder —, rings von hohen und bewaldeten Bergen umgeben, bietet den Kinderen durch seine gesunde und reine Lust die nötige nötige Stärkung und Erholung. In dankenswerter Weise hat die Direktion der Malbergbahn den Kleinen einmal in der Woche freie Fahrt gestattet. Nicht unerwähnt bleibe, daß die Kinder sämtlich in Privatlogis untergebracht sind, wo man den Kleinen großes Interesse cntgegcnbringt und sie väterlich besorgt. So ist auch in diesem Jahre alles geschehen, um der Kinderschar den Aufenthalt hier so angenehm wie möglich zu machen. — Die Kolonie, aus 45 Kindern — 25 Knaben und 20 Mädchen — bestehend, traf am 10. August hier ein und bleibt bis zum 4. September. U. Leipzig. Ein erfreuliches Bild bietet der B e r w a l t n n g s b c r i ch t der Js r a e l. Religio nsgcmcinde für das Jahr 1908. Allein 44 Stiftungen mit einem Gesamtvcrmögen von 8ül 600 JL werden von der Gemeinde verwaltet. Außerdem bestehen noch eine Anzahl selbständiger Stiftungen. Die Einnahmen der Gemeinde betrugen im vergangenen Jahre Mark 127 000, davon an Steuern von 2128 Steuerzahlern 88 218 JL Bon den Ausgaben entfielen 25 000 Mark auf Unterstützungen, wozu noch die Ergebnisse aus den Stistnngcn mit 22 500 JL und aus iHrtraspcndcn mit 1138 JL zu rechnen sind. Könitz. Der kürzlich verstorbene Rentier David Herrmann, ein langjähriger Konitzer Bürger, hat der Synagogengemeinde in Könitz, deren Repräsentantenversammlnng er über 20 Jahre angehörte, verschiedene Legate in Höhe von 6500 JL zu wohltätigen Zwecken vermacht. Außerdem erhalten der jüdische Kranken- und Bestattungsverein und der jüdische Fraucnverein zu Könitz Legate von je 500 JL Ferner vermachte er der Synagogengemeinde Bartschrn (Kreis Schnbin) und der Synagogengeincinde Danzig Legate von 1000 bezw. 2000 JL, sowie dem Israelitischen Waisenhaus zu Graildenz 3000 JL Großbritannien. London. Ein Bertteter des „Jewish Chronicle" hatte ein Interview mit dem bekannten Schrift- \ steiler Ach ad Haam, der jetzt in London wohnt. Achad Haam sagte u. a.:

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