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Neue jüdische Presse · 1909-08-27 · Heft 33 (27.8.1909) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 33 (27.8.1909)
Date
1909-08-27
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Artikel: Die Renaissance der jüdischen Sprache und Literatur. — Londoner Chronik. — Aus den Geschehnissen des Tages. — Aus allerWelt. — Aus der zionistischen Bewegung. — Aus der Lehrerwelt. — Aus den Vereinen. — Feuilleton: Die Tochter des Kardinals. — Wo ch en-K alender. — Familiennachrichten. Die Renaissance der jüdische« Sprache ««d Literatur. Eigentlich setzte sie schon mit M. A. Ginzburg („Ramag" 1796—1846) und A. B. Lebensohn („Adam"- 1794—1818) ein. Ginzbnrg ist der Vater des modernen Stils, der modernen Prosa; Lebensohn der Vater der modernen Poesie. Alle beide haben es verstanden, sich von dem geschwulstigen Bombast des alten, unnatürlichen Melizo-Stils zu befreien und neue,,lebendige Laute anzuschlagen. Das Neue an ihnen war, daß sie eine natürliche Sprache führten. Freilich vermochten sie sich nicht ganz von dem alten Zopf zu emanzipieren, und hie und da ist in ihrem Stile ein Mißton der alten Gewundenheit bemerkbar, eine ganz natürliche Erscheinung, standen sie doch unter dem direkten Einfluß der ersten deutschen „Measfim" (Sammler) — nicht zu verwechseln mit den letzten g a l i z i s ch e n Measfim, deren Stil weit mvderner als der der ersteren ist —; auch darf nicht vergessen werden, daß den ersten Pionieren eine nwderne Schulung sowie allgemeine Bildung abging. Doch gar viel, sehr viel haben sie vom alten Abgeschmackten abgelegt nno Neues an dessen Stelle geschaffen, sodaß sie mit Recht als die eigentlichen Väter des modernen hebräischen Stils änzusehen sind und man begründeterweise von ihrem Auftreten als von einer neuen Aera, von einer Renaissance des Stils, derSprache sprechen kann. Aber nicht nur das, — sondern von der Epoche Ginzburg, Lebensohn — Vater und Sohn —, sowie A. Mapu darf auch von einer Renaissance der Literatur gesprochen werden. Gar viel ist in den letzten zwei Jahrzehnten von einer sogenannten neuen Aera in unserer Literatur („Hamhalech hechodusch besifrusenu") geschrieben worden, und zwar datiert sie von dem Auftreten des bekannten Schriftstellers „Ben-Avigdor", des Begründers der Verlage „Achiasaf" und „Tuschija", her. Was ist nun das besondere Merkmal dieser neuen Aera? Es heißt allgemein, daß mit Ben-Avigdor der R e alismus in der jüdischen Literatur Rußlands eingesetzt hat, während bis zu ihm die Romantik vorherrschte. Allein diese Behauptung ist grundfalsch! Einige der Grundmerkmale der Romantik sind die religiöse Nuance, die Sehnsucht nach der Vergangenheit und das Verherrlichen derselben und die Hinneigung zunr Rückschritt. Von all diesem ist herzlich wenig in den literarischen Produktionen der vor-ben-avigdor'schen Epoche zu verspüren. Nicht nur Sch. I. Abramowitsch in seiner Erzählung „Hoowaus wehabonim" (Väter und Kinder), Lilienblum in seinem „Chatas neurim" (Sünden der Jugend), wie Smolenskin in seinen „Kewuras chamaur" usw., auch die vielen anderen jener Epoche zeigen sich als waschechte Realisten, so I. L. Gordon und Mapu in ihren letzten Werken, — Mapu in den Schilderungen der ärmeren Klassen —; selbst Ginzburg erscheint in seinen! Hauptwerke „Awiäser" (eine Autobiographie) als Realist nicht nur in der Konzeption und Darlegung, sondern auch im Ausdruck. Was ist aber das Neue bei Ben-Avigdor? Die Eigenartigkeit seines belletristischen Talentes kann doch unmöglich — wenn sie auch noch so originell wäre — als eine neue Aera für die gesamte Literatur hingestellt werden; Talente und sogar, sehr bedeutende waren auch vor ihm. Nun ist es wahr, daß Ben-Avigdor es gewesen ist, der sich mit der Erschließung der allgemeinen Literaturen fiir die jüdischen Leser befaßte, indem er die bedeutendsten Werke aus den allgenleinen Literaturen übersetzen ließ und dadurch den jüdischen Lesern einen guten Geschmack, Entwicklung und Wissen beibrachte. Allein auch darin ist er nicht neu! «Ginzburg und Kalman Schulnian sind ihm mit Uebertragungen von belletristischen sowie allgemein wissenschaftlichen Werken längst zuvorgekommen. Also — wo die Unterschiede, Ivo das Neue an Ben-Avigdor? Und doch ist der Ausspruch von der neuen Aera keine leere Phrase. Die jüdische Literatur seit Ramag und Adam war — mit wenigen Ausnahmen — von * einer einzigen Tendenz ^getragen: aufz.uklären. Man schrieb Dramen: „Armes Weämuno", Autobiographien: „Awieser", um aufzuklären; man übertrug „Diwre jemei aulom", „Pi hacherus", um aufzuklüren; selbst Romane — historische wie zeitliche — schrieb man mit der Absicht der Zurückführung zu Leben und Natur: „ahwas Zion" und dergleichen mehr, der Verächtlichmachung des alten Ueberlieferten und der Verherrlichung des Neuen, Modernen; kurzum, nichts wurde unterlassen, und fast alle Zweige der Literatur wurden zu diesem einzigen Zwecke, der Aufklärung, herangezogen. Und die Aufklärung? Wie wurde sie von ihren Trägern aufgefaßt? Ein großer Teil — besonders die ersten — meinte es gut mit ihren Bestrebungen, sie wollten Glauben und Bildung „Aemuno wehaskolo" vereinen, die anderen dagegen faßten die Aufklärung ganz in negativem Sinne auf, und einige von ihnen — Kowner, Bogrow (letzterer schrieb russisch) •— dem Beispiele der ersten Maskilim Friedländer und Herz-Homburg folgend — zogen die Konsequenzen ihrer Anschauungen und rissen ans. Dies zur Klärung nebenbei. Also die Vorgänger Ben- Avigdors — mit Ausnahme Smolenskins, der außer der .Aufklärungs-Bestrebung noch eine zweite Tendenz kannte und zwar: di« Zurückführnng der aufgeklärten jüdischen Westler zum Judentum — taten, was sic taten, im Dienste der Aufklärung; erst Ben-Avigdor machte sich von der Tendenz der Aufklärung, wie auch von anderen Tendenzen frei, er faßte den Gedanken, erner zum neuen Leben erwachten Nation eine Literatur, eine vollständige, zu geben, und da er so dachte, suchte er mit all seiner zähen Energie planmäßig seine Gedanken in die Tat zu setzen und all das, was in eine Literatur eines großen Volkes, eines „am-hasefer" (Volk des Buches), hineingehört, diesem zu verleihen; er schuf für Alt und Jung, fiir Klein und Groß, kurz für Alle, und da er für Alle schuf, mußte er gar vieles, ja alles schaffen. So kam es, daß Ben-Avigdor kein einziges Gebiet einer modernen Liter atur außer acht gelassen hat, und alles in einer zugänglichen Weise für die breiten Massen des Volkes. Erst jüngst veröffentlichte er in seinem Verlag ein russisch-hebräisch-deutsches Taschenwörterbuch, ein Werk des berühmten Gelehrten El. Ben Jehuda — nicht zu verwechseln mit seinem großen Gesamtwörterbuch „Milaun Haloschaun hoiwris", das im Langenscheidt'schen Verlage erscheint—. Was in der Literatur Ben-Avigdors — von einer solchen kann man mit Recht sprechen — fehlte, war die spezifisch jüdische Wissenschaft — genannt: „Chochmas jisrael" —, die größtenteils in fremden Sprachen niedergeschrieben und daher den jüdischen Lesern Rußlands unzugänglich ist, und altjüdische mittelalterliche Literatur, die wegen ihres Stils und Knappheit ihrer Auflagen den breiten Massen ebenso wie „Chochmas jisrael" vorcnthalten ist. Diese Lücke auszufüllen, schickt sich Ben-Avigdor eben mit der Hermisgabe einer groß angelegten und mit Kommentaren versehenen Volksbibliothek an. Nun frage man nach all dem: Welcher Unterschied ist zwischen Ben-Avigdor und seinen Vorgängern, was ist eigentlich das Neue an chm?! Seine Vorgänger haben, da sie nur von der Tendenz der Aufklärung geleitet wurden, nur Einseitiges — meist Negatives — geschaffen, während Ben-Avigdor, indem er keine Tendenz verfolgt und nur von dem Gedanken, eine vollständige Literatur zu schaffen, getragen wird, sich allseitig und positiv betätigen konnte. Ist das alles? Und noch mehr: Ben-Avigdor hat viele schlummernde Talente geweckt und eine. stattliche Zahl auf die schriftstellerische Arena gerufen. Vor chm war ein jüdischer Schriftsteller eine Seltenheit und die wenigen konnten sich mit der Schriftstellern nur im Nebenberuf befassen, da keine Abnehmer fiir chre Arbeiten vorhanden waren und sie nur mit großer Mühe die Gelder für die Herausgabe ihrer Schriften ausbringen konnten. So konnte z. B. der große Mapu seine Werke nur mit der Hilfe seines gutsituierten Bruders Matisjahü veröffentlichen, — und da vermögende Brüder bei einem jüdi-

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