Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 32 (20.8.1909)
- Date
- 1909-08-20
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2692297-2692614-2692646--04870-2699728- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 3. Nr. 32 Frankfurter Israelitisches FamilienblatL nächsten Zeit in schroffen Kundgebungen und in gemeingefährlichen Einschüchterungen sich Luft machen wird. „Rust. Korresp." Palästina. Jerusalem. Im Monat Juli wurden in der Poliklinik des „L c in a a » Z i o n" 1216 diverse Kranke und 3700 Augcnkranke behandelt. — In der Angenheila n statt betrugen jic Gesamibchandlungen im Juli 4230; daselbst wurde» 16 kleine und 11 größere Operationen erfolgreich ansgcsührt. — In der Apotheke wurde» 1006 Rezepte ansgefertigt. Amerika. New-Uork. In einer benachbarten Sommerfrische hat sich ein Mord ans Antiseinitis m n s ereignet. Der 24 jähriger Zigarrcnmacher Rosenbcrg, ein sehr intelligenter Mensch, benützte seinen Urlaub, um sich in dieser Soinmcrjrischc zu erholen. In dem Hotel, in welchen; er abgcstiegeii war, machte er die Bekanntschaft des Frank Elbra und des Sam. Prisby. Eines Tages kamen die beiden letztgenannten von einem gemeinsam mit Rosenberg unternommenem Spaziergange ins Hotel zurück. Noch an demselben Tage wurde in einem Wäldchen die entkleidete, arg zugerichtete Leiche Rosenbergs anfgefunden. Der Verdacht lenkte sich gegen die beide Freunde. Als Elbra einem Verhöre unterzogen wurde, benützte er einen unbewachten Moment, um ein bereit gehaltenes Gistsläschchen zu leeren. Der hierauf verhörte Prisby erklärte ganz offen, das; sein Freund ans keinem anderen Grunde, als ans Rassenhas; den Mord begangen habe. Elbra war Antisemit und sagte oft, das; er nicht eher .sterben -volle, als bis er wenigstens einen verhassten Inden mit ins Jenseits hinübergcnoinmen habe. Die Tochter des Kardinals. Historische Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung). So rasch Rabbi Jizchak auch in das Begehren des Geistlichen gewilligt hatte, so scheinbar unbesangcn er sich dann mit demselben unterhalten hatte, das Begehren an und für sich erschien ihm geradezu wie ein Verhängnis, dem er nicht zu entrinnen vermochte, denn er hielt sich überzeugt, die Begleitung des Geistlichen sollte nichts anderes sein als eine Ueberwachnng der Anordnung des Bischofs, daß die Tochter des Kardinal in Wirklichkeit ihrem Vater zngeführt werde. So war dann sein ganzer schöner Plan in die Brüche gegangen! und' er hatte bereits mit Zuversicht gehofft," sein Glück' auf's neue zu begründen. Er hatte nämlich beabsichtigt, sobald Tirza sich einigermaßen erholt haben würde, ihr schonend das Geheimnis ihrer Geburt mitznteilen und der als Nichtjüdin Geborenen, doch von der Wahrheit der jüdischen Lehre Ueberzcugten nahe zu legen, zum Judentum überzutretcn. Selbstverständlich musste dieses in größter Heimlichkeit geschehen, und in größter Heimlichkeit wollte er sie dann heiraten, denn ihrer innigen Zuneigung war er sicher. Und dann gedachte er mit seinem jungen Weibchen nordwärts zu reisen bis in die Niederlande und sich dort niederzulassen. Und nun war dieser ganze schöne, herrliche Plan zu Nichte geworden! Denn wenn der Pater Anselmo mit ihnen reiste, dann tvar er gezwungen, sich genau nach den Anordnungen des Bischofs zu richten, sonst wäre cs dem Geistlichen überall ein Leichtes gewesen, die Tochter des Kardinals ihm zu entreißen und persönlich ihrem angeblichen Oheim zuzuführen. Darauf durfte er es nicht ankommcn lassen, um keinen Preis! — Rabbi Jizchak atmete schwer auf. Ihm war. als laste ein Zentner auf seinem zagenden Herzen. Doch gleichviel, er durfte jetzt nicht an sich denken, er mußte einzig und allein ihr Heil im Auge haben. — Und sie war doch so hold, so rein, so unschuldsvoll, hatte sicherlich in ihrem ganzen Leben mit Bewußtsein noch nicht ein einzigesmal ein Gottcsgebot übertreten. Und wenn er nun auch durch die Verhältnisse gezwungen war, sie ihrem nichtjüdischcn Vater zuzuführen, wenn sie auch in dessen; .Hause leben würde, er war überzeugt, sie tvürde bleiben, wie sie war, sie würde wissentlich nie unrecht tun. — Und wenn auch als Jüdin erzogen, tatsächlich war die Tochter der Christin Nichtjüdin, für die .die Speisegesetze, die sie im Hanse des Kardinals schwerlich würde halten können, kein Verpflichtung hatten. Wenn er daher auch die Notwendigkeit erkannte, ihr schließlich mitzuteilen, . daß er nicht ihr Vater und daß sie nicht seinem Volke, entsprossen, so hielt er sich nicht weniger verpflichtet, sie, wenigstens für die nächste Zeit, von; Ucbertritt zu»; Judentum znrückznhalten. Er hielt es daher für das Beste, sie vorläufig noch nicht ahne;; zu lassen, tvelche Veränderung ihr bevorstand. Erst als er zu diese»; endgültigen Beschluß gelangt war, trat er Amit freundliche»; Gruße in das Zimmer des jungen Mädchens. Aber .Tirzas scharfen; Angen entging der Schatten nicht, der, ihm selber unbewußt, auf seiner Stirn noch lagerte; überdies hatte sic ihn schon seit geraumer Zeit in; anstoßenden Zimmer auf und ab gehen gehört. — Kopfschüttelnd blickte sie zu ihm empor. „Was ist Dir, Väterchen, hast Du wieder einmal Patienten, die Dir Sorge machen?" „Wie Du raten kannst!" versetzte er lächelnd, indem er sich auf den; Sessel an ihrem Bette niederließ. „Das habe ich nicht erraten," sagte sie, „das steht ganz deutlich auf Deiner Stirn geschrieben." „Wirklich? dann bitte, wenigstens für heute, meine Stirn nicht mehr anzusehen, denn ich möchte über Erfreulicheres n;ich mit Dir unterhalten." „Mir ist alles erfreulich, worüber Du mit n;ir sprichst, — wenn Du nur bei mir bist. —" „Mein liebes kleines bescheidenes Mädchen —" „Ach nein, Vater, bescheiden bin ich gar nicht, nnd. zuweilen bin ich auch mißgünstig —" „Du mißgünstig? das habe ich noch nie benrerkt." „Ich bin es aber doch. Wenn Du nämlich lange fortgewesen bist und ich mich schon aus Dein Nachhausekomme;; gefreut habe,;;nd dann jemand dazwischen kommt und Dich lange aufhält, — dann gönne ich es diesem jemand nicht, daß Du lange mit ihm sprichst. — Wer war denn vorhin drinnen bei Dir, der so salbungsvoll gesprochen hat?" „Pater Anselmo, Dein Befreier ans dem elenden Loche." „Ach, wie schade, daß ich das nicht gewußt habe, da hätte ich ihm gleich danken können.' „Dazu wirst Du wahrscheinlich, sehr bald wieder Gelegenheit haben." „Wieso? wird er bald wieder zu Dir kommen? — ist er leidend?" „Leidend ist er nicht, und ob er bald wieder kommen wird, das weiß ich nicht, aber — doch da 'kommt unsere gute Riwkah mit dem Essen, da wollen wir uns vor allen; waschen,;;nd während des Essens werde ich Dir das tvcitere erzählen. Während des Essens, an den; auch die beiden alten Hausgenossen sich beteiligten, erinnerte Tirza den Vater jedoch nicht an sein Versprechen. Erst nachde»; er sein gewohntes Mittagschläfchen gehalten hatte, begann sie wieder;;;;;: „Ich glaube, lieber Vater, Du wolltest mir etwas erzählen —" „Ja, ja, ganz recht —" Er schob einen Sessel in ihre Nähe und ließ sich darauf nieder, ohne jedoch gleich weiter zu sprechen. »Ich glaube. Du wolltest von dem Pater Anselmo —' Gewiß, auch von dem. Doch vor allem — Du wirst Dich erinnern, liebes Kind, an das. wovon die verstorbene Gräfin Turnet Dir erzählt hat, von Italien, den; schönen herrlichen Land, wo die Orangen blühen nnd die Myrthen Wälder ihren duftenden Schatten spenden." „Freilich erinnere ich mich daran. Die Gräfin wollte mich dorthin mitnehmen." „Wärest Du gern mit ihr gereist?" „Wenn Du auch mit gereist wärest, wäre ich gern dorthin, denn es muß dort wunderschön sein. Aber ohne Dich, Väterchen, nein, das hätte ich nicht getan." „Aber wenn wir nun zusammen dorthin reisen würden. Du und .ich, würde das Dich freuen?" „Ach, das wäre ja wunder wunderschön! — Aber ist denn das Dein Emst, Vaterle? möchtest Du wirklich mit .mir nach Italien reisen?" Er blickte ihr lächelnd in das freudestrahlende Angesicht und nickte ihr lächelnd zu. „Es ist;nein Ernst." „O, Du liebes, liebes gutes Vaterle!" jubelte sie „wie ich mich freue! — wie ich mich freue! " und jubelnd schlug sie die Hände zusammen.„wann werden mir denn dorthin reisen, Vaterle? sage doch, wann?" „Sobald Du Dich genügend erholt haben wirst, um eine so weite Reise unternehmen zu können." „Ich habe mich schon genügend erholt" xicf sie,. indem sie sich hastig aufrichtete „sieh' nur. ich bin schon ganz gesund." Es war seit acht Tagen das erste Mal, daß sie sich aufgcrichtet hatte, ohne ohnmächtig geworden zu sein. „Gott sei Lob und Dankt" sagte Rabbi Jizchak. der Freudestrahlenden liebevoll zunickend „die Aussicht auf die bevorstehende Reise scheint Dich kuriert zu haben. Aber wie ist's, glaubst Du auch ausstehen zu können?" „O gewiß kann ich anfstehen! — Wenn Du nur in's andere Zimmer gehen und die Riwkah zu mir schicken, wolltest, Vaterle, dann würdest Du gleich sehen, wie ich aufstehen und Dir Nachkommen kann." Sofort begab sich der Doktor in das anstoßende Zimmer, nnd cs währte in der Tat kaum zehn Minuten, als die Tür abermals auf-- ging;n;d Tirza in ,das Zimmer schwankte. Mit einem Freudenlaut eilte er ihr entgegen, sie zu stützen. „Das geht ja prächtig! — Gott sei Dank!" „Bist Du mit mir zufrieden, Vaterle?" fragte sie, den Kopf gegen seine Schnlter lehnend. „Ra, und ob! — Mein liebes kleines Mädden. — Aber jetzt mußt Du ans ruhen. — Komm' setze Dich hierher auf den Polstersessel." „'Als ob ich eine alte Vabitfchka wäre." $ „Nein, eine alte Großmutter bist Du noch nicht, aber nach der großen 'Anstrengung ist Erholung notwendig." „Ich habe mich gar nicht angestrengt," behauptete sie, lehnte aber doch sichtlich erschöpft gegen die gepolsterte Lehne des Sessels. Er reichte ihr ein kleines Glas Wein, das sie rasch leerte, dann atmete sic tief auf. „Siehst Du, Vaterle, ich bin schon wieder ganz frisch. Wann werden wir nun reisen?" „Wenn Dein Befinden weiter solche Fortschritte macht, dann könnten wir schon bald nach der andern Woche reisen, vielleicht am Anfang der dritten Woche." „Ach, >vie schön! wie schön! — Alber sage mir nur, Väterchen, wie bist Du eigentlich aur die Idee gekommen,;nit 'mir nach Italien zu reisen?" „Na, das ist doch keine so absonderliche Idee. Ich dachte mir nämlich nnd denke noch, daß nach den Vorgängen der verwichenen Woche es Dir in nächster Zeit sehr unangenehm sein müßte, hier auszugehen. Du würdest beständig fürchten, den schrecklichen Menschen wieder zu begegnen — und diese beständige Angst könnte Gott behüte! Deiner Gesundheit nachteilig werden, darum ist cs das Beste, wir machen uns für die nächste Zeit aus den; Staube." „Dank Dir, dank Dir, Du lieber, guter, allerbester Vater! — 'Aber was werden die kranken Leute hier anfangen, wenn Du nicht da sein wirst?" „Auch für die ist bereits gesorgt. Dn erinnerst Dich doch des Vetter Löb, meines Brnders Sohn, der uns jur vorige;; Jahr besucht hat. Ich habe mich wiederholt mit ihm unterhalten und halte ihn für einen tüchtigen Arzt. Aber in seiner Heimat hat er wenig zu jun, und ist daher gern bereit, während' unserer 'Abwesenheit n;eine Praxis hier zu versehen." „Du hast mir auch noch eine Mitteilung Aber Pater Anselmo machen wollen!" „Ich habe Dir nur Mitteilen wollen, daß Pater Anselmo heute bei mir war, und mich im Namen des Bischofs gebeten hat, ihm, falls wir die Reise im eigenen Wagen machen, einen Sitz in demselben zu überlassen, da er nach Rom beordert ist." „Wissen Schmul und Riwkah schon, daß wir verreisen?" „Ich habe es ihnen noch nicht gesagt; habe jedoch nichts dagegen, wenn Du es ihnen Mitteilen willst." (Fortsetzung folgt.) Ein Sommertag im Cheder. Ein Knltnrbild a;;s dem jüdischen Leben in Russisch-Litau. (Schluß). Wir schlagen den Rückweg ein. Jetzt gehen wir gelassen, ruhig — so, wie man eben in dm Cheder geht und unterhalten uns gemütlich. Es wird verschiedenes erzählt, disputiert, gefragt und beantwortet. Bor allem wird die Frage gelöst: wie hoch die Absätze an den Schuhen des Kaisers seien? Es herrschte nämlich in meinem Heimatstädtchen zu jener Zeit die Mode, Schuhe mit hohen Absätzen zu tragen. Die wohlhabenden Leute richteten sich nach dieser Mode; die Höhe der Absätze stand also, sozusagen, im Verhältnisse zu den; Reichtume. Der Kaiser ist doch gewiß der reichste Mann, — wie hoch werden also wohl seine Absätze sein? Der eine vergleicht sie mit der Höhe eines Hauses; der andere findet das zu niedrig und meint, sie seien mindestens so hoch wie der Kirchturm. Dagegen kann niemand von uns etwas einwenden; von etwas Höherem als unfern; Kirchturm hatten wir damals keinen Begriff. Darauf erzählt einer von Chaja'), der Milchfrau, daß sie .sich Milch auf eine unnatürliche Weise verschaffe: sie melke die Wände ihres Hauses, denn, fügt der Erzähler in einem mystischen Tone hinzu: Chaja ist eine „Mehasejfe (Hexe)." Es wird eingewendet, sie müsse demgemäß sehr reich sein, sie könnte doch Tag und Nacht melken und Milch verkaufen, — trotzdem -ist sie arm. Um diesen Widerspruch zwischen Chajas Hexerei und ihrer Armut zu lösen, nmcht der findigste unter uns darauf aufn;erksam, daß sie doch nicht fortwährend melken könne; es müßten ihr ja die Hände schmerzen. Z Ein jüdischer Name.