Mannheim
Compact Memory

Neue jüdische Presse · 1909-08-20 · Heft 32 (20.8.1909) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 32 (20.8.1909)
Date
1909-08-20
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2692297-2692614-2692646--04871-2699729
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 4. Whrfflkkee ZstmMWS FaEeMck. Nr. 32. Jeder geringste Gegenstand lenkt unsere Aufmerksamkeit ans sich und wird von uns beobachtet. Da kräht auf einem Dache ein Rabe, dort neben einem Misthaufen spaziert eine Henne mit ihren Jungen. Die zarte Mutter wühlt in dem Misthaufen, und wenn sie ein Körnlein dort findet, ruft sie freudig ihre.Jungen herbei, zerspaltet cs in ganz kleine Stücke und füttert sic damit. Vom Dache einer Scheune fliegt eine Schwalbe herab. Wir veranstalten eine Jagd auf den arme» Vogel. Wir Werse» mit Steinen nach ihn, und bieten unsere ganze Geschicklichkeit ans, um ihn mit einem Wurfe zu erreichen, denn: „Schwalben zu verfolgen, ist eine Mizwa (d. i. eine gottgefällige Tat)," lehrte uns der Rabbi; „haben die Schwalben doch, als Titus den Tempel zu Jerusalem anzünden ließ, Feuer in ihren Schnäbeln herbeigeholt." Solange wird dem armen Vogel nachgestellt, bis wir ihn ans dem Gesicht verlieren. Erst einige Schritte vom „Cheder"" erinnern wir uns an de» Rabbi. Es wird uns bange, und wir beschleunigen unsere Schritte. Wir treffen den Rabbi draußen, vor der Tür stehend, die Besorgnis über unser langes Ausbleiben hatte ihn beunruhigt und aus dem Zimmer getrieben. Sobald er uns gewähr wird, bricht er in Schimpfwortc und Drohungen aus: „Schekozim-) Mamserim* 3)!"" ruft er voll Äerger und Zorn. „Ich werde euch .... Ihr werdet schon an das Baden denken! So etwas! Ganze Stunden ansznblcibcn! Schinden werde ich euch Unwürdige, Nichtsnutzige! Ihr kriegt es schon von mir . . * Betrübt treten wir in den Chedcr ein. Das Herz ahnt nichts Gutes. Wir stehen alle mit niedergeschlagenen Augen wie erhaschte Diebe da und wagen nicht, uns zu setzen. „Platz nehmen", donnert des Rabbis Stimme. Wir gehorchen. Auf wenige Minuten tritt eine peinliche Stille ein, die manchmal durch die erneuerten Zorncsausbrüche des Rabbi unterbrochen wird. Das Herz bebt in uns vor Furcht,- wie bei einem gefangenen Vogel. Daß wir unser Vergehen büßen würden, daran zweifeln wir nicht, cs fragt sich nur, auf tvelche Weise? „Jankel, hergchen!" läßt sich die gebieterische Stimme des Rabbi hören. Der Gerufene verläßt zögernd seinen Sitz, und mit unsicheren Schritten kommt er auf den Rabbi zu. „E i n st w e i l e n als A n g a b e kriegst du das", sagt dieser kaltblütig, indem feine breite, knochige Hand derb auf „Jangels" Wange klatscht. Jankel weint.' „Spare deine Tränen; du wirst sic bald reichlich brauchen", sagt er in höhnischem Tone und, fügt hinzu: „Wieder Platz nehmen"! Auf diese Weise wird jeder von uns hcrausgerufen und wird „einstweilen" abgcfcrtigt, ober mit anderen Worten: er bekommt seine „Angabe." Die allgemeine Stimmung ist eine äußerst gedrückte. Die einen weinen, die anderen reiben sich mit den Händen die Augen. Was mich anbetrifft, so sitze ich stumm, unbeweglich in mich gekehrt. Der Rabbi selbst scheint über etwas nachzndcnken. Der „Cheder" gleicht jn diesen Momenten einer Hölle, in welcher die Sünder von den bösen Engeln gepeinigt werden. Ein echtes „Tal des Weinens"! Unwillkürlich drängt sich mir der Gedanke an die Schwalbe auf, die ivir soeben verfolgten. Der glückliche, beneidenswerte Vogel! Er 'konnte seinen Nachstellern entfliehen. Er breitete seine Flügel aus und machte sich davon. Könnte ich auch fliegen! Durch, den Schornstein wäre ich hinausgeflogen und weg von dieser unheimlichen Stelle, tveit, weit auf die Wiese hinaus, wo der Hirtenbube seine Bastschuhe flickt. Auf einmal erhebt sich der Rabbi von seinem Sitze, geht auf den Besen zu, der in einem Winkel des Zimmers lehnt, löst von ihm eine große Rute ab und fängt an, sic mit seiner sozusagen, legitimen Symbolrntc znsammenzuflechten. Dabei spricht er, wie zu sich selber, in abgebrochenen Sätzen: „Ich werde die „Gojim" Sic werden schon... So eine Ausgelassenheit". Beim Anblicke der Arbeit des Rabbi zittern wir am ganzen Körper. Es handelt sich also um Prügel, und was für Prügel? Mit zwei Ruten! Nachdem er beide, Ruten zusammengeflochten hatte, betrachtete er sie von allen Seiten, zögerte einige Sekunden, und zu demselben „Jankel" sich wendend, sagte er sn hartem Tone: „Geschwind. Goj, die Hosen aufknöpfen und aus die Bank sich legen!" „Jankel" bricht in heftiges Schluchzen aus, weigert sich anfangs und tut doch, wie ihm befohlen wurde. Für diese Ergebenheit und Demut wird er beim Prügeln ziemlich geschont. Seinem Beispiele folgten die andern. Es kommt die Reihe an mich. Ich rühre mich aber nicht von der Stelle. Der Rabbi wiederholt sein ..„auf die Bank", es hilft nicht. Er schreit, droht, wütet, nichts nützt. Beide Hände auf den Tisch gestemmt, sitze ich finster blickend, unbeweglich, ver- -) Unwürdige. . 3) Bastarde. steincrt und biete seinem Wüten Trotz. Ein tüchtiger Hieb mit der Rute trifft mich ins Gesicht. Es wird mir auf einige Sekunden finster Vörden Augen. Das Gesicht sprüht Feuer. Ich verharre bei meinem Starsinnc. Vor Acrger und Bosheit zernage ich mir die Nägel bis aufs Blut. Hiebe auf Hiebe über die Hände und den Rücken folgen; ich verliere dabei keine einzige Träne. Das bringt de» Rabbi außer Fassung. „Du wirst schon weinen", brüllt er wütend »ud verdoppelt seinen Eifer beim Prügeln. .Es gelingt ihm abcr doch nicht, mich zum' Weinen zu bringen, nnd das geschieht nicht aus Trotz, sonder» weil das Herz in ,nir ganz erstarrt ist. Das Prügeln, wie alles ans. dieser Erde, nimmt ein Ende. Die paar Stunden nach dem Prügeln, bis wir den „Cheder" verlassen, vergehen ohne irgend welche Ereignisse: Der Rabbi zwingt znm Lernen, während manchem die Angen tränen. Er selbst hat sich ansgctobt, und ist, wenn auch nicht mild, so doch sanfter geworden. Ich sühlc mich abgespannt, erschöpft, und das Herz ist mir, wie von einer Last gedrückt. Die Worte des Rabbi: „Kinder nach Hause/" fange ich gleichgültig ans, ohne dabei Spuren der Freude, wie sonst, zu bezeugen. Wir verlassen diesmal den „Cheder"" ruhig, sogar anständig. * Einige Schritte vor meinem Ellcrnhanse läuft mir mein liebes Schwesterchen entgegen, um mir über verschiedene Dinge freudig zu berichten. Ich aber habe für sie kein freundliches Wort. Mein trauriges, mißgestimmtes Wesen befremdet sie, nnd sie wirst einen innsterndcn Blick auf mich, als wolle sic mir die Ursache meiner Mißstimmung vom Gesichte ablcsen. Wir treten beide ins Hans ein. DaS Schwesterchen holt ihre Pilppen nnd Spielzeug herbei nnd schlägt mir verschiedene Spiele vor; aber ich bin zum Spielen nicht aufgelegt. Ich begebe mich i» mein Zimmer nnd tvcrfe mich, wie ich stehe, ans mein Bett. Bald darauf kommt meine Mutter. Die im Hause herrschende Stille fällt ihr offenbar gleich auf; ich höre, wie sic sich bei meiner Schwester erkundigt, ob ich schon vom „Cheder" gekommen sei. Diese anwortctc ihr, ich sei schon längst da, und in einem mürrischen Tone fügt sie hinzu, ich sei heute ein. böser Bube, der seine Schwester nicht liebe nnd mit ihr nicht spielen wolle. Da tritt meine Mutter zu mir ins Zimmer, kommt an mein Bett, legt ihre Hand ans meine Stirne und sagt liebevoll: „Was fehlt dir, lieber Sohn?" Was die unzähligen Schläge des Rabbi nicht vermochten, das taten.die chaar einfachen, süßen Worte der Mutter. Ein Strom von Tränen ergoß sich ans meinen Augen. Die Mutter richtet mich auf, zieht mich auf ihren Schoß, streichelt mir unter Liebkosungen das Haar und fragt wieder: „Bist du, mein Kind vielleicht unwohl?" Ich schluchze noch heftiger. Mit bekümmerter Ungeduld bittet sic mich, küßt mich, dringt in mich, daß ich ihr die Ursache meiner Tränen cingestehc. Vergebens! Ans alle ihre Bitten, Liebkosungen antworte ich mit nichts als mit Tränen. Ich umschlinge meine Mutter fest mit den Händen, drücke meinen Kopf an ihren Busen nnd weine bitter, leidenschaftlich. Ich fühle, wie etwas sich in mir -auftut, was sich in Tränen auflösc» muß. Die Mutter, beunruhigt, greift zu einem sonst bewährten Mittel; sie holt Naschwerk. Aber diesmal will auch das nicht Helsen. Ich zweifle, ob ich mein Weinen eingestellt hätte, selbst, wenn man mich ans einen Wagen Heu gesetzt, nnd mir die größte Peitsche in die Hand gegeben hätte. Ich mußte weinen, »m nicht zu ersticken. Doch allmählich fange ich an, mich zu beruhigen. Ein süßes, tröstendes Gefühl durchrieselt mich ganz, während ich auf meiner Mutter Schoße sitze und weine. Eine unbegreifliche Wonne fühle ich dabei. Mein Weineii wird sanfter, ruhiger, auf einige Sekunden höre ich sogar ganz auf; gleich darauf aber fange ich abermals an. Bon vielem Weinen schmerzen mich die Augen, und ich kann das Licht der Lampe, die eben gebracht wird, nicht ertragen. Ich verberge mein Gesicht ganz an der Mutter Busen und liege ruhig, nur manchmal lasse ich ein leises Stöhnen hören. . . Noch einige Augenblicke, und - völlig erschöpft und von so vielen Gemütsbewegungen gebrochen, schlafe ich ein. D r. Fors ch in a n n. Kunst.uud Literatur. E i n e^t a l m u d i s ch e R e a l k o n k o r d a n z. Die von Dr. Jakob Fromer geplante „Real-Konkordanz der talmudisch - rabbinischen Literatur" kritisch beleuchtet von Lazarus Goldschmidt. 64 Seiten. 1,50 Jk nnd 10 Pfg. Porto, Berlin, M. Poppelaner. Es ist keine angenehme Aufgabe, deren sich Lazarus Goldschmidt hier mik Geschick unterzogen hat, denn einer Persönlichkeit wie Fromer, dem gewesenen Bibliothekar der Berliner jüd. Gemeinde, mid scinenl Geschreibsel bleibt man am besten weit vom Leibe. Aber auch Augiasställe müssen gesäubert werden, und gerade bei dem neuesten Uiitcrnehincn Fromcrs ist es ein Verdienst, der Welt zn zeigen, mit welcher Unverfrorenheit dieser Mensch seine Unwissenheit nnd sein Abschrcibgcschick als wissenschaftliche Arbeit hinansznschickcn wagt im Vertrauen darauf, daß er — der Jude — sich dadurch den Dank der Antiseuiiten erwirbt. Sehr richtig schreibt Goldschmidt in der Einleitung: „Wer sich mit wissenschaftlicher Literatur befaßt, oder gar zur Zunst der Büchcrschreibcn gehört, kommt gar oft in die Lage, schlechte Bücher, malträtiertes Papier und elende Plagiate in die Hand zu nehmen, aber noch nie ist mir ein so erbärmliches literarisches Produkt zn Gesicht gekommen, wie das in folgenden Blättern beschriebene Buch. Es ist nicht nur an sich in wissenschaftlicher nnd literarischer Beziehung ganz nnd gär wertlos, sondern bezweckt auch eine Täuschung des Publikums: cs soll den Anschein eriveckcn, der Verfasser sei mit der Abfassung eines Riesenwerkes beschäftigt, für das er' aber nicht einmal die elementarsten Kenntnisse besitzt, um „die Herstellungskosten aus dem Snbskriptionswege zu erlangen."" Noch verwerflicher als die Täuschnng des Publikums ist das Mittel, dessen der Verfasser sich bedient: die Antiscmitcnfängerci. Das Buch entwirft vom .Judentum und von seiner Literatur ein Bild, das jeden Inden, gleichviel Ivclcher Richtung er angchort, aufs tiefste beleidigen muß, aber auch einem Gegner des Judentums nicht grell genug erscheint, jedoch ihn in den Glauben versetzt, das wahre Bild werde sich erst heim Erscheinen des ganzen Werks zeigen." Kaiser Friedrich Quelle - Offenbach a. M. - ■ ■ Gegen Gicht nnd Rheumatismus bewährt. Bad Haizlunp. Pension Paihhaus -m mitDep. Prinzenhof. Prospekt gratis. Max Hecht. Wohack Mfolger, Hofjuwrelier, Kftlserstr. 1, Frankfurt a. M. Inhaber: JMl. WäiJälZ. Perlen, Juwelen, Goldwaren■ — : Auf Wunsch Auswahlsendnngen. > -.. Hk. 1.35. H. Schmidt Sandweg 85 pliail. üetrenj'duieücrei. Reparaturen prompt u. billig. Anzug auf bügeln Mk. 1.20. Wocheu-Äalerrver. (Zeitangaben nach dem hu ach.1 Samstag, den 21. August (= 4. EUul): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 7 Uhr — Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 8 Uhr 25 Min. in Berlin 8 Uhr 05 Mn. Wochcnabschnitt: S ch a n f t i m. Zunächst wird die Einsetzung gerechter Züchter gefordert, die keinerlei Bestechnngsverfuchen zugänglich sind. (Aehnliches im 2. Bch. M., Kap. 22.) Kein göttlicher Verehrung geweihter Baum soll angepflanzt werden. Verbot, Tiere mit Leibesfehlern zum Opfer zu bringen. Bestrafung von Götzendienern, ebenso von deren Verleitern. Gerichtsverfahren mit solchen. Einsetzen des höchsten Gerichtshofes in der „anscrwählten Stadt"" (Jerusalem). Einsetzung eines Königs in Israel. Dessen Rechte nnd heilige Pflichten als Vater des Volkes. Besondere Vorschriften für sein Verhalten überhaupt. Verschiedene Abgaben au Priester, als von Opfern, Feldfrüchten nnd Schafschur. Heidnische Bräuche nnd Unsitten aus Israels Mitte fernzuhalten. Verhalten gegenüber den wahren und falschen Propheten. Wiederholt ist die Vorschrift, sechs Znfluchtsstädte cinznrichten für den Fall eines unabsichtlich begangenen Mordes. Wahre und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.