Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 32 (20.8.1909)
- Date
- 1909-08-20
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Frankfurter Israelitisches Familienblatt.' Nr. 32. dem Parlament in Konstantiiwpel und der von diesem gewählten Regierung an. Heute verlangen die Zionisten als letztes Ziel nur eine vom türkischen Reiche rechtlich gesicherte Heimstätte für das Mische Volk, und was sic dagegen gewähren, das sind treue, arbeitsame Bürger, die den Wohlstand und das Ansehen des türkischen Reiches mehren. Die Zionisten erhoffen mit Recht, in Konstantinopel ein bereitwilliges Echo ihrer Wünsche zu finden; stets war das Verhältnis zwischen Mohamedanern und Juden ein brüderliches, und die Mohamedaner werden bei der in Glauben und Nationalität so buntscheckigen Bevölkerung ihrer Länder in den Juden ihre treuesten Bundesgenossen finden. Das Baseler Programm, „die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina, war die Zauberformel für die Einigung der zersplitterten und zersprengten Judenheit zu einem gemeinsamen, zukunstsfiohen Ziele. Diese Zauberformel soll auch weiter ihre Kraft bewähren; die Textänderung von „öffentlich-rechtlich gesichert" in „vom türkischen Reiche rechtlich gesichert", die die heutige günstige Gestaltung der Zukunftsaussichten des jüdischen Volkes in PMstina der Formel von selbst gibt, kann ihren Wirkungen nur nützen. Aus de« Geschehnissen des Tages. Das an grellen, widerspruchsvollen Farben überreiche jüdische Leben der Gegenwart ist unermüdlich bemüht, neue Rekorde auf diesem Gebiete zu schaffen. Ein besonders günstiger Boden hierfür scheint das verfahrene Oesterreich zu sein Daß die Wiener jüd. Großgemeinde ein halbes Dutzend Kultusvorsteher an ihrer Spitze hat, die Schwiegerväter christlicher Schwiegersöhne sind, diese Ungeheuerlichkeit ist 'bekannt. Bekannt war es aber bisher in der großen Oeffentlichkeit noch nicht, daß die „Israelitische Allianz zu Wien", die den Juden überall dort, wo sie als Juden leiden, eine wirksame Stütze bieten soll, in Ritter David von Gutmann einen Präsidenten besitzt, in dessen Eisen- und Kohlenbergwerken seit zehn Jahren p rinzipiell keine jüdischen Beamten mehr angestcllt worden sind, dagegen aber fortgesetzt waschechte Antisemiten. Die jüdische Welt dünkt einem heute manchmal als ein großes Irrenhaus, so reich an Dernunstswidrigkeiten ist sie. Rechtsanwälte, Aerzte. Großkaufleute und geldschwere Rentiers, die nicht den leichtesten hebräischen Satz übersetzen sännen, die ein Buch der jüdischen Literatur nicht einmal in ihrer Landessprache, welche sie doch ja verstehen, in ihren Bücherschränken bergen, — leiten da die Geschicke und entscheiden frisch und frei selbst in all' den Angelegenheiten, die eine Kenntnis des Judentums voraussetzen. Wer nicht allein, baß ihnen "jedes jüdische Wissen mangelt, nicht wenige, unter ihnen sind feige Seelen und versteckten bei jeder Gelegenheit ängstlich ihr Judentum. Man stelle nur einmal — und das ist /gerade heute, wo der Jude überall wirtschaftlich zurückgedrängt wird, von Bedeutung — eine Statistik darüber auf, wie viele von nnsern führenden Persönlichkeiten Juden gar nicht und wie viele sie nur in der Minderzahl beschäftigen! Ritter David von Gutmann hat leider gar viele Genossen — und nicht nur in Oesterreich, sondern auch in Deutschland. Und wenn nur die feige Furcht die .Triebfeder für die unwürdigen Handlungen unserer Großen wäre! Doch das Wahnwitzige, Unausdenvbare, — hier ist es Tatsache geworden: an der Spitze jüdischer Organisationen und Gemeinden gibt es Persönlichkeiten, die Judentum und Judenheit verachten und hassen, und so kommt es, daß die Kinder solcher Herren als die Früchte ihrer Erziehung sich taufen lassen. Wso es genügt nicht, daß wir Juden vogelfrei andern Böllern gegenüber sind, auch unsre Großen, unsere eigene Brüder, dürfen uns ungehindert das Schwert ins Herz stoßen, wenn es ihnen beliebt! An diesen trostlosen Erscheinungen trägt die ideell-jüdische Verödung schuld, während für andere nicht minder traurige Erscheinungen — es sei nur auf die Tatsache, daß in dem Bolle der Sittlichkeit sich Unsittlichkeit und Prostitutionswesen ausgebreitet haben, und auf die Tauffeuche hingewiesen — die materiellwirtschaftlich e Verelendung besonders in Frage kommt. Doch wo ist der Weg zur Besserung? Der erste Schritt und die Vorbedingung für alle weiteren Schritte wäre jedenfalls die Wahl von Männern in Gemeinde- und Organisationsleitnngen, beseelt von dem ernsten Willen, der heute doppelt großen Verantwortlichkeit ihrer Stellung gerecht zu werden. Das Voll muß Führer Habens hat es Führer, dann haben diese die Kraft, es zur S e l b st h i l f e zu vereinen, — und nur durch Selbsthilfe kann es gerettet werden! Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Bon der „Großloge für Deutschland U. O. B. B." erhalten wir folgende Zuschrift: Seit einer Reihe von Jahren haben wir unser Augenmerk der Organisation der jüdischen Jugend zugewandt. Auf unsere Anregung sind in vielen Städten unseres Vaterlandes jüdische Jugendvereine entstanden, die gut arbeiten und die sich Ende Mai d. I. zu einem Verbände zusammengeschlossen haben. Da diese Jugendvereine zumeist nur Jünglinge umfassen, sind wir mit dem Studium der Frage einer gleichartigen Organisation auch für junge Mädchen beschäftigt. Wir wären für die Zusendung von einschlägigem Material sehr verbunden. Zuschriften sind zu richten an das Büreau der Großloge für Deutschland VIII U. O. B. B. Wilhelmstraße 118, m. Berlin. In der jüngsten Zeit sind demHilf §- verein der Deutschen Juden eine Reihe von Zuwendungen für seine humanitären Zwecke gemacht werden, darunter folgende größere: 1. Die Eheleute Wilhelm Lippmann in Nikolaiken übergaben dem Hilfsverein ein Kapital von 10 000 Jk 2. Der verstorbene Rentier Richard Levy in Berlin hat testamentarisch dem Hilfsverein ebenfalls 10 000 Jk vermacht. Nürnberg. In unserer nur aus wenigen Haushaltungen bestehenden Nachbargemeinde Schwabach ist als Ersatz für die alte unbrauchbar gewordene Sefer-Thora beschlossen worden, eine neue schreiben zu lassen. Die für den Etat der Gemeinde große Summe wurde in kurzer Zeit durch freiwillige Beiträge zum größten Teil aufgebracht. Für Beschafffung der restierenden ca. 150 Jk haben zwei dortige Herren die Garantie übernommen, sodaß das Sefer bereits in Bestellung gegeben werden konnte. Ktssingen. Unser Bad hat die Ehre, Purischkewitsch, den Helden des Verbandes der echtrussischen Leute, zu seinen Kurgästen zu zählen. Dieser Tage ließ dieser Edle sich bei einem „jüdischen" Photographen photographieren. Er bestellte eine solch' große Anzahl von Bildern, daß es dem Photographen auffällig war und dieser einem russischen Kunden den Probeabzug des Bildes zeigte, um Näheres über die Person des Bestellers. zu erfahren. Die Auskunft war leicht zu geben, denn das Bild zeigte auf der Brust des Porträtierten eine Rosette mit den deutlichen Worten „Bjej shydow (Schlagt die Juden tot)." Der Photograph wandte sich sofort an die Behörde, um zu erfahren, ob er zur Ausführung der Bestellung verpflichtet sei, was natürlich verneint wurde. Als der Photograph Herrn Purischkewitsch mitteilte, daß er die Bilder nicht liefern werde und ihst fragte, warum er gerade zu einem jüdischen Photographen gegangen sei, erwiderte der große Mann seelenruhig, seine „Devise" beziehe sich nur auf die russischen Juden, gegen die deutschen Juden habe er nichts! Oesterreich-Uugar». Meu. Die „Jüd. Ztg." schreibt unter der Ueberschrift „Jüdische Großindustrielle, die keine Juden anstellen". „Die Witkowitzer Eisen- und Kohlenbarone Rothschild und Gutmann stellen schon seit zehn Jahren keine jüdischen Beamten in ihren Werken an. Wer nur eine blasse Ahnung von dem Elend der jüdischen Akademiker hat, die weder in Land und Gemeinde, noch auch beim Staate Unterkommen und sich nach Wsolvierung ihrer Studien als Diurnisten oder Zeichner herumdrücken, bis sie irgendwo durch einen glücklichen Zufall ein Bettelbrot erlangen, wird die unerhörte Grausamkeit dieses Vorgehens ermessen können. Herr Gut mann, der Präsident der jsraelitischen Allianz in Wien, und der Vertreter Rothschilds, Herr Horner, Kultusvorstand von Wien, weisen jüdischen Technikern die Türe und füllen ihre Bureaux mit waschechten Antisemiten, brüsten sich noch damit, daß ihre Beamtenschaft judenfeindlich gesinnt sei' und sollen diesen Umstand direkt als Ursache hingestellt haben, warum weiterhin keine Juden mehr in ihren Werken angestellt werden. Sie scheinen stolz darauf zu sein, daß ihr Generaldirektor, Herr Friedrich Schuster, christlichsozialer Landtagskandidat ist." In einer.Aufstellung weist sodann die „Jüd. Ztg." nach, daß das Witkowitzer Eisenwerk heute unter 465 Beamten nur noch 26 Juden zählt. Wien. Wie die „Neue National-Ztg." schreibt, entspringt die - Enquete über das jüd. Massenelend in Gahizien, die der galiz. Landesausschuß in der zweiten Hälfte des Septembers veranstalten wird, schwerwiegenden politischen Gründen. Die Polen brauchen die jüd. Wähler, wenn sie ihre Macht behalten wollen, und aus diesem Grunde ist es notwendig, daß sie endlich einmal durch eine Aktion Interesse für die Sorgen ihrer jüd. Wähler zeigen. Kraka«. In dem „Handbuch der Statistik Galiziens" finden sich folgende statistische Zahlen über die Inden Galiziens. Im Jahre 1908 hatten die 253 Kultusgemeinden 793 360 Seelen (gegen 811183 im Jahre 1900), von denen jedoch nur 89522 zu Steuerleistungen herangezogen werden konnten. Es' gab 249 Rabbiner, also ungefähr ebensoviel als Kultusgemeinden, und außerdem 1419 andere Funktionäre für den Kultus. Die Zahl der Synagogen belief sich auf 457 öffentliche und 332 private. Daneben wurden 1393 Äethäufer gezählt. Als Anstalten der galizifchen Kultusgemeinden sind 749 Chedarim, 82 Talmud-Thoraschulen, 31 Spitäler, 35 Altersversorgungs- und Siechenhäuser und 697 Anstalten anderen Charakters genannt. Von den konfessionellen Schulen waren 47 mit beirr Oefsentlichkeitsrechte ausgestattet, 38 nicht. Rußland. RadomisellKiewer Gouv.) Verschiedenes. In unserem kleinen verschlafenen Städtlein Radomisel hört man fast alltäglich von Mordtaten. Das Niederschießen unserer armen brotlosen Brüder nimmt überhand, und sogar des Tages geschehen solche Ueberfälle. Erst vorige Woche hat man wiederum auf der Landstraße Jskerost-Shitomir 4Juden überfallen,'beraubt und erinordet. — Die Täter entkamen natürlich und niemand fahndet nach ihnen. Das ist eine besondere Art „Pogrome", die sich von den anderen nur dadurch unterscheiden, daß sie geräuschlos ausgesührt werden. Man legt uns Juden immer neue eiserne Ketten an. „Das russische Volk" errichtet jetzt überall Geschäfte von allen beliebigen Sorten Spezereiartikeln und nimmt damit tausenden Juden das letzte Stückchen Brot. Auch der Weinverschleiß, „Renfki Pogreb" genannt, entgleitet immer mehr den Händen der Juden. - Die Ernte ist in unserem Gouvernement gut ausgefallen, nur ist die Gartenfrucht, wegen der Dürre, verloren. Die Kartoffeln sind von der Glut verbrannt. Lehrer I. I. Braun. Odessa. Nachdem der plötzliche Tod des talentvollen Pergament, eines der glänzendsten Redner Rußlands, im russischen Parlanientslebeu eine schwer auszufüllende Lücke geschaffen hatte, glaubte man allgemein, daß der Odessaer Wahlbezirk durch die Entsendung eines jüdischen Abgeordneten die unerhört geringe Vertretung der Juden in der Duma zu stärken berufen sein würde. Hat doch die über fünf Millionen Seelen betragende jüdische Bevölkerung nur zwei stammesgenössische Vertreter in der Duma sitzen. Da nun Odessa zu den wenigen Orten gehört, in denen eine jüdische Kandidatur Aussicht auf Erfolg hat, so' kam zu Anfang sowohl bei den Juden als im Lager der Freiheitsparteien einzig und allein eine solche in Betracht. Allein der schwarze Terror und der Druck des allmächtigen General Tolmatschow haben es schon nach kurzem dahin gebracht, daß die Juden von der Aufstellung eines eigenen Kandidaten Abstand nahinen und zusammen mit den freiheitlichen Christen einen beiden Teilen genehmen Nichtjudcn nominierten. Nun ging seitens" des Schwarzen Hunderts der Teufel los. Die Odessaer „Patrioten" verfügen nämlich über keine Majorität .innerhalb der Bevölkerung, aber sie zählen zu ihrem Ehrenvorsitzenden den Gebieter von Odessa, den schon erwähnten Tolinatschow, und geben sich darum der Hoffnung hin, daß sie, genau so wie sie die städtische Verwaltung infolge seiner Gewaltmaßregeln in die Hand bekommen ' haben, nunmehr mit seiner Hilfe auch bei der Parlamentswahl die Bürgerschaft terrorisieren und einen Reaktionär in die Duma werden entsenden können. Um jedoch ihrer Sache sicherer zu sein, ließen die „echten" Russen die von ihnen beherrschte Stadtverordnetenversammlung nach hetzerischen Debatten an den Zaren ein Telegramm absendcn, in dem dieser gebeten wurde, aus eigener Machtvollkommenheit, ohne erst die Zustimmung der Duma abzuwarten, die Juden von den Wahlen in dieser Kurie auszuschließen. In der Tat wurde dieser widerrechtliche Beschluß von Tolmatschow nicht beanstandet und gelangte somit an die hohe Adresse. Er scheint jedoch bei Hof, wo gegenwärtig die verschiedenen Einflüsse einander durchkreuzen, kein Verständnis gefunden zu haben. Denn in der soeben bckanntgegebenen allerhöchsten Veröffentlichung über die bevorstehenden Ersatzwahlen ist von einer Aenderung des Wahlmodus nicht die Rede. Um so bestimmter jst vorauszusehen, daß die Wut der unbefriedigten Verbändler in der