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Neue jüdische Presse · 1909-08-20 · Heft 32 (20.8.1909) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 32 (20.8.1909)
Date
1909-08-20
Page
– (sequence 1)
Language
German
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^ftrrtnRfntfeir frnrlitifdirs fmiilitnlilitt. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frank» furt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,80, sonstige Länder Mk. 2.— HedaKttoil und Hefchäftsfierls: Srsnlcfurt a. M.. vilbelerstraße 4/6/ Lcke Lleichstraße fferef ou 10507. HsrausgsVer: Kaks . Jnsertionspreise: Die viergespallene Petttzelle. 25 Psg. Die Reklamezeile. 100 „ Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. ' 7. Jahrgang. Freitag, de« 3. Elliü 5669 (30. August 1909). Rr. 32. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Londoner Chronik. — Das Baseler Programm. — Aus den Geschehnissen des Tages. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Die Tochter des Kardinals. — Ein Sommertag im Cheder. — Kunst und Literatur.—Wochen-Kalender. — Familien-Nachrichten. — Barmizwohs. — Bereins-Ka lend er. Loudoner Chronik. Israelitische konfessionslose Philanthropen. — Der Kampf um ein jüdisches Spital. — Machenschaften der rumänischen Regierung. — Achad Haam als trophet. — Die englischen „Ministers" jüdischer onfession in Urteil eines jüdischen Rabbiners. In der englischen Metropole gibt es ein halbes Hundert Dutzend jiidischer Millionäre, und zwar nicht Mark-, sondern Pfund-Millionäre. Diese millionenschweren Engländer jüdischer Konfession sind zuni größten Teil Philanthropen von Beruf — und aus Langweile, aber ihre Philanthropie kommt selten ihren „Kvnfessions" - Genossen zugute, denn sie sind auf der einen Seite sehr vaterländisch, englisch vaterländisch gestimmt, auf der anderen Seite allgemeine Kosmopoliten. In diesem Sinne verwenden sie auch ihre Millionen. Ein Israelit englischer Nationalität, in Indien geboren und mit Familienstammsitz in Bagdad, Sir S a s s o o n, gibt jährlich Millionen für „allgemeine" Zwecke, ein „Engländer" jüdischer Konfession, dessen Wiege in Deutschland stand, Sir Ernst Cassel, gab vor llrrzem vier Millionen Mark für ein Krankenhaus und in den letzten Wochen wieder 600 000 Mk. für die Anschaffung von Radium für ein hiesiges Krankenhaus, ein sephardischer „Engländer" Barnato hinterließ fünf Millionen Mark "für ein Krankenhaus, mit der Bestimmung, die Herren Erben mögen das Geld zum Besten eines sanitären Zweckes verwenden, und die Herren Erben beeilten sich, die Summe' einem allgemeinen Krankenhaus zur Verfügung zu stellen — trotz der Proteste der East-End-Juden. In London — ein kontinentaler Jude kann es kaum fassen — gibt es kein jüdisches Krankenhaus, trotz der Viertelmillion Juden in der englischen Hauptstadt. Die Herren Israeliten aus dem Westen verspüren diesen Mangel weniger, aber die armen und elenden Juden von Whitechapel . . . 'Schon mancher dieser Aermsten ist in Ermangelung unentgeltlicher ärztlicher Hülfe der christlichen Mission, die speziell in Whitechapel ihr Netz ausgebreitet, in die Hände gefallen . . . Schon seit Jahren sichren die Whitechapeler Juden einen Kampf um die Errichtung eines Mischen Krankenhauses, noch gestern hat im hiesigen Pavillon-Theater ein Massenmeeting stattgefunden, das einstimmig die Errichtung eines jüdischen Spitals verlangte — aber unsere sehr englisch-kosmopolitisch-humanllär-antisemittsch gestimmten Philanthropen hassen den Partikularismus. Und die Whitechapeler Juden beklagen sich bitter über die 'Behandlung, die sie in den allgemeinen Krankenhäusern erfahren, und speziell die „Grünen", die kein englisch verstehen, müssen in den allgemeinen Krankenhäusern viel leiden. Die englischen Schwestern gehen mit diesen von: Schicksal so herb Verfolgten, die ihre Sprache nicht verstehen, ihre Gewohnheiten nicht kennen und nicht lieben, weniger zärtlich um, und es soll schon in jenen monstreusen Krankenkasernen zu manchem antisemittschen Austritt gekommen sein; alles Tatsachen, die keinen heilenden und beruhigenden Einfluß auf den ruhebedürftigen Kranken ausüben. Aber unsere liberal-kosmopolitischen englischen Philanthropen, die sich noch obendrein große Juden wähnen, — sirü» keine Partikularisten. Und ihre ftöhlichen oder trüben Millionen wandern in englische Krankenhäuser, in die Kassen allgemeiner Vereine, und dabei halten sic sich für die Führer der Whitechapeler Juden, für ihre Retter und Helfer. Welche Lüge, welche schamlose Lüge, und welche Heuchelei? — — Die rumänische Regierung, über die auch die Sonne des XX. Jahrhunderts scheint, will diesen Sonnenschein nicht verdunkeln. Um ihren Liberalismus zu dokumentieren, bestellt sie in den großen westeuropäischen Zentren „liberale" oder direkt jüdische General-Konsule. In Paris z. B. ist „unser Glaubensgenosse" Drcyfuß ihr Vertreter, in London ist es der liberale Politiker S t e a d j r. Mit einem Herrn Dreysuß als General-Konsul in Paris kann kein Franzose der rumänischen Regierung den Vorwurf machen, daß sie antisemitisch ist, denn selbst die radikalste französische Regierung wird keinen Dreyfuß zu einem General-Konsul ernennen. Und in London besorgt der Herr Stead ihre Geschäfte, und ihre antisemftischen Machenschaften. Auf die Bemerkung der hiesigen „Jewish World", daß die Juden in Rumänien „mors judaico" schwören müssen, antwortete Stead im Geiste seiner Regierung und sagte u. a., daß „die rumänischen Juden noch nicht jene kulturelle Höhe der westlichen Juden erreicht haben und aus diesem Grund der Eid „mors juäaioo" in Rumänien, da er iwch obendrein eine historische Institution ist, zu Recht besteht." Stead hatte noch den Ehrgeiz, mit historischer Gelehrsamkeit herauszurücken und allerhand Daten anzugeben — ein Ehrgeiz, den er schwer büßen sollte. Die „Jewisi) World" unterbreitete nämlich die Antwort des Herrn General-Konsuls dem Chief-Rabbi der hiesigen portugiesischen Gemeinde, Dr. Gaster, der, selbst ein rumänischer Jude, anerkanntermaßen in dieser Frage die größte Autorität ist. Dr. Gaster stellte entgegen der Behauptung des Herrn General- Konsuls fest, daß der Eid mors z'uäaiso in Rumänien ganz modernen Ursprungs ist, daß er weder in der rumänischen Gesetzgebung des siebzehnten Jahrhunderts noch in dem organischen Reglement von 1833 erwähnt wird. Und dann erinnerte er noch den „liberalen" General-Konsul an seine „philosemittsch-liberale Gesinnung", die er nach den großen Anruhen in Rumänien demonstriert hatte, indem er damals die rumänischen Juden für die agrarischen Unruhen verantwortlich machte. — So ward der Herr General-Konsul öffentlich blamiert. (Schluß folgt.) Das Baseler Programm. Die Zeit zwischen dem 8. und dem im Dezember dieses Jahres stattfindenden 9. Kongresse hat für die zionistische Bewegung eine so vollständig veränderte Sachlage geschaffen, daß eine Diskussion über eine etwaige Aenderung des Baseler Programms, auf dem die zionistische Organisation sich aufbaut, notwendig geworden ist. In der jüdischen Presse Rußlands ist darüber bereits lebhaft hin und her gestritten worden, während sich die jüdische Presse Westeuropas überhaupt noch nicht recht mit dem demnächstigen Kongresse befaßt hat. X Als das Baseler Programm geschaffen wurde, da kannte man nur das ohnmächtige, absolutistisch regierte türkische Reich, dessen Zusammensturz eine Frage der Zeit oder vielmehr des Willens der europäischen Großmächte war. Eine Bürgschaft für die Ansiedlung und ungestörte Entwicklung der Juden in Palästina konnte daher nur von den ' europäischen Großmächten erstrebt werden, auf deren Entgegenkommen man umsomehr rechnen durfte, weil die Lösung der Judenfrage in Palästina für sie die Lösung dieser so schwierigen Frage in ihren eigenen Grenzen bedeutet. Nun ist aber über Nacht — eine der größten Ueberraschungen der Wellgeschichte — aus dem morschen türkischen Reiche ein kraft- und zielbewußter, ausstrebender Kulturstaat geworden, der sich von den Mächten nichts in seine inneren Angelegenheiten hineinreden läßt, — und die Mächte haben bereits die neue Situation begriffen und respektteren sie, wenn auch mit sauer-süßer Miene. Die Leiter der zionistischen Bewegung hatten es von vornherein ausgesprochen und haben es bei jeder Gelegenheü wiederholt, daß der Zionismus nichts gegen die Interessen des türkischen Reiches erstrebt. Wenn die „Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina" zur Parole der Bewegung gemacht wurde, so geschah es nur aus dem Grunde, weil die Oberhoheit der türkischen Regierung nicht genügend Sicherhell bot; denn nichts leistete bei der Willkürherrschaft der türkischen Regierungskreise dafür Gewähr, daß Versprechungen, die heute gegeben wurden, nicht morgen wieder aufgehoben werden konnten. Die Forderung einer „öffentlich"-rechtlich gesicherten Heimstätte (d. h. einer von den Großmächten in ihrem Bestehen gesicherten Heimstätte) war nur eine Forderung der Not. Mll der Wendung der Dinge im türkischen Reiche ist niemand froher als die Zionisten, und gern verttauen sie das Schicksal des jüdischen Volkes

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