Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 31 (13.8.1909)
- Date
- 1909-08-13
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nc. 31 Frankfurker Jsraelikischsss FamilieMatk. Frankfurt a. M. Sonntag Abend &% Uhr wird die Jüd. Jargon-Gesellschaft Milian im Saale der Liederhalle (Langest?:. 26) ein einmaliges Gastspiel geben. Die Gesellschaft besindet sich auf der Reise nach Amerika. Berlin. Die auf Grund der Beschlüsse der zwei Internationalen Jüdischen Konferenzen in Berlin vor einigen Monaten ins Leben gerufene Allgemeine Jüdische Kolonisations- Organisation, „ welche sich die l a n d wi rtih'ch a f t l i ch e und indnstrielle Kolonisation im Orient zum Zweck setzt, hat bis jetzt an dem Ausbau ihrer Körperschaften und an der Beschaffung der ersten Grundlagen .für einen Kolonisationsfonds gearbeitet. Sie hat sich ausschließlich auf mündliche, persönliche Propaganda innerhalb der führenden Kreise der Jndenheit beschränkt, ohne an die breitere Oeffentlichkeit zu treten. ' Dank dieser mehrmonatlichen stillen, aber emsigen Arbeit ist es gelungen, die maßgebenden Persönlichkeiten der jüdischen Hauptgemcinden in Deutschland, Oesterreich und Rußland für die neue Organisation zu getmnnen und sie zum Eintritt in den Zentralrat, resp. in den Vorstand der „Ajko" zu veranlassen. Besonders verdient hervorgehoben zu werden, daß auch die führeiiden orthodoxen Kreise in Frankfurt und Berlin, der neuen Humanitären Organisation sich angeschlossen und ihre Vertreter in die leitenden Körperschaften derselben entsendet haben, nachdem ihnen die Sicherheit gegeben worden war, daß dieses Werk — entsprechend den Ueberzeugungen derjenigen, denen es zugute kommen soll — in vollem Einklang mit den Anforderungen des überlieferten Judentums durchgeführt werden wird. Bei den Sammlungen für den Kolonisationssonds der „Ajko" haben sich die hervorragendsten Persönlichkeiten der jüdischen Großgemeinden mit namhaften Spenden an die Spitze gesollt. - Die Aufforderung des türkischen Kammerpräsidenten Ahmed-Riza, die bedrückten Judenniasscn in den Ländern der Türkei anzusiedeln, hat nun die Veranlassung gegeben, einen geschlossenen Kreis angesehener Mitglieder her Jüdischen Gemeinde Berlins einzuladen, um sie mit der von der „Ajko" cingeleiteten neuen Orient-Kolonisationsbewegung, deren Charakter den Wünschen der türkischen Regierung vollständig entspricht, vertraut zu machen. In der Versammlung ergriffen u. a. Justizrat Dr. E. Friedemann, Dr. Isidor G i n s L e r g, Rechtsanwalt Dzialoszynski, Professor Dr. Kali scher, Mitglied der Repräsentanten-Versammlung der Berliner Indischen Gemeinde, Justizrat Dr. Max Fuchs, sowie als Sachkundige Agronom Dr. S. Soskin und Kultur-Ingenieur I. Treidel das Wort. Die Ansprachen und Referate genannter Herren sind in Form einer Broschüre, die den Titel führt: „Eine Versammlung im Hotel A d l o n, Ansprachen und Referate über die Jüdische Orient-Kolonisation" herausgegeben 'worden. Schirmeck i. Unter.Elsatz. Ein herzersreuendes Bild der Eintracht zwischen den hiesigen Juden und Christen zeigten .die Feierlichkeiten zur Einweihung unserer neuen Synagoge. Das Programm nahm folgende»: Verlauf: Mittwoch fand eine Abendvorstellung mit einem sehr gewählten und reichhaltigen Programm statt, welche Vorstellung in den Gesangsdarbietungen des Opernsängers L. Loeb, eines geborene» Straßburgers — seit kurzem für das Mülhauscr Stadttheater verpflichtet —, ihren Clou fand. Donnerstag früh nahm die Feier mit dem feierlichen Zug von dem alten nach dein neuen Gotteshaus ihren Anfang. Bürgermeister Vogt vollzog sodann die Zeremonie der Ausschließung der Synagoge, und nachdem das Publikum Platz genommen hatte, begann eine würdige Und eindrucksvolle gottesdienstliche Feier, bei der Rabbiner Dr. G o ld ste in-Atutzig die Festrede hielt. Festessen und Ball machten des Nachmittags und Mcnds den Beschluß des Festes. Ans den Reden beim Festmahl sei die des Konsistorialrats Aron D n r l a ch - Straßburg hervorgehoben. Er schilderte die Schwierigkeiten, die der Ausführung des Baues entgegcnstanden, lobte das stets entgegenkommende Verhalten der Regierung und würdigte die hervorragenden Verdienste des Kultusgemeinde-Präsidenten Camille Simonin um den Bau, dem in Anerkennung seiner Tätigkeit der Kronenorden 4. Klasse verliehen worden sei Oesterreich-Ungar«. Szczawuizy (Galizien). Am hiesigen Badeplatze spielte sich dieser Tage ein Vorgang ab, der bezeichnend für die schutzlose Lage der Juden Galiziens ist. Von der Befreiung von der Kurtaxe werden von jeher arme Bittsteller ausgeschlossen, wenn sie nicht den Taufschein vorweisen können, — und das, trotzdem die Juden das größte Kontingent des Badepublikums stellen. Ein Polizist nun forderte von einem ärmlich anssehenden Manne, den er aus den Hunderten auf- und abwandelnden Badegästen herausgriff, hie Kurtaxenbescheinigung, .und als dieser das verlangte Schriftstück nicht vorweisen konnte, arretierte er ihn auf gewalttätige Weise, indem er ihn vorwärtsstieß. Das jüdische Publikum protestierte lebhaft gegeir das empörende Schauspiel, aber das christliche Publikum stellte sich auf die Seite des Polizisten und forderte vorbeifahreudeBergleute auf, in dasjüdischePublik u m h i n e i u z u f a h r e n. Da . — im drohendsten Moment der Lage — erschien glücklicherweise der Regierungskommissär. Der Herr stiftete natürlich Ruhe, konnte es sich aber nicht versagen, den Juden zuzurufen, sie sollten die Bergleute nicht provozieren. Rußland. Petersburg. Zwei Jahre lang haben die Juden in Charkow durch einen unheilvollen Druckfehler leiden müssen. Seit Dezember 1907 hatte die Charkower Polizeiverloaltung aufgehört, den dortigen Juden langfristige Pässe ausznstellen. Da aber ein russischer Untertan bekanntlich aus „einem Körper, einer Seele und einem Paß" besteht, so ist für ihn die Existenz ohne den letzten und vielleicht wichtigsten Bestandteil eine Unmöglichkeit: dies gilt in erhöhten! Maße für den jüdischen Bürger, der auch im Besitze eines rechtsgiltigen. Passes von den Behörden nur als notwendiges Nebel schwer geduldet wird. Weil nun die Charkower Verfügrmg eine völlig ungesetzliche Schikane war, drangen die Betroffenen immer energischer in die Gouvcrnemcntsverwaltnng, ihnen das Gesetz vorzuweisen, das diese rigorose Behandlung der Juden gestatte. Da rückte diese mit der Quelle herans. Sie berief sich auf einen Ukas des Senats, der, in der Nr. 8342 des „Regierungsboten" vom 23. August '1907 veröffentlicht, zwar lautete: „Das Paßgesetz verbietet die Ausstellung von langfristigen Pässen an Juden", aber nach dem ganzen Sinne der Senatsentschcidnng gerade das Gegenteil bezweckte. Erst nach langem Forschen und Suchen gelang es festznstellen, daß in dem obigen Satz das Wörtchen „nicht" fehle, es sollte also: „verbietet nicht" heißen und ließ auch keinen Zweifel zu. Die Charkotoer Administration hatte aber diesen einem jeden sofort in die Augen springenden Druckfehler für ihre Judenhatztendenzen ausgenützt. Ja, nachdem dieser Vorfall in der Presse bekannt geworden ist, haben auch die Verwaltungen vieler anderer Orte das Beispiel Charkows nachzuahmen begonnen, und diese Taktik wird nunmehr auch von oben gegen die Juden als „Fremde" sanktioniert. 0 Mion. 0 Die Tochter des Kardinals. Historische Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung). Gern hätten nun alle den Mißgriff wieder gut gemacht, geschäftige Hände hätten sich gern um die Ohnmächtige bemüht; aber Rabbi Jizchak wehrte alle ab, keine fremde Hand sollte sie berühren. Leicht wie rin Kind hob er sie in seinen starken Arnicn empor und trug sie hinaus ins Freie, wo der gräfliche Wagen, der ihn hcrgeführt hatte, seiner harrte, denn er hatte es dem Rosselenker im vorhinein gesagt, daß er ihn auch von hier aus zu seiner Wohnung bringen müsse. Das Rasseln der Wagenräder über die holprigen Straßen brachte die Ohnmächtige.sehr bald wieder zu Bewußtsein. Sie schlug die Augen auf und schaute, in das in zärtlicher Besorgnis über sie geneigte Angesicht ihres Vaters. „Vater!" flüsterte sie, „Vater, bin ich wirklich bei Dir? — Bitte, sprich zu mir, ist es kein Traum?" „Nein, mein liebes, teures Kind!" erwiderte er, sie von neuem an sich drückend, „es ist kein Traum, Du bist in Wirklichkeit bei mir, Gott hat Dich mir zuni zweiten Mal geschenkt." Sie richtete sich hastig auf, schlang ihre Arme »in seinen Hals und lehnte ihren Kopf an seine Brust, wie sie cs als Kind so oft getan. „Gott ist gut," sagte sie leise, „aber wie gut Gott ist, das habe ich doch erst jetzt erfahren. — Ich habe Dir so viel zu erzählen Vaterle —" „Nicht jetzt, liebes Kind, jetzt sind wir gleich zu Hause, da nrußt Du vor allem ausruhen, mußt Dich erholen von all den Strapazen, die Du überstanden. Das Erzählen hat Zeit bis spater." Der Wagen hielt vor dem Hause des Arztes. In allen Nachbarhäusern wurden die Fenster aufgerissen, die Heimgekehrte zu begrüßen und ihr zur winken, denn ihr plötzliches Verschwinden hatten alle schmerzlich empfunden. Vorsichtig hob Rabbi Jizchak sie aus dem Wagen und geleitete sie sorgsam die Stufen aufwärts, die in das Innern des Hauses' führten, während sie nach allen Seiten um sich blickte und den ihr Winkenden und sie Grüßenden dankend zunickte. - Seite 3. In der Haustür kanien ihr die treuen Hausgenossen entgegen. Laut schluchzend umarmte die alte Riwkah das junge Mädchen, das ihr teuer war wie ihr eigenes Kind, während der alte Schmul mit überströmenden Augen ihre beiden Hände küßte. Aber der Arzt sah sie erbleichen und besorgte eine abermalige Ohnmachtsanwandlung. „Geschwind Riwkah, hole dem Kind eine Tasse warme Milch und dann bringe sie zu Bett!" Dankend leerte Tirza die Tasse mit dem warme» Trank, die der alte Schmul ihr reichte. Dann aber verlangte sie vor allem ein laues Bad, sonst könne sie sich auch im Bett nicht behaglich fühlen. Die alte Riwkah nickte ihr verständnisinnig zu. „Recht hat das Kind, wer von da kommt, wo ie ist gewesen, der muß vor allem ein Bad haben." Der Doktor sah ein, daß er nachgeben müsse; obgleich er es nicht gern tat, denn der beständige Farbenwechsel in dem Antlitz des jungen Mädchens begann, ihn zu beunruhigen. Er band es der Alten aus die Seele, daß das Bad nur sehr mäßig warm sein und das junge Mädchen nur wenige Minuten in demselben verweilen dürfe, dann müsse sie sofort ins Bett, das sie nicht verlassen dürfe, bevor er zur Mittagszeit nach Hause kommen werde. Riwkah versprach alles, und der Doktor machte sich auf den Weg zu seinen Kranken.- Als Rabbi Jizchak an diesem Tage später als gewöhnlich heim kam und unhörbaren Schrittes in Tirza's Zimmer trat, erschrak er über ihr Aussehen, sihre Augen waren geschlossen, ihre Wangen lilienbleich. Doch als er leise den Finger an ihr Handgelenk legte, um des Pulsschlag zu prüfen, da schlug sie die. Augen auf und blickte lächelnd zu ihm empor: „Du hast mich nicht geweckt, Vaterle, ich habe nicht geschlafen." „Du fühlst Dich wohl noch etwas angegriffen^ fragte er, indem er die Hand auf ihre Stirn legte. „Nein, gar nicht," erwiderte sie, seine Hand von ihrer Stirn an ihre Lippen ziehend, „ich fühle mich im Gegenteil sehr behaglich. Ich freue mich, so, daß ich wieder bei Dir bin, in Gedanken sage ich beständig: „Gott sei Dank!" „Mein liebes, gutes Kind." „Und weißt Du, Vaterle, ich glaube, — nein, ich weiß es ganz gewiß, in meinem ganzen Leben habe ich mich noch nicht so über mein schönes weiches, weißes Bett gefreut und mich so behaglich darin gefühlt, wie heute, nachdem ich die vorige Nacht auf schmutzigem Stroh verbracht habe." „Daran mußt Du nicht mehr denken, Kind." „Im Gegenteil, Vaterle, ich glaube, daran muß ich immer denke» und immer Gott danken, daß Er Dir bcigestanden ist, mich zu befreien. Und ich glaube," fügte sie lächelnd hinzu, „ich müßte Gott auch danken für die Bedrängnis, die Er gestern über mich verhängt hatte; dadurch erscheint mir jetzt alles weit schöner, und jetzt weiß ich's erst, wie gut ich's habe. — Aber jetzt werde ich ausstehen, damit wir zu Tische gehen." „Ich denke, der Tisch kann zu Dir gehen" versetzte er lächelnd, und rückte den Tisch» der an dem Pfeiler zwischen den Fenstern stand, vor ihr Bett. „So, jetzt werde ich Riwkah sagen, daß sie uns das Essen hierher bringe. Einverstanden?'" Sie nickte zustimmend und wollte sich rasch aufsetzen, dabei aber überfiel sie abermals eine Ohnmachtsanwandlung, ihre Augen schlossen sich, ihre Lippen wurden kreidebleich. Er umfing sie mit dem Arm und ließ sie wieder niedergleiten auf das Kopfpolster, dann flößte er ihr einen Löffel Wein ein. Sie atmete tief auf und schlug die Augen wieder auf. „Dank Dir, Väterchen; verzeihe, daß ich Dir so viel Mühe mache." „Du machst mir keine Mühe, Kind, aber Dü wirst heute im Bette bleiben und Dich vollständig ruhig halten müssen." „Wenn Du es befiehlst, Vaterle, werde ich's selbstverständlich tun; aber morgen werde ich doch aufstehen dürfen?" „Das wollen wir hoffen." „Doch sie war auch am folgenden Tag nicht imstande, das Bett zu verlassen, nicht am dritten und auch nicht am vierten Tag. Im Liegen fühlte sie' sich vollständig wohl und plauderte munter, doch bei jedem Versuch sich aufzurichten ward sie ohnmächtig. Acht Tage mochten vergangen sein, da traf der Doktor, als er zur Mittagszeit nach Hause kam, den Pater Anselnio, seiner wartend. „Grüß' Euch Gott, Herr Pater! — Was verschafft mir die Ehre Eures Besuches? — denn Ihr macht nicht den Eindruck, als ob Ihr gekommen wäret, meine ärztliche Kunst in Anspruch zu nehmen." „Ihr habt ein scharfes Auge." versetzte der Pater lächelnd, „ich komme allerdings nicht als Patient zu Euch, sondern auf Wunsch des hochwürdigen Herrn Bischofs. Ich bin nämlich nach Rom beordert worden, und da meinte der hochwürdige Herr, da Ihr doch demnächst mit Eurer Tochter die Reise dort»