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Neue jüdische Presse · 1909-08-13 · Heft 31 (13.8.1909) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 31 (13.8.1909)
Date
1909-08-13
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Leite 4 Finmkhkk« ZsraeWWS FmnMmWM. Nr. 31. hin «»treten werdet — und vermutlich im eigenen Gefährte, — so würdet Ihr vielleicht die außerordentliche Gefälligkeit haben, mir - einen .Sitz in demselben zu überlassen." „Der Wunsch des hochwürdigen Herrn Bischof ist mir Befehl," erwiderte der Arzt, „auch wird mir Eure Gesellschaft .auf der weiten Reise gern willkommen sein. Doch den Tag unserer Abreise kann ich noch nicht bestimmen, in nächster Woche dürfte es schwerlich sein, denn meine Tochter ist seit jener unglückseligen Affäre bettlägerig." „Ich weiß, ich weiß," versetzte der Geistliche, „Euer Hausdiener hat es mir bereits mitgeteilt, daß die Jungfer die bösen Stunden leider noch immer nicht verwinden kann, und — ich muß Euch offen gestehen — vorhin als Eure Köchin durch jene Süt hercinkam, wandte ich unwillkürlich die Augen dorthin und erblickte drinnen im Zimmer auf weißen Polstern ein jugendliches Angesicht von solchem wunderbarem Liebreiz, das so unverkennbar den Stempel holder Unschuld trägt — es war Eure Tochter, davon bin ich fest überzeugt, — aber daß man dieses unschuldsvolle Kind der Hexerei hat beschuldigen können, — das ist mir gradezu unbegreiflich." Der Doktor zuckte die Achseln. „Ich begreife cs so wenig wie Ihr. Daß Ihr sie gesehen habt, ist mir sehr lieb; Ihr werdet so aus eigener Anschauung bestätigen können, daß sie nicht imstande ist, eine Reise anzutreten." ,Mie lange glaubt Ihr, Doktor, daß cs noch dauern wird?" Der Arzt zuckte die Achseln. „Ich habe darüber nicht einmal eine Vermutung. Es ist — Gott sei Dank! — keine organische Schwäche, sondern nur eine Schwäche der Nerven, die sich möglicherweise bald verlieren kann. Sobald das Befinden sich gebessert hat, werde ich Euch benachrichtigen." „Meinen Dank dafür! — Uebrigens hoffe ich auch, daß Euch meine Gesellschaft aus der Reise nicht nur nicht unangenehm sein wird, sondern vielleicht auch von Nutzen, da ich die Reise schon einmal hin und zurück gemacht habe. So gebe ich Euch jetzt schon den Rat, Eure Tochter Knabcnkleidung anlegcn zu lassen, denn wir werden häufig in Klöstern übernachten und diesen ist es untersagt, weibliche Wesen in ihren Mauern zu beherbergen." Der Doktor dankte für den Rat, und mit herzlichem Händedruck schieden beide von einander. — Fortsetzung folgt.) Ei« Sommertag im Che der.-) Ein Kulturbild aus dem jüdischen Leben in Russisch-Litau. Ein schwüler Julitag. Die Soiinc sandte ihre glühenden Strahlen auf die Erde und brannte erbarmungslos. Ich, damals ein Knabe von sieben Jahren, saß sammt sechs andern Kindern im „Cheder" (Schule). Dieses bestand aus ciuem Leinen schmutzigen Zimmer. Es stand nichts darin als ein. langer, weißer Tisch» zwei lange Bänke und ein Sessel. Wir, die Kinder, saßen auf den Bänken Und auf dem Sessel der Rabbi (Lehrer). Er war ein Mann von fünfundsechzig oder siebzig Jahren und trug den Namen „Moses der Blinde". Das Beiwort „der Blinde" ist hier i»> Sinne des Wortes zu nehmen. Schon seit fünf Jahren hatte er fast das ganze Augenlicht verloren; ungeachtet dessen fuhr er fort, Lehrer zu sein, und jener Zufall benahm ihm nicht den Ruf eines guten Rabbi, denn er wußte die ganze Bibel mrt allen ihren Kommentarien genau auswendig. Mit den Schülern war er streng, sogar grausam. Den geringsten -Ungehorsam bestrafte er hart, und cs verging nicht ein Tag, an dem nicht einer von uns geprügelt worden wäre. Deswegen wählten ihn die Väter, ‘ die ausgelassene,. unbändige Kinder hatten; denn bei „Moses dem Blinden" im „Cheder" wird sogar ein wildes Tier in ein stilles Schaf verwandelt, sagten sie. An jenem Tage saß der Rabbi, wie immer, auf seinem Sessel, ohne Oberrock, in seinem „Talis- Koton" und „Jarmulke". Zur rechten Hand auf dem Tische lag eine große Rute und zur linken die Tabakdose. Diese beiden Gegenstände sind die Symbole jü>es Rabbi. Einen Rabbi ohne Rute und Tabakdose konnte ich mir damals gar nicht vorstellen. Wir saßen alle beim Tische und übten uns in der Bibel. Der Rabbi bemühte.sich, uns eine Stelle aus dem „Raschi", einem Kommentar zur Bibel, zu erklären. Seine Auseinandersetzungen begleitete er mit verschiedenen Bewegungen des Kopfes und der Hände. Seine Finger beschrieben in der Luft mancherlei geometrische Figuren, Linien, Winkel, Kreise ustv. Wir wiederholten seine Worte, deren Sinn, trotz seiner Bemühung, für uns unbegreiflich war. Aber uns machte dies nichts aus, wir fuhren fort zu schreien und zu lärmen, bemühten Uns sogar, alle Bewegungen des Rabbi nachzuahmen. Die Gesichter glühten vor Hitze und Ermüdung, und große Schweißtropfen rollte» uns von der Stirn über die Wangen herab, bis zum Munde. Durch das Zimmer ging ein leises Summen, verursacht von' der Menge *) Ein hebräisches Wort; bedeutet ein Zimmer, auch eine Schule. der Fliegen, die im Zimmer hausten. Die Mörder! Sie stachen uns schonungslos. Wohl zum Dank für das Naschwerk unserer Mütter, das wir aus das Fenster gelegt hatten und das sich nun die Fliegen gut schmecke» ließen. Der Lärm wird unterbrochen, und eine Stille tritt ein. Der Rabbinimmt die Tabakdose zur Hand, klopft mit dem Finger darauf — Ivahrscheinlich um sich ihr zu melden und das „Herein" von ihr zu hören, — verteilt die Prise unter beiden Nasenlöchern, zögert nachdenklich ein wenig, wendet sich dann zu uns und sagt: „Kinder, geht jetzt baden!" „Mer", fügt er hinzu, „nicht laufen und nicht wie die Böcke springe», sondern anständig, gelassengehen und nicht lang verweilen! Wenn ihr dann . . . ." Seine Worte fanden kein gehorsames Ohr, denn kaum hat er das langersehnte und heißgewünschte Wort „geht" ausgesprochen, verließen wir pfeilschnell unsere Plätze, und mit einem Freudengeschrei stürzten mir zur Tür und liefen auf die Straße hinaus. Wie schön! Das Herz atmet frei, das Gemüt erheitert sich; die Gesichter, einige Minuten früher noch so traurig, umspielt jetzt ein heitres Lächeln, und das ganze Wesen hat den Ausdruck der übermütigen Freude angenommen. Mit einem Worte: gar nicht derselbe „Ja»kcl"H, der im „Cheder" saß. Wir gehen nicht, sondern laufen, und dabei wetteifern wir in der Kunst des Springens und anderer gymnastischer Ucbungen. Wir begegnen Knaben, glücklichen, wie wir selbst jetzt sind, dis auch baden gehen. Wir begrüßen sie mit einem lauten Geschrei, schließen uns zusammen, und über Hals und Kopf laufe» wir züm Fluß! An uns vorbei fährt ein Bauer einen Wagen Heu. Oben auf dem Heu sitzt der Bauernknabe in einem weihen Hemde, das von einem Gürtel zusammcngehaltcn wird. In einer Hand hält er eine Peitsche, in der andere eine Rohrpscifc, auf welcher er innig vergnügt pfeift. Wie sehr beneidete ich diesen Knaben! Sitzen in einem Wagen und fahren, ist gewiß gut; mit einer Peitsche herumlaufen, ist doch besser; und pfeifen? Ein höheres Vergnügen als dieses gibt es gar nicht. Dieser überglückliche Knabe genießt das alles auf einmal: er sährt, und auf welche Weise? oben auf dem Heu sitzend, hält eine Peitsche, dazu pfeift er — und darf es tun. Kann matt sich einen glücklichern Menschen vorstcllen? Ich stellte in meinen Gedanken einen Vergleich zwischen meinem Leben und dem Leben des Knaben an, und ivnrde mißgestimmt. Mein Leben mit dem seinigen verglichen, schien mir düster, traurig und farblos. Dieser Knabe kennt weder Rabbi, noch Cheder; er kann den ganzen Tag fahren und dabei auf seiner Rohrpscifc pfeifen. Und ich? Als ich einmal der Lust nicht widerstehen konnte und überwunden von der Macht der Leidenschaft zu pfeifen, nur einmal mit der Pfeife, die in meiner Tasche geheim versteckt war, gepfiffen hatte, — was für Prügel bekam ich da vom Rabbi, wie schwer muhte ich mein Vergehen büßen. Mit wie vielen Tränen mußte ich meine Schuld abwaschen! Bei dieser Erinnerung wurde cs mir so Weh zu Mute, daß ich weinen wollte; aber blitzschnell durchzuckte mich der Gedanke: Diesen Knabe ist doch ein „Goj", und der Rabbi sagt, daß „Gojim" keine „Ejlom-habo" haben werden. .Dieser Gedanke übte auf meine Stimmung eine gute Wirkung. In meinem Gedächtnisse lebten alle schönen (beschichten von dem „Scher-habor"-> und den weißen Gänsen - auf, die in der Wüste herumirren und sich mästen, um den „Zadikim" (Frommen) als „Scjudo (Mahlzeit) zu dienen, und von . dem „Gan - ciden" (Paradies), dessen Bäume Früchte von lauter Gold tragen. Auch das Bild des Lebens der Zadikim im „Gan - eiden" stellte ich mir vor: wie sie auf goldenen Sesseln sitzen, mit goldnen Kronen ans ihren Häuptern und Tag und Nacht im Genüsse verschiedener Vergnügungen zubringen. Im „Gaueidcn" (Paradies) ist das Pfeifen gewiß erlaubt, dachte ich, denn cs ist undenkbar, daß dort ein solches großes Vergnügen verboten sein solle. Also pfeife nur „Goj"! Wer dort im „Gan-ciden" werde ich auf einer goldenen Rohrpscifc blasen, — und wo wird dann dein Platz sein? Wir gelangen an die Brücke, jenseits deren der Badeplatz liegt. Beim Anblicke der im Flusse Badende» steigert sich in uns die Ungeduld bis zum höchsten Grade, und wir fangen noch im Laufen an, Schuhe, Strümpfe -und Oberkleidcr auszuziehen. Atemlos kommen wir ans Ziel. Es ist eine Wiese, auf einer Seite mit Schilfrohr bewachsen, auf der anderen an L>aatfelder grenzend. Wir tverfcn uns auf das duftige, unlängst abgcmähte Gras nieder,' — um uns ein wenig zu erholen. Nicht weit von uns weidet die Stadt- Herde unter der Aufsicht des Hirtenknaben. Dieser sitzt auf dem Grase und ist damit beschäftigt, Bastschuhe zu flechten. Ein grobes Hemd ans Linnen und Hosen von ebendemselben Stoffe hüllen i) Ein jüdischer Name. -) ein wilder Stier. seinen Körper ein. Zur linken Seite hängt ihm ein zerfetzter Futtersack herab, der mit einem Stricke um die Hüften befestigt ist. Manchmal greift er zu seiner großen Peitsche und läßt ihr Knallen höre», um seine Anwesenheit den Kühen und Schafen in Erinnerung zu bringen, damit sie sich in ad)t nehmen, sich nicht etwa zerstreuen, oder, . was noch schlimmer ist, aus die Saatfelder schlendern. -Diesedehne» sich, soweit nur das Auge reicht,, ans, und vom geringsten Hauche des Windes berührt, wallt die Saat, die reifen Aehren neigen einander ihre Häupter zu, als vertraute» sic eine der andern Geheimnisse an. Nachdem tvir uns ein wenig erholt haben, ziehen wir uns in der Eile die Oberkleider aus, spucken ein paar Mal in die Hände, holen zuni Laufen aus, und jn zwei, drei Sprüngen sind wir im Flusse. Beim Bade» wird mancherlei tolles Zeug getrieben: es wird vom User ein Balken ins Wasser geholt, und wir mühen uns ab, darauf rittlings zu sitzen und mit den Händen rudernd, ihn jn gleichförmige Bewegung zu versetzen. Der Balken taucht jedesmal unter, wir mit ihm, und wenn Ivir wieder an. die Oberfläche kommen, ist, er schon weit fort. Unter Lärmen und Schreien wird ihm nachgcsetzt, dabei straucheln wir und tauchen abermals. Nach einigen fruchtlosen Benrühungen wird die Jagd aus den Balken ausgegeben, und wir finden Lust daran, das Wasser mit den Handeln zu plätschern und einander damit zu bespritzen. . Die Kälte des Wassers wird uns spürbar, und wir sind schon im Begriffe; herauszugehen, uni uns anzuLciden, aber da ertönte plötzlich der Ruf: „Jsak der Schmied kommt." Dieser „Jsak" galt für einen großen Schwimmer. Wir Kinder hegten den größten Respekt vor ihm. Es gab für uns auf Gottes Erde keinen, der sich mit ihm jm Schwimmen hätte messen können. Dieselbe hohe Meinung von seiner Kunst hatte „Jsak" selbst, und er ergriff jede Gelegenheit, um Proben feiner Geschicklichkeit zu geben. Kein Wunder also, daß seine Ankunft uns des Rabbi strengen Befehl, nicht lange zu verweilen, vergessen machte, und wir beschlossen, im Wasser zu bleiben. Und dieses Mal gerade war „Jsak" unerschöpflich i» der Ausübung seiner Künste. Er verrichtete Wunder: Bon der Brücke sprang er ins Wasser hinunter und blieb im Uutertauchen, wie cs uns damals schien, wohl eine Stunde lang unter dem Wasser. Er versuchte sich im sogenannten Matrosenschwamm, im Wassertreten und sogar darin, Pnrzelbämne zu schlagen. Mit offenem Munde und weit aufgcrisseiicn Augen sahen wir .dem allein zu, und erst, als der Künstler selbst sein Baden geendet hatte, gingen auch wir, uns anzukleiden. Dabei wird mit Knöpfen gehandelt, deren jeder von uns eine Menge besitzt. Ein „jewonischcr" Knopf (das ist ein Unisormknopf) wird geschätzt; für einen solchen gibt man zwei und im Notfälle sogar drei andere. Ich bekomme beim Austausche zwei dieser kostbaren Knöpfe und bin darüber sehr froh. (Schluß folgt). Kaiser Friedrich Quelle — —- Offenbach a. M. — —— Gegen Gicht und Rheumatismus bewÄhrt. •ms Bai Harztet PmsIod Parktoos -ra mitDep. Prinzenhof. Prospekt gratis. Max Hecht. OcJ i\/in Wel hMund wasser Der Menschheit Wohltäter. MMMM Retorte-Flasche Mk.l.Z5 ■Eüüal Überall erhältlich! Wocheu-Salerrder. (Zeitangaben nach dem Laach.) Samstag, den 14. August l— 27. Aw): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 7 Uhr 15 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt o. M. 8 Uhr 40 Mkn. in Berlin 8 Uhr 22 Min. Wochcnabschnitt: Re-ci. Einleitend wird von den Segnungen, die vom Berge Gerisim aus, und vou den Flüchen, welche vom Ebalbergc ans erschallen sollten, berichtet. (Genaueres in einem späteren Abschnitte.) Es folgten Bestimmungen über Pflicht- und .Privatopfer, über die als „Heben" oder .„Zehnten" zu entrichtenden Abgaben, die Pflicht, solche in Jerusalem zu verzehren. Das Verbot des Blutgcnusses von Vögeln und Säugetieren. (Daher unser Wässern und Salzen des Fleisches.) Warnung vor solchen Propheten und Verführern des Volkes, die Einzelne oder pine ganze Stadt zum Abfall .verleiten.

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