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Neue jüdische Presse · 1909-08-13 · Heft 31 (13.8.1909) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 31 (13.8.1909)
Date
1909-08-13
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. Frmrkstrter UraelitWeS Fmnilienblatt. 'SK.'31. durchaus nicht auf Konto der Agitation der deutschen Konferenzgemeinschast zu setzen sind, so . fragt man sich unwillkürlich: wozu diese große Anstrengung in einem Lande, wo eine vorzügliche Hilfsorganisation besieht? Doch wenn man die fortlaufende Hetze der Verwaltung der Alliancce gegen den deutschen Hilfsverein ms Auge faßt, komnit man zu dem Schluß, daß die „Deutsche Konferenz- Gemeinschaft" in erster Linie von dem Diktator Bigart, dem allgewaltigen Generalsekretär der Alliance, dazu bestimmt war: dem Hilfsverein Abbruch zu tun und sein Wachstum womöglich zu unterbinden... Mit einer Untergrabung des Hilfsvercins haben ,aber die Macher in Paris nicht genug; man hat es auch auf die Lahmlegung der zionistischen Tätigkeit in Palästina abgesehen. Das neue Regime in der Türkei ist dem Zionismus sehr gewogen und gar häufig gaben die Führer der Jungtürken ihrem Wunsche Ausdruck, eine große jüdische Eimvandcrung im Türkenreiche zu sehen, und sie benutzten gern jede Gelegenheit, ihre Sympathien für die jüdische Nation kund zu geben — das mißfiel Herrn Rcinach und Konsorten; das jüdische Volk — so will cs dieser Assimilator haben — soll nicht wieder auferstchen, es soll sich assimilieren, loic Herr S. Reinach sich assimiliert hat. Also frisch an die Hetzarbeit! Daß dadurch womöglich dem jüdischen Volk die gegenwärtig einzige Zufluchtsstätte genommen werden kann — was tuts! Einem jüdischen Volke gegenüber darf man sich ungestraft alles erlauben: man darf es diskretieren und in tausend Stücke auseinanderreißen — und hinterher in heuchlerischer Weise auf einem Vorderblatt eines Jahresberichtes „Kol jisrocl echod (Ganz Israel ist eins)" aufdrucken und darunter zwei miteinander vereinte Hände als Zeichen der Brüderlichkeit setzen . . . Wir appellieren an die große jüdische Oeffentlichkeit sowohl, als auch an die Mitglieder der Alliance insbesondere, diesem wüsten Treiben der Leitung ein Ende zu machen. Die Alliance prunkt nicht nur mit „Kol jisroel chawerim", 'sondern auch mit „Kol jisroel areiwim se böse", also auch die Mitglieder und die Oeffentlichkeit müssen für ein solches frevelhaftes Gebühren mitverantwortlich gemacht werden. —n. Brief aus Warschau. Warschau darf qualitativ und quantitativ als ein jüdisches Zentrum bezeichnet werden. Besonders seit der Ausweisung der Juden aus Moskau ist Warschau ein Zufluchtsort geworden, wo Juden ein relativ breites Feld für wirtschaftliche Betätigung finden können. Durch brutale polizeiliche Gewalt aus der russischen Industrie und den produktivsten Gegenden des Landes herausgestoßen, nimmt doch der Jude den aktivsten Anteil an der Verbreitung russischer Fabrikate. Die Rechtlosigkeit schneidet ihm die Möglichkeit ab, selbst im Inneren Rußlands zu produzieren, und es bleibt ihm nichts. übrig, als die Rolle des. Vermittlers — zwischen dem russischen Produzenten und Konsumenten — zu spielen. So entwickelte sich hier. mit rapider Schnelligkeit die Zahl der Kommissionäre, die sich zur Geschäftsaufgabe machten: die russischen Fabrikate außerhalb des Ansiedlungsgebietes zu verbreiten. Dank dem regen Unternehmungsgeist der hiesigen Kommissionäre hat die russische Industrie einen großen Aufwuchs erreicht; denn die hiesigen Kommissionäre waren es, die das Reisen über Dörfer und Gauen eingeführt und .das Kreditwesen entwickelt haben. Gleichzeitig mit den bedeutenden Leistungen, die die hiesige Kaufmannschaft für den Aufschwung des russischen Handels nach Außen hin aufzuweisen hat, verschärfte sich ganz naturgemäß der Konkurrenzkampf unter den Juden selber in einem Maße, daß der Verdienst bis auf ein Minimum reduziert wurde. Die ruiniösen Folgen des mit der „Freiheitsbewegung" verbundenen Streikfiebers sind noch bis" auf den heutigen Tag in der kaufmännischen Well fühlbar. Abgesehen von den einzelnen zu Grunde gerichteten Unternehmungen, sind, was sich immer empfindlicher fühlbar macht, einige Abzweigungen der hiesigen Fabrikation nach andern Städten, wo der Arbeitslohn billiger ist, übertragen worden. So ist der Schuhexport, wie die hiesigen Transportgesellschaften angeben, km enormen Abnehmen begriffen. Die cingewanderten, wie nian sic hier nennt, „l i t a u s ch e n" Juden, die dem hiesigen wirbschaftlichen Leben eine neue Wendung gegeben haben, riefen auch neue Kukturströmungcn, die mehr als einen lokalen Wert haben, hervor. Seit der Ansiedlung der Mäuschen Juden begann hier der nationale Gedanke tiefere Wurzel zu fassen: nationale Volksschulen wurden ins Leben gerufen; der Zionismus wurde in weiten Schichten des Volkes propagiert; hebräische Sprache und Literatur sind zur Äuflebung gekommen. So erwarben sich 4 tägliche Zeitungen (t hebräisch) einen ziemlich großen Leserkreis und bleiben nicht ohne Einfluß auf die großen jüdischen Massen. Die Manschen Juden verstanden cs, das Jüdische mit dem Modernen zu vereinigen. Die polnischen .Jude n hingegen haben nie den Versuch gemacht, die scheinbaren Gegensätze des Jüdischen und Modernen zu versöhnen; sic bleiben nach wie vor unter dem Einfluss der Wunderrabbi's, ohne den Puls der Neuzeit zic spüren. Wenn das polnische Judentum augenscheinlich den Eindruck eines „harmonischen Ganzen", einer zusammcnhaltenden Gemeinschaft macht, die sich äußerlich und innerlich hartnäckig am Judentum hält, so ist es für den Kenner der polnischen Juden kein Geheimnis mehr, daß eine innere Spaltung schon längst vorhanden und ein Kampf zwischen „Väter und Söhne" im Stillen entfacht ist. Die Jugend loird mit Gewalt von der Außenwelt abgeschlossen, jede leiseste Berührung mit derselben wirkt daher umso berauschender und verwirrender, so daß Fälle von Taufe und .sittlicher Ausschweifung in diesen Kreisen nicht ausbleibcn. Ich möchte noch am Schlüsse meines Briefes nicht unerwähnt lassen, daß sich hier ein Verein für Pflege der jüdischen Literatur und Sun st unter dein Namen „H a s o in i r" gründete, der in verhältnismäßig kurzer Zeit einen Ehrenplatz in der Entwicklung des nationalen Geistes zu erringen verstand. Nach einjährigem Bestehen hat der Verein in vielen Städten Abteilungen eröffnet, eine Reihe von öffentlichen Vorträgen, Diskussivnsabende veranstaltet und die intellektuellen Kräfte der jüdischen Gesellschaft um sich gesammelt. L. M. Brief aus Ungar«. „Da hilft kein „Paubenn umazilenu", cs is cmal eso." Wir sind in Ungarn zwei Judentümer' Demonstriert wird dies am besten durch die Ausschreibungen der Rabbinerstellen in der Presse. Hier kommt ganz natürlich die Konfession zum prägnanten Ausdruck; und nicht etwa die jüdische, sondern die orthodoxe oder die neologe; die Zugehörigkeit zur Organisation und nicht das Religionsgesetz ist ausschlaggebend. Wer sich den Weisungen Mesey's fügt, ist ueolog; was mit Frankl'- schem Kanzleipapier korrespondiert, dagegen staatlich approbiert: streng orthodox, konfessionell „gesinnt" und stark. Die orthodoxen konfessionelle» Zerrbilder, die die Gemeinden Karczah, Miskolc;, Temesva, Brasso. Zilah, B. Gyarmat usw. biete», wo die Gemeinde- Mitglieder in großer Majorität jenseits des positiven Judentums stehn, wurden durch N y i r b a - tor in den Schatten gestellt. Dort haben sie — nach offiziellem Bericht des „Magyar Zsido" — die orthodoxe Konstitntion bei einem Festbankett ausgesprochen und besiegelt, bei dem das koschere Chaserfüßchen — nicht etwa euphemistisch^ ausgedrückt — die größte Rolle spielte. Bei Schinken und Schweinekeule wurde die Zugehörigkeit zur ungarisch - jüdischen orthodoxen Konfession ausgesprochen! Nicht minder charakteristisch ist das Rundschreiben der Szarvaser orthodoxen Gemeinde, die gegen die Pester orthodoxe Zentralheizung die Sturmglocke zieht, weil diese in B. Gyarmat gegen den Protest hes dortigen Frommen einen Vorstand bestätigt, der „Mechalel schabbos" und „Auchel Trefos" ist. . . Das Tohuwabohu, das solche Zustände zur Folge haben, ist fast ein vorsintflutliches. Wie in Galant ha, beginnt man auch in andern Gemeinden die weitere Zersetzung und Spaltung durchzuführen. Im Rahmen der eine n Orthodoxie wird es zu eng, die Zweiscclenthcorie in Orthodoxie hat ihre fanatischen Apostel. In Medgyes hat es Allster Shannan, der durch seine Denunziation gegen die ausländischen Juden berüchtigt ist, durchgesetzt, daß sie neben dem orthodoxen Oberrabbiner Jungreis einen anderen orthodoxen Scelenhirten zum Obcrrabbiner akzeptierten. Wenn nun, wie in Galantha, beide Leuchten des Exils starr und steif auf orthodoxem Programm fußen und um keine Haaresbreite vom definit tiven Standpunkte weichen ivollen, dann haben wir die Karrikatur der Doppelorthodoxie in Komparation zum Gaudium aller intimen Feinde des Judentums. ... Die Herren von der Ncologie haben zwei große Tote zu begraben. Moses Bloch, der sich voin konservativen Protestrabbiner, dem das Rabbinerseminar, als er noch Gaon von Leipnik war, ein Dorn im Auge geloesen ist; zum Leiter dieses von ihm verdammten Instituts entwickelte, hat im Alter von 95 Jahren baS Zeitliche gesegnet. Die Fackel, die ihnc ins Jenseits voranleuchtet, 'wird ihm von seinem Schüler, dem Gcisteshelden von Arad, Dr. Rosenberg, der ihm inr Tode um einige Tage vorausging, vorangetragen . . . Mit einem Pomp, wie es nur gekrönten Häuptern entgegengebracht wird, haben sie den Nachfolger desersten ungarisch - jüdischen Reformators, Chorin, zu Grabe geleitet. Die Geistlichen sämtlicher Konfessionen haben sich an seinem Leichenzug beteiligt, und alle Glocken erklangen ihm zur Ehre. Seine Toleranz im Leben kannte aber auch wirklich keine Grenzen. Er war der einzige, der in der jüdischen Synagoge die Ehen gemischter Konfessionen feierlich einsegnete. Zioni. Ans den Geschehnissen des Tages. „Um durch Erleichterung des Verkehrs und Einrichtung fördernder kultureller Einrichtungen die gesunde wirtschaftliche Entwicklung Palästinas vorzubereitcn und auch wohlhabende Juden zur Einwanderung und Errichtung von landwirtschaftlichen, industriellen und kommerziellen Unternehmungen in Palästina anzurcgen," ist durch die unermüdlichen Bemühungen Alfred N o s s i g' s bei den führendeic Persönlichkeiten der westeuropäischen Judenhcit eine „Allgemeine Jüdische Kolonisation-Organisation" ins Dasein — wenn auch noch nicht, ins Leben — gerufen worden. Wir begrüßen die jüngste Organisation, weil wir jede Tätigkeit, die dem Lande unserer Bäter zu gute komnit, als einen Segen für die Judenheit mischen. Aber das Unternehmen ist nicht nur ein gutes, sondern auch ein sehr dringendes. Der Auswanderung von 100 000 Juden jährlich aus dem Osten Europas ein neues Ziel zu geben, liegt im ureigensten und dringendsten Interesse der westeuropäischen Juden. Bisher hatte Amerika die Auswanderung absorbiert, und wenn auch neuere Nachrichten von jenseits des Ozeanes, mitteilen, daß infolge Protestcs der Juden Newyorks die 25 Dollar-Forderung von jedem Einwanderer, welche Forderung die Einwanderung unmöglich gemacht hätte, wieder aufgehoben worden ist, so darf man doch sicher sein, daß es mit einer Masseneinwanderung wie bisher für die Folge vorbei ist. Zum ersten Male hat sich die „Freie Bereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" einer allgemein-jüdischen Organisation angeschlossen. Sie konnte es in Wahrung ihrer Grundsätze tun, da ja die „Allg. Jüd. Kolonisations-Organisation" nur bezweckt, in wirtschaftlicher Hinsicht die Ansiedlung von Juden in Palästina durch geeignete Maßnahmen zu erleichtern. Die zionistische Organisation wird' durch die neue Organisation, die sehr überflüssigerweise ihre Unberührtheit mit dem Zionismus betont hat, keinesweg in ihrer Tätigkeit gestört, sie wird'vielmehr in ihreni ökonomischen Programm unterstützt und stärker als bisher darauf hingewiesen, ihre geistige Aufgabe, die Wiedergeburt des jüdischen Volkes, durch Förderung jüdischen Wissens und jüdischen Brauches fest ins Auge zu fassen. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Aus dem Bureau der „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" wird uns geschrieben: Nach mehrmonatlichen Verhandlungen, die eine sorgfältige Durchberatung aller in Betracht kommenden Momente ermöglichten, hat sich der Vorstand der „Freien Vereinigung" veranlaßt gesehen, unter Zustimmung des Ausschusses, zu der in Berlin gegründeten Allgemeinen JüdischenKolonisativus- Organisation (A. I. K. O.) behufs Förderung der Ansiedlung in Palästina in ein Vertragsvcrhältnis zu treten. Der Vertrag' sieht eine größere Kapitalbeteiligung der Fr. Vg. an dem Kolonisationsfonds der- A.J.K.O. sowie die ständige Delegation von fünf Vorstandsmitgliedern der Fr. Dg. in die Letzung der A. I. K. £).' vor. Die letztere hat vertragsmäßige Garantien dafür geboten, daß ihr gesamter Betrieb sowie derjenige ihrer Betriebs- : und Tochtergesellschafte» sowohl in Europa als im heiligen Lande im Einklang mit den Bestimmungen des jüdischen -Religionsgesetzes geführt wird. Diejenigen Gesinnungsgenossen, die sich'mit Kapitalzeichnungen an den Kolonisationfonvs der A- I. K. O. (Mindestbetrag 500 Mark) zu beteiligen beabsichtigen, werden gebeten, ihre Anmeldungen im Interesse der Sache entweder durch Vermittlung unsres Bureaus oder direkt bei der A. I. K. O., jedoch unter Berufung auf die Fr. Bg. zu. bewirken.

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