Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 31 (13.8.1909)
- Date
- 1909-08-13
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2692297-2692614-2692645--04857-2699714- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Isrartkfitrter frntlitifilirs fumilitulililt. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1.50, sonstige Länder Mk. 2.— §rankfurt a. IN.. vilbelerstraße 4/6, Ecke Bleichstraße Telefon 10 507. -WH- Herausgeber: Salg ei-s. Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzelle. 25 Psg. Die Reklamezeile. 100 .. Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunst. 7. Jahrgang. Freitag, de« 26. Aw 5669 (13. August 1909). Rr. 31. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Die „Alliance Jsraelite Universelle". — Brief aus Warschau. — Brief aus Ungarn. — Aus den Geschehnissen des Tages. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Die Tochter des Kardinals. — Ein Sommertag im Cheder. — Wochen- Kalender. — Familien Nachrichten. — Barmizwohs. Die „Alliance Jsraelite Universelle". Es ist eine geschichtliche Tatsache — wenn man sie auch heute vergessen zu habeil scheint—, daß die Alliance Jsr. Univers. mit nationalen Aspirationen in die Welt trat, national-jüdische Tendenzen am Anfang ihrer Tätigkeit verfolgte. Man lese nur aufmerksam die ersten Ausrufe der Alliance air die gesamte Juden heit; sowohl der erste Aufruf vom Jahre 1860, als auch der spätere von Cremieux atmen nationalen Stolz lind nationales Selbstbewußtscin; kräftig und laut hallt dort der Ruf zur Sammlung und Einigung Israels zerstreuter Kräfte der gesamten Diaspora, um geeint als starke Macht die Ehre Israels hochzuhalten, die Rechte, die es bereits besitzt, zu verteidigen und die ihm noch vorenthalten sind, zu erlangen. Der Name Alliance Jsr. Univ. war nicht zufällig, sondern bedacht der Organisation gegeben worden, und so kam es, daß die antisemitische Presse sogleich das Wort „jüdische Internationale" prägte, um mit diesem von ihr gehässig gegebenenAusdruck den beabsichtigten Zusammenschluß aller Juden zu denunzieren. . Und wahrlich, — die Welt hatte Grund genug, die Alliance als etwas Nationales hinzunehmcn; war doch die Alliance am Anfang ihrer 'Tätigkeit überall dort zur Stelle, wo es galt, die Juden aus Bedrängnis zu ziehen oder für sie Rechte zu erlangen. Im Jahre 1864—65 wurden die Juden Marokkos bedrängt, und sofort intervenierte Adolf Cremicux, der Präsident der Alliance, mit Erfolg beim Sultan von Marokko. 1878 tagte ein Staatenkongreß in Berlin, und sofort verwendete sich die Mliance für für Gewährung von Rechten , an die rumänischen Juden. Doch genug der Aufzählung! Allein die überaus glückliche, politische Tätigkeit der Alliance nahm mit dem Meben ihres ersten Präsidenten Cremieux im Jahre 1880 ihr Ende. Die Alliance schlug damals einen andern Kurs ein, und an Stelle der bisherigen politisch-sozialen Tätigkeit begann sie nunmehr ihre Haupttätigkeit auf das kulturelle Gebiet zu verlegen und fast ausschließlich auf denO r i e n t zu beschränken. Schon ein Jahr nach dem Ableben Crsmieux, als die ersten russischen Pogrome eine Massenslucht von Juden veranlaßten, schon damals sah man die Mliance abseits stehen, ohne auch nur den geringsten Versuch zu machen, die Emigration zu regeln. Zwar ging Karl Netter, der Vertreter der Alliance, nach Brody, wo tausende hungernde Emigranten lagen; allein Netter kehrte unverrichteter Sache zurück. Doch >vie ist cs mit der kulturellen Tätigkeit der Alliance bestellt? Zweierlei ist da zu untersuchen: 1. die allgemein menschliche Seite, 2. die spezifisch-jüdische. In Punkto Jüdischkeit steht cs — das ist längst bekannt — bei. der Alliance unter aller Kritik... Und fürwahr, es ist dabei nichts Verwunderliches, das Umgekehrte wäre unverständlich; »ran vergegenwärtige sich nur ein Judentum, getragen vom Geiste S a l o m o n R e i u a ch' s und I a c q u c s B i g a r t' s . - . Der Präsident N a r c i s s e Lev e n ist längst ein sehr alter Herr. Und das Allgcmeinmcnschliche? Schoir des öfter» ist ausgeführt worden, daß die Alliance aus den türkische u Jude» gute französische Bürger hatte machen »vollen und daß das Resultat »oar, daß diese französischen Zöglinge auf türkischem Boden »vcder Franzosen »roch Türken ge- »vorden sind. So muß derrn heute die schon öfters gestellte Frage »viederholt »verden: Wozu die Alliance?! Wo ihre Existenzberechtigung?! Denn in jüdischer Hinsicht sind ihre Leistungen verderblich und in rein mcnschlicher Hinsicht minderwertig. Und noch eins:' Da die Alliance auf dem sozialen Gebiete versagt hat und kulturell schädlich wirkt, so bildeten sich L a n d e s - Hilfsorganisationen, von deneir manche ihr Hilfswerk über ihre Landesgrenzcu hinaus ansdehutcu und sogar auf dein Gebiete der Kultur segensreich arbeiten, so z. B. der „Hilssverein der Deutschen Juden", der mustergiltige Schulen sotvohl in allgemein menschlicher als auch in jüdischer Hinsicht selbst im Orient, denr Hauptarbeitsfeld der Alliance, gründete. Unter solchen Umständen wirst sich einem jeden, der Interesse am Gang der jüdischen Organisationen nimmt und - klar zu sehen vermag, die Frage zlveifach auf: Wozu die Alliance? Bei dem gegenwärtigen Zustand der 'jüdischen Hilfsinstitutionen »oäre eine Alliance Jsr. Univ. nur dann existenzberechtigt, wenn dieselbe zu rein politischen Aktionen, zu Massen-EMigrationen oder andern akuten Generalaktionen gedient hätte. Hierzu wäre freilich eine vollständige Unrtvälzung ini Aufbau der Alliance »wtwendig; jede Landesorgmrisation und alle anderen größeren politischen, nationalen und sozialen Körperschaften müßten ständige Vertreter in ihre Leitung delegieren, so daß sie mit Recht sich eine jüdische internationale Körperschaft nennen dürfte. Aber eine Alliance Universelle von Gehalt und Weseir der jetzt bestehenden ist ein Unding, da das jüdische Volkihr kein Mandat zur kulturellen Arbeit ausgestellt hat und die Herren, die in der Leitung sitzen, in keiner Weise als berufe»t und maßgebend für eine ersprießliche jüdische Erziehung der jüdischen Massen zu betrachten s i n d. Maic »vende bezüglich der Ausstellung eines Mandates nicht ein, daß die Mitglieder das Mandat zur Erziehung der jüd. Massen verliehen und iwch verleihen. Wer die Lässigkeit und den Jndifferentismus der jüdischen sogenannten besserest Kreise in jüdischen Dingen l cnnt. »veiß, »vas man von einem Mandat einer solchen indifferenten Masse, wie sie die Mitglieder der Alliance Jsr. Univ. darstellen, zu halten hat; man ist nur Mtglied, »veil man den einmal gezeichneten Jahresbeitrag gewohnheitsgemäß »veiter zahlt, und so geschieht es häufig, daß die Mitgliedschaft von BateraufSohn übergeht. Man frage sich, »vieviel neu hinzugekommene Mitglieder der letzten Zeit die Alliance aufzmveisen hat und »v i e dieselben geworben »verden. In Deutschland z. B. bekommt jedes Mitglied die illustrierte Zeitschrift „Ost und West" gratis, »voraus zu ersehen ist, wie künstlich die Werbung von Mitgliedern vor sich geht. . . Doch siehe! Die Alliance ist in der letzten Zeit sehr rührig geworden, ständig informiert sie die Presse über ihre Großtaten. Und weshalb? In der Leitung der Alliance Israel, fühlt man, wie überflüssig die Organisation geworden ist unb wie sehr die anderen Organisationen — der Hilfsverein, »vie auch die zion. Organisation — sie auf dem Gebiete der Schule überholt haben und sic immer mehr durch eine erfolgreiche Tätigkeit in den Schatten stellen; man spürt, wie der Boden unter den Füßen langsam aber sicher abgegraben »vird; — und siehe! anstatt zur Äenderung des falschen Systems greift man zu den allerschändlichstenMitteln der Ratlosigkeit: man hetzt gegen die Organisationen, die die Alliance ungewollt in Mißkreditbringen, man hetzt und verleumdet. Die fortwährenden Hetzen seitens der Alliance gegeir den Hilfsverein werden unseren Lesern noch im Gedächtnis fein; jetzt »vird eine Hetze gegen den Zionismus in Szene gesetzt: die Zionisten — heißt es — wollen den Zerfall der Türkei, sie wollen die Separation usw., — und das, trotzdem alle Welt weiß, daß dem Zionismus nichts mehr erlvüuscht sein kann, als eine starke Türkei, als eine Stärkung des Muselmanentums überhaupt. Doch wenn man nur den einen Wunsch hat, zu diskreditieren, dann gibt es »vedcr Logik noch Wahrheit! In welch' öder Ratlosigkeit muß sich eine Verwaltung befinden, die zu Mitteln greisen muß wie die von der Verwaltung der Alliance gebrauchten. Eine Organisation zur Einigung und Wahrung der Ehre Israels gibt sich her zur Stiftung von Zwietracht innerhalb der Judenheit und zur Besudelung der jüdischen Ehre in den Augen fremder Völker. Kosten von 40000 Mk. jährlich — auf soviel ungefähr werden sich die Bürokosten samt der Ausgabe für die Zeitschrift „Ost und West" belaufen — werden für die Verwaltung der „Deutschen Konferenz-Gemeinschaft" gemacht, während die Einnahmeir aus Deutschland blos das Doppelte ausmachen, und zieht man in Betracht, daß die meisten deutschen Mitglieder der Mliance altern Datums und