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Neue jüdische Presse · 1909-08-06 · Heft 30 (6.8.1909) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 30 (6.8.1909)
Date
1909-08-06
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nc. 30 Frankfurter Israelitisches FcrmMenblatt. Seite 3. Czernowitz. Der ,.Pe monenzausschuß des Bulowinaer. Landtages" nahm den Wahlreformentwurf an, dem zufolge in der Bukowina die.Einführung eines nationalen Katasters bevorsteht. Die Inden sind in diesem nationalen Kataster als separate Gruppe berücks i ch t i g t. Zusammen mit den Deutschen sind den Juden von -14 Volksmandaten 13 konzediert worden, lieber die Aufteilung der de» Deutschen und Juden reservierten Mandate müssen beide Gruppen einig werden. Der darauf bezügliche Passus im offiziellen Kvmmnniquo lautet: „Die Aufteilung der den Deutschen und Juden reservierten Mandate hat im Einvernehmen der Betecligten zu erfolgen, so daß nur im Falle voller liebereinstinlmnng zwischen ihnen weiter vorgcgangen werden kann." Im künftigen Landcsansschusse, der aus acht -Mitgliedern bestehen wird, ivcrden die Juden einen Vertreter haben. Von den den Deutschen und Juden' zugestandcnen 13 Mandaten werden die Inden eine größere Anzahl als die Deutschen erhalten. Abg. Dr. S t r a u ch e r hat diese Forderung in der Sitzung des Perinanenzausschusfes erhoben, und der Vertreter der Deutschen erkannte ihre Berechtigung an. — Durch die Schaffung einer separaten Kurie für die Juden erscheint die jüdische National i t ä t in einer österreichischen Provinz osfiziell ancrkannt. Budapest. Der jüngst verstorbene Arzt Dr. Jakob S a n d o r setzte testamentarisch eine Reihe Legate aus, u. a. 30 000 Kr. als Stiftungsplatz an der Ludovica-Honvedakadcmie für einen Israel. Jüngling, 6000 Kr. ' dem Israel. Mädchenwaisenhause, 4500 Kr. dem Israel. Spitale, 4000 Kr. dem Adele Brody-Kinderhospitale, 2000 Kr. dem israel. Knabenivaisenhausc und 1000 Kr. der israel. Gemeinde in Apatin. Budapest. Im Cincocaer Walde fand ein Pistolcnduell zwischen dem Bankdirektor Ern st Frankl und dem Rittmeister I c n e y statt, bei dem der Rittmeister schwer ' verletzt wurde. Die Veranlassung.zu dem Duell war folgende: Frankl war in Gesellschaft mehrerer 'Abgeordneter in einem Restaurant und bestellte Krebse. Der nebenan sitzende Rittmeister' Jeney bemerkte höhnisch : „Jede r.J u d e b e.st c l l t heute Krebs e". Als Fränkl, der diese in lautem Tone gesprochenen Worte hören mußte, daraufhin den Rittmeister einen Bauer nannte, zog. dieser seinen Säbel und drohte, gegen Fränkl tätlich zu werden. In diesem Augenblick hatte der Bankdirektor seinen Revolver gezogen und drohte, seinen Gegner niedexzuschicßen, wenn er seinen Säbel nicht sofort in die Scheide stecke. Jeney kam dieser Aufforderung nach, und Fränkl schickte ihm seine Karte. KiSmarton. Kultusminister Graf Albert Apponyi wird demnächst in einer interessanten Streitfrage zu entscheiden haben. Wie lvir seinerzeit gemeldet haben, hat der Privatier Ignatz Spitzer voriges Jahr der isr. Knltusgemcinde Arad mehr als e i n c Million Kronen zu wohltätigen Zwecken hinterlassen. Da sich nun inzwischen ein Teil der Gemeinde losgelöst und sich als orthodoxe "Gemeinde separat konstituiert hat" — als .solche vom Kultusminister auch schon anerkannt wurde —, erhebt sie nun Anspruch 'darauf, von den Zinsen der Spitzerschen Stiftungen ebenfalls bedacht zu werden. Die orth. Gemeinde begründet ihre Ansprüche mit ' einem Präzedenzfall, in dem Graf Apponyi erst vor kurzer Zeit eine diesartige .Entscheidung gefällt hat. In Nhitra (Neutra) hatte sich voriges Jahr eine Kongreßgemeinde aus der orth. Muttergemeinde losgelöst, der Minister hatte entschieden, dieselbe müsse an den Erträgnissen einer älteren Engel'schen Stiftung ebenso partizipieren, wie die Muttergemcinde, da zur Zeit, da die Legate gemacht wurden, die beiden Fraktionen noch eine Gemeinde gebildet hätten. Und da ein Teit der Stiftung ausdrücklicherweise für event. Tempelbauzwecke bestimmt war, muß diese Summe den Neologen ausgefolgt werden, . die seit einigen Monaten einen tüchtigen und frommen Rabbiner in der Person Dr. Dezsö Klein's erhalten haben und nun tatsächlich an den Bau einer Synagoge schreiten werden. Amerika. New-Nvrk. Die Strömung gegen dieEinwanderung greift immer mehr um sich und hat die weitesten und die höchsten Kreise, bis zum Präsidenten selbst, erfaßt. Samuel Gompers, der Präsident der 2 Millionen Arbeiter umfassenden „American Federation of Labor", hat sich entschieden gegen die Einwanderung erklärt, — und .Gompers spielt hier eine bedeutende Rolle in dieser Angelegenheit. Ebenso hat sich vor kurzem auch der Oberprokurator von New-Aork in einer öffentlichen Versammlung gegen die- Einwanderung ausgesprochen. Er sagte: „Die Einwanderung zerstört die Einheit der Nation, — und cs ist mehr als billig, dieselbe einzuschränkcn." So wird also der Diktator von s,Ellis-Jsland" — der „Teufelsinsel", wie sie jetzt genannt tvird —, William Williams, in seinem geradezu barbarischen Vorgehen gegen die Einwanderer von mächtigen Schultern und - einer 'starken Bolksströmung getragen, die der Ausfluß eines engherzigen nationalen Chauvinismus und einer egoistischen Arbeiterpolitik und der Beginn eines sortgesetzten und systematischen Kampfes gegen die „unerwünschte» Eindringlinge" ist. Dieser „Kamps" hat gleich mit voller Wucht und Rücksichtslosigkeit eingesetzt. In der kurzen Zeit seit ' dem Erlaß der Bestimmung, daß nur Einwanderer mit dem Besitz von mindestens 25 Dollar das Land betreten dürfen, sind 800 Personen z u r ü ck g e s ch i ck t und fast 900 zur Zurückschicknng „verurteilt" worden; über 579 Personen ist die „Untersuchung" noch nicht abgeschlossen. Den Zurückgeschickten hat man nicht einmal erlaubt, sich mit ihren hiesigen Verwandten telegraphisch in Verbindung zu setzen. In den jüdischen Kreisen, namentlich in den aus den östlichen Ländern stammenden, herrscht hier darüber große Aufregung, die sich auch in der jüdischen Presse wiederspiegelt. Es werden verschiedene Schritte, vorbcreilet, wie die.Veranstaltung von Protest-Versammlungen und die Entsendung von Deputationen nach Washington. Man hegt aber nur wenig Hoffnung auf die Wirkung dieser Bemühungen. Die Tochter ües Kardinals. Historische Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung). Aber die Mutter wußte für alles Trost. „Glaubst Du denn, daß der Vater nicht weiß, daß Du überall und jederzeit in Gottes Schutz bist? Hast Du denn alles vergessen, was der Vater Dir erzählt hat?" „Nein," rief sie, „nein, ich habe nichts von dem vergessen, was der Vater mir erzählt hat; ich weiß noch alles. Daß der heidnische König Nimrod unfern Stammvater 'Abraham in den glühenden Ofen hat werfen lassen, und daß Gott seinen Engel geschickt hat, der die Glut des Feuers von ihm abgewehrt und ihn unversehrt aus dem Ofen herausgeführt hat; und von Daniel, den der König in die Löwengrubc hatte werfen lassen, den die jungen Löwen aber nichts getan, und der gleichfalls unversehrt aus der Löwengrube herausgekommen war. — Und von den drei Gefährten des Daniel — wie hießen sie doch? — merkwürdig, sie konnte sich im Augenblick nicht auf deren Namen besinnen— und darüber konnte sie sich selbst in diesem Moment ärgern — aber jetzt erinnerte sie sich der Namen, Anania, Mischael und Asaria, so hießen die drei Jünglinge, die, wie dereinst Abraham, in einen glühenden Ofen geworfen worden waren, und als die Schergen dann hineinblickten in die Glut, da gewahrten sie staunend vier Männer in dem Ofen. Der Eine war ein Gottesbote, war ein Engel, der den Flammen verwehrte, die herrlichen Jünglinge zu verletzen. — O, sie hatte nichts vergessen von dem, was der Vater ihr erzählt hatte. — Auch an den Propheten Jona erinnerte, sie sich, den ein Hai verschlungen und der ini Bauck, des Fisches zu Gott gebetet und den dann der Hai auf Gottes Befehl wieder ausgespieen hatte. — Und alle diese hehren Männer waren doch noch in weit größerer Bedrängnis gewesen als sie, und alle hatte Gott errettet! So würde Gott auch sie retten. Und eine wunderbare Ruhe erfüllte ihr Herz; sie fühlte sich so sicher, als wäre sie daheim in ihrem trauten Kämmerlein. Und sie wollte auch schlafen „den bösen Menschen zum Trotz!" flüsterte sie lächelnd. Warum hätte sie auch nicht schlafen sollen? wußte sie doch, daß Gottesauge über ihr wacht. Der Länge nach streckte sie sich auf das Stroh wie sonst in ihrem Bette, und wie an jedem Abend vor dem Schlafen sprach sie auch heute: „Siehe, es schlummert nicht und es schläft nicht der Hüter Israels. — Auf Deine Hilfe hoffe ich, o Gott! — Ich hoffe o Gott, aus Deine Hilfe! — Gott, auf Deine Hilfe hoffe ich. — Im Namen Gottes, des Gottes Israels — zu meiner Rechten Michael, zu meiner Linken Gabriel, vor mir Uriel, mir im Rücken Rafael und über meinem Haupte die Herrlichkeit Gottes." Sie hatte kaum das letzte Wort mehr gehaucht als gesprochen,, als der Schlaf sie schon übermannt hatte. . Mehr als anderthalb Stunden mochten verstrichen sein, ohne daß sie sich geregt hatte. ward es plötzlich lebendig in dem finstern Raum! Bier Paar Füße liefen über den Lehmboden, die Schlafende hörte sie nicht; doch jetzt sprangen sie aus das Stroh, aus dem sie lag, — jetzt liefen sie über die schlanke Müdchengestalt — liefen sogar auf ihr! — Mit geltendem Ausschrei sprang sie auf und lief gegen die gegenüberliegende Wand, und noch immer schreiend drückte sie sich fest an die Mauer. — — Jetzt raschelte erwieder im Stroh! —Das mußten Ratten sein. — kein Zweifel, das waren Ratten! Vor Ekel. in sich erschauernd» an allen Gliedern bebend, drückte sie sich fester und fester gegen die äußere Mauer, gegen die sie lehnte. Da vernahm sie plötzlich die Stimme ihres Vaters: „Mut, Tirza! Mut mein teures Kind! — Gott verläßt nicht, die aus ihn vertrauen!" „Vater!" jauchzte sie, „Vater! — lieber Vater!" Ein Strom von Tränen entstürzte ihren Augen, jetzt war alles gut, jetzt wußte sie, daß ihr Vater ihren Aufenthaltsort kannte und daß es ihm, dem alles gelang, auch sehr bald gelingen werde, sie zu befreien. „Lieber Gott, ich danke Dir!" stammelt» sie schluchzend, „daß Du es meinen Vater hast wissenlassen, wohin sie mich geschleppt haben und daß Du mich seine liebe, liebe Stimme hast vernehmen lassen. — Jetzt weiß ich es erst, wie gut Du bist: jetzt habe ich es an mir selbst erkannt, daß das", was uns zuweilen als Aergstes erscheint, nur unser Bestes bezweckt. Denn wenn Du es nicht veranlaßt hättest, daß die Ratten, vor denen ich mich so sehr fürchte, mich geweckt hätten, ko hätte ich meinen lieben Vater nicht gehört. Lieber Gott, ich danke Dir! ich danke Dir!" Furchtlos und vollständig beruhigt tappte sie wieder zn jenem Winkel hin, in dem das Stroh sich befand und streckte, sich wiederum auf das wenig; einladende Lager. „Kommt nur wieder, liebe Ratten, mich zu wecken, wenn mein lieber Vater wieder konnnt," flüsterte sie lächelnd in sich hinein; und mit einem Lächeln auf den Lippen schlummerte sie sofort wieder ein. Sie schlief von da an ohne Unterbrechung mehrere Stunden, ohne e.s zu gewahren, daß hin und wieder eine oder mehrere Ratten über den Lehm-- boden marschierten, den sie als ihnen gehörend zn betrachten schienen. Zu der holden Schläferin wagten sie sich nicht, nur das Brot, das dieselbe verschmäht hatte, eigneten sie sich an, und aE es heller wurde, da zogen sie sich in ihre Schlupfwinkel zurück. Trotz der Streu, auf der sie lag, schlief das junge Mädchen heute länger, als sie sonst in ihrem weichen, sauberen Bette zu schlafen pflegte. Die Sonne stand hoch am Himmel, als sie die Augen aufschlug und befremdet um sich blickte, ohne im ersten Augenblick zn wissen, wo sie sich befand. —. Doch allmählich kam ihr die Erinnerung alles dessen, was ihr geschehen, was sie gedacht und was sie empfunden hatte. Draußen wurden Stimmen laut, Männerschritte nahten. Gott im Himmel! sollte das ihr Vater sein? — Sie drückte beide Hände gegen ihre.Brust; ihr Herz pochte plötzlich so rasch, so furchtbar rasch, daß sie sich außer Stande fühlte, sich ausznrichten. Mit angehaltenem Atem saß sie da und lauschte. Jetzt vernahm sie das Klirren schwerer Schlüssel, ein Schlüssel wurde in das Schlüsselloch gesteckt, knarrend drehte er sich um die eigene Achse — mit weit aufgerissenen Augen starrte Tirza auf die sich öffnende Tür. War's ihr Vater, der da kam? Ach nein, es war der Kerkermeister, der mit frechen Worten und rohem Lachen das junge Mädchen begrüßte. „Guten Morgen, schöne Hexe! Hast Du gut geruht in des Liebsten Arm?" Tirza erwiderte nichts, sie hatte ihn nicht ein« mal verstanden. Schwer aufatmend starrte sie ans den Frechen, der ein Stück trockenes Brot aus den - Schemel legte und den Krug mit frischem Wasser füllte. Dann blickte er mit lüsternen Augen auf das liebreizende junge Mädchen, deren Liebreiz ihmerst jetzt zu Bewußtsein kam. „Verdammt schön, ist die Hexe! — Die macht' ich auch umarmen, — es ist nur —" er kraute sich hinter den Ohren, ohne jedoch den frechen Blick von dem Mädchen zu lassen, „daß mit dem Teufel nicht gut Kirschen essen ist. — Aber —" fügte er mit frechem Gelächter hinzu, „ein Busserl in Ehren wird auch der Teufel nicht wehren." Er war ihr bei diesen Worten näher gekommen, streckte ihr die Hände entgegen, schien sie umarinen zu wollen. Sie stieß einen gellenden Schrei aus, sprang auf, und indem sie diekleinen' Hände zu Fäusten ballte, schien sie den Kampf mit ihm aufnehmen zu wollen. „Wag's!" schrie sie ihm entgegen, „ich fürchte, mich nicht vor Dir!" Der Mann taumelte zurück, als hätte er den Satan in Wirklichkeit gesehen. „Alle guten Geister loben ihren Meister," stammelte er sich bekreuzigend, — und rückwärts schrei-

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