Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 30 (6.8.1909)
- Date
- 1909-08-06
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 wieder unter ihm Lohnen. Es hat oft sehr merkwürdige Vorstellungen von den Juden, von denen es glaubt, daß sie lleine Hörner und auch sonstige Teufels-Attribute tragen. Für die Regierung ist offiziell die gesamte Bevölkerung katholisch. Sic will nicht wissen, daß auch Juden wieder in Spanien wohnen. Nichtamtlich aber weiß man es, und viele gebildete Spanier sehen die Ansiedelung von Juden gern. In Madrid ist einmal im Jahre, am Jomkippur, im Hause eines jüdischen Bankiers, der selbst pon altjpanischen Juden abstammt, Gottesdienst. Die anderen Familien sind meist deutschen oder französischen Ursprungs. Einzelne stammen auch aus Gibraltar. Aus dem Friedhose haben Protestanten, Juden und sonstige „Heiden" einen gemeinsamen getrennten Platz. Um das Gebot der Brismilah oder der Barmizwoh erfüllen zu können, scheut man sich nicht, die weite Reise nach Gibraltar oder nach Bayonne in Frankreich zu machen. Ob auch in Barzelona sich die Anfänge einer jüdischen Kultusgemeinde befinden, konnten wir nicht ermitteln. Weit besser als in Spanien steht es in Portugal. Wenige Jahre nach der Vertreibung der Juden aus Spanien wurden sie auch aus Portugal vertrieben, und auch dort loderten, namentlich in der Zeit, als die Spanier das Land erobert hatten, die Feuer der Inquisition gar hoch. Wer da ein echter Portugiese stets das Gegenteil wie der Spanier zu tun bestrebt ist und sich gern in jeder Weise von diesem unterscheidet, so kann man sich auch nicht wundern, daß in Portugal das Vertreibungsdekrct bereits seit hundert Jahren amtlich aufgehoben ist. Ein freierer Geist herrscht in diesem, zum Teile sehr liberal gesinnten Volke. So hat sich denn auch in Lissabon eine ansehnliche jüdische Gemeinde bilden können, deren Mitglieder meistens aus Gibraltar oder aus Marokko stammen. Es sind mehrere .hundert Familien, von Judenfeindschaft ist nichts bekannt, und' unsere Glaubensgenossen erfreuen sich ihres vorbildlichen Lebenswandels halber allgemeiner Sympathien. Sie haben eine sehr schöne Synagoge. Die Gebete werden zwar nach portugiesischem Ritus ausgesprochen, waren aber auch uns auffallend leicht verständliih. Der Freitagabend in der gutbesuchten Synagoge. in Lissabon wird uns unvergeßlich bleiben. Nicht zu erwähnen wollen tvir vergessen, daß die Gemeinde größtentells orthodox ist und viele Mitglieder den Sabbat in strengster Weise feiern. Alle jüdischen Kultus- und Wohltätigkeitseinrichtungcn sind vorhanden. Auch, in Oporto ist eine jüdische Gemeinde, und als wir im Adreßbuch blätterten, da schlugen wir zufällig zuerst eine Seite auf, die den Vorstand des jüdischen Vereines Gemiluth Chassada anzeigte. Es war uns leider Zeitmangels halber nicht möglich, auch in Oporto uns naher nach der jüdischen Gemeinde zu erkundigen. So können nur doch wenigstens noch von diesem Lande Erfieuliches erzählen. Brief aus -er Schweiz. Trotz verschiedener Versuche, die in den letzten drei Jahren unternommen wurden, um die antisemitische Seuche in die freie und fröhliche Schweiz einzuschleppen, hat jene an dem wirklich gesunden Sinn der autochthonen Bevölkerung scheitern müssen. Speziell in Basel, wo nahezu die Hälfte aus NichtschweizerN, resp. Angehörigen des deutsche» Reichs besteht, war die antisemitische Tendenz zeitweilig so ausgesprochen, wie das Austauchen diesbezüglicher Zeitschriften deutlich verriet. Man hatte sichs viel Geld, kosten lassen, z. B. den berüchtigten „Samstag (der anfänglich in splendidester Ausstattung wöchentlich erschien) zunächst in den oberen Kreisen einzuführeu. Doch hatten die vom Reiche herstämmenden Redakteure zu früh ihre Ahlwardtschen und Pücklerschen Allüren herausgestrichen, so daß die hiesigen Basler Bürger die Taschen zuhieltcn. Nach kaum sechsmonallicher Herrlichkeit sank der „Samstag" von 24 auf 8 Seiten herunter. Die Annoncen — und das ist charakteristisch — verschwanden, und heute erscheint das Blättchen auf acht Seiten Oktav alle 14 Tage, befleißigt sich eines vornehmen Tones und verrät noch sehr selten seine brutalen judenfresserifchen Instinkte. Die Schweiz ist eben doch ein altes Kulturland, seine Bevölkerung verleugnet nicht die anerzogene urü» seither erworbene Schamhaftigkeit, die bei dem Gedanken errötet, einen Wehrlosen zu beleidigen, zu mißhandeln. Und aus diesem Gesichts. Frmckfurttr Israelitisches Famüienttatt. Punkte ist zu begreifen, warum im Jahre 1894 die Schweizer stimmfähigen Bürger, allerdings bei schwacher Beteiligung und geringer Mehrzahl, das Sch ächtverbot angenommen haben. Die rührigen, fast durchgängig von Deutschland herstammcnden Agitatoren haben in Wort und Schrift den gutgläubigern Schweizern eingeredet, daß das Schächten eine herzlose Tierquälerei fei;— nur dies, nicht Haß gegen die in der Schweiz lebenden und bei der Bevölkerung ivohlgelittenen Juden hat jenes Gesetz ermöglicht, das, wenn eine Initiative zu dessen Aufhebung in die Hand genommen würde, sicherlich wieder rückgängig gemacht werden würde. Das wäre nun eine schöne und würdige Aufgabe für unsere Schweizer Juden, die heute wie vor 15 Jahren die Unbill fühlen, die ihnen mit dem ungerechten Schächtverbot zugefügt wurde; obgleich zu Ehren der eidgenössischen und auch der meisten kantonalen Behörden gesagt werden muß, daß sie offen und energisch gegen das Schächtverbot gesprochen habe», was aber die damaligen fanatischen ehrlichen Tierschützer nicht abhielt, auf die Scheinargumente der offenen und verkappten Antisemiten hineinzufallen. Die fast beängstigende Stille, die in unseren tonangebenden jüdischen Gemeinden, allen voran Basel, seit geraumer Zeit herrscht, könnte durch Anregung der Ehrenfrage: Soll das Schächtverbot, dessen sich die weitaus große Mehrheit der christlichen Schweizer Bürger schämt, wieder abgcschafft werden (durch Volksabstimmung)? in gesunde Bewegung gebracht werden. Man komme nur nicht mit denr einschläfernden Argument: „Wir tun.so unendlich viel für die Armen, die namentlich aus Rußland zu uns kommen" — das ist einfach j ü di s ch e P f l i ch t: Das eine tun und das andere nicht lassen, sollte die lebendige Devise unserer im übrigen in erfreulicher Entwicklung begriffenen jüdischen Gemeinden sein. Die Stimmen, tvclchc dringend empfehlen, sich an den öffentlichen Angelegenheiten zu beteiligen, sind und werden immer zahlreicher in den erwähnten Gemeinden, und wenn von „zufriedener" Seite zu Geduld und zum Abwarten geraten wird, so möge dort nicht übersehen iverden, daß die Folgen des „Abwartcns" schon jetzt als Stagnation sich bemerkbar machen, diese aber ist gleichbedeutend mit Rückschritt, wie in jedem anderen lebendigen Organismus. Darum schließe ich mit dem Ceterum censeo: Initiative gegen das Schächtverbot! Hinein in das öffentliche Leben! I. M., Basel. Aus den Geschehnissen des Tages. Rabbiner Dr. Iaulus-Aachen sagte in einem Vortrage auf der jüngsten Tagung des „Rhein. Rabbiner - Verbandes", nirgends habe die Bewertung der Religion so abgenom - men als bei uns Juden. Er beleuchtete dayn all' die Hemmnisse, die sich den Bestrebungen des Rabbiners, Besserung zu schaffen, cntgegenstellen: Hemmnisse, die darin bestehen, daß Vorsteher und Gemeinde den Rabbiner heute nur noch als Beamten betrachten und so seine Worte nicht mehr das frühere Gewicht haben. Dazu haben in den Gemeindeleitungen die Unkenntnis jüd. Dinge, die Vorherrschaft des Geldes und der Ehrgeiz gewisser Elemente, eine Rolle zu spielen, häufig einen Dreibund gebildet. Wenn Dr. Jan lus nun in einer hohen Auffassung von dem Rabbinerberufe das einzige Mittel sieht, das dem Rabbiner zu Gebote steht, so ist ihm im Prinzip recht zu geben: hervorragende jüdische und allgemeine Bildung und eine vorbildliche Lebensführung vermögen dem Rabbiner auch heute noch ein natürliches Uebergewicht zu verleihen. Für die Wirklichkeit ist aber mit dieser Wahrheit nichts getan; die Rabbiner sind auch nur Menschen, — und weil die Rabbiner keine Propheten sind, deshalb soll in der Judenheit der Wfall immer weiter um sich greifen? Wir meinen: der brennenden Angelegenheit müßte endlich einmal schärfer aus den Leib gerückt werden. Warum ist bis jetzt noch von keiner Rabbinervcrsammlung in klaren, praktisch durchführbaren Forderungen ein Programm für diesen Zweck ausgestellt worden? Warum werden z. B. Religions- und hebräischer Unterricht immer noch nach Methoden gelehrt, die angängig waren, als noch die fünffache Zeit darauf verwandt werden konnte? Oder nehmen der junge Jude und die junge Jüdin beim Verlassen der Schule auch nur das bescheidenste Maß jüdischer Begeisterung und jüdischen Wissens mit, so daß sie all' den Einwirkungen einer aus anderen Gesichtswinkeln als der jüdischen schauenden Welt nicht ganz und gar kampflos ausgelicfert sind? — Hier überlege man einmal ernstlich, — und man wird einen gangbaren Weg zur Besserung der trostlosen jüdischen Znstände finden. Anerkannt soll werden, daß in den letzten Jahren sich auch manche Zeichen einer Besserung konstatieren lassen: doch ist noch lange nicht das geschehen, was geschehen müßte, — besonders auf dem Gebiete der Erlernung der hebräischen Sprache wird noch ganz in der alten Weise gesündigt. Freilich ohne Demokratisierung der Gemeinden wird sich, wie wir schon des öfteren ausgeführt haben, nichts Radikales er¬ «t. 30. reichen lassen, denn erst dann kann das allgemeine Interesse wachgerufen und erst dann werden Männer von jüdischem Gefühl und Wissen an die Spitzen der Gemeinden gestellt werden. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Durch ihr hübsches und geräumiges neues Lokal in der Langestraße 33 hat sich der Besuch der - Jüd. Bibliothek und Lesehalle überaus gehoben; Samstags beträgt die Besucherzahl häufig bis 70 Personen. Sowohl der Lesesaal, als auch die Bibliothek stehen dem Publikum kostenfrei zur Verfügung. Berlin. Seine diesjährige 3. Hauptversammlung wird der Verband der Deutschen Juden in Breslau halten, und zwar am 17. Oktober. Die (von nahezu allen Gemeinden und den wichtigen jüdische» Verbänden und Vereinen im Reich entsandten) Delegierten werden Gäste der Jüdischen Gemeinde in Breslau sein, die bereits Vorbereitungen .für deren Aufnahine trifft. — Am 16. Oktober soll ein Empfang und eine Vorbesprechung im Breslauer Freundesaal stattfinden. Auf der Hauptversammlung, die öffentlich im großen (für ca. 1800 Personen eingerichteten) Saal des Konzerthauses tagen wird, werden folgende Vorträge gehalten werden: „Die Idee der Versöhnung im Judentum" (Rabb.. Dr. Guttmann-Breslau), „Die Abwanderung der Juden aus der Provinz Posen" (Justizrat Breslauer-Berlin), „Die Juden der Ostmarken; was haben sie dem prenßischen Staate und was hat er ihnen geleistet?" (Abg. Justizrat Wolff- Lissa). Enkirch (Mosel). Am Tischo-be-Aw brach in der hiesigen Synagoge Feuer aus. Das Innere der Synagoge ist vollständig ausgebrannt. Dank dem beherzten Eingreifen des Herrn Ludwig Hirsch konnten die Seser-Thoras gerettet werden. Oesterreich-Ungarn. Meran. Die verflossene Saison des Kurortes übertraf durch ihre Frequenz alle vorhergehenden, was ein Beweis siir das Ausblühen Merans ist. Ebenso wie die Kurverwaltung für die Errichtung jener Institute sorgt, die ein moderner Kurort verlangt, so haben auch die Kö nigsmarterst i f t u n g und der Verein „AsylfürmittellosekrankeJsraeliten" in diesem Jahre bewiesen, daß auch sie, soweit es in den Bereich ihrer Pflicht fällt, sich ihrer Ausgaben in dem Weltkurorte Meran bewußt sind. Die Königswarterstlftung hat ihre.Sorge auf eine repräsentable Behandlung und Verwaltung; der Kultusangelegenhciten gelenkt und sich durch den von allen Tempelbesuchern rühmend anerkannten Gottesdienst, .ferner durch Besorgung des Religionsunterrichtes und fchließlich die Anlage des neuen Friedhofes, der von derselben die größten Opfer forderte, großes Lob verdient. Größer ist das Verdienst des noch ganz jungen Vereines „Asyl für mittellose kranke Israeliten", der mit erstaunlicher Kraft und Energie das großartige Genesungsheim mit an 100 Betten aus dem alten kleinen Asyl mit 14 Betten geschassen hat. Seit 26. Januar 1909 stand das Genesungsheim in vollem Betriebe und rechtfertigte das Vertrauen, das der Vorstand in den ärztlichen Leiter Dr. med. Koref und den geschäftsführenden Vizepräsidenten gesetzt hat. Durch die ganz außergewöhnliche Arbeitskraft dieses Herrn war es möglich, das humanitäre Werk zu schaffen und in so kurzer Zeit in Betrieb zu setzen. Es waren in den wenigen Monaten der ersten Frühjahrssaison über 100 Pfleglinge aus aller Herren Länder fast alle die ganze Saison hindurch im Hause in Pflege, und darf sich die Anstalt rühmen, sehr günstige Resultate erzielt zu haben. Das Genesungs. heim wurde von vielen illustren Persönlichkeiten besucht, so insbesonders M. U. Dr. Schlesinger, Professor an der Wiener Universität, M. U. Dr. Stiller, Professor an der Universität in Budapest, M. U. Dr. Münzer, Prosessor an der Prager Universität, welche übereinstimmend in dem ungeschränkten Lobe des Genesungsheimes sagen, daß man durch die tadellose Reinlichkeit und Ordnung überrascht ist und daß wir in Oesterreich glücklich sein können, für unsere Glaubensgenossen eine solche Heilstätte zu besitzen. Die Anstalt, welche streng rituell geführt wird, wird mit dem 26. S e p t e m b e r wieder den Betrieb aufnehmen. Die große Zahl von Aufnahmegesuchen, die bereits vorliegcn,' beweisen die dringende Notwendigkeit der Anstalt. Es sei daher das Interesse aller Menschenfreunde und Wohltäter auf das so segensreich wirkende.Unternehmen gelenkt (auch die Geschäftsstelle des „Frankfurter Israelitischen Familienblattes" nimmt Spenden entgegen).