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Neue jüdische Presse · 1909-08-06 · Heft 30 (6.8.1909) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 30 (6.8.1909)
Date
1909-08-06
Page
– (sequence 1)
Language
German
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IsraitkfHtrker sliklitislhes lamilirnlilntt <--——» Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr.- In Frankfurt a. M. Mk. 1.— stet ins Haus. Bei der Post abonniert im In» und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— -—- Redaktion nnd chefchäftsstelle: Srsnkkurt 2. M.. vilbelerstraße 4/6, Ecke Lleichstraße Gelefo» 10507. HeransgeSer: Kaks Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 .. Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. 7. Jahrgang. Freitag, den 20. Aw 5669 (6. August 1909). Rr. 3V.; Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Aus Spanien und Portugal. — Brief aus der Schweiz. — Aus den Geschehnissen des Tages. — Aus a ller Welt. — Feuilleton: Die Tochter des Kardinals. — Bunte Chronik. — Wochen-Kalender. — Familiennachrichten. — Barmizwohs. — Bereins- Kalend er. — Briefkasten. Aus Spanien und Portugal. Sally Willy Heß- Frankfurt a. M. Als im Jahre 1492 die Juden aus Spanien vertrieben wurden, da zogen diejenigen, die nicht scheinbar die Taufe annahmen, größtenteils in die mohamedanischen Mittelmeerländer. Nur der kleinere Teil wandte sich nach christlichen Ländern, >vo ihnen nur zu bald fast überall dasselbe Schicksal wie in Spanien widerfuhr. Erst später siedelte sich eine ansehnliche Gruppe in den freigewordeneu Niederlanden an, wo sie unbehelligt blieben. Auch in Italien blieben einige jüdische Gemeinden spanischen Ursprunges bis auf den heutigen Tag. Vereinzelt haben sich spanische Juden späterhin auch in Hamburg, Wien, London, sowie einigen Städten Südfrankreichs niedergelassen. Die große Mehrzahl ber Spaniolen aber wohnt heute noch in den nordafrikanischen Ländern, in der Türkei, sowie in den den Türken ehemalig unterworfenen Ländern. In den letzten Jahrzehnten haben sie vielerorts begonnen, sich zu französieren. Ine allgemeinen ist aber noch heute die allgemeine Umgangssprache das alt - kastilische, d. h. die gewöhnlich als spaniolisch bezeichnet«: Sprache, in der auch eine Reihe von Zeitungen und Zeitschriften erscheinen. Die Spaniolen bilden größtenteils sehr starke Gemeinden. Die größte derselben ist Saloniki mit mehr als 80,000 Seelen. Tort haben die Frauen teilweise sogar noch altspanische Tracht bewahrt. Bis auf die mit Sabbatai Zewi zum Islam übergetretenen Dönmehs sind die Spaniolen fast ausnahmslos dem alten Glauben treugeblieben, und noch heute kann man die große Mehrzahl derselben als streng orthodox bezeichnen. Es ist hier nicht der Platz, auf die Geschichte der Spaniolen in der Türkei zurückzukommen, sie ist eine überaus ehrenvolle. — Den Juden, die im Jahre 1492 die Taufe der Auswanderung vorzogen, ging es weniger gut. Es mag ' sein, daß es ihnen wirklich viele Jahre nicht möglich war, den Glauben der Väter zu vergessen und daß sie zum größten Teile keine überzeugten Katholiken waren, gerade so wie die Saloniker Dönmehs heute nach 300 Jahren noch keine wirklichen Moslems geworden sind. Aber die spanische Inquisition hatte scharfe Augen, und ob schuldig oder unschuldig mußten viele tausende von diesen Scheinchristen (Marannen) den Flammentod sterben. Kein Volk hat die Judenverfolgungen fanatischer, betrieben wie das spanische, und bis ins achtzehnte Jahrhundert hinein brannten die Scheiterhaufen für die unglücklichen Juetas und beleuchteten damit grell den sittlichen Verfall des ernst so hochstehenden spanischen Volkes. Und bis in dieselbe Zeit hat es wirklich in Spanien Marannen gegeben, die insgeheim Juden waren. Als iin Jahrhundert der Humanität die ersten Lichtstrahlen nach Spanien drangen, da gab es bis aus Palma de Mallorca wirklich keine Scheiterhaufen mehr anzuzünden. Es gab keine heimlichen Juden mehr, und nach nahezu 300 Jahren waren die. Gonzalez, die Leon, die Gomez, die Moises, und wie sic alle heißen, wirklich treue Katholiken geworden. Aber eines ist geblieben. Die Gonzalez und die Leon und die anderen gehören noch heute .meist dem Handel und den intelligenten Ständen an, und sie haben reichlichen Anteil daran, wenn in der allerletzten Zeit auch der Stern 'Spaniens wieder zu leuchten begonnen hat. Und auch noch eine geschlossene Marannen- Gemeinde (Chuetas) gicbt cs in Palma de Mallorca. Sie bilden dort die Aristokratie, treiben lebhasten Handel und Industrie und verkehren nnd heiraten nur untereinander. Sie behaupten, fromme Katholiken zu sein, was vielfach bezweifelt wird. So mancher Chueta wurde vermöge seiner Intelligenz schon zu den höchsten spanischen Staatsstellen berufen, und auch der jetzige Ministerpräsident, Maura, ist ein Chueta. Er ist freilich ein stramnier Klerikaler, und die hohe Geistlichkeit ist mit ihm sehr zufrieden. Das hindert nicht, daß man ihm seine Abstammung doch schon sehr deutlich vorgeworfen hat. Es wird erzählt, daß junge französische Juden, die Geschäfte halber nach Palma de Mallorca kamen, das Älbreisen vergessen 'haben und sich mit den schönen Töchtern reicher Chuetas verheiratet haben. In Toledo aber reden steinerne Zeugen von der großen jüdischen Vergangenheit in Spanien. In etwa IVr Stunden fährt man von Madrid nach Toledo. Wenn die vor mehr als 400 Jahren Vertriebenen heute nach Toledo zurückkehrten, sie würden vieles unverändert finden und sich mit Leichtigkeit in den uralten Gassen zurecht finden. Und doch was ist Toledo, und was war es! Heute ein elendes Provinzstädtchen,, das zum großen Teile vom Fremdenbesuche lebt — und damals, als Toledo noch eine der größten spanischen Judengemeinden hatte, die blühendste, reichste Stadt Spaniens! Viel zu weit ist der Stadt das mittelalterliche Weichbild geworden, und viel ehemalige bebaute Stätten liegen wüst oder in Trümmern. Wenn man vom Bahnhof die lange Allee nach der Stadt geht, da kommt man an dem Standbilde eines westgotischen Königs vorbei, der ein tragisches Ende gefunden hat. Das Monument ist 1300 Jahre alt. Es sah die Westgoten als Herren und nachher die Mauren. Es sah die Castilier und viele Jahrhunderte später die Franzosen siegreich in die Stadt eindringen. Es sah die Juden, wie sie dort glücklich waren, wie sie erst unterdrückt und dann vertrieben wurden. Was wird es noch sehen? — Auch die alte Festung stammt zum Teil noch aus dem Mittelalter, und all die engen Gassen mit den uralten Häusern, mit den Kirchen, den Klöstern, sie wollen erzählen von dem, was sje vor Jahrhunderten gesehen. Die Kathedrale ist ein wunderbarer Bau, eine der schönsten Kirchen Spa? niens, das so reich an schönen Kirchen ist! Sein Bau hat mehr gekostet, als heute sämtliche Bewohner Toledos an Vermögen haben. Doch wir halten uns nicht lange auf. Wir wollen anderes sehen, es sind auch Kirchen, aber die eine ganz andere Geschichte haben. Wir wollen die Synagogen sehen, bie man 1492 den Juden abnahm und sie zu Kirchen machte. Es gibt ihrer eine ganze Anzahl, die bekanntesten sind Santa Maria la Blanca und die Synagoga del Transito. Seit einigen Jahren werden sie für den Kultus nicht mehr benutzt, aber welches Gefühl hat man, wenn man als Jude in die alten Synagogen eintritt und man muß — den Hut abnehmen. Santa Maria la Blanca hat seinen Namen von den schönen weißen Säulen» die das Gotteshaus schmücken. Ter Platz' für den Oraun-hakodausch ist geblieben, wie er war, aber die herrlichen Arabesken und die hebräischen Inschriften an den Wänden bewarf man mit Kalk. Erst in den allerletzten Jahren erkannte man die gräßliche Barbarei, und heute sind die schönen Verzierungen und die Inschriften fast alle wieder freigelegt. Im Jahre 1405 wurde diese Synagoge erbaut, sie wäre noch heute eine der schönsten jüdischen Gotteshäuser Europas. Und wenn sich wieder Juden in Toledo ansiedeln wollten und die spanische Regierung gäbe ihnen ihr rechtmäßiges Eigentum zurück, so würden sie die alte Synagoge mit wenig Veränderungen dem jüdischen Kultus wieder weihen können. Eigentlich fehlt nur die Franengallerie. Vor dieser Synagoge ist ein kleiner Garten, und man sieht es dem ganzen Hause nicht an, daß es wirklich Jahrhunderte lang eine Kirche gewesen wäre. Die Synagoga del Transito ist einfacher. Auch da reiche Verzierungen und hebräische Inschriften, die man in den letzten Jahren freigelegt hat. Die letztere ist etwas kleiner als Santa Maria la Blanca, war aber sicher dereinst auch ein Schmuckkästchen. Das Museum war während unseres Aufenthaltes in Toledo leider geschlossen, es soll massenhaft jüdische Altertümer enthalten, und m der Kunstgewerbeschule sahen wir sehr viele hebräische Kopien, deren Originale sich im Museum befinden. Wo einmal der jüdische Friedhof war, das scheint vergessen. Die Gegenwart weiß von Juden in Spanien nicht viel zu berichten. Das Bertreibungsdekret ist nie amtlich aufgehoben worden, wenn es auch heute nicht mehr angewandt wird. Aber nichts verbürgt, daß es unter Umständen nicht angewendet würde. In eineni Lande, in dem es sogar verboten ist, protestantische Kirchen zu bauen, ist der Jude doppelt schutzlos. Seit einigen Jahrzehnten haben sich allerdings in Madrid, in Barzelona und wohl auch in Sevilla und in Valenzia einige Dutzend jüdischer Familie» wieder niedergelassen. Sie leben säst ausschließlich in sehr guten Verhältnissen uni» haben sich materiell nicht zu beschweren. Das Volk aber weiß nicht, daß auch die verhaßten Juden

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