Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 29 (30.7.1909)
- Date
- 1909-07-30
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 29. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. Seite 3. nach, der - hebräischen Kultur die Entwickelungsmöglichkeiten zu geben, die ihr gebühren, so müssen wir den Weg aller Gemeinschaften gehen, die leben wollen: wie müssen eine Gesamtorganisation schaffen, die alle Kräfte des lebendigen Hebräisnius in sich sammelt und zu organischer Tätigkeit vereinigt. 1 Um diese Organisation zu schaffen, berufen wir alle, die gleich uns ihre Notwendigkeit erkannt haben, zu einem Kongreß für hebräische Sprache und Kultur, der im Dezember d. I. stattfinden wird. Die Aufgabe des Kongresses wird darin bestehen: 1. Die Grundlagen und das Programm einer Gcsamtorganisation zur Förderung der lebendigen hebräischen Sprache, der hebräischen Literatur und der hebräisch-sprachlichen Erziehung auszuarbeiten. 2. Eine sichere reale Basis — etwa in der Form der Begründung eines Fonds — zu finden, die allen Teilen dieser Tätigkeit den Bestand sichern soll. Der hebräische Kongreß ist nicht die Versammlung dieser oder jener Gruppe und Partei, sondern eine allgemein nationale Bersammlnng, und jeder Jude, der die hebräische Sprache als unsere Nationalsprache betrachtet und an einer organischen Arbeit im Dienste ihrer Wiedergeburt mitzuwirken wünscht, kann daran teilnehmen. Die Tagesordnung und die in Aussicht gcnomineneu Referate, sowie die genauen Angaben über Zeit und Ort werden demnächst mitgeteilt werden." Das Schreiben trägt folgende Unterschriften: „S. I. Abramowitsch (Mendele mocher seforim) (Odessa). Achad Haam (London). A. L. Ben-Avigdor (Warschau). E. Ben Jehuda (Jerusalem). Sch Be» Zion (Jaffa). CH. N. Bialik (Odessa). Dr. Markus Braudc (Lemberg). Jakob Cahan (Bern). Pro fessor H. P. Chajes (Florenz). Dr. I. Chasonowitz (Bialystok). S. Dubnow (Petersburg). Dr. M. Ehren preis (Sofia). Isaak Epstein (Lausanne). Salomon Eppstein (Petersburg). David Frischmann (Warschau). Jehuda Grasowsky (Beyruth). Professor Josef Halevy (Paris). S. A. Horodezky (Bern). Markus Kahan (Jaffa). Dr. I. Kcchenelensohn (Petersburg). Professor Leon Kellner (Czcrnowitz). Dr. Josef Klausner (Odessa), A. L. Lewinsky (Odessa). M. L. Lilien blnm (Odessa). Dr. I. L. Magnes (Newyork). Jakob Mase (Moskau). Dr. I. Rieineroioer (Jassy). Dr. Max Nordau (Paris). I. CH. Rawnitzky (Odessa). Professor Boris Schaß (Jerusalem). Salomon Schil, ler (Lemberg)). S. Schneier (Warschau). Schalem Aleichem (Nervi). Dr. N. Slouchz (Paris). N. Sokolow (Köln). Dr. N. Syrkin (Newyork). Dr. Osiat Thon (Krakau). Dr. E. W. Tschlcnow (Moskau). M. M. Ussyschkin (Odessa). Dr. CH. Zhitlowsky (Newyork). Hillel Zettlin (Warschau). David Iellin (Jerusalem). Zentralkomitee der Jbria". Zentralkomitee des Lehrerverbandes in Palästina. Hebräischer Lehrerverband in Rußland. Hebräischer Lehrervcrband in Oesterreich. „Hasomir" in Warschau. Das vorbereitende Komitee in Berlin. Dozent Dr. E. Baneth. Rüben Brainin. Dr. Martin Buber. Berthold Feiwel. S. I. Hurwitz. Dr. Schmarja Levin. Rabbiner Dr. Emil Levy. Dr. Heinrich Löwe. Privatdozent Dr. Engen Mittwoch. A. L. Moßkiu. Rabbiner Dr. M. Warschauer. Dr. L. Wilensky. Das Sekretariat: B. Gottlieb. Josef Lin. Adresse: Herrn Dozenten Dr. E. Baneth, für Kulturkongreß - Komitee, Berlin 6., Rosenthalcrstr. 25." Breslau. Der Bericht über das 12. Geschäftsjahr des Verbandes der Synagoge »-Gemeinden der Reg.-Bez. Breslau und Liegnitz, lvelchem Verbände heute sämtliche 40 jüdische Gemeinden dieser Bezirke angehören, legt ein beredtes Zeugnis von einem dauernd segensreichen Wirken ab. Man betrachte nur die Ausgaben: 1700 Mk. Subventionen an Verbands-Gemeinden, 550 Mark Prämien-Beihilfen für die Lebensversicherung der Beamten, 800 Mk. Honorare für Prediger an den hohen Festtagen, 350 Mk. Beihilfen für Borbeter, 120 M. Inspektion des Religionsunterrichts, 33 M. Prämien an Schüler, 50 Mk. Beitrag an die Witwenu. Waisenkasse der Rabbiner, 100 Mk. Beihilfe für Ferienkurse, 500 Mk. Beitrag an den Deutsch-Israel. Gemeindebund, 30 Mk. Beitrag an den Verband der Deutschen Juden etc. etc. Dieser Ausgaben-Etat zeigt, lvie durch die freiwillige Bereinigung der Gemeinden eines Bezirks grade die finanziell schwächeren Gemeinden in der Erfüllung ihrer Aufgaben kräftige Förderung erfahren. Fürth. In einer Eingabe des Vereins der Sabbathfrennde wird gegen die Erweiterung der Sonntagsruhe protestiert, weil durch sie 70 hiesige jüdische Geschäfte geschädigt würden. Der Magistrat hatte nämlich beschlossen, für alle Geschäfte, für welche bisher die 5stündige Verkaufszeit an Sonntagen galt, die LVrstündige einzuführen. Das Gemeindekollegium verwarf nach langer erregter Debatte die Magistratsbeschlüsse. Görlitz. Kommerzienrat Sallh Hei mann hat 30 000 M k. zum S y n a g o g e n n e u ba u der hiesigen Synagogcngemeindc geschenkt. Oesterreich-Ungar«. Lemberg. Der Landesausschuß beschloß, über die Ursachen des Notstandes unter der >"i d i s ch cn Bevölkerung Galiziens eine Enquete zu veranstalten. Wie schlimm »inß die wirtschaftliche Lage der galizischen Juden sein, wenn selbst die leitenden, sonst eher jugendfeindlichen als jugendfreundlichen Kreise ihre Augen nicht mehr darüber verschließen können! Frankreich. Paris. Die „Alliance Jsraelite Universelle" erhielt von ihrem Vertreter in Marokko folgenden Brief: „Im Lauf dieser Woche kam eine Anzahl armer israelitischer Arbeiter zu mir mit der Meldung daß sie seit der Ankunft Mnlay Hafids in Fez fast täglich zu Arbeiten in den Pnlverdepots des ultans und in de» Ställen des Dar el Maghsen herangezogen iviirden, ohne jemals Lohn dafür zu erhalten. Das ist die Rückkehr zum alten Froh» dienst. Die Arbeit für den Sultan besteht darin, die Pulverkästcn zur Waffenfabrik zu transportieren und dort zu öffnen, das Pulver abzuwiegen, sachgemäß zu behandeln, zu trocknen usw. Unter Abdul Asis gab eS für jeden transportierten Kasten 0.75 Fr., so daß sich der Tagesverdienst für den Mann auf 2 Fr. stellte. In den Ställen des Dar el Maghsen besteht die Arbeit in der Reinhaltung der Räume, in der Uebcrfiihrung der Ticrkadaver lveit hinaus aufs freie Feld, außerdem im Vergraben der Leichen der Tiere, die dem Sultan gehört haben oder von ihm bestiegen worden sind. Die israelitischen Arbeiter müssen den mühseligen Dienst tun, ohne daß sie dafür auch nur ein Stück Brot für sich und die ihrigen erhalten, so daß sie auf Unterstützuilgen angewiesen sind. Einige versteckten sich, um der Frohnde zu entgehen, aber die auf ihre Spuren ausgefandten Soldaten fanden sic bald und trieben sic mit Stockschlägen zur Arbeit zurück. Andere verlangten Lohn, wurden aber durch Drohung mit der Bastonnade zum Schweigen gebracht. Sofort nachdem ich von diesen Ungerechtigkeiten gehört hatte, begab ich mich znm Großwesir Si Madani el Glaui. Er empfing mich auf das liebenswürdigste, ließ mich vor allen marokkanischen Vornehmen, Paschas und .Caids eintreten, die nun ans mich warten mußten. Ich legte ihm dar, wie ungerecht es sei, die Israeliten so zu behandeln. Ich erinnerte ihn an den durch Sir Moses Montefiore erlangten Firma«, der ausdrücklich Frohndicnst und Bastonnade abgeschafst; ich setzte ihm auseinander, daß man von Seiten der europäischen Inden nicht dulden werde, daß die marokkanischen Glaubensgenossen den alten Bedrückungen unterworfen würden, daß übrigens die Haltung der gegenwärtigen Regierung den Jsrae titelt gegenüber in Europa den schlimmsten Ein druck mache, und daß eS in seinem Interesse sei, jenen Arbeitern Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Da seine wohlwollende Gesinnung für die Israeliten, von der er oft Beweise gegeben, mir bekannt sei, hielte ich mich überzeugt, daß mein Verlangen sofort von Wirkling sein werde. Da es Abend war lind im Augenblick nichts geschehen konnte, ersuchte mich der Großwesir, ihm anderen Tags die Arbeiter zu schicken, die Ansprüche an Dar el Maghsen hatten. Das tat ich und erfuhr, daß er nicht blos die nötigen Befehle gegeben hat, daß den Arbeitern voll bezahlt werde, was ihnen zukommt, sondern überdies an den Pascha von Fez, El Dschedid, den Urheber der Missetaten, entschiedene Borstellrlngcn gerichtet und ihn mit Ungnade bedroht hat, wenn er die Israeliten übel behandele. Si Madani el Glani hat mich ans eigenem Antrieb eingeladen, mich immer an ihn zn wenden, wenn die Israeliten über Versagung ihres Rechts oder über Ungerechtigkeiten von Seiten ihres Paschas sich zu beklagen hätten. Er gab mir die Versicherung, daß er für uns die freundlichste Gesinnung hege, daß er die Dienste anerkenne, die die Israeliten dem Lande leisten, und daß wenn er erst an der Gelvalt sein ivcrde, wir uns niemals über Bedrückung seitens des Maghsens zu beklagen haben würden. Nachdem wir wenige Minuten über die Alliance und ihre Schulen gesprochen, verabschiedete ich mich von ihn:, nicht ohne daß er mich zn häufiger Wiederholung meines Besuchs eingeladen hätte. Den französischen Konsul, Herrn Gaillard, habe ich von den Vorkommnissen in Kenntnis gesetzt. Herr Gaillard hat mit dem Großwesir gesprochen, um meine Vorstellung zu unterstützen und hat mir versprochen, meine Klage vor den Sultan zn bringen." Rußland. Helsingfors. Der Senat hat ein Gesetzesprojekt ansgearbeitet, wonach den in Finnland geborenen oder seit mindestens zehn Jahren wohnhaften Juden die bürgerliche Gleichberechtigung gewährt werden soll. Dieses Gesetzcsprojekt ist aber von der russischen Regierung als zn liberal befunden worden, und der hiesige Generalgouvernenr hat sich an den Senat mit der Forderung geivendet, Garantien dafür z n schaffen, daß sich nicht zu v icl Inden in Finnland niederl a s s e n! Der Generalgouvernenr protestierte auch gegen die Bestimmung, daß sich jeder russische Jude drei Monate in Finnland aufhalten darf. Er verlangt die Beschränkung des Termins auf höchstens einen Monat, da die Juden in drei Monaten hier irgendwelche geschäftlichen Betriebe eröffnen könnten, wodurch ihre spätere Ausweisung erschwert würde. Das erwähnte Gesetzesprojekt gibt ferner jedem finnischen Gouverneur das Recht, fremden Juden den Aufenthalt in seinem Bezirk mit Zustimmung der Ortsverwaltung für ei» Jahr zu gestatten. Auck> das erscheint dem Generalgouvernenr zu „liberal" oder zn „gefährlich", und er wünscht auch hier eine Verkürzung der Frist auf 6 Monate. Was wird nun der finnische Senat ans alle diese echt-russischen Forderungen erwidern? Schon das elementarste Gefühl der Selbstachtung gegenüber den russischen Eingriffen müßte ihn bestimmen, sie mit Nachdruck abzulehnen. Aber es handelt sich ja hier „bloß um Inden"!-„N. I. K." Die Tochter des Kardinals. Historische Erzählung von Friedrich Rott. tFortsetzungj. Aber der Bischof konnte es noch immer nicht fassen. „Unmöglich!" rief er. „Doktor, Doktor, ich warne Euch! Eure Affenliebe für die Verruchte, die auch Euch verhext zn haben scheint, verleitet Euch zu den sinnlosesten Behauptungen, glaubt Ihr, Ihr werdet mir weiß machen, daß die Gräfin Turnek mit Euch —" „Halt!" rief Rabbi Jizchak aufspringend, iu-- dem dunkle Glut für einen Moment sein bleiches Gesicht überflutet. „Ihr vergesset, hochwürdiger Herr, daß ich Euch bereits erklärt habe, daß das junge Mädchen ein Findling ist. Erst wenige Tage vor ihrem Tode hat die verstorbene Gräfin sich mir gegenüber als die Mutter derjenigen bekannt, die mich als ihren Vater betrachtet." „Und Ihr seid in Wirklichkeit nicht ihr Vater? Das könnt Ihr beschioören?" „Weshalb sollte ich das beschwören? — ich kann cs beweisen, das ist mehr. — Hier nehmt Einsicht in diese Schriftstücke, die die verstorbene Gräfin am letzten Abend ihres Lebens verfaßt hat, als hätte cs ihr geahnt, daß ihr Kind derselben sehr bald benötige» ivcrde —" Kopfschüttelnd betrachtete der Bischof die Schriften, die Rabbi Jizchak vor ihm ausgebreitet hatte. „Saget mir nur noch das eine, Doktor, wer ist der Vater dxs gräslichcn Sprosses?" „Der Kardinal U. in Rom. Ihr werdet hier auch von ihm einen Brief finden, in dem er sich als Vater der Tochter der Gräfin Turnet bekennt." „Unerhört! unerhört!" murmelte der Bischof wiederholt, indem er die Schriften nach einander durchlas und das in Wachs eingedrückte Wappen der Grafen Turnek prüfend betrachtete. „Ihr seid gerechtfertigt, lieber Doktor, vollkomincn gerechtfertigt. Ich werde Euch die schriftliche Erklärung mitgeben, daß Ihr mich von der vollkommenen Grundlosigkeit der gegen Eure Tochter erhobenen Anklage überzeugt habt und daß ich deshalb befehle, die Jungfer ,ofort frei zu geben und sie nie wieder zu belästigen. — Du, mein Heiland! — Wenn ich bedenke, daß in meinem Bistum die Tochter des Kardinals D. hätte als Hexe behandelt werden können! — Fürwahr Doktor, wir alle sind Euch Dank schuldig, daß Ihr das vcrhindert habt." „Wollet den Befehl ausfertigen, hochwürdiger Herr!" bat der Rabbi, „die Zeit drängt." „Ja, ja, Ihr habt recht. Oder besser noch, ich gebe Euch den Pater Anselmo mit, der ist bekannt als meine rechte Hand und wird den Leuteu mündlich meinen Befehl üüerbringen. — Mer was ich noch sagen wollte, Doktor, korrekt seid Ihr nicht vorgegangen, indem Ihr ein Christenkind als Jüdin erzogen habt. Das hättet Ihr nicht dürfen." „Ich bin getäuscht worden, hochwürdiger Herr, an den Windeln des Findlings war ein Zettel befestigt, auf denr in hebräischer Kurrentschrift das Kind als Sproß einer angesehenen Familie bezeichnet wurde. Ich inußte es daher als von Glaubensgenossen stammend, betrachten." „Das ist richtig, demnach trifft auch Euch in dieser Beziehung keine Schuld, und die Gräfin