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Neue jüdische Presse · 1909-07-30 · Heft 29 (30.7.1909) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 29 (30.7.1909)
Date
1909-07-30
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Str. 29. Frankfurter JsrttlitWM Familienblatt. einig, daß die „Jto"" in einem krisenhaften Stadium sich befindet. Niernand weiß, warum und zu welchem Zweck Z an g w ill die Konferenz einberufen hat. Das Mesopotamien-Projekt ist schon seit Monaten bekannt, und über wichtige Ereignisse in der „Jto" war nicht zu berichten, weil sich keine zugetragen haben. Als Demonstration war die Konferenz ganz verfehlt, denn mft 30 Teilnehmern, die noch dazu kein direktes Mandat hatten, läßt sich nicht denwnstrieren. Ueberdics erklärte Zangwill, daß von einer Autonomie u xriori jetzt abgesehen werden muß. Um mir Klarheft zu verschaffen, begab ich mich in die Zcntralleitung der „Jto", wo mir folgende Erklärung — mit der Ermächtigung, sie zu publizieren — gegeben wurde: „Unsere einzige reale Gegenwartsarbcft besteht in der Regulierung der Emigration. Wir wollen neue Emigrationszentren schaffen und damft zweierlei erreichen: Die Ablenkung der Emigration von den großen Ghctti in Amerika und Schaffung neuer jüdischer Siedlungen. Das Programm besteht in der Transplantation von 25000 Juden in Galvestone in einem Zeitraum von 5 Jahren. 1200 Juden sind berefts in Galvestone und sind dort gut untergebracht. Die Organisation ist so reguliert, daß alle Immigranten in dem neuen Lande bald Arbeft finden. Juden werden nur in solche Ortschaften geschickt, in welchen bereits Juden ansässig sind. Dadurch wird die Assimilation jener bereits ansässigen Juden durch Zuführung von „frischem Blut"" verhindert und die neuen Fremden erhalten leicht Arbeitsgelegenheit. — Was die Politik anbetrifft, so müssen wir hoffen und abwarten." Das Emigrationswerk ist gewiß eine gute Tat und verdient Anerkennung, — aber die „Jto"" will doch keine Elnigrationsgesellschast sein! Und, wenn sie, was die Politik anbetrisst, warten nnd hoffen muß, — warum die Polemik gegen den Zionismus? Warum ist das Warten und Hoffen auf ein unbekanntes, vielleicht gar nicht existierendes „Vaterland" angenehmer, als Warten und Hoffen auf unser Vaterland, wo schon große Vorarbeiten auf allen Gebieten gemacht sind? * Die türkische Deputation, die den europäischen Potentaten die Thronbesteigung Muhamed V. anzeigte, zählt auch zwei Juden zu ihren Mügliedern, Sassun Effendi und Mazliach Effendi. Die beiden jüdischen Deputierten, die — in Paris weilend — von der „Alliance israelfte universelle" bereits instruiert ..... worden sind, haben sich vom Redakteur der Jewish Chronicle Wer ihre Ansichten über den Zionismus und Territorialismus interviewen lassen. Im Gegensatz zu den zionistischen Erklärungen der führenden Jung-Türken und sin Gegensatz zu den zionistischen Erklärungen des türkischen Kammerpräsidenten, sagten diese zwei „Türken"" israelitischer Konfession aus, daß der Zionismus eine Gefahr für die Türkei ist, daß er unmöglich ist, daß er eine zweite armenische Frage schaffen wird usw. Aehnlich ließen sie sich über die terrftorialistischen Pläne in Mesopotamien aus. Die Herren scheinen garnicht zu merken, daß sie sich lächerlich machen. Wenn Juden in West- Europa in Baterländerei mehr als genug tun, ist es mindestens psychologisch verständlich, sie haben an der Kultur ihrer Wirtsvölker gearbeftct, reden die Sprache ihrer Wirtsvölker, leben in Nationalstaaten usw.; — aber in der Türkei können die wenigsten Juden türkisch, die Türken, so energisch und kulturfähig sie auch sein mögen, leben noch kulturell von Anleihen bei Frankreich, und schließlich gibt es in der Türkei 30 Nationalftätcn. Die Wallachen und Kutzowallachen dürfen als Nation gellen wollen, zehn andere Bastardenvölker in der Türkei dürfen national-politische Aspirationen haben, — nur die Juden dürfen es nicht: so will es die Logik der Türken mosaischer Konfession. Ja, die Herren waren in Paris Gäste der Alliance israelfte... Aber das Aergerliche an der Sache ist, daß eine zionistische Zeitung wie die Jewish Chronicle solches Geschwätz abdruckt und damft die zionistische Arbeft in England sehr erschwert. Aber noch ärgerlicher ist, daß die hiesigen offiziellen Zionisten den türkischen „Konfessionsgeiwssen"' ein Bankett gaben, nachdem sie ihre zionistenseindlichen Erllärnngen abgegeben hatten. Das sicht nach Kriecherei aus und ist wenig würdevoll. * Allein diese unerfreulichen Ereignisse sind nichts gegen das Faktum der Minierarbeit der Judenfeinde. Das freie England gehört jetzt der Geschichte an. Seit der Annahnie der Fremdenbill nimmt der Antisemitismus in England zusehends zu. Der gesellschaftliche Antisemitismus in den mittleren Volksklassen, der mit dem allgemeinen Verfall des englischen Liberalismus zusammenhängt, macht sich in einer Weise geltend, wie etwa in Deutschland Ende der siebziger Jahre.' Ein jüdischer Herr, der einst die größten Ehrenämter der englischen Nation bekleidet und dem Minister Churchill zu seinem Sieg bei der Wahl verholfen hat, erllärte mir: „In zehn Jahren wird England das größte antisemittsche Land des Kontinents sein!"" Meine Beziehungen zu maßgebenden englischen Politikern gestatten mir die Behauptung, daß jetzt seitens einer ganzen Reihe englischer Polittker das Menschenmöglichste getan wird, um den Antisemitismus in England heimisch zu machen. „Das Dümmste und Traurigste dabei ist," so sägte mir mein hoher Gewährsmann, „daß die englischen Westend - Juden diesem rasch sich vollziehenden Prozesse gleichgültig gegenüberstehen. Es ist, als seien sie mit Blindheit geschlagen und sehen nicht, was vor ihren Augen vorgeht."" Von dieser Seite der antisemitischen Minieure geht auch der Kampf gegen die S ch e ch i t a aus. Sie wissen, daß das Schechitaverbot in England der größte Schlag für die englischen Juden bedeutet, und sie tuen ihr Bestes, um ihnen diesen Schlag zu versetzen. Zu ihnen gesellen sich noch eine Reihe Tierjchützler, die mehr Judenftesser als Tierfreunde sind. Und dem Gros des englischen Volkes ist es glcichgülttg, ob man die Schechita verbietet oder nicht. Die Zukunftsausjichtcn der englischen Juden sind also keine angenehmen. Ll. Aus Leu Geschehnissen des Tages. Das jüdische Auswanderungsproblem bietet gegcnwärttg einen solchen Knäuel unentwirrbarer Schwierigkeiten, daß man ihm wirklich ratlos gegenübersteht. Während einerseits die Auswanderungsnotwendigkeit der osteuropäischen jüdischen Massen sich noch dringlicher gestaltet hat, wie selbst in den Pogromzeiten — denn an Stelle der blutigen Pogrome sind die unblutigen, aber intensiveren und umfassenderen Pogrome der wirtschaftlichen Boykottterung getreten —, ist die Auswan der un g s Möglichkeit in die kritischste Situation geraten, nachdem jetzt auch die Vereinigten Staaten von Nord- Amerika ihre Tore schließen. Etwa drei Mertel aller wandernden Juden hatten bisher dorten Aufnahme gefunden; seitdem aber vor einigen Monaten Oskar Strauß sein Amt als Handelssekretär niedergelcgt hat, hat sich das Blatt gewendet, — und heute ist bereits die Einwanderung. des jüd. Proletariats unmöglich gemacht worden. Das Land der Freiheit hat sich jenen Ländern angeschlossen, die da sagen: Juden mft Geld nehmen wir, Juden ohne Geld aber nicht. Dieses Resultat ist im gewissen Sinne für unsere großen Organisationen sowohl, wie für die jüd. ösfentliche Meinung eine Bankerotterklärung; — fyat es doch unwiderleglich aufgedeckt, daß beiden ein tieferes Verständnis für die Angelegenheiten des jüdischen Ganzen mangelt. Alle Tätigkeit der leitenden jüdischen Persönlichkeiten, all die Mllionen jüdischen Geldes — mindestens 500 Millionen Mark hat die Wanderung der zwei Millionen osteuropäischer Juden nach Amerika verschlungen! — haben der jüdischen Gesamtheit als solcher keinen Nutzen gebracht, im Gegenteil: sie haben über die unhaltbare Lage derselben hinweggetäuscht. Und jetzt ist nun die Krisis in ihrer ganzen Schärfe da! Die Lage ist eine verzweifelte. Zangwlll, dem die Mittel der jüdischen Hautefinance zur Verfügung stehen, sucht seit vier Jahren nach einem Lande mrd hat ein solches weder unter der Sonne des Aequators. noch unter dem Mondlicht des Eismeeres gefunden. Und der einzige Rettungsanker, der geblieben ist, den eine bewußte jüdische Polittk schon vor Jahren hätte ins Auge fassen müssen: Palästina erfordert ein volles Erwachen des jüdischen Volles mrd eine gewaltige Kraft« anstrengnng, damit es in absehbarer Zeit für die wandernden Massen des jüdischen Volkes in Betracht komme. Zu lauge war Palästina als der Plan von Schwärmern verschrien, zu lange hatten sich alle, deren Meinung in größeren oder kleineren jüdischen Kreisen maßgebend ist, gegen eine zielbewußte Arbeit - in Palästina gesträubt, und erst seit wenigen Jahren hat sich die öffentliche jüdische Meinung durch die Wucht der Tatsachen Palästina — wenn auch widerstrebend — allmählich zugewendet, — und so sind denn die wirtschaftlichen Zustände dieses Landes rroch innerhalb solcher Grenzen, daß eine große Einwanderung nur dann in absehbarer Zeit möglich ist, wenn sich das lebendigste ideelle und materielle Interesse der gesamten Judenheit auf dasselbe konzentriert. Besonders müßte die sofortige Installierung von Fabriknnter. nehmungen — die übrigens bei den wirtschaftlichen Aussichten der türkischen Länder glänzende Resultate versprechen — von unseren großen Organisationen und unseren wenigen um die Zukunft der Judenheit besorgten Großkapitalisten tatkräftigst in die Hand genoinmen werden. In diesem kritischen Augenblicke sei ein „Caveant consules"" an die Leiter der „Alliance Israelfte Universelle" gerichtet. Wie die Stimmungsmacherei, die von ihnen gegen die Einwanderung in Palästina fortwährend in die Presse lanziert wird, zeigt, können diese Herren sich immer noch nicht entschließen, sich den veränderten Verhältnissen anzupassen und zeigen daher offen ihr Mißvergnügen gegen alle die, die die Zeit verstehen und danach handeln. Aus aller Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Vom .Komitee zur Vorbereitung eines hebräischen Kongresses" geht uns ein Schreiben zur Veröffentlichung zu, in dem es heißt: „Schon jetzt entwickelt sich neben einer allgemeinen hebräischen Presse, die allein Zehn-, tausenden Juden die Güter des Geistes bringt und die jüdischen Volksinteressen konzenttiert» neben einer im Aufblühen begriffenen Belletristik und einer auf alle Lebenswie Zeitprobleme reagierenden Publizistik ein ausgedehntes hebräisches Schulwesen, das hie und da in Osteuropa, namentlich aber in Palästina die Sprache der Väter zur Unterrichtssprache erhebt, weiter ausbildet und zu einem lebensfähigen Element adelt. Drüben im Osten gibt es schon ganze Scharen von Kindern, denen das Hebräische zur Muttersprache geworden, die im Hebräischen ihre psychische Vereinheitlichung stählen und auch in der Alltäglichkeit ihre Wiedergeburt voll erleben. Derselbe Orient kennt bereits ganze Gebiete, in denen die durch ihre Geburt sprachlich getrennten Judenteile natürlicherweise nur im Hebräischen ein Verständigungsmittel finden, und beweist mit zwingender Logik, daß die Sprache der Bibel mit ihren weiteren Formierungen das natürliche einigende Band der Gesamtjudenheit zu werden berufen ist. . . Selbst' in jenen Ländern, in denen das Hebräische einem verwüstenden Jndifferentismus zum Opfer gefallen ist, fühlt man leise sich durch, dringende, bald bewußte, bald unbewußte Strebungen, ein merklich erwachendes nnd steigendes Interesse für die totgeglaubte und aufgegebene Sprache unserer Väter. Wo aber, wie in den Ländern der großen Judenmassen, das Interesse in die Tat sich umgesetzt hat, da haben die positiven Ergebnisse bereits ihre Geschichte hinter sich und sind eine Folge mannigfacher Unternehmungen und Notwendigkeiten. Allein, was alle diese über die ganze Welt zerstteuten Kräfte schaffen, spiegelt nur das Sehnen des jüdischen Volkswillens nach Wiederaufbau der zerstörten Werte wieder, entbehrt aber der Einheitlichkeit, des programmatischen Zieles, der kraftschaffenden und richtunggebenden Zentralisation. Aus dieser Erkenntnis erwuchs der Gedanke an die Unentbehrlichkeit eines Kongresses für hebräische Sprache und Kultur, der sich mit den kurz gestteiften Problemen eingehend befassen und der Konsolidierung der hebräischen Kräfte organisatorisch dienen soll. Diese Erkenntnis hat auch das Unterzeichnete Komitee veranlaßt, von einer Spezialkonferenz die Ausgabe der vorbereitenden Schritte zu diesem Kongreß mit Freuden zu übernehmen, von der Hoffnung gettagen, daß dieser Anfang zum Ausgangspunkt weiterer Entwickelungsmöglichkeiten werden wird. Aus dem Appell zur Einberufung des Kongresses geben wir im nachstehenden einen Auszug: „Es sind in unserer Zeit mancherlei Or. ganisationen und Institutionen begründet worden zur Pflege der hebräischen Sprache, zur Förderung der hebräischen Literatur, zur Ausgestaltung der hebräisch-sprachlichen Erziehung; aber alle diese Gründungen nnd Gruppierungen, die nur dem Wohlwollen und der Jnittattve von Privaten Werlassen sind, zersplittern ihre Kräfte, durchkreuzen einander, oder streben gar einander entgegen. Jeder einzelne arbeitet nach eigener Einsicht und auf eigene Verantwortung, und darum .bleibt diese Arbeft nur'Stückwerk. Streben, wir daher da-

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