Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 29 (30.7.1909)
- Date
- 1909-07-30
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Leite 4. Nr. 29 hat sich doch auch einverstanden erklärt, mit allem, was Ihr für das Kind getan habt. Bis hierher seid Ihr im vollen Recht. Mer nun verlangt der Kardinal,' daß sein Kind in sicherer Begleitung zu ihm gesandt werde. Dafür hättet Ihr sorgen müssen." „Die Aufforderung ist an die Gräfin Turnek gerichtet, nicht an mich." „Das ist richtig, aber die Gräfin ist tot und der Kardinal abwesend. Ich betrachte mich daher als dessen Vertreter und muß darauf bestehen, daß das Mädchen nicht mehr als Jüdin erzogen werde. — Das Richtigste wäre es, de» Wunsch des Kardinals zu erfüllen Md es in sicherer Begleitniig nach Rom zu senden. Wie denkt Ihr darüber?" Rabbi Jizchak antwortete nicht sogleich, er hatte die Lippen fest aufeinander gepreßt und atmete schwer. — War er vom Regen in die Traufe gekommen? Endlich sprach er. „Ich wüßte leinen, in dessen Begleitung ich sic eine so weite Reise machen lassen könnte; darum, wenn Ihr daraus besteht, den Wunsch des Kardinals zu erfüllen, so müßte ich selbst mich entschließen, sic zu ihm zu geleiten." „Das wäre allerdings das Beste. — Und in der Voraussetzung, daß Ihr in spätestens vierzehn Tagen die Reise mit ihr antretet, will ich nichts dagegen sagen, daß sie bis dahin wie bisher als Eure Tochter in Eurem Hause weiter lebt." * Wenden wir uns nun zu Tirza. Sie wurde von den beiden rohen Schergen halb bewußtlos nach dem Stadthause geschleppt und dort in eine düstere Kammer gestoßen. Jin ersten Augenblick empfand sie es als eine Art Erlösung, daß ihre Arme sreigelassen worden,. daß sie nun wenigstens den ekelhaften Knäuel aus ihrem Munde entfernen konnte, der ihr jeden Laut unmöglich gemacht hatte. Dann an allen Gliedern bebend, blickte sie um sich, um sich zu vergewissern, wo sie sich befand. — Es war ein enger, finsterer Raum, der nur oben an der äußern Mauer ein Loch frei ließ, wodurch einige Strahlen des Tageslichtes hereindringen konnten. Die nicht übertünchten Wände waren schmutzig grau, den Fußboden bedeckte eine Lehmschichte, in einem Winkel lag Stroh, in der Nähe desselben stand ein Schemel und aus demselben ein Krug mit Wasser und ein Stück trockenes Brot. Ein Schauer durchrieselte die zarten Glieder des jungen Mädchens, unwillkürlich schrie sie laut aus, schrie um Hilfe, rief nach ihrem Vater, klopfte bald mit den Händen, bald mit den Füßen gegen die Tür, rannte daun wieder händeringend hin und her, stieß bald gegen diese Wand, bald gegen jene und stürzte endlich taumelnd auf das Strohbündel. — Sie wollte sich wieder erheben, aber sie vermochte es nicht, sie war vollständig erschöpft. — Und wozu wollte sie aufstehn? was hätte es ihr genützt? — Tie war doch gefangen! — gefangen! cl§ wäre sie eine schamlose Dirne, eine Diebin oder noch ärgeres. — Abermals schrie sie laut auf und barg das zuckende Antlitz in den Händen. Großer Gott im Himmel! was hatte sie denn verbrochen, daß ihr so Schreckliches widerfahren? — Jetzt fiel ihr der Vater ein, — der Vater, der sie und den sie über alles liebte. Tränen entstürzten ihren Augen, während sic sich den Schrecken ihres Vaters vergegenwärtigte und es war seltsam, es schien ihr, als würde er durch das, was sie . getroffen, noch mehr leiden als sie. Die Sonne war mehr und mehr hinter dem Horizont gesunken, in dem elenden Loch, in dem Tirza sich befand, herrschte bereits vollständige Finsternis. Sie saß noch immer zusammengekauert auf dein Stroh, beide Arme auf die Knie gestemmt, stützte sie mit den Händen die schmerzende Stirn. Die Augen hatte sie geschlossen, dadurch empfand sie die Dunkelheit weniger, doch hin und wieder hob sie unwillkürlich die Augenlider, und jedesmal Lberlief sie auf's neue ein Schauer, — hatte sie sich doch von jeher im Dunkeln unbehaglich ge. fühlt, und ihre verstorbene Mutter hatte sie in ihren Kinderjahren oft erinnert, daß sic auch im Dunkeln nicht schutzlos und allein, daß sie jederzeit und überall in Gottes Schutz. — Jetzt eben war es ihr, als vernähme sie die sanfte, liebe, längstverklungene Stimme der teuren Heimgegangenen, die sie ermahnend auf Gottes Schutz hinwies, wie sie solches dereinst so oft getan. Da wards auf einmal still und sanft in ihrem Herzen, und jede Furcht und jedes Angstgefühl war urplötzlich geschwunden. „Ich fürchte nichts, denn ich bin nicht allein, du bist bei mir, o Gott! — du wirst mich schützen, was sollte ich da fürchten?" Sich selbst ermutigend, sprach sie sich selbst mit lauter Stimme Trostesworte zu. Jetzt hatte sie die Augen fest geschlossen, ihr Blick war nach Innen gerichtet, ihr war's, als wäre ihre verstorbene Mutter bei ihr, spreche ihr Mut zu und streichle ihr liebkosend die rosigen Wangen. „Glaube mir's doch, Mutterlicb," hörte sie sich selbst sprechen, „ich fürchte mich nicht, denn ich weiß, daß Gott bei mir ist; es ist mir nur um den Schrecken und um die Angst des Vaters." (Fortsetzung folgt.) McknHirrk« FfraMWeS FamMiMakt. Madame Kaulla. \ (Schluß). I Die welterschütternden Ereignisse der letzten Jahrzehnte des 18. Jahrhunderts fanden das Kanlla'schc Handels-Haus schon fest begründet ans der Basis solide» Geschästsgcbahrens. Es hatte zwar noch nicht wie in späteren Jahren über die reichen Mittel ans eigeneni Fonds zu verfügen, aber sein Kredit war schon so gefestigt, daß es sich in weitgehende Spekulationen einlassen konnte, lange bevor noch die Gründer der Rothschild'schen Finaiizinacht den Weltmarkt zu beherrschen anfingcn. Als die französische Revolution ausbrach, als blutige Kriege Europa ein viertel Jahrhundert verheerte», verzehrten, zur Schlachtstätte machten, ward das Hans Kaulla schon so hoch gewertet, daß das Geschwistcrpaar von den Fürsten" von Hcchingen und Douaueschingen dem östr. kommandierenden General der kaiserlichen Reichs-Armee Erzherzog Karl empfohlen ward, damit cs die gesamte Verproviantirung der Reichs-Armee übernehme. — Die Persönlichkeit der Madame Kaulla war so sympathisch, so herzgewinnend, ihre Vorschläge so fein durchdacht, daß sic ihren hohen Fürsprechern alle Ehre machte, so daß ihrem Hause Aufträge von hoher -Wichtigkeit, großem Umfange übertragen wurden. Es war nichts geringes in jenen Zeiten, bei dem durch die Revolution erschütterten, Vertrauen, bei der Unwegsamkeit des Terrains im südwestlichen Deutschland, das damals den Kriegsschauplatz bildete, bei dem Mangel an erfahrenen Hilfskräften, die erst herangebildet werden mußten, die Verproviantierung eines großen Heeres zu übernehmen. Dazu gehörte ein Mut, eine Kühnheit, eine Ausdauer sondergleichen, ein sicherer Blick und eine umfassende Menschenkenntnis. Doch nicht nur mit ihrem Geist arbeitete.Frau Kaulla rastlos und angestrengt hinter den Wänden ihres gesicherten Heims, nein, auch ihre eigene Person mußte sie oft genug in den Dienst ihrer Sache stellen. Einst hatte sie eine bedeutende Pferdelieferung für das Heer der Verbündeten übernommen, die sie persönlich leitete. Es galt, auf Umwegen mitten durch das feindliche Lager hindurch zu kommen. Schon hatte sie nahezu ihr Ziel erreicht, als sie von weitem plötzlich französische Reiterei heran galloppieren sah. Mit einer Tollkühnheit, wie sie nur der Moment der Gefahr schafft, suchte sie schleunigst samt ihrem Troß »hinter einem zufällig des Weges stehenden Bretter-Verschlag Schutz und Zuflucht. Hier trotzte die Armeelieferantin zwei lange Tage und Nächte den ihr drohenden Gefahren und — bestand sie. — Das Kaullasche Haus blieb in österreichischen Diensten bis zur Beendigung des Krieges. Zur Verproviantierung gesellte sich noch die Equipierung, d. h. die Belleidung der Truppen, auch wurden für die Lieferung ausgewählter Offizicrspferdc besondere Engagements mit dem Hause .eingegangen. Nach wie vor blieben strenge Redlichkeit, prompte Bedienung, Ehrlichkeit Geschäftsgrundsähe des Hauses. Erzherzog Karl erkannte in dem Gcschwisterpaar Kaulla nicht nur die für seines Hauses Vorteil bedachten Finanziers, sondern auch sonst echte Patrioten, die Gut und Blut für die Sache des Vaterlandes cinsetzten. Kriegsnot und Elend ließen besonders leuchtend die edlen Herzenseigenschaften von Madame Kaulla hervortrcten. So sah man sie tröstend. Gaben austeilend, durch die Lazarette gehen, überall durch Wort und Mick Kranke. Sterbende erquickend. In Stuttgart, wo sie zeitweilig wohnte, hatte sie in ihrem eigenem Hause eine Pflegestätte für Verwundete und Rekonvaleszenten eingerichtet, denen sie in treuster Hingebung sich widmete. Immer weiter in aufsteigender Bahn bewegte sich das Geschick der beiden Geschwister. König Friedrich I. von Württemberg, der auch sonst Freund und Gönner der Juden in seinem Lande war, hatte mit Interesse von dem Fürstenpaar von Hcchingen gehört, welche Geschäftsllugheit, welcher Unternehmungsgeist, vor allem aber welche Redlichkeit die Geschwister Kaulla auszeichnete. Auch er wandte seine königliche Huld den beiden zu und ging bereitwillig auf ihren Plan, eine Hofbank in seiner Residenz Stuttgart zu gründen, ein. Ja, er unterstützte und förderte das Unternehmen mit seiner ganzen Kraft und ernannte Jakob Kaulla zu seinem Hofbankier, welche Würde in der Familie erblich wurde und es, wenn ich nicht irre, bis auf den heutigen Tag geblieben ist. Zufällig erfuhr Erzherzog Karl davon, daß Madame Kaulla in ihrem Hause in Stuttgart auch deutschen Subaltern-Beamten, höheren Offizieren, die in den Feldzügen zeitweilig dienstuntauglich geworden, Asyl' und pekuniäre Unterstützung gewährte. Er drückte ihr dafür von Wien aus in einem Handschreiben seine Anerkennung aus und versicherte sie .feiner außerordentlichen Erkenntlichkeit und Gewogenheit. Nach beendigtem Kriege wünschte auch der österreichische Kaiser, Madame Kaulla durch besondere Ehrenauszeichnungen seiner Huld zu versichern. Er ließ bei ihr anfragen, ob sie liebe»' ein Geschenk wollte, oder ob sie für sich und ihre Nachkommen in den erblichen Adelstand erhoben zu Iverden wünschte. Sie ließ darauf der Majestät erwidern: „Wenn ich lurd meine Nachkommen adlig iverden, so könnten diese, Gott behüte, ans Hochmut von dem Gotte ihrer Väter abfallen. Darum möchte ich lieber ein Geschenk, wenn die kaiserliche Majestät mir die Wahl läßt." Daraufhin erhielt sie die goldene Kette, welche sie fortan immer trug und mit welcher, wie wir gesehen haben, sie sich auch malen ließ. Als man ihr das kaiserliche Geschenk überbrachtc lag Madame Kaulla, damals bereits eine alternde Frau, schwer krank danieder. Sie fürchtete, nicht mehr zu genesen, drückte mit wehmütiger Freude den schmuck an ihre Lippen und rief schluchzend aus: „Zu spät, zu spät. — Ich werde es nicht mehr tragen können, dieses Zeichen fürstlicher Huld und Gnade, denn ach, ich fühl's, bald werde ich zu meinen Vätern versammelt werden." Indes Madame Kaulla genas wieder, und mit den neuen Kräften durchströmte wiederdie alte Tatkraft, der alte Tatendrang ihre Glieder, beseelte wieder der alte Feuergeist den Körper. Sie nahm nun mit ihrem Bruder dauernden Aufenthalt in der alten Heimat Hcchingen, da wo ihre Erfolge begonnen hatten, wo sie im Zenith ihres Ruhmes gestanden. Hier, sagte sie, wo mein Leben anfing, bedeutend, inhaltsreich zu werden, hier will ich auch meine letzte Ruhestätte finden. Das-erste, was sie wieder in Hechingen ganz wohnend tat. war, daß sie mit ihrem Bruder gemeinsam ein Hospiz für heimatlose herumziehende Juden gründete. Aber auch sonst versah Madame Kaulla alle Arme^ ohne Unterschied des Bekenntnisses in Hechingen mit Geld und Lebensmitteln. Als echt jüdische Frau ließ sie «noch besonders jeden Freitag für ihre Rechnung armen israelitischen Einwohnern Wein, Mehl und Oel verabreichen. Durch die edle Gesinnung der Geschwister Kaulla ist ein Geists in die Familie verpflanzt worden, der, in derselben fortwirkend, den Kulturzustand der Juden Württembergs zu Anfang des vorigen Jahrhunderts bedeutend heben half. Denn der weitaus größte Teil der württemberg'schen Israeliten, der sich wissenschaftlichen, künstlerischen, gewerblichen Berufen zugewendet hat, verdankt dem Mäcenentum der Geschwister Kaulla die Förderung ihrer "Berufsbildung. — Gleichsam, um ihr Lebenswerk zu krönen, errichtete die Rätin Kaulla noch kurz vor .ihrem Ende, zusammen mit dem Bruder, eine, Stiftung, zu Gunsten jüdischer Theologieshidierender, „des Tal- ■' mudstudiums beflissener Jünglinge", wie es damals hieß. Diese Kaulla - Stiftung" wirkt noch heute segensvoll. Damit wendet sich der Strom dieses reichen gesegneten Lebens zur Quelle zurück. Madame Kaulla beschloß ihr „köstliches Leben", denn es war „Mühe und Arbeit gewesen", im März 1809 in Hechingen, woselbst sie auf dem dortigen Friedhof ihre letzte Ruhestätte fand. Ein einfacher Stein, ein schmuckloser Hügel kündet dem Wandrer: „Hier ruht ein Weib, die groß in ihrem Volke, groß in ihrem Baterlande gewesen." Frau Treitel. üaiser f rlearieit Quelle —— Offenbach a. M. ——— Gegen Gicht and Rheumatismus bewährt. -ms lad Ul!!, ~ ' Parti« -ms mitDep.Prinzeuhof. Prospekt gratis. Max Hecht.. Wocherr-Kalerrder. (Zeitangaben nach dem Luaeh.) SamStag, den 31. Juli (= 13. Aw): Sabbat-Anfang in Frankfurt a. M. 7 Uhr 35 Min. Sabbat-Ausgang in Frankfurt a. M. 9 Uhr 05 Min. in Berlin 8 Uhr 55 Min. Auf den größten jüdischen Nattonalttanertag folgt stets der Trostsabbat Schabbos-Nachamu, sogenannt nach dem Anfangsworte der zu verlesenden Haftoro: „Nachamu, nachamu ami", tröstet, tröstet mein Volk! (Jesaja 40.) Im Jlluzer des Schacharisgebets die liturgische Einschaltung „Aromimcho", ferner ein „Auphan", gewöhnlich mit Melodie vorgetragen, sodann ein Sulas. In der Keduscha des Mussafgebetes wird „Elauheichem" hinzngefügt. Stets ist für diesen Sabbat die Sidra „Woöschanan" der laufende Wochenahschnitt. Wir hören zunächst von Moses' Bitte, das gelobte Land sehen zu dürfen. Vielfache Ermahnungen ergehen an Israel, dem Gottesgesetze treu zu bleiben. Hinweis auf die unvergeßlichen und unvergleichlichen Zeichen und Wunder, welche bei der Erlösung aus Egypten dem Volke bekannt geworden. Erwähnung der sechs Zufluchtsstädte für den nicht vorsätzlichen Mord. Wiederholung der „10 Gebote" aus dem 2. Mich Moses, die jedoch an manchen Stellen in der Fassung abweichen. Den Schluß bildet der erste Abschnitt von Schema und öftere Ermahnungen, sich des gelobten Landes würdig zu zeigen. 6