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Neue jüdische Presse · 1909-07-23 · Heft 28 (23.7.1909) · p. Seite 3

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 28 (23.7.1909)
Date
1909-07-23
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Seite 3. Nr. 28. Die „Jto"-Konferenz. (Spezial - Bericht.) Die Konferenz fand bei geschlossenen Türen statt,' jedoch sind infolge des. revoltierenden Verhältnisses eines Teiles der Konferenz zu ihrem Chef die Hauptpunkte der Verhandlungen und die Disknssionsobjekte weiteren Krisen bekannt geworden. Bekanntlich hat Israel Zangwill das Chrenaica- Projekt abgelehnt, und zwar berief er sich, bei seiner Verwerfung dieses teroritorialistischen Planes' auf die Anssagen des Leiters der nach Cyrenaica entsandten Expedition. Man glaubte allgemein, das; er diesen ablehnenden Beschluß in Einverständnis mit der itoitischen Organisation gefaßt hat. Ans dem Referat über Cyrenaica des Herrn Prof. Dr. Slousch-Paris, der an der Expedition tcikgenommen, geht hervor, daß Israel Zangwill eigenmächtig und ohne das Einverständnis der „Organisation" den Cyrenaica - Plan verworfen hat. Aus dem genannten Referat ist vielmehr zu entnehmen, daß Cyrenaica sich für eine jüdische Kolonisation — wenn auch nur im.kleinen Maßstab — wohl eignet. Das Land leide.zwar an Wassermangel, jedoch sei seine Bodenbcschaffcnheit so, daß man mit Leichtigkeit 250,000 'Seelen dort hätte ansiedcln können. Das gab auch der christliche Leiter der Expedition zu. Israel Zangwill hat. den Plan nur deswegen abgelehnt, weil seine Finanziers, die er zu .haben glaubt, für Cyrenaica kein Geld geben wollten. Die Verhandlungen der Konferenz haben dazu geführt, daß die Jto vom neuen den von ihrem Leiter bereits verworfenen Cyrenaicaf l a n theoretisch w i e d c r a n s n i m m t. Die onserenz hat eine Resolution Slousch angenommen, in der ausgesprochen wird, daß die Jto den Cyrenaica-Plan nicht ansgibt. Als jedoch die Mitglieder der Konferenz Herrn Zangwill die Resolution - unterbreiteten, erklärte er, daß er de» Cyrenaica-Plan nicht mehr anfnehmen kann, selbst ivenn die russischen Delegierten, die größte itoistische Strcitkraft, sich von ihm trennen und ans der Jto anstreten. Dadurch ist eine Meinungsverschiedenheit zwischen Chef und Mitgliedern cingetretcn, die zu einer politischen Demoralisierung der Jto geführt hat. Die russischen Delegierten beharren auf ihren Beschluß und der ' Chef will von.diesem Beschluß nichts wissen. Ein Wortführer der Jto erklärte mir heute: „Die Jto ist tot und zwar für alle Zeiten." Was will aber Herr. Zangwill? Er will ein Land, das nicht nur 250 000 Juden vorerst, anfnehmen. kann; sondern zehn Millionen. Ein solches Land sei Mesopotamien. Nur muß auch Mesopotamien kanalisiert und bewässert werden. Es sind ctloa 80 Millionen Mark nötig, um Mesopotamien "genügend zu bewässern, von den großen Kolonisationskosten ganz abgesehen. Die türkische Regierung verlangt für ihre z u g e w ä h r e n d c Konzessionen für Mesopotamien die runde Snmme v on 200 Mill. Mark. Es ist also ungefähr eine halbe Milliarde nötig, um die ersten Bedingungen für eine Kolonisation in Mesopotamien zu'schaffen. Herr Dr. Israel Anerbach, der Constantinopeler „Welt"- Korrespondcnt, hatte mit dem türkischen Deputierten aus Bagdad, Herrn Sassun, eine Unterredung über diese Frage. Herr Sassun, ein Eingeborener, der die Verhältnisse in Mesopotamien kennt, erklärte, daß die Türkei gar keine Konzessionen für.Mesopotamien geben kann, weil das Land von>wilden Nomaden beherrscht wird und dieHerrschaft der Türkei in Mesopotamiennur eine nominelle ist. Es sind zwei Divisionen Soldaten nötig, um das Land zu „pacifizieren." Dieses Werk kann die Türkei mit Rücksicht auf ihre gegenwärtige Lage nicht vollbringen. Herr Zangwill legte der Konfere nz ein Schriftstück eines jüdischen Philanthropen vor, in dom der großherzig e M a n n s e i n e p l a t o n i s ch e S y m pa t h i e für eine jüdische Kolonisation und für eine Konzentration der Auswanderung ausdrückt. Auf Grund dieses Schriftstückes glaubt Zangwill, dieses Riesenprojekt anfnehmen zu können. Die russischen Teilnehmer an der Konferenz, die wissen, was unsere Philanthropen für das jüdische Volk zu opfern imstande sind, konnte d i e s e p l a - tonische Liebeserklärung für die Jto ohne jede verbindliche Aeußernng nicht überzeugen. Allein mit dem Differenzpunkt zwischen Cyrenaica und Mesopotamien ist noch die Gegnerschaft zwischen Chef und Führern nicht erschöpft. Die demokratisch veranlagten Delegierten aus Rußland, die alle unter dem seligen Herzl gedient haben, behaupten, Israel Zangwill habe die itorstische Organisation untergraben. Zangwill laufe ein paar reichen Philanthropen nach und wolle xinen Staat, ohne das Volt gefragt zu haben, gründen. Terr itorialistrsche Vereine e xistieren nirgends mehr, und die Delegierten zu der Konferenz sind von keinem Berein und von keiner Gruppe dazu bevollmächtigt worden. Der Chef ernennt seine Frankfurker Israelitisches Familienblatt. Führer, behauptet aber, diese Führer seien die Vertreter des jüdischen Volkes. In der Tat verfügt die Jto außer über die von Zangwill bestellten Führer über keine Organisation. Die „Russen" beschuldigen .ihn, daß er jede Volksorganisation unmöglich machte. Dieser Mangel an einer breiten Volksorganisation erschwere in Rußland, wo man demokratisch ist, die Propaganda. Ueber die Emigrationstätigkeit der Jto, die seiner Zeit so viel von sich reden machte, ist auf der Konferenz berichtet worden, daß in einem Zeitraum von 3 Jahren 1171, rede und schreibe Elfhunderteinundsiebzig Juden nach Galvestone transportiert worden sind. Die llnkosten dieses Emigrationswerkes, die Passagierkosten für Ueberfnhrt nicht inbegriffen, beliefen sich auf 15 000 Rubel. Herr Zangwill hat sich bereits auf sein Landgut zurückgezogen, und die Jtokonfereuz, die aus 30 Teilnehmern bestand und mit wenigen Ausnahmen nicht gerade die intellektuelle und politische Elite der Judenheit darstcllte, verläßt London mit einem Gefühl der Nichtigkeit und der Depression. M. Brief aus Ungarn. Wie brausende Stromschncllen sausen die Geschehnisse des Tags an uns vorbei und bieten bei der gierige» Hast, mit der sie sich überstürzen, dem Beobachter kaum einen Moment stiller Betrachtung. Glaubt man, durch die Zeitungsberichte irregeführt, den festen Block der reinliberalcn Elemente znsammengeschweißt und dadurch das Herannahen eines freiheitdurchglühtcn Morgendäininerrots künden zu können, da kommt die frische Sensation: dje Koalition der Dunkelmänner ist permanent. Es bleibt alles beim alten. Eine Bande von 23 Laiidesvätern beherrscht mit absolutem Willen das Parlament von 125 Volksvertretern. Die mit theoretischem Liberalismen aufgcsütterte Kossntpartei steht ganz unter der Hypnose der Antisemiten, und die neunzig Mitglieder des . freiheitlichen Anhangs des Grafen A n d r a s s y können sich auch nicht der würgenden Umarmung ihrer eisernen Organisation entziehen. Diese erstreckt sich von den Karpathen bis zur Adria; ihr dient mit Leib und Seele die niedere katholische Klerisei bis ins letzte Glied. Der Boden für eine Wahlkampagne ist so gründlich bearbeitet, das; die' zukünftige Zusainincnstelluiig des ungarischen Volkshanscs außer allem Zweifel steht: D i e vom Hof favorisierte Partei der K i r ch e n p o l i t i k.c r, I >i n k e r und 'Agrarier mit e i n g e st a n d e n a n t i s e m i t i s ch e m Kredo beherrscht das Feld. — Das bereits gemeldete Schulgesetz hat eine Abwehrbewegung unserer Judenheit angeregt. In Dnnaföldvar kamen die jüdischen Lehrer der südungarischen Komitatc: Baranya, Somogy, Tolna, Zala zusammen und auf Anregung von Lau tos, der in seinem Referat die Auflösung der jüdischen Schulen mit mathematischer Pünktlichkeit auf Grund des statistischen Materials vorauskündete, wurde beschlossen, „den ungarischen Schnlvercin" ins Leben zu rufen. Sein Zweck sei, durch Gründung des Schulfonds die Auflösung hintanzuhalten. Eine Petition ging von dort ans an das Kultusministerium, die jüdischen Schulen, die von 0»/» nichtjüdischen Schüler frequentiert werden, „was doch ein schlagender Beweis ihrer hervorragenden Qualität ist", zu unterstützen.... Die Pc st er. Landeszcntrale dirigiert das ihr nnierstellte Jndcntum natürlich nach altem Rezept. Sic haben noch immer nichts gelernt, und kolossal viel vergessen. Der vom Budapestcr Grand, rabbi H e v c s i — geborener Händler — gegründete „I üdischc K n l t n r v c r e i n" hat auch nur den einzigen Erfolg: unsere Juden zum raschen Untertauchen in die ungarische Kultur, mit anderen Worten zur völligen 'Amalgamierung zu führen. Dabei ist der Riß, der durchs ungarische Judentum geht, ein klaffender. Er ist bei der Trauung des Herrn Straus traurig in Erscheinung getreten. Dieser, dessen Familie orthodox-jüdischer Konfession ist, hat sich mit eineni Fräulein, dessen 'Angehörige zur Pcster Hauptgemeindekonfession gehören, verlobt. Die Gemeinde hat die Zeremonie mit samt dem üblichen H a r e a t durch einen ihrer Rabbiner an dem Brautpaar unter freiem Himmel vornehmen lassen. Als man sich dann zum Festmahl setzte, brachte der Einspänner als verspäteten Gast den Puspokladanyer Bruder und Rabbiner Straus, der den Akt ans dem Extempore für ungültig erklärte und aus eigener Machtvollkommenheit vor zehn organisierten Orthodoxen die Trauung wiederholte. Zioni. Aus alter Wett. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Eine lebhaft zu begrüßende Einrichtung ist aus der - „Jla" getroffen worden, nämlich eine Verkaufsstelle ritueller Wurst- und Fleisch waren. Die Verkaufsstelle, die nächsten Sonntag eröffnet wird, ruht in den Händen der unter Aussicht der Ritualkommissivn der israel. Gemeinde stehenden Wnrstsabrik Westheimer. Berlin. Zu den Ausführungen des -Beel. Tgbltt." über die A b st a m m u n g des neuen R e i ch s k a n z l er s schreibt die „Post": „Das Blatt behauptet frischweg, die Bethmanns seien ursprünglich Juden gewesen, die „ihres Glaubens ivegen" aus den Niederlanden vertrieben wurden. Der erste Bethmann aus deutschem Boden wurde nassanischer Amtmann, .nachdem er, wie der Verfasser des Artikels ohne jeden Beweis anninimt, zum christlichen Glauben übergetreten war. Merkte der Verfasser wirklich die mangelnde Logik nicht? Die Bethmanns, die sich ihren Glauben durch die Flucht zu erhalten suchen, haben im neuen Varerlande nichts eiligeres zu tun, als ihn abznlegen? Q nein, die Bethmanns haben mit dem Judentum genau 100 Prozent weniger zu tun, als mancher Redakteur des „B. T.". Sie sind immer Christen. oder richtiger gesagt, immer Niederdeutsche gewesen, trotz des Simon, der auch ein christlicher Raine ist, und trotz dcS Moritz, der erst sür die Nichtjuden als Name unbrauchbar geworden ist wie ein schlechter Groschen, nachdem die Inden ihn seit Einführung der bürgerlichen Gleichberechtigung als Surrogat sür den Namen Maische angenommen haben. Bis zur Mitte des vorigen Jahrhunderts nannte sich in Frankfurt am Main, dessen lebenskluge Einwohnerschaft als letzte Stadt die Judeneinanzipation annahm und in der noch im Anfänge des vorigen Jahrhunderts der selige Amschel Rothschild als Jude geduzt wurde, kein Jude, der Maische hieß, Moritz." Ohne antisemitischen Herzensergnß hätte natürlich das konservative Organ seine Ausführuiigen nicht machen können. Forbach i. Lothr. Der G e m e i n d e r a t hat sür die Instandsetzung der Synagoge der israel. Gemeinde 2000 M k. bewillig t. Oesterreich-Ungarn. Wie». Zum Andenken an seinen vorige Woche im 2l. Lebensjahre verstorbenen Sohn Oskar hat Baron Albert von Rothschild größere S u m m c n für gute Zwecke gespendet, n. a. 10 000 Kr. sür die Armen der israelit. KiiUuSgemeinde. Budapest. Im Mai sind in Ungarn 72 Ehen z w i s ch e n Juden und Christo n geschlossen worden, die höchste Ziffer, die bisher ein Monat erreicht hat. Tarnopol. Im Dorfe Bnrka wurde dieser Tage ein M ä d ch e ntauü verübt. Zwei Bauern ergriffen des Nachts die 18jährige Tochter des dortigen jüdischen Einwohners David Bleich und entführten sic gewaltsam. Der Vater des Mädchens verfolgte die Räuber, die jedoch im Dunkel der Nacht entkamen. Nach einigen Tagen erfuhr er, daß seine Tochter sich .im Tarnopoler Kloster befindet, und begab sich dahin, nm sein Kind ziirückzufordern. Weinend bat er.um Einlaß und wünschte seine Tochter zu sehen. - Der Aermste lvnrdc barsch von der Klosterpforte gewiesen, indem ihm beschieden wurde, daß das Mädchen — angeblich — bereits nach Lemberg gebracht worden sei. Rußland. Petersburg. Baron David Ginzburg will die von ihm gegründeten jüdisch-wissenschaftlichen Kurse zu einer H o ch s ch u l e der j n d i s ch e n Wissenschaften heransbilden. Er hat daher in Begleitung des Herrn D. F e i n b e r g von der „Jca" die jüdischen Zentren Rußlands bereist und dorten Komitees zur Unterstützniig dieser .Hochschule gegründet. Warschau. Die Abneigung gegen die langen Röcke, wie solche die chassidischen Juden tragen, ist jetzt hier eine große. Ein langer Rock gilt als Zeichen reaktionären Denkens, gegen das ein fortschrittlicher Mensch Front machen muß. Zahlreiche jüdische Geschäftsinhaber fordern von ihren Angestellten, den langen Rock abznlegen oder. die Stelle niedcrzulegen. 'Auch in öffentlichen Lokalen weist man Leute mit langen Röcken zurück. I. I. Braun. Amerika. New-Nork. Nach einer neuerlichen Bestimmung des Emigrations-Kommissars William Williams sollen die Schiffahrtsgesellschaften von jetzt ab nur solche Zwischendeck-Passagiere nach Nordamerika befördern, die mindestens 25 Dollar außer den gesamten Reisekosten besitzen. Der Kommissar hat dabei offen erklärt, er wünsche die ärmeren Emigrantenklassen fernzuhalte». Die im New Parker Port eingetroffenen Einwanderer, die von dieser neuen Bestinimnng noch keine Kenntnis hatten, sind durch dieselbe in eine

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