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Neue jüdische Presse · 1909-07-23 · Heft 28 (23.7.1909) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 28 (23.7.1909)
Date
1909-07-23
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Frankfurter UraekitWes Fmnilitznblatt. Nr. 28. großes Werk, in den konventionellen Lügen der Kulturmenschheit und in Entartung. In dem Buche „Die konventionellen Lügen der Kulturmenschheit" tritt uns ein Mann entgegen, der mit starker Hand die Tünchschicht, die die Kultur seiner Zeit bedeckt, aufreißt ^und alle Gebrechen dieser Ln de siede» Kultur aufdeckt. Die politische Korruptton in allen ihren Abstufungen, vom demokratischen Rcpublikanismus bis zum despottschen Absoluttsmus, die gesellschaftliche Korruption, wie sie speziell die oberen Zehntausend umwuchert, die Medertracht auf denr Gebiete der Wirtschaftsmoral, der unberechtigte Druck des Staates auf das Einzclindividuum, der Seclcnschacher in der sogenannten Vernunstehe u. a. lieber jede Erscheinung, die er behandelt, ist er fachmännisch informiert; zu jeder Frage nimmt er eine entschieden sichere Stellung ein. Die Widerspruchslosigkeit in seiner eigenen Konzeptton, der fast düstere Ernst seiner Anschauungen und sein von sittlichem Geist getragener Radikalismus verhalfen diesem Werk zu einem Erfolg und machten seinen Inhalt zum Gemeingut aller Gebildeten. In „Entartung" lernen wir einen großen Knlturphilosophen kennen, der mit dem Universalgeiste eines Aristoteles an die kulturphilosophischen Untersuchungen seiner Zeit herantritt. Ta spricht ein Geist zu Geistern über Geist. Auch hier ist der Standpunft ein einheitlicher, ein sittlicher und ästhetischer Idealismus. Aber was das Originale an diesem Werk ist, ist die Methode. Die Zivilisation seiner Zeit beurteilt er als Moralist, die Kultur seiner Zeit als Arzt. Erkennttiisthcorctisch mag diese Methode nicht ganz einwandfrei sein, aber sie ist nicht weniger original, als die Methode T a i n e s, die literarischen Schöpfungen vom Gesichtswinkel des Rasscngcnius zu beurteilen. Wenn cs über mft David Friedrich Strauß und Zeller wahr ist, daß die Entstchungsbedingungen der Handlungen nicht mit den aktuellen Motiven verwechselt werden dürfen, eine gcschichtsphilosophischc Einsicht, die von der Geschichte selbst bestättgt wurde, so wird man Nordäü die Methode nicht verübeln, umsomehr, als der gcistcsgeschichtliche Erfolg ein ganz enormer war. Als Psycho-Pathologe tritt er an die Untersuchung einer ganzen Kickturepoche heran. Hier ist er weder Apostel noch Moralist, sondern der große Nervenarzt, der die geistigen Verirrungen eines Nietzsche und Tolstoi, Zola, Ibsen und Richard Wagner nicht mft der sfttlichen Entrüstung verwirft, sondern sie medizinisch nwttviert. Uebcr graue Theorien läßt sich streiten, nicht aber über Fakta der exaften Wissenschaft. Wenn ein Nervenarzt auf Grund einer eingehenden Diagnose überzeugend nachweist, daß die erotische Eniottvität eines Rich. Wagner anormal und krank war, daß Nietzsche und T o l st o i Objekte der Psychopathologischen Forschungen sind, — daß die Diabolikcr einen notorisch kranken Menschentypus'darstellen, so muß ihr Nimbus schwinden. Psychopathen können gute Einfälle haben, dürfen aber keinen kulturellen Einfluß auf ihre Zeit ausüben. Diese psychopathologische Demonstration seiner zeitgenössischen Kultur hat ihn zur Geißel, und zum Schrecken aller Phftvsophastcr und Pscudodichter gemacht, zum Feind aller degenerierten Talente. Aus den vielen Gegenschriften, die Nordau's Buch „Entartung" hervorgerufen hat, ist zu ersehen, wie enorm dieses Werk gewirkt hat. Aber was will Nordau?— Ich habe es schon oben gesagt, daß Nordau kein Schul- Philosoph ist, und seine ganze Weltanschauung ist nur zerstreut in seinen Schriften zu finden. Ich will noch versuchen, einige bedeutende philosophische Einsichten von Nordau, die ein Licht auf den ganzen Mann werfen, hier mitzuteilen. In der Poliük verficht er weder das Postulat der Gleichheit iroch die Freiheit. Das Jndividuationsgesetz in der Natur und in der Geschichte schließt die Verwirklichung der Gleichheitsidee aus. * Gleichheit kann nur bedeuten Gleichheit vor dem Gesetze. Auch diese Gleichheit kann nur relattv verwirklicht werden, und zwar wegen des Grundgesetzes der psychiologischen Differenz. Aber wenn die Gleichheit unnröglich ist, so ist die Freiheft ein Wahn. Sie macht den Staat unmöglich, die Gesellschaft und die Autorität und ist dem herben Instinkt des Menschen kongruent. Natürlich ist hier nicht von der politischen Bürgerfreiheit im Staate, sondern von der Freiheit die Rede, wie sie etwa Ibsen ästhetisch und Tolstoi religiös motivierten. Die absolute-Freiheit des Individuums ist gegen die physische Natur des Menschen und gegen sein Gattungsbewußtscin, also auch gegen die Ethik, deren Objekt' die Gesamtheit ist. — dkordaüs Bekenntnis zum Entwicklungsgedanken hat auch seinen theoretischen Geist beftuchtet; denn in Bezug auf den Ursprung des Menschen ist Nordau Pessimist, wie Immanuel Kant auch im Gegensatz zu Rousseau. Hier haben wir eine neue Pcrsepktivc: Der Mensch tritt als Herdentier und individuell böse in die Kultur ein. In ihm lebt auf der einen Seite ein Herden- und Gattungsbewußtscin, auf der andern Seite beherrschen ihn elementare Naturkräfte, amoralische Kräfte. In der Weltgeschichte wird der Kampf zwischen diesen beiden kontrapolaren Kräften ausgetragen. Die natürliche Entwickelung auf der einen Seite und die sittlichen Kräfte aus dem Geiste der reinen Vernunft und des Gattungsbewußtseins auf der andern Seite treiben den ursprünglich bösen Menschen der Sittlichkeit und dem Guten entgegen. Der Staat soll die Gerechtigkeit verwirklichen, die Gesellschaft die Solidarität, und dem Einzclindividuum soll die Möglichkeit gegeben werden, nach seiner Erkenntnis und nach seinem Gewissen zu leben. Die Völker sind für den Frieden bestimmt unddie Menschen für die Erkenntnis^und für das sittliche Schaffen. Es spricht für den ganzen Jndividualisnius Nordaus, daß er die Kunst der Sittlichkeit unterstellt und ihr eine soziale Funktion zuweist. So denkt ein Mann, der zugleich Naturforscher und Arzt ist. Man wird ftcilich 'sagen: ein Kantianer: aber die Propheten lebten vor Kant, und Nordau kannte die Propheten, bevor er noch von Kant gehört hatte. Die Propheten lehrten dasselbe, was Kant nach 2500 Jahren auch lehrte, aber weit menschlicher, einfacher, ohne philosophischen Bombast. Und jetzt wundere man sich noch, daß Nordau Zionist ist! Als noch niemand von uns wußte, daß Nordau Jude ist, hat dieser gewaltige Kulturkritiker den sittlichen Idealismus der Propheten seine Zeit gelehrt. — Und als er sich vollends von der ganzen Verlogenheit „ihrer" Kultur überzeugte, trat er offen zu seinem Volk zurück und stellte sich an die Leitung seiner'Geschicke. Wenn Max Nordau an „ihrer" Kultur verzweifelt, er, der in ihrer Mitte groß geworden, so har das jüdische Volk von der Gerechtigkeit seiner christlichen Mitmenschen wenig zu erwarten. Hier helfen keine hohlen Redensarten mehr, „jüdische Religion, jüdische Konfession", — das hat Nordau eingeschcn, und deshalb war er mit dem unsterblichen Herzl in , dem Ruf einig: „Das Judcnland dem Judcnvolk!" So hat Max Nordau nicht nur im Verein mit Börne, Heine, Lassalle, Bergsohn, Hermann Cohen, Ludwig Stein unfern Kulturkredit in Europa begründet, sondern er ist auch, nachdem er den Irrtum der Assimilation erkannt hat, zu seinem Volke zurückgekehrt, um mft seinem Volke zu leben und für sein Volk zu kämpfen. Die Geringschätzung -es Rabbiners staudes. Unter der Aufichrift „Rabbinophobie" veröffentlicht die „Allgem. Zeitg. d. Judent." in ihrer!25. Nr. die Betrachtung eines Reverends über die in Amerika herrschende Rabbinerscheu. Wenn wir unsere folgende Betrachtung, die sich mit den gleichen Verhältnissen bei uns in Deutschland beschäftigt, nicht mft demselben Tftel versehen, so geschieht es hauptsächlich, weil wir in der von uns hervorgehobenen „Geringschätzung" eine viel größere Gefahr für unsere Religion erblicken. Die Gleichgültigkeit, mit welcher der sonst so vortrefilich organisierte deutsche Rabbinerstand über diese seine Lebensfrage hinweggeht, scheint darauf hinzudeuten, daß zum großen Teile die Rabbiner an dieser Misere schuld tragen. Schon der amerikanische Beobachter, der als Rabbiner die Schuld ganz auf den Laien zu wälzen sich bemüht, ist ehrlich genug zu gestehen, daß leider nur gar zu oft die Rabbinen, durch ihr mißzudeutendes Verhalten, dem Vorurteil gegen ihren Stand die meiste Nahrung liefern!. Rabbinen, die nach ihren eigenen Lehren nicht handeln, „die! feurige Reden über Mildtättgkeit schwingen, dabei aber hartherzig auf den Arinen herumtrampeln," die den Egoismus zur Richtschnur ihrer Handlungen machen, die ihren Berms, in dessen Tätigkeit sie einen Mangel an Frömmigkeit, Gefiihl, Rücksicht und Bescheidenheit bekunden, mit geschäftsmäßiger Jdeallosigkeft erfüllen, solche Rabbinen hat eben Amerika nicht minder als Deutschland, und die extremste Orthodoxie nicht weniger als das extremste liberale Judentum. Eine für die Zukunft des Judentums, tvie für seine Religionswissenschaft weit verhängnisvollere Erscheinung, die der amerikanische assimilationssüchtige Rabbiner bei dem dort herrschenden religiösen Jndifferentismus gar nicht in den Kreis seiner Betrachtung zog, ist es, welche uns betreffs des deutschen Judentums mit Bangen und Sorgen erfüllt, und das ist, um nun ohne Umschweife ganz offen zu sprechen, die seit wenigen Jahren, besonders in den Kreisen des religiös indifferenten Judentums, systematisch d u r ch g e f ü h r t e Ausschaltung des Rabbiners aus dem Gelehrtenstande, welche ganz einfach dadurch bewirkt wird, daß man sich bei der Wahl des Rabbiners ausschließlich von der Probepredigt abhängig macht, was in vielen Fällen zur notwendigen Folge hat, daß unwissende, von jeder ernsten Wissenschaft unberührt gebliebene Kandidaten es mit Leichtigkeit fertig bringen, die begabtesten, vielseitigsten und durch und durch gebildeten Rivalen gerade von den angesehenen Positionen fern zu halten. Hiergegen hätten sich unsere Rabbinen längst anflchncn müssen, so ihnen wirklich darum zu tun ist, der Verflachung des deutschen Rabbinerstandes abzuhelfen, so ihnen wirklich die Schmach des Judentums, daß ein Regiment deutscher Rabbinen es noch nicht einmal zu einem bessern Lehrbuch der Biblischen Geschichte oder zu einem Religionsbuch für höhere Schulen gebracht hat, am Herzen liegt. Wie kann man denn von den Kandidaten Fleiß und Interesse für die jüdische Wissenschaft beanspruchen, wenn sie doch sehen, daß ihre minderwertigsten Kollegen renommierte Rabbinerposten bekominen, während die Lieblinge der Dozenten, die dem Judentum und der jüdischen Wissenschaft zur Ehre gereichen könnten, in ganz untergeordneten Stellungen bei den minimalsten Gehältern ihr Dasein fristen müssen? In christlichen Kreisen, protestantischen wie katholischen, steigert sich das Ansehen des Theologen mit der Intelligenz und der Vornehmheit des Laien. Wenn daher in dem genannten.Artikel der Allg. Zeitung d. Judent. von „analogen Erscheinungen bei anderen Konfessionen" die Rede ist, so ist dies bestenfalls eine selbsttäuschende Behauptung, von deren Gegenteil man sich auf Schritt und Tritt überzeugen sann, und wem die Gelegenheit hierzu fehlt, der sehe sich die sympathischen Rollen an, die die Theologen in den aus dem Leben gegriffenen Stücken Ibsens. Sudermanns usw. spielen. Nur die sonderbare und außerordentlich befremdende Tellnahmslosigkeit des Rabbiners, als des Repräsentanten der jüd. Religionswissenschaft, an der stürmischen Geistesbewegung der Gegenwart hat cs zur berechtigten Folge, daß man in intelligenten jüd. Kreisen geradezu mit Verachtung vom Rabbinerberufe spricht. Wie kann es auch anders sein? Wenn der geblldete Jude oder die denkende Jüdin sich manchnial aus dem Geräusche des tobenden Genußlebens für eine Weile zurückziehen, um über eines der höchsten und heiligsten Anliegen ihres Herzens sich zu besinnen und hierbei den jüdischen Theologen zu Rat ziehen, so besteht in der Regel seine höchste Leistung darin, daß er ihnen mit einer schönen Anzahl christlicher Lektüre auflvartct. Bon 50 Werken, welche selbst in dem orthodoxesten jüdischen Organ als tresfliche und ernste Führer durchs Leben empfohlen werden, hat kaum ein einziges einen jüdischen Theologen zum Verfasser. Die letzten Jahresberichte der jüdischwissenschaftlichen Vereine zeigen uns, daß sobald man nach vielen von jüdischen Theologen gehaltenen Vorttügen über Henriette Herz, Rahel Lewin, Schiller und die Juden usw. endlich das Bedürfnis empfand, auch einmal über eine ernste Grundfrage des Judentums etwas zu hören, dann hierfür ein christlicher Pfarrer bestellt wurde. Solchen traurigen und beschämenden Verhältnissen entgegenzutreten und mit energischer Hand Wege zur Besserung anzubähnen, das würde sich für ein Kulturvoll viel geziemender ausnehmen, als das leere Wünschen und Hoffen. - Dr.

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