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Neue jüdische Presse · 1909-07-23 · Heft 28 (23.7.1909) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 28 (23.7.1909)
Date
1909-07-23
Page
– (sequence 1)
Language
German
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^Ttunftfuxfet l'rarlilifiiirs fainilicublatt. i ■■■ ■ ... Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: ' Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1.50, sonstige Länder Mk. 2.— -I- - KedaKkiorr und Hefchaftsfi-lle: Srsnkfurt s. M.. vilbelerstraße 4/6, Ecke Lleichstraße Terefau 10507. -'He-j-- Hsrausgebev: Kals Gei-s. r- ” — -. Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petttzette. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 .. Platz- und Daten-Vorschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. ' 7. Jahrgang. Freitag, den 5. Aw 5669 (23. Juli 1909). Rr. 28. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Max Nordau. — Die Geringschätzung des Rabbinerstandesl — Die „Jto'-Konseienz. — Brief aus Ungmn. — AuS aller Welt. — Feuilleton: Die Tochter des Kardinals. — Wochen - Ka lender. — Familiennachrichten. Max Nordau.*) Zu seinem 6 0. Geburtstage. Eon Dr. S. M. Melamed, London. Auch Philosophen haben ihre Schicksale. Mancher Denker spinnt sein Leben lang in weltfremder Zurückgezogenheit, grübelt über blutleere und nervcnlose Kategorien und geht dahin, ohne wirklich gelebt zu haben. Ein anderer wieder gaukelt während seines ganzen Lebens mit philosophischen Termini, macht viel Lärni wegen einer Omelette und glaubt, eine Revolution im Reiche des Geistes verursacht zu haben. Aber es gibt auch Philosophen, die mit Volldampf in das Leben stürmen und aus ihrer engen Gelehrtenstnbe einen Kommandositz machen, in dem neue Schlachtpläne für den großen Krieg der Geister entworfen werden. Zu diesen Schlachtendichtern des Geistes gehört Max Nordau. Sein ganzes Leben stand er kämpfend auf der Warte, und seine ganze Laufbahn bedeutet Kampf und Sieg. Seine Waffe ist freilich nicht die Kanone nick die Mitraillense, sondern das gewaltige Wort, der große Gedanke, der Geist und die Macht des Geistes. Weil sein scharfer und klarer Geist nicht wirklichkeitslose Philosopheme, sondern das Leben, das ivirkliche, bittere und harte Leben zum Inhalt hat, war e s ihm auch möglich, voll in das Leben cinzugreifen und auf das Leben Einfluß zu gewinuen. Was er in einem Zeitraum von 30 Fahren geschaffen, sind Werte des Lebens, deren Kurs nie sinken wird. Max Nordau ist vermöge der Natur seines Geistes und der Disposition seines Bewußtseins geradezu ein Schicksal für ein Vierteljahrhnndert Menschheitskultur geworden. Er hat sich mit einer ungestümen Leidenschaft in die Arena geworfen und seine kraftvolle Geistesfaust aus Helden des Tages und der Geschichte niederfallen lassen und har sie vernichtet oder ihnen unheilbare Schläge versetzt. Die Idole seiner Zeit: Ibsen und Nietzsche, Tolstoi, W ag ner und Z ola hat *) Um Mißdeutungen vorzubeugen, sei es hier gleich vorweggenommen, daß wir uns mit Nordaus Verhältnis zur Bibel, wie er es in seinen kaudenttschen Lügen präzisierte, nicht, identifizieren und seine Auffassung glattweg ablehnen. Im übrigen hat Max Nordau nie als jüdischer Religionsphilosoph oder überhaupt als Religionsphilosoph gelten wollen. Seitdem er zu seinem Volke zurückgekehrt ist, hat er auch die jüdischen Kulturwerte mehr schätzen gelernt, und er dürste auch seine Meinung über die Bibel gründlich revidiert haben. Es war aber kleinlich und dumm, Max Nordau als - Schriftsteller und Kulturkritiker weniger zu schätzen, weil er vor 30 Jahren, außerhalb der jüdischen Interessensphäre lebend, eine falsche Meinung von der Bibel hatte. er niedergetteten, indem er ihre gedankliche» Kartenhäuser zertrümmerte oder indeni er die Konsequenzen aus ihren sittlichen und ästhetischen Pvstulaten zog. Friedrich Nietzsche postulierte den Uebermcnschen, entwertete unsere Moral, denunzierte die Masse und hypostasierte (hypothetis) die Weltgeschichte, indem er sie einen Umweg zum Ucbermenschen nannte. Und gerade die Masse, die Nietzsche verachtete, betete ihren Verächter an: Nietzsche war Trumpf. Jeder dünkte sich ein Uebcrmensch und glaubte, das Recht zu haben, seinen Mitmenschen zu terrorisieren. Da stand Nordau auf, der gesunde, idealistisch veranlagte, geistesstarke Nordau und ries: „Der Egoismus kann kein Ideal der Sittlichkeit werden; „der Uebcrmensch" ist die Ausgeburt eines krankhaften Spinners, und die Weltgeschichte ist nicht der Uniweg zum Ucbermenschen, sondern ein Kampf der sittlichen Ideen, der Weg zur Sittlichkeit. Nicht auf das Einzelindividuum, sondern auf die Menschheit hat es "die Sittlichkeit abgesehen!" So ward Nordau znm würdigen Sohne des Prophetenvolkes. Wie Nordau gegen den ästhetisch motivierten Anarchismus eines Nietzsche känrpste, so auch gegen den religiösen Anarchismus eines Tolstoi und gegen den ästhetisch angekränkelten Egoismus eines Ibsen. Der Tolstoismus, ein Gemisch von Urchristentum und russischer Barbarei, postuliert: „die Freiheit und lehrt den Kampf gegen den Staat' und die staatliche Ordnung." Er knüpft auch teilweise an Rousseau an: „Rückkehr zur Natur". — Gegen diese Seuche des religiösen Anarchismus trat der Geschichtsphilosoph und der Moralist Nordau auf. Wie Nordau gegen Nietzsche die Menschheit und die Gesellschaft verttitt, so verteidigt ergegen Tolstoi die Interessen des Staates und der staatlichen Ordnung, und gegen Ibsen verteidigt er den Staatsgedanken und die Existenzberechtigung derjenigen sozialen Institutionen, die aus dem Geiste der Geschichte herausgewachsen sind. Im Kampfe mit diesen drei Vertretern seiner Zeit zeigt sich Nordau als ein konsequenter Denker, der einen gut durchdachten Ausgangspunkt hat und seinen Standpunkt bis zur letzten Konsequenz zu vertreten weiß. Es handelt sich hier um die Stellung des Individuums in der Natur und in der Geschichte. -Die Vertreter des Individualismus in allen seinen Abstufungen, — sowohl Romantiker als Rationalisten, — gehen von der Hypothese des sozialen Atoms aus. Sie leugnen demgemäß die moralischen Verpflichtungen des Einzelnen gegenüber der Gesamtheit; sie verwerfen die Politische Autorität und den Staat. Es steht aber fest, daß das soziale Atom nur eine Hypothese ist. Soweit die beglaubigte Menschheitsgeschichte zurückreicht und soweit wir heute die Resultate der prähistorischen Forschungen kennen, ist kein Fall. bekannt, der für die Theorie des sozialen Atoms spricht. Vielmehr war der Mensch immer ein Herdentier. Mag sein, daß die Soziabilität des Menschen in seiner anatomisch-physiologischen Beschaffenheit bedingt ist. Das geborene Kind kann seine Mutter nicht entbehren. In jedem Falle ist physisch der Mensch ein soziales Wesen. Dieser Herdeninstinkt in seiner physischen Beschassenheit korrespondiert mit dem sittlichen Gattungsbewußtsein des Menschen. Es gibt selbst Denker, die alle Kultur Gattungsgedächtnis nennen. Von diesem wissenschaftlich erprobten und sittlich gesunden Standpunkt geht Nordau aus. Ans diesem Grunde ist ec der Anwalt des Staates, der Gesellschaft und der Ordnung und bekämpft die Anarchie, mag sie motiviert sein wie sie will, ästhetisch oder religiös. Nordau ist kein Philosoph im schulmäßigen Sinne des Wortes, nichts lag chm ferner als die Aufstellung absoluter Maximen. Seine philosophischen Einsichten hat er uns nur im Verhältnis zu dem Leben und seinen Umständen gelehrt. Aber ein Denker von eigenem Schnitt, hat er unter dem Gesichtswinkel des gesunden, philosophischen Geistes zu allen bewegenden Fragen seiner Zeit Stellung genommen und alle Gebiete der menschlichen Kultur behandelt, und zwar mit dem weiten Blick und der Vielseittgkeit eines Renaissance-Menschen. Die Quantttät seiner geistigen Interessen haben die Qualität seiner Geisteswerte nicht beeinträchtigt. Nordau hat geschichts- und moralphilosophische Erscheinungen behandelt und uns einen Schatz soziologischer Weisheit geschenkt, hat sich als Musikthearetiker einen Namen gemacht; er gehört zu den scharfsinnigsten und gesürchtetsten Literarkritikern auf deutschem Sprachgebiet; er hat sich als Schüler von Lombroso mtt Krimologie und Pathologie beschäftigt uttS> hat alle Gebiete der Geisteswissenschaft mit seinem Genius befruchtet. Dabei ist Nordau ein Romanzier, vor dem die Franzosen Respekt haben, als Lyrik e r ist er in jeder Sammlung deutscher Lyrik zu finden, und als geistvoller Plauderer gehört er zu den Königen des Wiener Feuilletons. Aber weder der Romanzier noch der Dichter noch der Gelehrte Nordau haben ihn berühmt gemacht und ihm einen so gewaltigen Einfluß verschafft, sondern der gewaltige Kulturkritiker Nordau hat sich mit unsterblichem Ruhm bedeckt. Ausgestattet mtt einem Beobachtungsblick, wie selten Einer, ein Schriftsteller von Genie, mit dem ganzen Schulsack seines Jahrhunderts ausgerüstet und als Moralist ein Schüler von Kant und den Propheten, trat er an die Beurteilung seiner ganzen zeügenössischen Kultur heran und sezierte und zerlegte sie in allen ihren Bestandteilen. Es gibt wenige Menschen in der Geschichte, deren Geist so allseitig war, wie der Nordaus. Die Mlseittgkeit seines Geistes mrd seine innerlich sittliche Einheit, die die Wurzel seines Radikalismus ist, ermöglichten chm die Vornahme jener groß angelegten Kritik seiner Zeit, die chn zum Helden der Geistesgeschichte macht. In zwei Büchern vollbrachte er sein

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