Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 27 (16.7.1909)
- Date
- 1909-07-16
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 27, Frankfurter Israelitisches Familienblatt. ~ Seite 3. PalLMa. Jaffa. In Chedera hat die „Jca' ihr dortiges Land gegen Abzahlung (32 jährliche Raten) an die Kolonisten verteilen lasse». Dadurch ist endlich dem Landmangel in der Kolonie abgeholfen worden, der die meisten Kolonisten gezwungen hatte, neben ihrem eigenen Besitz auch Land in Pacht zu nehmen. G leniffefon. Die Tochter des Kardinals. Historische Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung). Im ersten Augenblick lachte der Rabbi hell ans. Seine Tirza sollte eine Hexe sein! — Die Beschuldigung schien zu sinnlos. Doch gleich darauf überzog von neuem Todesblässe sein Angesicht, wußte er doch allznwohl, wie schwer, tvie nahezu unmöglich es den der Hexerei oder der Zauberei Beschuldigten wurde, die Beschuldigung zu widerlegen. Er war aufgesprungen und rannte im Zimmer hin und "her. „Was tun? — was tun? — Großer Gott! — Wenn nur wenigstens der Graf da wäre! —" „Danket Gott, daß der Graf nicht daheim ist; denn je eifriger der sich Eurer Tochter annchmcn würde, desto mehr würde sich die verdummte Welt von der Wahrheit der Anklage überzeugt halten. — Mer setzet Euch, Doktor, lasset uns überlegen, was Ihr tun, an wen Ihr Euch wenden könntet." Aber der Doktor war nicht imstande, länger als einen Moment auf demselben Fleck zu verbleiben; rastlos rannte er hin und her, unablässig hin und her. Doch berieten die Männer länger als eine Stunde, ohne einen Plan zu ersinnen, der die Befreiung des unglücklichen Mädchens hätte fördern können. Endlich sagte der Verwalter: „Jetzt fällt mir etwas bei. Ihr habt doch im vorigen Jahr, den Bischof, als er so schwer krank gewesen ist, behandelt. Wendet.Euch an ihn; wenn einer Euch helfen kann, so ist cr's." „Mer Ihr zweifelt, daß überhaupt einer helfen kann?" „Nein, daran zweifle ich nicht. Und Ihr ivcrdct cs sehen, er wird Euch helfen, bas hiesige Pfarramt steht ja unter ihm." „Gebe der Himmel, daß Ihr recht habt. Einstweilen danke ich Euch. Herr Werner." „Da nicht für. Mer wohin wollt Ihr?" „Mich nach einem Wagen nmsehen; sobald ich einen gefunden habe, fahre ich sofort zum Bischof." „Recht habt Ihr; was man tun wi(l, tut man am besten sofort. Aber Ihr werdet jetzt in der Nacht so leicht keinen Wagen finden. Doch ich ioeiß mit Bestimmtheit, ivenn Graf Arnulf daheim wärc,^ so würde er sagen, ich sollte anspanncn lassen, und da ich weiß, daß der Graf das sagen würde, so werde ich's tun, ohne daß er es gesagt hat." „Dank Euch, Herr Werner, dank Euch viel tausendmal. Also wann könnt Ihr mir einen Wagen zur Verfügung stellen?" „Wann Ihr wollt, meinethalben sofort. Im Augenblick freilich hätte cs keinen Zweck. Der hochwürbigc Herr soll zwar ein Frühaufsteher sein, und wenn Ihr seinem Bedienten ein gehöriges Trinkgeld geben und ihni wissen lasser, baß Ihr in einer Euch persönlich angehenden hochwichtigen Angelegenheit mit ihm sprechen möchtet, so könntet Ihr vielleicht schon um sechs Ubr bei ilnn borgelassen werden: früher jedoch keinesfalls." Rabbi Jizchak ergriff die Hand des andern »nd drückte sie fest. „Gott möge es >Euch lohnen", flüsterte er mit bebenden Livpen. „Er rnöge Eurem Vorhaben Gelingen verlcihell" erwiderte der Verwalter, den Händedruck innig erwidernd. — Raschen Schrittes eilte der Rabbi den Schloßberg hinunter und hatte sehr bald seine Wohnung erreicht. Warum er so geeilt hatte wußte er vermutlich selbst nicht. Es war elf Uhr. ihm blieben bis zur Wreise noch nahezu vier Stunden, während derer zu ruhen, ihm nicht in den Sinn kam. Auch seine beiden treuen Hausgenossen schienen vergessen zn haben, daß die Nacht dem Schlafe bestimmt ist. Selbst der alte Schmnl hatte in den letzten sechs Stunden kein Auge geschlossen, die Angst um seinen verschwundenen Liebling hatte ihn wach erhalten, und als nun der Arzt nach Hanse gekommen und berichtet hatte, was er vernommen, da brach der Treue vollends zusammen. Schluchzend rang er die Hände, N>ährend Tränen unablässig über seine faltigen Wangen herniederrannen. Die treue Riwkah, kaum jünger als der Bediente, hielt sich tapferer. Auch ihr war die Tochter des Hauses ans Herz gewachsen, freudig hätte sie ihr Leben für sie hingegeben. Wer sie hielt sich verpflichtet, für ihren schwer getroffenen Herrn zn sorgen, und ihrem Zureden, - ihrem Drängen gelang es auch, den Arzt zn überzeugen, daß er sich vor allem durch Speise und Trank kräftigen müsse. Nachdem er dem Rate der sorgenden Alten entsprochen hatte, saß er noch lange sinnend da. Dan» erhob er sich, schloß einen Wandschrank ans und entnahm demselben mehrere Schriftstücke, die er in seiner Brntstasche barg, dann nahm er seine Zimmerwanderung wieder auf; rastlos wandelte er auf und nieder, unablässig auf und nieder, bis er das Rollen eines Wagens vernahm, der näher und näher kam, bis er vor dem Hanse hielt. Rabbi Jizchak hatte seinen warmen Oberrock übergezoge», die treue Riwkah hatte ihm einen mit Pelz gefütterten Fnßsack in den Wagen gelegt und ihm noch eine Flasche feurigen Weines aufgedrungen. Die hatte er nehmen müssen, sonst hätte er die Gute getränkt, und das wollte er nicht. Er trank davon auch bereits in der ersten halben Stunde, und der schwere Rebensaft war vermutlich daran schuld, daß ihm die Augen znfielen und er trotz des Wagengerassels und Gerüttels eines stärkenden Schlafes von mehreren Stunde» teilhaftig werden konnte. Als er erwachte, mußte er inr erstell Moment überlegen, wo und wozil er nnterivegs war, und als es ihm dann zn Bewußtsein kam, schämte er sich beinahe, daß er hatte ruhig schlafen könile», während sein Kind, seine Tirza, im Kerker vielleicht auf schiinineliideni Stroh schlaflos sich wand. Doch gleich daraus sah er ein, daß er auch um ihretwillen Gott danken mußte, der ihil durch den Schlaf gestärkt hatte, ohne den er sich schlverlich hätte aufrecht halte» könne». Kurz vor sechs Uhr fuhr er durch das Tor der Bischofsstadt, und bald darauf hatte er das Ziel seiner Fahrt erreicht. Im vorigen Jahre — während der Krankheit des Bischofs — hatte er diese» Weg sehr oft gemacht, er war daher mit der Oertlichkcit vertraut und auch mit den Gepflogenheiten des hochwnrdigen Herrn. Wie der Verwalter ihm geraten hatte, erwiderte er den erstaunten Gruß des ihm entgegcntrctcnden' Dieners mit einem gewichtigen Händedruck und befand sich infolgedessen sehr bald in dem Arbeitszimmer des Bischofs. „Ich muß sehr um Entschuldigung bitten, hochwürdiger Herr, daß ich es wage, zu so früher Stunde —" „Hat nichts zn sagen, lieber Doktor," unterbrach, ihn der Bischof leutselig, „Ihr seid mir zu jeder Stunde willkommen, denn wenn Ihr nicht im vergangenen Jahre zu jeder Stunde an mein Krankenlager geeilt wäret, so hätte mein Bistum sich vermutlich nach einem anderen Bischof nmsehen müssen. Wer nun redet, womit kann ich Euch dienen? Der Bediente sagte mir, daß Ihr in einer persönlichen hochwichtigen Angelegenheit, bei der Gefahr im Verzüge —" „Wenn das nicht wäre, hätte ich mir doch sicher nicht erlaubt —" „Also ohne weitere Umschweife, saget, was wünscht Ihr von mir, .und wenn cs in meiner Macht stehet, so betrachtet Eure Bitte als gemährt." Er hatte bei diesen Worten auf einen Sessel in seiner Nähe gedeutet. Rabbi Jizchak ließ sich in den Sessel nieder und schilderte nun mit bebender Stimine sein Entsetzen, als er am vorigen Abend nach Hause gekommen und seine Tochter nicht getroffen und was er dann über ihr Verschwinden in Erfahrung gebracht hatte. Der Bischof hatte seinen Worten aufmerksam zugehört, doch hatte er wiederholt den vierschrötigen Kopf gewiegt und die glatte Stirn in Falten gezogen: dann, als der Rabbi geendet hatte, erwiderte er: „Ihr tut mir leid, lieber Doktor, aufrichtig leid tut Ihr mir, und wenn ich Euch helfen könnte, weiß Gott, ich täte nichts lieber — „Aber Ihr könnt mir helfen, hochwürdiger Herr!" stammelte Rabbi Jizchak flehend, „ein Wort voll Euch, eine Zeile — und sie müssen »nein Kind frei geben — darum bitte ich Euch! — Darum flehe ich zu Euch — um Gottes Barmherzigkeit willen!" — „Gemach, gemach, lieber Doktor! — Ich habe Euch schon gesagt, was ich für Euch tun kann, tue ich gern. Aber ich muß mein Können und mein Tun nicht nur mit meiner Macht, sondern auch mit ineinem Gewissen in Einklang bringen." „Meine Tochter ist unschuldig!" beteuerte der Rabbi, „das schwöre ich bei dem ewigen Heil nieiner Seele. — Wenn Ihr sie nur sehen würdet, hochwürdiger Herr, Ihr wäret gleich mir von ihrer Unschuld überzeugt." Der Bischof wiegte abermals den Kopf. „Das möchte ich denn doch nicht gradezu behaupten. — Sie ist vermutlich schön, Eure Tochter —" „Sie ist unschuldig, hochwürdiger Herr, und jener Schein, -. den die Unschuld verleiht, macht ihr Antlitz hold." (Fortsetzung folgt.) Madame Kanlla. / Als ich vor Jahren in Karlsruhe den Salon einer vornehmen Dame betrat, fesselte ein Frauen- Porträt von eigenartiger Schönheit meinen Blick. Das volle Licht des Tages fiel auf das edle Gesicht einer in fast jugendlicher Frische strahlenden, etwa 60jährigen Matrone. Die feelenvollen Augen blicken so mild, so gütig,.so gläubig fromm, aber auch hoheitsvoll, durchdringend den Beschauer an, daß man in Ehrfurcht und Bewunderung zu diesem Frauenbilde anfschaute. Aus diesen Augen leuchtete ein Mut, eine Entschlossenheit, eine Unternehmungslust, eine Tatkraft, wie sie heute die moderne, im Kampf des Lebens stehende, um ihre Existenz ringende Frau besitzen muß. Züchtig war das üppige Haar unter einer schwarzen Unterhaube, die den ganzen Kopf bis vorn zur Stirne bedeckte, verborgen. Diese keusche Haartracht, man nannte sie „tiefgchen", früher bei jüdischen Frauen fast allgemein, wird dem heutigen Geschlecht nur noch durch seine Ahnenbilder, in Deutschland wenigstens, veranschaulicht. — Eine massive goldne Kette, mehrfach um den Hals geschlungen, war der einzige Schmuck dieser imposanten Franen-Erscheinung. „Wen stellt dieses Bild vor?" fragte ich interessirt die liebenswürdige Besitzerin desselben. „Wen? — Nun, Madame Kaulla, bekannt unter dein Namen Frau Rätin Kaulla," erwiderte sie. „Das Bild ging durch meinen Großvater, der cs von Frau Kaulla selbst bekommen hatte, in meinen Besitz über. Er war nämlich ihr Privatrabbi. Er, nebst einem von ihr für ihre persönlichen Bedürfnisse angcstelltem Schachet, begleitete sie auf ihren Reisen, die sie bei ihren ausgedehnten . geschäftlichen Unternehmungen viele Monate des Jahres hindnrch zn machen hatte.' Mein Großvater war ihr Freund, ihr Ratgeber, ihr Seelsorger. Diese Frau ivcrtete die Bedeutung ihres Lebens nicht blos nach Erwerb von Geld und zeitlichem Besitz, ihr standen noch darüber die Ziele des religiösen Lebens, die Ideale des Judentums". Das Leben dieser »icrkwürdigen Frau verdient einem größereir Leserkreis vorgeführt zn werden. Die Eigenart derselben ist, daß sie beide Seiten des Frauenlebcns vereinigt, da sie ebenso eine recht jüdische, wie eine hoch moderne Frau genannt werden kann. Die Wiege der Rätin Kaulla stand in Buchau, einem kleinen württembergischen, abseits von der großen Heerstraße des Lebens am Federsee malerisch gelegenen Städtchen. Hier wurde sie. als ältestes von 6 Kindern.dem Raphael von Buchau und der Rebekka von Regensburg im Jahre 1739 geboren. Bürgerliche Familien- Namen gab es damals bei den Juden noch nicht. Sie erhielt den Namen Keile. Die Eltern scheinen intelligent und für damalige Verhältnisse wohlhabend gewesen zu sein; denn sie hielten ihren Kindern einen Hauslehrer. Keile und ihr nächst ältester Bruder Jakob, der als 17jähriger Jüngling „Illuj" — ein Licht — genannt wurde, waren besonders fleißig und begabt. Diese ihre gemeinschaftliche geistige Regsamkeit, ihre rasche Auffassungsgabe bewirkte schon frühzeitig einen innigen Zusammenschluß der beiden Geschwister, die bestimmt waren, dereinst im sozialen und politischem Leben — wenigstens vorübergehend — eine Weltrolle zn spielen. Unter der Leitung ihrer durch Frömmigkeit, Geschäftsfleiß und Lauterkeit des Charakters hochgeachteten Eltern reifte Keile zur Jungfrau heran. Ihr Vater bekleidete in der Gemeinde das Amt eines Vorstehers. Keile war von dem Hauslehrer in Bibel und> sonstiger Religionswissenschaft unterrichtet worden, sprach aber sonst den sogen. Jargon. Da brach, angeregt durch Moses Mendelsohn, auch für die Juden das Morgenrot einer neuen Zeit an. Das Verlangen nach deutscher Bildung, deutschem Wissen war auch bis nach dem kleinen Städtchen,Buchau gedrungen, und Keile hatte es bei ihren Eltern durchzusetzen gewußt, daß ihr und ihrem Bruder Jakob gestattet wurde, bei dem christlichen Präzeptor des Ortes Unterricht in der deutschen Sprache zu nehmen. Fleißig und talentvoll, wie beide waren, machten sie so rasche und glänzende Fortschritte, daß das Geschwisterpaar bald im stände war, sich in Wort und Schrift geläufig und korrekt auszudrücken. Keile ragte an Wissen und Bildung weit über ibre Altersgenossinnen hinaus. Dazu gesellten sich alle Vorzüge des Herzens, ein tief innig-religiöses Gemüt. Kaum IKjährig, reichte sie im Jahre 175? auf Wunsch ihrer Eltern dem Kiewe Auerbach aus Hcchingen ihre Hcind zum Ehebunde. Kraftvoll und stark trat Keile Auerbach an die neuen Aufgaben heran, die ihrer in ihrem nunmehr erweiterten Pflichtenkreise, da sie selbst ein Haus hatte, harrten. Bald sah die geistreiche junge Frau, deren imposantes Aeußere die Hülle einer edlen Seele barg, ein. daß ihr schlichter, einfacher Gatte trotz aller Anstrengungen nicht im Stande war, seine Familie anständig zu ernähren. Mit dem Feuereifer, der großen Naturen eigen ist, griff sie nun selbständig in den Kleinhandel —> An-