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Neue jüdische Presse · 1909-07-16 · Heft 27 (16.7.1909) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 27 (16.7.1909)
Date
1909-07-16
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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keile 2. Franffllritt NvaeMWeI FamüieiÄaü. SK. 27. übernehmen, ob aber England auf seine' Rechnung in den Hoffnungen, die cs aus Rußland setzt, kommen wird, — das ist noch sehr fraglich. Freilich, England wird weiter nach den blutigen Gewässern der Newa segeln; doch unfern Brüdern sollen unsere Worte als ung dienen. S. eine Mahntz. -n. Dagegen erhält die Jto in Rußland einige Vergünstigungen, Ivas die Emigration selbst anbctrifft. Die Emigranten erhalte» Fahrkarten auf russischen Eisenbahnen zu crmSßigtenPrcisen,ebcnso billige Auslandspässe. Auch darf die Jto in jeder russischen Hafenstadt Einigrationsbureaus errichten, die unter staatlicher Jurisdiktion stehen und den Charakter einer juristischcii Person tragen. M. Ein „Jto"-Tag. Am 15. ds. Mts. beginnt in London die Tagung des „Internationalen Rates der Jto". Das größte Delegierten - Kontingent zu dieser Tagung wird Rußland stellen. Mit Ausnahme von Prof. Dr. Mandclstainm-Kieff werden alle Jto - Führer in Rußland der Londoner Konferenz beiwohnen. Auf der Tagesordnung stehen sehr wichtige Fragen. Pros. Dr. S l o u s ch - Paris tvird über das Cyrenaica-Projekt referieren, Dr. Jochelmann-Kieff.wird über die Galveston-JmMigration berichten; ferner wird noch Margolin -Kieff über „Territorialismus und Assimilation" referieren. Das Cyrenaica-Projekt gewinnt wieder an Interesse und steht als „territorialistischc Möglichkeit hinter Mesopotamien nicht zurück. Wie ich heute von sehr zuverlässiger Seite er fahre, ist das Cyrenaica-Projekt seiner Zeit nur deswegen fallen gelassen worden, „weil 'die territorialistisch interessierten Finanziers für dieses Projekt sich nicht erwärmen ließen." Die in Betracht kommenden Geldgeber wollten die Verantwortung für die eventuelle Realisierung dieses Planes nicht übernehmen, weil man in Cyrenaica mit häufigen Mißjahren wird rechnen müssen, denn der periodische Regen bleibt pst aus. Soviel mir bekannt ist, hat auch das Mesopotamien - Projekt sehr wenig Aussicht auf Verwirklichung, denn die Finanziers wollen auch für die Verwirklichung dieses Planes kein Geld geben. Weh' dem Volk, dessen Schicksal von „Philanthropen" .hestimint wird. Ein anderer Punkt der Tagesordnung betrifft das Verhältnis der Jto zu an'dern jüdischen Organisationen. lieber diese Frage wird ausführlich referiert werden, ebenso über die Möglichkeit einer Kooperation der Jto mit andern Parteien. Die Konferenz findet bei geschlossenen Türen statt. Dank meinem guten Verhältnis zu einigen Jto-Führern war es mir möglich, den Inhalt des Programms zu erfahren. Die jüdische Presse Londons hat mit Recht dagegen protestiert, daß die Konferenz unter Ausschluß der Oeffcntlichkeit tagt, aber cs scheint, daß Israel Zangwill die Oeffentlichkeit nicht freigebcn wird. Der Grund dieser Geheimtuerei dürste der sein, daß es auf der Konferenz zu Aus cinandersctzungen zwischen zwei ex tremen Richtungen, den Palästinaso Philen und der ausgesprochenen Anti Palästinensern kommen wird. Der Referent über Cyrcnaica, Prof. Dr. S l o u s ch, ist . ein Freund des Palästina - Gedankens, ebenso Dr. Jochelmann und seine Freunde. Ebenso ist Israel Zangwill kein eigentlicher Gegner des Palästina-Gedankens. Allein cs gibt eine radikale autipalästinensische Richtung, ' die Palästina am liebsten von der Erdflächc verschwinden sehen würde. Und da heute auch Palästina eine „t e r r i - torialistische Möglichkeit" ist und von einigen Palästina-Freunden das Land unserer Väter als territorialistisches Arbeitsgebiet empfohlen werden wird, so wird cs, wie mir von maßgebender Stelle versichert wird, zu heftigen Auseinandersetzungen kommen. Ich erfahre noch ferner, daß das russische Aus aller Welt. Deutsches Reich. an die Polizei, warteten -jedoch fünf Wochen vergebens auf Antwort. Sie wcndten sich nun an den zion. Abgeordneten Dr. Gabel, und dieser sorgte dafür, daß sich ein Polizeikonnnissär mit dein Vater ins Kloster begab. Das Mädchen weigerte sich aber mitzugehen, — sicherlich durch vorherige Bearbeitung zu dieser Weigerung gezwungen. Dr. Gabel hat jetzt gerichtliche Schritte eingclcitct. Großbritannien. Ministerium die Jto in Rußland als eine „jüdische - Emigratiousgcsellschaft mit politischer Tendenz legalisiert" hat, jedoch in dem Lcgalisierüngsakt folgende Punkte statuierte: Der jüdischen Emigrationsgesellschaft ist es bei Androhung der Auflösung der Gesellschaft untersagt, die Emigration nach Asien und nach Europa zu leiten. — Mit andern Worten: die russische Regierung verbietet die Emigration nach Mesopotamien. Der Grund für dieses Verbot, so erklären mir russische Jto - Delegierte, ist, damit sich die Jto nicht mit dem Zionismus-vereinigt und damit sie nur Philanthropie und keine Politik treibt. Der erste mir. angegebene Grund ist schon deswegen nicht richtig, weil die Cho wewe-Zion, deren Tätigkeit sich nur auf Palästina, also auf Asien, beschränkt, in Rußland offiziell und s a k t i sch legalisiert sind. Das merkwürdige Verbot der russischen Regierung muß also einen anderen Grund haben, — aber wer kann die Logik des Herrn Stolypin ergründen? Ein anderes Verbot der russischen Regierung, das die Jto hart trifft, ist die B e s ch r ä n k u n g ihrer Tätigkeit nur auf das Ansied lungsrahon. Berlin. Man wird sich erinnern, daß der Deutsch - Israelitische Gemeindcbund am 29. Januar ds. Js. bei dem Preußischen Kultusminister darum eingekvmiiicn tvar, bei Gewährung von Staatsbeihilfen für den jüdischen Religionsunterricht ans das Erfordernis einer Mindestkindcrzahl von 12 zu verzichten und solche auf 8 herabzuetzeu. Der Ausschuß des Gemeindebundes durfte umsomehr auf Gewährung seines Gesuches rechnen, als im Abgcordnetenhausc das Bedürfnis einer Berücksichtigung der kleinsten jüdischen Gemeinden von allen Seiten anerkannt worden war. und er.selber von anscheinend ausschlaggebender Stelle verheißungsvolle Mitteilungen erhalten hatte. Leider sind diese Hoffnungen vollständig getäuscht worden. Der Gemeindcbund hat folgenden ftmtlichcn Bescheid erhalten: „Aus die Vorstellung vom 29. Januar ds. Js. — R. U. Nr. 812/09 — erwidere ich dem Ausschuß, daß ich nach eingehender Erwägung aller in betracht kommenden Verhältnisse nicht in der Lage bin, dem Anträge auf anderwcite Regelung der Gewährung von Staatsbeihilfcn bei Einrich tung besonderen Religionsunterrichts für volksschulpflichtige jüdische Kinder (Festsetzung der Mindestkinderzahl einer Unterrichtsstation aus 8 statt auf 12) zu entsprechen. Nach 8 37 Abs. 1 des Volksschulunterhaltungsgesetzes besteht -für die christlichen Konfessionen das Recht, einen eigenen Religionsunterricht von der schulunterhaltungspflichtigen Gemeinde zu fordern, nur dann, wen» in einer öffentlichen Volksschule die Zahl der der konfessionellen Minderheit augehörigen Schulkinder dauernd mindestens 12 beträgt. Diese Vorschrift entspricht der bisherigen, bereits seit dem Jahre 1886 beobachteten Berwaltungspraxis (vgl. die Erlasse vom 18. Mai 1886 und 1.»August 1902 — Zentr. Bl. f. d. Untere. Verw. -1887 S. 251 und 1903 S. 222 —). In der lctztgedachteu Rundverfügung ist insbesondere ausdrücklich betont, daß bei-Sinken der Kinderzahl unter 12 die Beschaffung des Religionsunterrichts den Kirchcngemeiuden zu überlassen, die Gewährung staatlicher Beihilfen aber einzuswllen sei. Demgegenüber würde, wie ich im Einverständnis mit dem Herrn Finauzministcr und dem Herrn Minister des Innern bemerke, eine abweichende Behändlung der jüdischen Äeligionsgesellschaft nicht gerechtfertigt werden können und zu Berufungen seitens der christlichen Konsessioncn Anlaß geben. Es muß daher bei den Grundsätzen' des.Runder, lasses vom 14. November v. Js. U III E 3408 U III D — (Zentr. Bl. f. d. Unterr. Verw S. 1004) sein Bewenden behalten. Im Austrage Schwartzkopff. Nach diesem Bescheide sind also die kleineren jüdischen Gemeinden, die weniger als 12 volksschulpflichtigc Kinder zählen, genötigt, sich zu S chn lstationen zusammenzutun, wenn sie auf eine .Staatsunterstützung rechnen Ivollen, und wo das nicht möglich, muß der Deutsch-Israelit. Gcmcindebund einspringen. Heidelberg. Die von dem badischen Großindustriellen Lanz hier neu gegründete Akademie der Wisscnschästen, zu deren außerordentlichem Mitglied auch der jüdische Hosrat Prof. Dr. Cantor ernannt worden ist, wurde kürzlich im Beisein des Großherzogs eröffnet. Zu dieser Feierlichkeit hatte auch der hiesige Bezirksrabbiner Dr. Pinkuß eine Einladung erhalten, dem der Großherzog auch noch besondere Audienz erteilte, bei welcher Gelegenheit er ihm sagte, daß er ihn zu sich gebeten habe, um zu zeigen, daß ihm alle Untertanen gleich nahe st ä n d e n. Der hohe Herr brachte in der Audienz die Verhältnisse der hiesigen Shnagogengemeinde zur Sprache und hörte die Ausführungen des Bezirksrabbiners über die Verminderung der jüdischen Landgenicinden in Baden durch die Landflucht ihrer Mitglieder mit Interesse an. London. Das Jüd. Deputierten-Kollegium hat anläßlich des Besuches der russischen Abgeordneten diese durch eine Deputation um Besserung der elenden Lage der Juden Rußlands ersuchen lassen. Das Verfahren dürfte keine Aussicht auf Erfolg haben, da ja sogar das recht fühlbare Kampfmittel des Boykotts russischer Wertpapiere, welches diö englischen Juden in einmütiger Weise durchuhrten, erfolglos blieb. Italien. Florenz. Dr. I. Faitlovitch ist vor einigen ägen von seiner zweiten Missionsreise in Abessinien, die zirka 15 Monate gedauert hat, zurückgekchrt. Er hat den größten Teil Abessiniens durchwandert und die meisten Niederlassungen der Falaschas besucht. Er bringt'ein reiches Material von überaus wichtigen Nachrichten und Dokumenten mit, die über das Leben, die sozialen Verhältnisse und die religiösen Anschauungen und Gebräuche der abcssinischen Juden neues Licht verbreiten, und die er in nächster Zeit in einem ausführlichen Berichte der Oeffentlichkeit vorlegen wird. Er hat die angesehensten Lehrer und Priester der Falaschas persönlich kennen gelernt und mit ihnen längere und eingehende Unterredungen gehabt. Sein in ainharischer Sprache abgcsaßtes Sendschreiben an die Falaschas, welches auch eine Uebersetzung des von Oberrabbiner D r. S. H. Margulies- Florenz verfaßten und von zahlreichen Rabbinern der ganzen Welt unterschriebenen hebräischen Briefes an dieselben enthielt, wurde in mehr als tausend Exemplaren im Lande verbreitet und überall mit Jubel begrüßt. Als Antwort darauf bringt Herr Dr. Faitlovitch einen ihm gelegentlich seiner Zusammenkunft mit ihnen in den Sukkothfeiertagen von den. Häuptern der Falaschas iibergegcbenen neuen Brief an die Judcnheit aller zivilisierten Länder mit, der die Unterschriften der Vertreter der meisten Falaschagcmeinden trägt. In allen diesen Briefen kommt die große Freude der armen Falaschas über Dr. Faitlovitchs neuen Besuch bei ihnen, ihre wicderbclebte Hoffnung auf baldige Hilfe und ihre tiefe Sehnsucht nach religiöser Belehrung in rührender Weise zum Ausdruck. Es klingt daraus wie der letzte Hilferuf eines versinkenden Bruderstammes zu uns herüber, und es wäre wahrlich eine unaustilgbare Schmach für die zeitgenössische Judenheit, wenn auch dieser Hilferuf ungehört verhallte und wir nicht einmal die verhältnismäßig geringen Opfer zu bringen bereit wären, die dazu nötig sind, um den Ucberrest eines heldenhaften jüdischen Stammes, der immerhin noch nach vielen Tausenden zählt, den nach ihin ausgestrcckten Armen der christlichen Missionen zu entreißen und hem Judentum zu erhalten. Oesterreich-Ungar«. Lemberg. Wieder ist ein jüdisches Mädchen in ein Klo st er entführt worden. Die jüngste Tochter des Gutspächters Hochrat in Holhroze verschwand plötzlich, und die Eltern erfuhren, daß sie sich im Lembcrger Basilianerkloper besinde. Die Eltern wandten sich Frankreich. Paris. Die Generalversammlung der Jewish Colonization Association („I c a") fand hier am 11. dss. Mts. unter dem Vorsitze des Präsidenten M. N. Lev e n statt. Anivesend waren: Dr. I. Blau-Frankfurt, P. Errera, H. G. Lousada, Dr. A. Netter, C. Netter-Berlin, Fr. Philip>pson-Brüssel und S. Rein ach; außerdem: Direktor Sonnenfeld, Sekretär Schwarzseld und D. Cazös. Dem vom Präsidenten erstatteten Jahresbericht sei folgendes entnommen: In den argentinischen Kolonien waren am Schluß des Berichtsjahres 15 771 Seelen Ackerbaubevölkerung (ca. 2500 mehr als im Vorjahre), die 84507 Hektar bearbeiten. Die Resultate ihrer Arbeit erlaubten ihnen nichtnur, sich zu ernähren, sondern auch noch Abzahlungen zu leisten. In 37 Schulen werden die 2529 Schulkinder der Kolonisten von 109 Lehrern unterrichtet. — Auch die Kolonisation in Brasilien macht gute Fortschritte. Die Seelenzahl beträgt 327, die Bodenfläche 400 Hektar. — Auch bei den in den Vereinigten Staaten und in Kanada eingewanderten Juden bemüht sich die „Jca", sie einer Existenz, besonders der Landarbeit, zuzuführen. In den Vereinigten Staaten beschäftigen sich bereits 2000 jüdische Familien mit Ackerbau. — Die 20 Kolonien in Palästina mit 6600 Seelen entwickeln sich gleichfalls günstig. — In Rumänien, wo den jüdischen Kindern fast alle öffentliche Schulen verschlossen sind, subventionierte die „Jca" 32 jüdische Schulen und in Rußland 51 jüdische Elementarschulen und 38 jüdische professionelle Schulen. .Aie in Rußland und in Galizien errichteten Leihkassen wirken überaus segensreich. .

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