Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 27 (16.7.1909)
- Date
- 1909-07-16
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Leite 4, und Verkauf von Pferden — ihres Mannes ein und brachte ihn durch ihre. Intelligenz zu einer sollen Ausdehnung, daß nicht nur eine Groß- Handlung, nein ein Weltgeschäft daraus wurde. Der Mann, eine wenig tatkräftige Natur, voll staunender Bewunderung vor her Größe, den Erfolgen seiner Ehefrau, zog sich bald völlig von allen geschäftlichen Unternehmungen zurück und widmete sich ausschließlich, wie das in jener Zeit alltäglich vorkam, dem Studium Kon Thora und Talmud. Krau Keiles Ruf aber war schon über die Grenzen des Hauses hinaus gewachsen; sie nahm bereits eine Stellung im Leben ein. Sic drückte ihrer Familie, ihrem Hause nicht nur den Stempel ihrer Persönlichkeit auf, sondern gab ihr auch ihren eigenen Vornamen. Der Name ihres Mannes, Kicwc Auerbach, war leerer Schall geworden. Man unterhandelte, arbeitete, beriet sich nur mit Frau Keile, des Wohllautes wegen in Frau Kaulla umgewandelt, den noch bestehenden Familiennamen, den alle Glieder ihres weit .verzweigten Hauses bis auf den heutigen Tag tragen. Was Alter, Adel der Gesinnung, Ehrenhaftigkeit anbetrifft, so dürften sich die Kaullas gut neben die Rothschilds, Goldschmids, Oppenheims und andere jüdische Finanzgrößcu stellen. Frau Kaulla hatte im Laufe der Jahre außer ihrem Pferdehandcl noch einen.zweiten Geschäfts- Artikel in ihren Kreis gezogen, nämlich den Juwelenhandel. Auch bei diesem Geschäfte befleißigte sie sich peinlichster Gewissenhaftigkeit, und durch den Ruf der Reellität bekam sie Fürstenhäuser zu ihren Kunden. Ihr Geschäftshaus, auf reeller und solider Basis ausgebaut, wurde immer größer, und mft seinem Wachstum stieg die Hochachtung, das Zutrauen, die Bedeutung, das Ansehen dieser seltenen Frau. Besonders war Madame Kaulla am Fürstcnberg'schcn Hof zu Donaueschingen wohl gelitten, ja dieser bediente sich ihrer als gewandte Handülsagentin. Sie mußte für den Marstall des Fürsten auserlesene Pferde liefern, die Damen des Hofes mit Gold, Geschmeide, kostbarem Schmuck aller Art versehen. Trotz dieser bevorzugten Stellung bewahrte sich Frau Kaulla die Lauterkeit und Reinheit ihres Charakters, sowie ihre dcmutvolle, gläubige Frömmigkeit. In ihrem eigenen Hause übte die ebte hochherzige Frau unbegrenzte Gastfreundschaft. Die Gastlichkeit der Kaullas wurden sprüchwörtlich, sodaß man noch heute in Schwaben allenthalben im Bolksmunde hört: „Hier logiert Kaulla." Das Ansehen, die Wertschätzung, die Madame Kaulla am Fürstcnberg'schcn Hof genoß, trugen dazu bei, ihr eine Empfehlung an den Hohcnzollerschen Hof zu verschaffen, dessen Sitz in der Residenz Hechingen war. Wie oben gesagt, hatte Frau Kaulla hier längst ihr Doniizil aufgeschlagen. Sie war also erst auf Umwegen, wie das oft bei bedeutenden Menschen der Fall ist, zur Anerkennung in der cngcrn Heimat gelangt. Bald lernte auch der heimische Hof die begabte Frau .als Geschäftsagentin hochachten und schon nach kurzer Zeit gab er ihr einen Beweis seines Wohlwollens, indem er ihr das Bürgerrecht in ~ba Residenz verlieh. Was das zu bedeuten hatte, kann nur der ganz ermessen, welcher weiß, daß die Juden damals noch völlig schütz- und rechtlos waren, daß sie nirgends dauernde Heimstätten erwerben durften, daß sie nur durch schwere Geldopfer vorübergehend Ansiedlungsrecht sich verschaffen konnten. Wie groß muß also die Bedeutung der Madame Kaulla gewesen sein, wenn man ihr und ihrer Familie schon damals mit Brief und Siegel das Bürgerrecht verlieh. Als Staatsbürgerin konnte sie erst recht einwurzeln in Staats- und Gemeindeleben, ihre Talente und Vorzüge in weit verzweigten Handelsbeziehungen zu ungeahnter Blüte bringen. Bald war sie nicht mehr im stände, allein die mannigfachen kaufmännischen Unternehmungen, die ihre beiden Großgeschäfte erforderten, zu leiten, und sic mußte sich nach einer Stütze und Hilfe umsehen. Sie berief ihren Bruder Jakob aus Buchau zu sich und machte ihn zum Teilhaber der Großhandlung ,Kaulla". (Fortsetzung folgt:) Sprechsaal. Auf die wie stets ohne Verantwortlichkeit der Redaktton erschienenen Ausführungen des vorwöchentlichcn Ploni-Sprechsaalartikcls geht uns settens des Vorstands der Altisrael. Kultusgemeinde in Wiesbaden eine tatsächliche Berichtigung folgenden Inhalts zu: Die Behauptung, daß drei Vorstandsmitglieder ihr Amt »iä>erlegten, well sie eine Besserung > der Kaschrusverhältnisse nicht erreichen konnten, entspricht nicht den Tatsachen. Herr B. erttärt ausdrücklich dem Vorstand, daß es ihm fern gelegen habe, sein Amt ans diesem Grunde niedcrzulcgcn und verwahrt sich nachdrücklich gegen diese Unterstellung. Die Behauptung des Ploni, daß mit dem Verkauf der Shnagogenplätze unerhört verfahren wird. Frankfurter JsraelitisHes Fannlienblakt. daß geringen Leuten zugemutet wird, für einen Platz in den hergerichtetcn Nebenräuincn für die Festtage bis zu 25.— JL zu zahlen, entspricht gleichfalls nicht den Tatsache». In den zwei Bctsälen des Seitenbaus wurde kein einziger Platz mit 25 JL bewertet, dagegen wurden von ca. 150 vermieteten Plätzen, außer Freiplätzcn, etwa % derselben zu 5 Mk., die übrigen zu 6, 7, 10, 15 Mk. und 8 Plätze zu 20 Mk. vermietet. Unrichtig ist ferner, daß eine Mißwirtschaft besteht. Trotz sehr erheblicher Ausgaben für Verbesserung der Lage der Beamten, Bau eines Leichenhauses u. dglch. befindet sich die Gemeinde in geordneten Finanzen. Auch ist nicht neben unfern drei Minjonim nach verschiedencin Minhag im Gegensatz zu unsrer Gemeinde noch die Errichtung eines weiteren Minjan notwendig Lewordcn. Unter den 100 Personen, deren Ploni sich rühmt, befand sich außer Ploni nur ein einziges Gemeiudeinitglied, ein Polt. Der Vorstand teilt uns ferner mit, daß unsere Meinung, daß für die aus Rußland und Galizien stammenden und in Wiesbaden ansässigen Leute ein Minjan nach polnischem und russischem Ritus fehle, irrig sei. Schon seit einigen Jahren sei ein diesbezüglicher Filialgottesdicnst vom Vorstand eingerichtet worden, und wegen Ueberfüllung dieses Filialgottcsdicnstes sei im vorigen Jahre von dein Vorstande noch ein drittes Minjan — gleichfalls nach polnischem Ritus — eingerichtet worden. Der Hauptstreitpunkt bestehe darin, daß der Vorstand die Angriffe eines Almoni auf die Autorität des Rabbiners paralysierte, vornehmlich aber die Gründung eines neuen — auf Kosten der Altisraelitischen Kultusgemcindc — zu errichtenden Gottesdienstes zu vereiteln suchte. Wir können nur noch einmal den Wunsch wiedcrholen, daß die öffentliche Diskussion den Erfolg haben möge, daß die Einigkeit in der Orthodoxie Wiesbadens wieder Platz greift. D. Redakt. Kunst und Literatur. Max Nord an. Zionistische Schriften. 402 S. (Preis: 2.— JL) Köln, Jüdischer Verlag. Zum 60. Geburtstag Nordau's hat uns das Aktions-Komitee durch die Herausgabe seiner zionistischen Schriften erfreut; uns alle hat es dadurch mit einer willkoinmencn Gabe bedacht. Wir Jüngsten können uns keine bessere Einführung in die Entwicklung der zionistischen Bewegung wünschen, als wir sie an Hand dieser Reden und Zeitungsartikel genießen. Aber auch diejenigen, die jene Zeiten mitcrlebt, die' selbst niitgckäinpft haben, die die Reden aus Nordaus eigenem Munde gehört und die Artikel bei ihrem Erscheinen gelesen haben, werden gern -ju dem Buche greifen, um alle Erinnerungen wach zu rufen, um sich diesen oder jenen großen Augenblick wieder vor Augen zu stellen. Keinen wird das Buch unbefriedigt lassen; die einfache aber scharfe Beweisführung Nordaus, seine beredte Sprache werden einen jeden begeistern. Unsere Gegner. werden erstaunt sein, wie die Anklagen der Judenfeinde, die sie nur lau verteidigen können, vom zionistischen Standpunkte aus widerlegt werden. Selbstverständlich tritt in den Ausführungen auch Nordaus religiöser Standpunkt hervor, und hier werden viele nicht mit seinen Ansichten übereinstimmen. Wer dies beeinträchtigt die Ausführungen Nordaus nicht. Im Ziele sind wir uns alle einig. Und dann: worauf könnte man .denn einen jüdischen Staat ausbauen, wenn nicht auf jüdischer Tradition? F. G. Dualismus oder Monismus, eine Untersuchung über die doppelte Wahrheit von Pros. Dr. L. Stein. 1909. Berlin, Reichel u. Cie-- Verlag. In seiner neuesten Schrift unternimmt es der Berner Philosoph Ludwig Stein,.die uralte Fehde zwischen Monisten und Dualistcu philosophisch zum Austrag zu bringen. Ludtvig Stein, ein Schriftsteller voll bewunderungswürdiger Klarheit, trotzdem er Philosoph ist, ein Jude, der ein hervorragender Kenner des jüdischen Schrifttums alter und neuer Zeit ist, ein Philosophie-Professor,, der ebenso aus dem Talmud und Midrasch im Text zitiert wie aus Platon und Spinoza, ein öffentlich-ordentlicher Professor der Philosophie, der nach bald dreißig Jahren philosophischen Forschens und Grübelns den Satz niederschreibt: „Es giebt nur einen Gott, eine Ethik, ein Recht", mit einem Wort: ein Mann von Autorität und Kompetenz, geht an eine gründliche Untersuchung einer fast akut gewordenen Frage und kommt nach einer Wanderung durch die ganze Geschichte der Philosophie zu dem Schluß, daß der Dualismus, . das vhilosophischc Steckenpferd unserer Neoorthodoxcn, logisch kein zureichender Gruno für die Erklärung der Erscheinungen im Leben und in der Welt ist. Er weist viclinehr nach, daß der Dualismus, wie ihn u. a. ein Reinke vertritt, „gleichsam die Elementarschule des Menschengeschlechtes darstellt." „Die Philosophie", bekennt Ludwig Stein, „weiß mit dem hhlozoistisch-mythologisierenden Halbpantheisinus Häckels ebensowenig anzufangen, wie mit dem h a l b k i r ch l i ch e n biologischen Dua¬ Nr. 27. lismus Reinkcs." Unser.Fühlen und Denken, so setzt uns der Berner Philosoph auseinander, schwankt seit unserem Eintritt in -die Kultur, ja seit dem beglaubigten Anfang der Kultur zwischen Monismus und Dualismus. Alle Religionen des Altertums, m i t Ausnahme der jüdischen, sind d u a l i st i s ch. Dem Menschengeist tritt die Zweiheit in der Natur und selbst im Reiche des Geistes entgegen. Vernunft und Wille, Tag und Nacht, häßlich und schön, Liebe und Haß, Leib und Seele, Form und Stoff, -Jnividuum und Gattung, gut und böse, mit einem-Wort: der Mensch sieht überall Zweiheiten, Dualitäten. Auch die ganze Philosophie — mit nur wenigen Ausnahmen — bewegt sich um dieses Problem. Bei den Griechenhat der Dualismus anfänglich eine kosmologische, später eine logische Fassung, und die Erkenntnistheorie als Wisseilschaft entzündet sich an dem unanfhcbbaren Gegensatz einer zwiefachen Erkcnntnisguelle Sinnlichkeit und Verstand. „Dieser Urgegensatz ist nicht nur als Antinomie bei Kant für die ganze Wcltkonzeption formuliert, sondern er begegnet uns auf allen Gebieten in Natur und Geist. Attraktion und Repulsion, ponderable Materie und unwägbarer Aether, Zentripetal- und Zentrifugalkraft, positiven und negativen Pol, Affinität und Berbindnngswiderstand, Assimilation und Dissimilation bei allen Lebewesen, Integration und Differenzierung, Sympathie und Antipathie nsw. sind nur einige Beispiele solcher Urgegensätze in Natur und Geist." Nach dieser objektiven Formulierung des Problems behandelt der Verfasser den Dualismus in der Welt der Werte und wirft die Frage ans, die sowohl Dualistc» wie Reinke und mythologisierende Monisten wie H ä ck e l schwerlich werden beantworten können: „Warum aber richtet sich die sinnliche Wirklichkeit nach der logischen Wahrheit, die Rcalwisseuschaft nach der Formalwissenschaft, Physik und Chemie nach Mathematik und Logik?" „Es m u ß zwischen Wirklichkeit und Wahrheit einen unterirdischen Gang geben, der von der einen zur andern führt." Näher betrachtet, löst sich aller Dualismus später In eine Einheit auf, so bei Aristoteles, L e i b n i z, bei H a r t m a n n, und selbst der Dualist D e s c a r t e s hat durch seine „unio substanttalis" gezeigt, wie aller Dualismus letzten Endes in eine Einheit ninbiegt. In der Religion vollzieht sich eine ähnliche Entwickelung. Vom prinritivstcn fetischistischen Pluralismus zum Polytheismus und zum Einheitsgedanken. Dasselbe gilt für die Geschichte (Sippe, Stamm, Volk, Rasse, Menschheit). Das Einhcitsbewußtsein zeigt sich immer als die h ö ch st e E n t w i ck lungsform, der der Mcnschengeist zustrebt. In der Philosophie stößt der Dualismus auf den Widerspruch der Einheitsbestrebnngen des Menschengeistes, aus allen Gebieten der Menschheitskultur bemerken wir ein Streben nach Einheit. Was ist also der Dualismus? „Die sinnliche Wirklichkeit, welche uns in der empirischen Welt einen Dualismus durchgängig zeigt, stellt gleichsam die Elementarschule des Menschengeschlechtes dar, in welcher wir Menschen zuerst die Wirklichkeit buchstabieren lernen." Das Einhcitsbewußtsein und der Einheitsgedankc, in der Religion der eine Gott, in der Ethik die eine Menschheit und das eine Recht, ist die Hochschule des Menschengeschlechts. „Es gibt nur eine Wahrheit, wie es nur eine Welt, c i» e N a t n r, einen G e i st, einen Gott gibt." Und aus dem ganzen Buche klingt der eine Gedanke durch: Was der jüdische Geist schon seit Jahrtausenden erkannte, nämlich die Einheit Gottes, die Einheit der Welt und die Einheit des Menschengeschlechts, ist noch heute nicht Gemeingut der Kultur. Die andern müssen Jahrtausende auf dem Wege der Diskursion nachschaffcn, was der jüdische Genius auf dem Wege der Intuition erkannte und begriff. Maxime - le - Maitte. Ehrenpreise der Jla. Ans dem kunstgewerblichen Atelier der Firma Felix Horovitz entstammt nach Entwürsen des Herrn Leo Horovitz ein von Freifrau W. C. v o n Rothschild gestifteter Pokal. Er ruht auf drei Füßen, die in Emaillearbeit den Römer, die Festhalte und den Frankfurter Adler zeigen. Auf dem großen Mittelfeld befindet sich in feiner Radicrarbeit das Stadtbild Frankfurts vom Main aus gesehen. Der Deckel ist bekrönt durch einen Fesselballon. Das Netzwerk des Ballons ist aus Gold, während die Kugel aus Milchachat - hergestellt ist. Das Ganze ist in feinster, zum Teil vergoldeter Cisclierarbeit ausgeführt. Im Auftrag der Herren Beer, Sondheimer u. Co. und der Tellns A. - G. für Bergbau und Hüttcn-Jnd n st r i e wurden ebenfalls nach Entwürfen des Herrn Leo Horovitz Pokale ausgeführt. Der eine Pokal ist das genaue Abbild eines Fesselballons, der andere ist ein Eichenlaub-Pokal, der als Bekrönung eine F'raucnfigur mit dem Wappen der Jla trägt. Diese Preise sind während der Ausstellung in der Festhalle aufgestellt.