Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 27 (16.7.1909)
- Date
- 1909-07-16
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Vor längerer Zeit wiesen >vir in unseren „Aus den Geschehnissen des Tages" auf die historische Erscheinung hin, wie vermeintliche Schieber gar häufig geschoben werden. Wir äußerten dort unsere Befürchtung ob der neuen Mächtegruppierung: England, Rußland, Frankreich und meinten, daß cs England bei dieser Verbindung mit dem Barbaren Rußland unter Umständen ergehen kann, wie cs den christlichen Völkern bei ihrer Vereinigung mit den heidnischen Völkern ergangen ist. „Vielleicht," sagten wir, „erleben wir noch das traurige Schauspiel, wie der Antisemitismus in dem freien England seinen Einzug hält?" . . . Nun — die Würfel sind gefallen, das traurige Schauspiel hat noch früher, als nian ahnen konnte, begonnen. England, das freie, an der Spitze der Zivilisation schreitende England, ist über N a ch t antisemitisch geworden. Wir sind uns bewußt, mit welchem Unbehagen manche unserer Leser diese niisere Worte entgcgcnnchmen; allein cs ist nicht unsere Art, Vogelstraußpolitik zu treiben; im Interesse unseres Volkes liegt cs vielmehr, seine Lage innerhalb der Völker klar zu stellen, ohne Vertuschung, aber auch ohne Uebertrcibung, damit es tvisse, seine Handlungen für die Verbesserung seines Schicksals in der Gegenwart und seine Maßuahincn zur Sicherstellung seiner Zukunft zu gestalten. Gewiß ist es schinerzlich, zu sehen, >vie die letzte jüdische Burg Europas zu wanken beginnt; Jahrzehnte hindurch waren unsere Brüder gewohnt, in England einen Hort der Freiheit und Menschenrechte zu erblicken, und mit Recht, denn nicht nur erfreuten und erfreuen sich noch die Juden Englands aller bürgerlichen und Politischen Rechte, sondern sein Volk und seine Regierung waren auch stets die ersten, die gegen Vergewaltigungen der Juden anderer Länder laut protestierten, — und nun soll dasselbe England plötzlich Antisemitismus zu treiben begonnen haben! Doch wenn dies auch noch so-schmerzlich ist, — der englische Antisemitismus' läßt sich heute nicht wcglcugnen. Der Umschwung in England zu Ungunstcn der Juden ist kein zufälliger, auch nicht ein prinzipieller, der Engländer ist zu praktisch, zu berechnend, um aus Laune oder Prinzip den Antisemitismus zu betreiben, — da müssen tiefere Gründe vorliegcn. Rußland und England haben viele Länder an sich gerissen; doch während Rußland seine unterjochten Völker mit der Knute zu regieren sucht-, war England bestrebt, mit Milde und Hunianität die unterworfenen Völker zu regieren. England hat diesen seinen Vorteil der Kultur bei jeder Gelegenheit hcrvorzukehren gesucht. In Berlin tagte zur Zeit Bismarcks ein Kongreß, um den Streit Rußlands mit der Türkei, ob der Völker des Balkan, zu schlichten, und England stellte durch seinen Kanzler, Beakonsficld, die Forderung der Gleichberechtigung der Juden an Rumänien. Alcxairder HI. veranstaltet aus den Rat Jgnaticws im Jahre 1882 Massakres gegen die Juden, und England protestiert. Rumänien knebelt die Juden, und England protestiert. England suchte seine materielle Konkurrenz mit Rußland auf ein geistiges Niveau zu stellen, und so kam es, daß die Rivalität Englands niit Rußland von aller Welt als eine Rivalität der Kultur mit der Unkultur angesehen wurde, und die Sympathien der Welt ivarcn dadurch auf Seiten Englands, Grund genug für das beständige Eintreten Englands für die Juden. Doch mit der wachsenden- Zunahme des nationalen Gedankens wuchs gleichzeitig die Unzufriedenheit der unterjochten Völker Rußlands sowie Englands, und zwar war die Unzufriedenheit bei den F-remdvölkern Englands größer, als bei denen Rußlands. Waren doch und sind doch noch die angestammten Russen fast gleichmäßig unterdrückt und aller menschlichen Rechte bar. Ihr ganzes Bestreben mußte notwendigerweise dahin gerichtet sein, den allgemeinen, gemeinsamen Druck zu beseitigen, das Nationale mußte zurückgestcllt werden zugunsten des Menschlich-Rechtlichen, und dieser harte, allgemeine Druck brachte eine gewisse Annäherung der Nationalitäten Rußlands an einander, die nationale Kluft wurde einstweilen über brückt, sie bleibt verkleistert, bis die eigentlichen Russen im Vollbesitze ihrer Rechte sein werden. Anders aber England. Die angestammten Engländer erfreuen sich bereits der vollen menschlichen und nationalen Rechte, während die Frcmdvölkcr die nationalen Rechte gänzlich vermissen. Und die menschlichen Rechte? Die Kultur, die England in seine eroberten Länder getragen hat, ist eine äußerliche, eine Scheinkultur: in WirUichkeit werden die Eingeborenen ausgesogen und ausgebeutet. England, besorgt um die Erhaltung seiner darob in Aufruhr begriffenen Länder, blickt mit Neid auf Rußland, das mit seiner Kirnte mehr ausgerichtct zu haben scheint, als es mit seiner Schcinkultnr auszurichten vernwchte. Die Stimmen in England, die die kosakische Knute für das aufgeregte Indien fordern, werden immer lauter. Beim E ro b e r n fremder Länder müsse man von einer Kulturmission sprechen, anders aber bei der Erhaltung bereits eroberter Länder, hier sei die Knute notwendig. Der geistige Wettbewerb mit Rußland ist so überflüssig geworden, da nunmehr in den Methoden des Regierens der Fremdvölker zwischen Rußland und England keine Kr. 27. wesentlichen Unterschiede sein sollen. Eine Rivalität mit Rußland scheint also überflüssig geworden zu sein, vielmehr kann der Barbar und einstige Rivale bei einer offenen Revolte in Indien tatkräftige Hilfe bringen. Und noch eins: Während England immer mehr Länder eroberte und sich stetig mehr bereicherte, wurde Deutschland eine Großmacht ersten Ranges nicht nur auf dem Gebiet des Militär- Wesens, sondern auch auf dem Gebiete der Industrie, wo es durch den unübertroffenen Fleiß seiner Bevölkerung England große Konkurrenz bietet, — Rußland aber nicht. England ist also zweifach nervös, — und da ist Rußland gut genug, im Falle eines englische» Krieges als Kanonenfutter verwendet zu werden. Welches ist aber der Gegendienst, den England Rußland für seine Hilfe anbicten kann? — Wiederum ist cs die Kultur, mit der England zum Ziele zu gelangen glmibt. Einst suchte man mit der Kultur die Sympathien der zivilisierten Welt zu gewinnen, heute die der u n zivilisierten. Rußland, wie bekannt, hat sich in seiner äußeren 'Politik stets von den Grmidsätzen der i n n e r e n leiten lassen; es unterdrückt die Freiheit im eigenen Lande und sucht daher auch die Freiheit draußen zu unterdrücken; — und so ist es erklärlich, wieso England das um seine Freiheit ringende persische Volk an den russischen Barbaren auslieferte, wieso es die freiheitliche Sache der Jungtürken zu hintertreibcn suchte; so, nur so ist cs verständlich, wie ein liberaler Minister einen Mann von solcher hohen Stellung, wie Lord Rothschild es ist, abzukanzeln sich erlaubte. Zn allen Zeiten konnte man keine jüdische Opposition ertragen; aber in der Zeit, als England noch den Schild der Zivilisation vorantrug, wäre ein solcher gehässiger Ausfall gegen die Juden ausgeschlossen gewesen . . . Man halte uns nicht die gleichzeitige Berufung eines Juden Samuel als Unterstaarssekretär entgegen. Dies ist nur ein politischer Schachzug, um die Juden nicht ganz zu verstimmen und die wachsende -Opposition gegen die wankende Regierung nicht noch mehr zu vergrößern. Lloyd George drohte den Juden mit Anschluß an das amalekitijche Rußland. — Nun, uns soll es recht sein. Das jüdische Volk — mit Ausnahme weniger unverbesserlicher Kosmopoliten und Missionsjuden — hat nie seine Zukunft auf die Völker gesetzt, sondern aus seinen Gott und seine Kraft. Wenn wir auch manches durch ein Bündnis Englands mit dem kulturfeindlichen Barbaren einbüßen werden, so bleiben wir dennoch was wir sind: ei» Volk, das fiir seine ideellen Güter große Opfer zu bringen von je her gewohnt ist. England aber wird durch seinen Anschluß die ganze Reputation und all seine Traditionen, durch welche es so groß geworden ist, vernichten. Voil Rußland kann England nur Unkultur, Berlottertheit, Trunkenheit, Syphilis und Cholera