Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 26 (9.7.1909)
- Date
- 1909-07-09
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 m v i?.. V. ter leben," so bedeutet es einen Aufschrei der Verzweiflung mid die Ueberzeugung von ihrem Kulturbankerott! Und die Geschichte sollte dem großen Herz! bald recht geben. Er erlebte noch Kischenew und Hömel —. Unter dem Eindruck dieser tierischen Grausamkeiten, die vor den Augen Europas begangen wurden, ließ er den Ruf erschallen: Lieber unter den. wilden Wganden in Ost-Afrika, als unter den zivllisierten Christen in Europa". ... So tief saß der Haß in diesem Manne, der in der europäischen Kultur ausgewachsen war, gegen ihren Kultur-Habitus. Aber dieser Mann des gründlichen Hasses und der Verzweiflung war auch ein Mann mit einem Herzen voll Liebe, Gemüt und Hoffnung. Uganda war ein Schrei des Hasses, der Verachtung und der Verzweiflung. In seinem letzten Schwur vor versammeltem Volke in der Sprache der Propheten: „Und es perwelke meine Rechte, vergesse ich je dein, o Jerusalem" erkennen wir den Mann der Hoffnung und der Liebe . . . So trug Theodor Herzl zwei Seelen in seiner Brust. Je mehr die Verachtung vor „ihrer" Pogromkultur in seinem Herzen wuchs, je mehr er an ihnen verzweifelte, desto mehr wuchs in ihm die Liebe zu seinem Volke und die Hoffnung auf die Zukunft seines Volkes. Und wie er mit einem Wort, Uganda, eine Welt voll Verachtung ausdrückte, so drückte er oft in einem Satze die ganze Glut seiner leidenschaftlichen Liebe für sein Volk und die fast kindlich-unschuldige Hoffmmg auf die Zukunft seines Volkes aus: „Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen." Was ötthält das Märchen? Die Träumereien eines gottbegnadeten Dichters, große Pläne eines Staatsmannes von Genie, sittliche Postulate eines sittlichen Helden, juristische Entwürfe eines scharffinnigen Juristen, groß angelegte Entwürfe eines mit allen gegebenen Faktoren des Lebens . rechnenden Mannes, und gerechte Forderungen eines Volksführers und Volkspoliükers von Genie. Ein freies Land für ein versllavtes Volk, ein gerechtes Dasein für entrechtete Menschen! Dieses Land für dieses Volk ... Also sprach Theodor Herzl. Woher stammen die Falaschas T Von Dr. Sigmund Jampel. Die Kunde von der Existenz jüdischer Stämme in Abessynien, die zu manchen Zeiten im Mittelalter, imter Leitung eigener Fürsten, sogar die Herrschaft des Landes an sich zu reißen vermochten,' ist schon vor Jahrhunderten zu uns gedrungen, und besonders in den letzten Jahrzehnten hat es nicht an Versuchen gefehlt, das Wesen dieser eigenarttgen Juden zu erforschen. Allein noch nie war das Interesse für diese „Verstoßenen Israels" innerhalb der europäischen Judenheü so wach und so allgemein, als seit ungefähr einem Jahre, seitdem die größten jüdischen kulturellen Institutionen in der Erforschung der Falaschas miteinander wetteifern. Die Frage nach der Herkunft und der Abstammung d,r Falaschas hat jedoch durch diese Expeditionen keine Aufklärung erfahren. Sind auch die Falaschas den heidnischen Abessyniern noch so sehr geistig überlegen, so ist nichtsdestoweniger ihr Niveau ein viel zu ttefes, als daß historisch zu verwertende Traditionen sich bei ihnen hätten erhalten können; auch ist ihr religiöses Leben zu sehr verkümmert, ihre hergebrachten Sitten und Bräuche zu sehr verblaßt, als daß sic einen Rückschluß auf ihre Herkunft gestatten könnten. Die jetzt von den Ethnographen allgemein verttetene Ansicht, wonach die Falaschas keine Juden, vielmehr der jüdischen Religion huldigende abessynische Stämme seien, gründet sich ausschließlich auf den abessynischen Typus, der den Falaschas eigen ist. Danach müßte man aber den Juden Chinas, deren chinesischer Typus ein noch viel echterer ist, auch ihre jüdische Herkunft in Abrede stellen. In Wirllichkcft aber kommen solche morphologische Umgestaltungen, die lediglich ttimattsche Ursachen haben, für die Ab¬ Frankfttrter FsraelitW es Fmnilienblatt. stammung eines Volkes nichts genügend beweisen, zumal wenn, wie dies bei den Falaschas und den chinesischen Juden in hohem Grade der Fall ist, die Kreuzung mit den heidnischen Nachbarstämmen im Spiele, ist. Die Annahme Nahums, des Leiters der Falascha-Expedition von der A. I. U., daß die Falaschas griechischen Ursprungs seien, entbehrt jeder Begründung. Daß ihre Aufzählung der biblischen Bücher mehr nach Muster der griechischen Bibel geschieht, das kann höchstens auf christlichen Einfluß Hinweisen, zumal das christliche Element bei ihnen auch sonst sehr zur Geltung dmmt, trotz der großen Verfolgungen, die ihnen von den Christen zuteil werden. Es bleibt uns daher bei der Frage nach der Herkunft der Falaschas nichts übrig, als uns nach anderweittgen ältern Quellen umzusehen, und diese finden sich zu unserer Freude in sehr reichlichem Maße. * Schon Herodot erzählt uns, daß die ägyptischen Pharaonen zur Sicherung ihres Reiches gegen äthiopische Einfälle in der nubisch-äthiopischen Grenzstadt Elephantine sehr große militärische Wachtposten unterhielten. Unter dem Pharao Psametik sei eine solche elephantinische Garnison, ob der nachlässigen Behandlung seitens der ägypüschen Regierung sehr erbittert, von Aegypten abgefallen, über die Grenze nach Aethiopien marschiert und habe sich dem dorttgen König als Söldner zur Verfügung gestellt, der dann mit ihrer Hülfe den Aufstand in einer äthiopischen Provinz unterdrückt, die Rebellen verjagt und jene Provinz diesen ägyptischen Ueberläufcru zur Niederlassung angewiesen hat. Die Zahl dieser in Aethiopien zufluchtsuchenden elephanttnischen Söldner war — nach Herodot — eine ungemein große. Spätere griechische Reisende — wie Diodor, Eratosthenes, Strabo, Plinius, Ptolmaios u. a. — erwähnen diese aus Acgyptern, Syrern und Juden bestehenden Ueberläufer, welche unter dem Namen „Sembriten" — was Fremdlinge oder Ankömmlinge bedeuten soll — noch zu Beginn der christlichen Zeitrechnung bekannt waren, in derselben äthiopischen Gegend zwischen dem Blauen und dem Weißen Ml, in der heute noch fast sämtliche Falascha-Kolonicn sich befinden. Merkwürdiger Weise ist vor wenigen Jahren gerade in Elephantine in einem Tempel eine den Katarakt-Göttern Chnum und Säte geweihte Statue gefunden worden, deren Inschrift für unsere Frage von außerordentlicher Wichttgkeit ist. In dieser Inschrift berichtet der elephantinische Statthalter Nez-Chor u. a. folgendes: „O du Herr der Kraft, der die Götter und Menschen geschaffen hat, Chnum, Herr des Katarakts, und Sati, die Götttn von Elephantine, — Ich jauchze über Euren Namen und bete Eure Schönheit an, Ich werde nicht müde zu tun, was Ihr wollt. Mit Euch habe ich mein Herz erfiillt bei allem, was ich geplant habe. Ich habe Euren Tempel glänzend ausgcstattet usw. (es folgt eine lange Aufzählung des Tempelschmuckes). Ich habe Eure Stätten gebaut und gesichert für ewig, nach dem Befehle des guten Gottes, des Herrn der beiden Länder, Apries, er lebe ewig.*) Gedenket als Lohn dafür desjenigen, der die Verschönerung Eurer Tempel sich ins Herz gesetzt hat, des Nez-Chor. Sein Name sei beständig im Munde seiner Mitbürger. Lasset meinen Namen erhalten bleiben in Eurem Tempel. Lasset meine Statur erhalten bleiben in Eurem Tempel, indem mein Name unzerstört auf ihr bleibt. Wie Ihr mich ja auch errettet habet in böser Lage vor den Söldnern, Syrern/ Palästinensern, Griechen und anderen. Die in ihr Herz *) Hier ein inschriftlicher Beleg dafür, daß ein ägyptischer König direkt als ein Gott bezeichnet wird. Nr. 26. gegeben hatten, nach Meröe zu ziehen^ Seine Majestät fürchtete sich wegen der Schlechtigkeit, die sie beginnen. Ich aber befestige ihre Vernunft durch Ratschläge und ließ sie nicht nach Nubien ziehen, sondern führte sie zu dem Ort, wo Seine Majestät war, und Seine Majestät bestrafte sie." In dieser Inschrift sehen wir, wie die elephantinische Garnison unter Pharao Apries — „tzophra" der Bibel, im Begriff ist, dasselbe zu tun, was die dortige Garnison einige Jahrzehnte vorher unter Psametik auch getan hat. Der leichte Entschluß der elephantinischen Wachtposten, nach Aethiopien zu fliehen, wird uns sehr begreiflich, wenn wir bei Herodot erfahren, daß Aethiopien für den Aegypter als das wahre Schlaraffenland galt. Daß die Aegypter die syrischen Söldner, welche sie wahrlich nicht als Beschützer Aegyptens gegen die häufigen syrischen Einfälle verwenden konnten, mit Vorliebe nach den südägyptischen Grcnzfestungcn verlegten, ist aus den Klassikern, wie aus den Inschriften zur Genüge bekannt. Daß unter den Syrern, Palästinensern und Phöniziern, welche die Klassiker wie die Inschriften in Elephantine kennen, auch Juden mit inbegriffen sind, ersehen wir nicht bloß aus Herodot, der die Juden ausschließlich als Phönizier bezeichnet, sondern neuerdings auch aus den jüdischen Inschriften von Assuan, wo derselbe Jude bald Judäer, bald Aramäer — Syrer genannt wird. Allein wir sind jetzt auf diese noch so sichere Schlußfolgerung gar nicht mehr angewiesen; denn die neuen Jnschriftenfunde aus Oberägypten stellen uns ja die massenhaften jüdischen Söldner Elephantines und der äthiopischen Grenzfestungen überhaupt plastisch gegenüber. Jittereffant aber ist die oben zitterte Inschrift auch insofern, als der in ihr berichtete Fluchtversuch der elephanttnischen Garnison gerade unter Pharao Apries — gleich Hophra stattgefunden hat,. — also derselbe Pharao, unter dem wir die palästinensischen Emigranten nach der Zerstörung des ersten Tempels in Begleitung des Jeremias sich in Elephanttne niederlassen sehen, woselbst sie — nach dem Berichte 'Jeremias, — auch schon jüdische Kolonien aus alteren Jahrhunderten vorfanden, wie ja auch schon die Propheten des 7. vorchristlichen Jahrhunderts Juden in Aegypten — und besonders in Oberägypten — kennen. Es waren somit — nach Uebereinstimmung aller historischen Zeugnisse — unter den elephantinischen Söldnermassen, die wie unter Psametik so auch später in Abessynien Zuflucht . suchten und in der Gegend der heutigen Falascha-Kolonien sich niedergelassen haben, auch viele Juden vorhanden. Bedenkt man ferner, daß die jüdischen Söldner von Assuan und Elephantine, weil in persischem Dienste stehend, von den Aegyptern so sehr gehaßt waren, daß eine kurze Abwesenheit des persischen Statthalters von Oberägyptcn genügte, um die Juden zu verfolgen, so kann cs doch gar keine Frage sein, daß nach dem großen ägypttschen Aufstand, in dem Aegypten endlich das persische Joch vollständig abgeworfen hatte, die jüdischen Söldner der nubischabessynischen Grenzfestungen sich auf ägypttschem Boden nicht mehr halten konnten, und daß ihnen nachher kein anderer Ausweg blieb, als — ähnlich den dortigen Grenzsoldaten der vergangenen Generattonen — nach Aethiopien zu fliehen und ihre dortselbst schon seit Psametiks Herrschaft wohnenden Brüder aufzusuchen. Somtt haben wir, wenn wir zu den Berichten der Klassiker und der elephanttnischen Tempelinschrist, die direkt von nach Aethiopien fliehenden! palästinensischen Söldnern sprechen, auch noch die Aussagen der Bibel und der jüdisch-ägyptischen Inschriften hinzunehmen, in den heutigen Falaschas dieNachkommen jüd isch er Söldner der ägyptisch-äthiopischen Grenzfestungen, die bei verschiedenen ungünstigen! Anlässen in Abessynien Zuflucht suchten, mit einer gewissen Sicherheit zu erblicken. .