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Neue jüdische Presse · 1909-07-09 · Heft 26 (9.7.1909) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 26 (9.7.1909)
Date
1909-07-09
Page
– (sequence 1)
Language
German
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IsranLfitrker (mrlilifilirö fomiliruMatt. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementsprers pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, - sonstige Länder Mk. 2.— KedaKtto» mrchefchäftsskstte Zrankfurt a. vilbelerstraße 4/6, Ecke Lleichstraße feteftn 10507. -J-3S-S-- Asrausgeber: Kalg!—- Jnjertionspreise: Die viergespaltene Peützeile. 25 Pfg. Die Reklamezeile. 100 .. Platz- und Daten-Borschrist ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. , > .— ' 7. Jahrgang. Freilag, de« 26. rrunns 5669 (9. Juli 1969). _Nr. 26. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Theodor Herzl. — Woher stammen die Falaschas? — Aus aller Welt. — Personalien. — Aus der Lehrerwelt. — Aus der zionistischen Bewegung. —Feuilleton: Die Tochter des Kardinals. — Wochen-Ka lender. — Familien-Nachrichten. Theodor Herzl.! Ein Gedenkblatt. Bon Maxime Le Ma! tre -London. Am 20. Tamus 5664 ist Theodor Herzls Mund verstummt, sein Augenlicht für immer erloschen und nach schweren Kämpfen sein Geist in' das Jenseits hinübergedämmert. Und als der feuchte Morgenwind wehklagend des großen Theodors Tod verkündete, da klagten die bleichen Juden im Jordantal, die Gepeitschten und Gefolterten im russischen Kerker, die Geschmähten in deutschen Städten, die Verfolgten und Fliehenden jenseits des Ozeans und die Gemarterten im Lande der Schlachzizen und der wilden Bojaren. Es weinte ein Volk, ein stein- und pyramidenaltes Volk weinte im Chore. War die Krone vom Haupte des Königs gefallen, das Schwert in der Hand eines Helden gebrochen? Warum weinte das Volk, warum wehklagten die Jungen und schluchzten die Alten? Hat ein Volk einen Vater und wird es verwaist, wenn er die Augen schließt? Als er noch unter uns lebte, er, die Selbstentfaltung unseres Volksgenius, da ahnten wir nahe Zukunft, wir wußten unser Schifflein in den Händen eines klugen und sicheren Steuerers, der den heranrasenden Wogen und Klippen auszuweichen verstand und das Schiff einem sichern Hasen entgegenzulenken bestrebt war. Als aber die ewig im Ertrinken Begriffenen vom Tode des klugen, sichern Steuerers vernahmen, da erkannten sie den gefahrvollen Augenblick, die enge, elende Gegenwart, die Not ihres düstern Tages. Der kluge und sichere Steuerer ist dahin, und noch schaukelt und zittert das Schifflein im stürmischen Meere. Sie klagten daher, sie weinten zusammen, denn sie wußten, nicht jeden Tag wird ein Herzl geboren. Nicht jeden Tag entstehen Helden, und oft ziehen Jahrhunderte hinab, bis ein Volk, auf dem Umweg seiner Leiden, seinen Genius erzeugt. Und Theodor Herzl war ein Held, denn' er kämpfte im totsicheren Bewußtsein, daß er siegen wird. Er kämpfte bis zum letzten Augenblick, und als schon die Furcht vor dem Tode bei ihm längst geschwunden, war noch seine Hoffnung an seinen Sieg nicht geschwunden.-Mit in die kühle Gruft hat er die Hoffnung genommen, und seine mit in's Grab genomunnene Hoffnung ist ein großes Vermächtnis, das er uns hinterlassen. In seinem Glauben an den endgültigen Sieg bestand seine Kraft. Das Volk glaubt und vertraut auf den Helden, wenn der Held auf sich selbst vertraut, an seinen Sieg glaubt. So war Herzl. Ein sittlicher Held, der im Kampfe groß geworden. Der Spott der Allzuklugen, der hartnäckige Widerstand unserer millionenschweren und überzeugungsleichten „Westeuropäer", die finstere Ignoranz geknechteter Massen und der Protest deutsch-vaterländischer Rabbinen konnten seine Kraft nicht brechen, vermochten nicht, ihn in seinem Unternehmen zu hindern und seine großangelegten Pläne zum Scheitern zu bringen. Er kämpfte wie ein Löwe, — er kämpfte für die Freiheit geknechteter Menschen, er kämpfte für das alte Heim eines uralten, exilierten Volkes. Allein nicht wegen seines tapferen, kühnen Kampfes gegen einen zweitausendjährigen Feind war er ein Held, nicht seine äußeren Kämpfe haben ihn mit unsterblichem Heldenruhm bedeckt, sondern seine innere sittliche Ueberwindung und sein Sieg über sich selbst haben ihn zu der heroischen Gestalt gemacht, vor der sich der Alltagsmensch beugt und in Ehrfurcht niederfällt. „Der ist ein Held, der seinen Sinn bezwingt." Wer von unseren Großen hätte den Mut, nach einem halben Menschenleben, das von Erfolg und Glück begleitet war, den erkannten Irrtum einzugestehen und so das eigene halbe Leben und Schaffen zu verleugnen und da von neuem anzufangen? Dieser sittlichen Selbstüberwindung zollte das Volk, soweit es nicht assimilatorisch angefault oder konfessionell angekränkelt war, begeisterten Beifall . . . Und als das Volk von den: Tode seines Helden vernahm, weinte es wie ein Kind, ob dem Verlust seines Vaters, denn es wußte, daß ein Selbstloser und ein Großer, dem allein es sein Geschick anvertrauen konnte, dahingegangen war. Und kaum hatte ein Sonnenstrahl Herzls feuchtes Grab geküßt, als das Volk sein Haupt mit Sagen und Märchen zu umweben begann. Er, dem das Glück so zugelächelt, der sich der Freundschaft und Anhänglichkeit der Großen der Erde erfreute, Theodor Herzl, das Glückskind, der erfolgreiche Mensch, der umworbene, allseits gelobte Schriftsteller, der feinsinnige Dichter und Künstler, der scharfblickende Politiker und faszinierende Redner, der Üuge Jurist und feine Massenpsycholog, — der Denker und der Grübler, der Gottbegnadete und vom Glück Verhätschelte, stieg von den Höhen des Lebens in die Niederungen des finsteren Ghettos, er sah das Volk in seinen Leiden und in seiner Knechtschaft, und er beschloß, mit dem Volke zu leiden und für sein Volk zu kämpfen. Er nahm den Kamps mit demselben Mut auf, mit dem er sich selbst niedergekämpft und besiegt hatte. Er kehtte nicht mehr in die Paläste der Reichen und zu den Stätten des Glückes zurück, sondern er blieb bei seinem Volk und machte die Sache des Volkes zu seiner eigenen. Beim Volke weilend, erkannte er des Volkes Elend, und da empörte sich der sittliche Held und der Künstler; beim Volke weilend, erkannte er die Ungerechtigkeit, die an dem Volke begangen wird, und da empörte sich der Jurist und der Anwalt der Gerechttgkeit. Und Herzl sprach das Zauberwort „Volksfreiheit". Das Zauberwort schwirrte durch die Lüfte und drang in die Hütten der Gequälten und in die Kerker der Gefangenen. Um Mitternach brach ein Licht in sieben Farben . . . Dieses Wunderlicht erhellte den tiefen, bodenlosen Abgrund. Entrechtung und bestialisches Treiben und Eidbruch . . . und Pöbelgejohl. In diesem Lichte sah das Voll seine finstere Mauer, sein düsteres Loch, und in ihm erwachte eine ttefe, verzehrende Sehnsucht nach Freiheit und Recht, nach Frecheit und Menschenwürde. Wer in Theodor Herzl erkannte es den Spender seines Lichts und den Verheißer seiner Freiheü . . . Denn Herzl kam nicht als der „Erbarmer" und „Menschenfreund", als Philanthrop wnd Almosensammler, sondern als der Mann des Rechts . . . als der große Wecker der Nation. Nicht die armen Menschen, deren man sich erbarmen muß, sondern die Nation und ihre gerechten Forderungen. So gab er seinem Volke Selbstbewußtsein und Vertrauen auf sich selbst, und aus vermodertem Gebein und verdorrtem Gerippe machte er wieder eine lebendige, begeisterte Menschenmasse mtt einem Bewußtsein der Würde und mit Ansprüchen auf Glück. Für diese Wiederbelebung der Geister, für dieses große Wecken aus der Lethargie, wußten ihm Hunderttausende Tank und schauten zu ihm mit Verehrung und Begeisterung empor. Das leiblich-wirkliche Erez-, Israel hat er ihnen nicht zu geben vermocht, — er konnte ihnen nur den Weg, der nach Jerusalem führt, zeigen; — aber er hat ihnen und uns das Erez-Jsroel des Geistes gegeben, EreK-, Jsroel in unser Herz gepreßt, das ein Teil unseres ganzen Jch's wurde; und deshalb ist: unser 'Herz sein Grab ... .Allein Herzl ist nicht nur die größte Erscheinung und Lichtgestalt der neuesten jüdischen, Geschichte, sondern er bfldet auch ein Kapitel allgemeiner Geistesgeschichte. Der Zionismus ist eine Bankerotterklärung der sitttichen und polittschen Kultur der Christercheit . . . „Der Zionismus erstrebt die Schaffung einer öffenttichrechtlich gesicherten Heimstätte für diejenigen Juden, die sich nicht assimilieren können oder wollen", mit anderen Worten, der Zionismus ist die einzige Rettung aus der Barbarei, der Zionismus ist u. a. die Verzweiflung an ihrer „Kultur". „Für diejenigen Juden, die sich nicht assimilieren können oder wollen," das heißt für jene große Mehrheit des jüdischen Volkes, die in Ländern voll christlicher Nächstenliebe lebend, mit Pogromen ttaktiert werden, wie Jagdwild behandelt, die rechtlos sind und sowohl als Menschen, wie als Juden der Degeneratton zugetrieben werden. Wenn ein Mann aus der Mitte ihrer Kultur, in der er ein halbes Menschenalter lebte, aufsteht und ruft: „Lieber das seü zwei Jahrtausenden brach liegende Land unserer Väter selbst! urbar machen, lieber dort im Schweiße des Antlitzes von neuem anfangen, eine neue Kultur und Zivilisation ausbauen, als in der vollendeten^ hochentwickelten Kultur der christlichen Völler wei-

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