Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 25 (2.7.1909)
- Date
- 1909-07-02
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Hr. 25. schien, konnte sich noch lange nicht beruhigen bei dem Gedanken, daß der Kaiser nie ins Cafö ginge. Graf S.', der die Geschichte gelegentlich dem Monarchen nntteilte, erzählt, daß Kaiser Franz Josef herzlich über sie gelacht habe. Lemberg. Mühlenbesitzer Josef Philipp übergab der israel. Kultüsgememde 40000 Kronen zur Schaffung eines „Fonds zur Errichtung von billigen, gesunden Wohnhäusern für arme jüdische Familien" und stellte weitere Spenden in Aussicht, wenn auch von anderer Seite größere Spenden gemacht werden. Frankreich. Paris. In einem Prozesse, den Professor Thalamas gegen die antisemitische „Action fran?aise" angestrengt hatte, verlangte der Redakteur dieses Blattes, Lson Daudet, in einer Eingabe an den Gerichtshof, matt möge dem Vizepräsidenten und einem Richter des Richterkollegiums das Recht des Urteilsspruches entziehen, denn sie seien befangene Juden. Der Gerichtshof entschied aber, der Gerichtshof urteilte nicht nach seinem Glauben, sondern nach seinem Gewissen und verurteilte den Redakteur wegen der Eingabe noch zu 400 Frcs. Rußland. Radomisel (Kiewer Gouv.). Wiederum hat sich ein Raubmord ereignet. Fünf Juden und ein Kind von 8 Jahren fuhren nach Brusilow auf eine Hochzeit, und im Walde, 6 Werst von Radomisel, hat man sie erschossen und beraubt. Nur das Kind, welches im Stroh lag und schlief, blieb am Leben. Die armen Opfer besaßen insgesamt nur Rbl. 17 und haben ihre Familien im größten Elend zurückgelassen. Bon dem Mörder wieder keine Spur, denn unsere Polizei macht nur geringe Anstrengungen, die Mörder zu finden. Die Stadt Radomisel ist in größter Aufregung; man fürchtet jetzt, sich auf die Reise zu wagen, denn in kurzer Zeit sind nunmehr 17 Inden ermordet worden. Vorige Woche weilte ich einige Tage in Kiew. In den Hotels und „Möblierte Zimmer" des dortigen Libedsker „Uczastock" — Stadtviertels — Kiew ist in 4 Uczastock eingeteilt — ist der Aufenthalt strenger verboten, als in den anderen. Findet man da im Hotel oder Chambre - Garni einen Juden, so wird der Schweizar bestraft, und der Wirt des Gasthauses muß einige Monate im Gefängnis schmachten. Wenn aber ein Jude kommt und meldet, daß er wegen Einkäufe sich aufhalten will, so bekomint er die Erlaubnis, in diesem „Uczastock" 14 Tage zu weilen. Im Hause Nr. 15 auf Klein-Wasilkowska- Straße arretierte die Polizei unmotiviert 5 Juden, die die Erlaubttis besaßen, 2 Tage in diesem „Uczastock" zu bleiben. Sie wurden ins Gefängnis gebracht und nach Abnahme ihrer Pässe per Schub nach ihrer Heimat zurückbefördert. I. I. Braun. Rumänien. Bukarest. Auf dem Aerztekongreß wurde beschlossen, keine Juden in einem christl. Spital aufzunehmen. Ob dieser unglaubliche Beschluß durchgeführt wird, wird die Zeit lehren. Wahrscheinlich ist es schon. — Auf den kleinen Plätzen wird die Austreibung der Juden streng durchgeführt; es werden davon auch die Juden betroffen, die in ihrem Wohnorte' geboren ind und beim Militär gedient haben. H—r. 0 leutffeton. 0 Die Tochter des Kardinals. Historische Erzählung von Friedrich Rott. lFortsetzung). Tirza aber schüttelte energisch den Kopf. „Ich werde nie heiraten, denn ich werde immer beim Vater bleiben, das habe ich der Mutter noch zu allerletzt versprochen." ,Mas habt Ihr versprochen? — daß Ihr nie heiraten werdet, oder daß Ihr immer bei Eurem Vater bleiben werdet?" „Aber das ist doch dasselbe." „Verzeihet, das ist durchaus nicht einerlei. Darum bitte, antwortet: was habt Ihr Eurer Mutter versprochen?" „Daß ich den Vater nie verlassen werde." „Aber deshalb brauchtet Ihr doch nicht ledig zu bleiben, Ihr müßtet nur jemanden heiraten, der ein sehr großes Haus hat, in dem auch Euer Vater gut und gern bei Euch bleiben würde." „Aber —" „Kein aber, Tirza! — Ihr wisset, daß ich Euch gut bin, daß ich Euch liebe mehr als alles in Srankfurker Israelitisches Familienblatt. ' _£__ der Welt, mehr als mein Leben. — Darum bitte ich — darum flehe ich zu Euch, werdet mein, mein über alles geliebtes teures Weib — meine angebetete Gattin!" — Das junge Mädchen blickte ihn betroffen au. Im ersten Moment war es ihr nicht klar, sprach er im Ernst oder wollte er scherzen. „Ihr macht Euch lustig über mich, das ist nicht schön von Euch —" „Mädchen! was sicht Dich an? — Ich sollte mich lustig über Dich machen! — Ich schwöre Dir bei allem, was heilig ist, nie sprach ich ein Wort, das mir mehr ernst war. — Und Du kennst doch mein Haus, mein Schloß — den einen Flügel räume ich Deinem, dann unserem Vater ein, dort kann er tvohnen mit seinen beiden alten Hausgenossen und mit wein er sonst noch will. — Und Du bist mein süßes, angebetetes Weib und hast Deinen Vater doch nicht verlassen, wohnst mit ihin unter demselben Dache. — Nun, glaubst Du noch, daß ich mich über Dich lustig machen wollte?" „Nein, das glaube ich nicht mehr, ich bin vielmehr überzeugt, daß es Euch cnift ist mit Eurem Anträge, — und ich danke Euch von ganzem Herzen für die Ehre, die Ihr mir dadurch erwiesen habt. Aber es ist ja doch unniöglich." . „Nichts ist unmöglich! — Ich habe bereits alles in Erwägung gezogen, habe alle Hindernisse in Gedanken bereits überwunden. Du meinst, es wäre unmöglich, tveil Du nicht von Adel bist? — Ich schenke Dir mein Gut Wildenschwert, lasse es auf Deinen Namen überschreiben und kaufe Dir den Adel dazu. Für Geld kann man alles haben. Dann bist Du zuerst Baronin von Wildenschwert und wirst dann Gräfin Turnek. — Nun siehst Du doch, daß nichts unmöglich ist und wirst Dich endlich einverstanden erklären." Sie schüttelte den Kopf. „Ihr seid Christ, und ich bin Jüdin." „Dieses Hindernis ist doch noch leichter aus der Welt zu schaffen als das vorige, einige Tropfen Weihwasser auf Dein liebliches Köpfchen, und Du bist ebenso gut Christin wie ich Christ bin." „Nie!" rief das junge Mädchen, sich unwillkürlich strammer aufrichtend, ihre Augen flammten, ihre schlanke Gestalt schien gewachsen. „Nie werde ich meine Religion verschachern, nie meinem Gotte untreu werden!" Sie war wunderbar schön in ihrer Erregung, nie war sie ihm so begehrenswert erschienen. „Tirza!" flehte er, „nimm das böse Nie zurück! — Wer verlangt denn von Dir, daß Du Deinem Gotte untreu werden sollst? Es gibt doch nur einen Gott, dem es sicher gleichgiltig ist, ob man in der Synagoge zu ihm betet oder in der Kirche." Und als sie schwieg, sagte er nach kurzer Pause: „Ach, Du liebst mich nicht." „Graf Arnulf, ich bin Euch von Herzen gut, und ich bin nicht so wenig weltlich gesinnt, daß ich nicht gern Baronin oder Gräfin wäre und in einem prächtigen Schloß wohnen möchte. — Aber wenn ich Euch auch so lieben würde, wie Ihr vorgebt, mich zu lieben, wenn ich glauben würde, ohne Euch nicht leben zu können — und wenn Ihr mich zur Königin machen und mich mit Gold und Silber überhäufen würdet, — nie und um keinen Preis würde sich unserer heiligen Lehre untreu werden." Er rang verzweiftungsvoll die Hände. „Tirza! Tirza! erbarme Dich! — Ich verlange nicht von Dir, daß Du Deiner Religion untreu wirst — meinethalben kannst Du ihr inr Herzen treu bleiben, kannst glauben und denken und tun, was Du willst. — Nur ein einziges Mal sollst Du gestatten, daß das Weihwasser Deine Stirn berührt — weiter kümmert Dich die ganze Sache nicht, alles übrige werde ich durch reiche Spenden an die Kirche erledigen. — Also — Tirza —" „Graf Arnulf, Ihr kennt unsere heilige Lehre nicht, mit der jede Faser unseres Seins verwachsen ist," — Ihr wißt nicht, was Ihr verlangt. — Und wenn ich jetzt Euren Bitten nachgeben würde und später würdet Ihr erkennen, was Ihr verlangt habt; — Ihr würdet mich verachten, würdet mich unwürdig finden, Euern Namen zu tragen, den Namen Eures ruhmreichen Geschlechts." Er widersprach auf's lebhafteste, ließ nicht nach mit seinen Bitten und sank endlich flehend in die Knie zu ihren Füßen. Hastig sprang sie auf: „Um's Himmelswillen, Graf Arnulf, stehet aus! — Schmul bewegt sich, gleich kann er die Augen aufschlagen; wenn er Euch auf den Knien sehen würde, könnte ich Euch nie mehr empfangen." Das leuchtete ihm ein, und hastig erhob er sich, doch mit gerungenen Händen stand er da, wie erstarrt in seinem Schmerz. „Schauet nicht so verzweifelt drein, Graf Arnulf, Ihr werdet sehr bald einsehen, daß es auch für Euch besser ist, daß ich Eurem Wunsche nicht nachgegeben habe." Er schüttelte den Kops. „Saget mir nur das eine, Tirza, wenn ich mich an Euern Vater wenden und er meinen Antrag annehmbar findeil würde, würdet Ihr dann einwilligen?" „Ja," erwiderte sie lächelnd, „dann willige ich ein." „Ich werde Euch beim Wort nehmen!" rief er von neuem von Hoffnung erfüllt. 6eüe i. ,Jhr dürft mich beim Wort nehmen — aber gebet Euch keiner Täuschung hin, mein Vater wird Euch nicht anders antworten als wie ich Euch geantwortet habe." „Das könnt Ihr nicht wissen, Frauen sind in Glaubenssachen immer strenger als wir Männer." * Eine Woche war vergangen. Graf Turnek hatte der Einladung eines Verwandten, der eine Tochter verheiratete, Folge leisten müssen, der Hochzeit in einem nahezu eine Tagereise entfernten Schlosse beizuwohnen. Er hatte sich von Rabbi Jizchak und dessen Tochter verabschiedet. Beide hatten ihm eine gute Reise und viel Vergnügen gewünscht; er jedoch hatte mit schwerem Seufzer ihre Wünsche entgegengenommen, denn er hoffte noch immer, daß es ihm gelingen werde, sie anderen Sinnes zu machen, und jeder Tag schien ihm des Wertes beraubt, an dem er die Geliebte nicht sehen und nicht sprechen konnte. Doch es handelte sich um einen nahen Vertvandten seiner verstorbenen Mutter, er hätte ihr Andenken zu entweihen geglaubt, wemr er dessen Einladung nicht entsprochen hätte. Der Arzt war wieder einmal zu einem auswärtigen Kranken gerufen worden; gleich nach dem Mittagessen war er fortgefahren. Bald daraus hatte auch Tirza sich entfernt, einer kranken Frau eine Arzenei zu bringen. Es war gegen Abend, als der Doktor heim kam. Mit freundlichein Gruß trat er in das erste Zimmer. Doch der Gruß ward nicht erwidert, denn der alte Schmul lag schlafend aus seinem Lieblingsplatz, auf der Bank neben dem Ofen, und außer ihm war kein Mensch anwesend. Der Doktor trat in das zweite Zimmer, und als er auch dieses leer fand, begab er sich in die Küche, zu der alten Riwkah, und als er auch hier die Gesuchte nicht erblickte, wandte er sich an die Alte: „Wo ist Tirza?" „Sie ist sortgegangen, der Pessel, der Frau von dem Jechiel, die Arzenei zu bringen, die Ihr für dieselbe bestimmt hattet." „Ist sie schon lange fort vom Hause?" „Schon eine hübsche Weile. Bald nachdem Ihr fortgefahren seid, ist auch sie fortgegangen. Aber sie hat gesagt, sie wird nicht so bald heimkommen, weil heute Donnerstag ist, will sie der Pessel helfen, die Kinder baden." Der Doktor schüttelte den Kopf. .Jetzt sollte sie schon zu Hause sein, es ist gleich Nacht. Seid so gut, Riwkah, gehet hinunter zur Pessel und bringet Tirza mit nach Hause; ich möchte nicht, daß sie so spät allein geht." „'s gut Herr, ich geh schon." Die treue Alte entfernte sich eiligst, während der Doktor seinen Ueberrock ablegte und sich nach seinem Hausrock umsah. Es kam ihm eigentümlich vor, daß Tirza diesen nicht wie sonst für ihn in Bereitschaft gelegt hatte. Vermutlich hatte sie schon früher zu Hause sein wollen und war durch irgend ein unvorhergesehenes Hindernis länger aufgehalten worden. Aber sie mußte doch gleich da sein. Es war schon zu dunkel, um ohtte Licht zu lesen; Rabbi Jizchak. griff nach seinem Feuerzeug und setzte sehr bald eine Kerze in Brand, dann schlug er einen Folianten aus und setzte sich an den Tisch. Aber es war ihm nicht möglich, seine Gedanken auf den Inhalt des Buches zu konzentrieren; mißmutig schlug er das Buch wieder zu, stand auf und ging inr Zimmer auf und nieder. Wo tnochte nur Tirza so lange weilen? Und auch Riwkah hätte schon zurück sein können. — Eine seltsame Unruhe bemächtigte sich seiner. Er hätte forteilen mögen, ihr entgegen; aber er befürchtete, sie zu verfehleir und dann noch länger auf sie warten zu müssen. Endlich, endlich ward die Haustür geöffnet. Mit einem Freudenlaut sprang er auf und eilte hinaus. „Tirza!" rief er. Wer ihre süße, silberhelle Stimme antwortete ihm nicht, er vernahm nur einen seltsamen, gurgelnden Laut: das Schluchzen der alten Riwkah. „Gerechter Gott! Riwkah, was ist geschehen? Wo ist Tirza?" „Weiß ich?" schluchzte die Me händeringend. Sie hat der Pessel die Arzenei gebracht, hat mit den Kindern gejpielt und sie gebadet, und dann hat sie gesagt, sie müsse heimgehen, denn der Vater könnte bald kommen. Und da ist sie fort, und der kleine Bub von der Pessel, der Jossel, hat sich an sie gehängt und ist mit hinaus, — und wer nicht wieder hereinkommt, ist der Jossel, und die Tirza hat auch ffin Mensch nicht gesehen. — O Gott —" Lautes Schluchzen erstickte ihre Sttmme. (Fortsetzung folgt.) Sprechsaal. (Ohne Verantwortlichkeit der Rebaktion.- Der Verband der Jugendvereine. Aus Kreisen der Leitung des Montesiore-Bereins dahier wird uns geschrieben: Mehrfache Anfragen aus den Reihen unserer Freunde und Mitglieder haben uns belehrt, daß über die Zwecke des Verbands der Jugendvereine und über die Stellungnahme unseres Vereins zu