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Neue jüdische Presse · 1909-07-02 · Heft 25 (2.7.1909) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 25 (2.7.1909)
Date
1909-07-02
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seile 2 Frankfurter ZsraclitWes Fmnilienblarr. Nr. 25. Man ersieht daraus, daß selbst im freien England uns die Freundschaft gekündigt wird, sobald wir zu glauben anfangen, daß wir Engländer sind und daß wir uns am politischen Leben des Staates beteiligen dürfen wie echte Engländer. Lord Rosebery, Lord ' Rothschilds Schwiegersohn (ein Christ), hat den Finanzminister iwch ganz anders angegriffen als Lord Rothschild, aber Lord Rosebery ist ein Engländer, er darf . . . Und Lord Rothschild ist ein Jude, er darf nicht. Es hilft auch nichts, daß Lord Rothschild die Whitechapeler Juden „Treue Untertanen seiner gnädigsten Majestät jüdischen Glaubens" anspricht und in Patriotismus mehr tut, als cs nötig ist, — er ist ein Jude, und er muß schweigen. Man weiß, was es zu bedeuten hat, wenn ein liberaler englischer Minister den Juden zürnst: ^England wird sich gezwungen scheu, in die Reihen derjenigen Länder cinzntretcn, die sich vom Joche der Finanziers (will sagen: Juden) befteit haben . . ." Dem Pöbel genügt ein Wink von oben — in Deutschland und in Frankreich war es doch der Falt, — und bald zittert die Luft vor Hep-Hep-Rufen. Man kann mft der Uhr in der Hand bevbachten, wie der Antisemitismus in England seinen Einzug hält. Der Wink von oben ist gegeben. London. M. Die Rabbinerkoufereuz zu Wilna. m. (Schluß). Mein Projekt hat wohl für die Leser dieses Blattes nichts Neues, denn es besteht wesentlich in einer kurz gedrängten Rekapitulation alles dessen, was die großen Leiter und Lehrer der Gesetzestreuen in Deutschland mit glänzendem Erfolge geschaffen haben, um moderne Bildung und zeitgemäßes Leben mit echter, althergebrachter jüdischer Religiosität harmonisch zu vereinigen. Ich riet also, bei den Großmeistern auf diesem Güiete zur Schule zu gehen und auch ihre Schriften zu übersetzen und wies speziell darauf hin, was geschehen muß, um die immer mehr in Verfall koiumeudcii Jeschiboths aufznrichten und in den Dienst der Renegeration der russischen Judenheit zu stellen. Mein Vorschlag betreffs dieses Punktes ging dahin, die Jeschiboths so umzubilden, daß sie mit der Zeit uns die nötigen, ihren Aufgaben vollständig gewachsenen Lehrer verschiedener Kategorie, Rabbiner mit gehöriger allgemeiner Bildung, Funktionäre religiöser Rituale heranbilden. Ich wies u. a. darauf hin, daß in den Jeschiboths unbedingt allgemeine Lehrfächer unterrichtet werden und für diejenigen, die sich für den pädagogischen Beruf eignen, die entsprechenden Lehrgegenstände vorgetragen werden müssen; die begabteren Zöglinge, die in der Zukunft auf ein Rabbinat reflektieren dürfen, sollten rechtzeitig in die Wissensdiszipline eingeführt werden, welche sie für ihren zukünftigen Berus gehörig vorbereiten, — aber für alle Zöglinge müsse ein gewisser Grad allgemeiner Bildung obligatorisch sein. Im anderen Falle laufen sie Gefahr, aus Irrwege zu geraten und von auf Beute lauernden Propagandisten in der Gestalt von Gratis - Lehrern verleitet zu werden; sind ja viele der tonangebenden Führer des „Bundes" und Konsorten gewesene „Bachurim" der Jeschiboths. Leider hat mein Vorschlag bloß einen Sturm der Entgegnung hervorgerufen, und zwar von Seiten der maßgebendsten Koriphäcn der Konferenz. Wie durfte ich ihnen auch nur zumuten, bei den deutschen Juden etwas zu lernen oder gar Heilung darin zu suchen, was eben als die Hauptkrankheit befunden wurde, nämlich, in der modernen Bildung!! Aber bei aller Hochachtung vor dem heiligen Ernst, der sittlichen Größe und dem kolossalen talmudischem Wissen dieser Männer mußte ich doch bemerken, daß sie sich in einem höchst tragischen Irrtum befinden. Sic erinnern an jenen Rosselenker, welcher krampfhaft die Zügel stramm an sich zieht, ohne zu bemerken, daß sich das Roßschon längst den letzteren entwunden hat und daß er jetzt, dem Rosse, Nacheilen muß, wenn er es ergreifen und wieder Macht über es gewinnen will. Ich richtete an die Rabbiner die Frage: ob wohl viele Väter sie um Erlaubnis oder auch nur um Rat angingcn, ihre Kinder zur Schule zu schicken, oder je mit ihrer Ansicht in dieser Beziehung gerechnet hätten? Ich hob hervor, daß sie durch ihr beharrliches „non possumns" sich nach und nach von ihren Gemeinden und in denselben isolieren könnten und daß es höchste Zeit wäre, einzulcnken. Keine Zeit war vielleicht so sehr einer sittlichen Autorität bedürftig wie gerade die gegenwärtige, und sie, die in so dieler Hinsicht ausgezeichneten und hervorragenden Männer, sind im Besitze so vieler Bedingungen, dank welchen sie uns die fehlenden Autoritäten bieten könnten, wenn sie mehr den Ansprüchen der Zeit Rechnung tragen würden. Es ist daher nicht genug zu bedauern, daß sie sich dazu eben in keiner Weise verständigen wollen, wenn auch dabei bloß von den lautersten Motiven geleitet. Wie weit diese Männer selbstlos vorgingen, beweist u. a. folgende Tatsache: Als die Frage über die nötige Befer n n g der meist sehr gedrückten und höchst unsicheren materiellen Stellung der Rabbiner, damit sie besser situiert mehr in ihrem Amte wirken könnten, angeregt wurde, ist dieselbe fast einstimmig mit sittlicher Indignation zurückgewiesen worden. Sie wollten nichts davon hören und gingen sofort zur Tagesordnung über. Um so chmerzlicher ist es, mit solchen Männern, die man von Grund aus verehren muß, in einem so hochwichtigen Punkte, wie der oben erörterte, schroff auseinander gehen zu müssen. Zum Schluß erachte ich es für geboten, hervorzuheben, daß es weit gefehlt wäre, wenn man die. von mir mißbilligten Resolutionen und die Abweisung meines Projektes als Ausdruck der Gesinnung und Geistesrichtung der russischen Rabbiner überhaupt ansehen wollte. Wie schon oben erwähnt, waren es hauptsächlich einige Ivenige, welche gerade auf der Konferenz aus den oben erörterten Rücksichten tonangebend waren, welche die besagten Resolutionen durchsetzten. Dagegen waren z. B. gegen die Resolution über den Bildungszensus für Rabbiner mehrere der bedeutendsten Rabbiner der „Missnagdim"; sie bezogen sich auf die unstreitige Autorität der Rabbi Jzchak-Elchonon Spector, Rabbi Hillel Salanter und Rabbi Schmuel Mohilewer s. A. und Rabbi Hirsch Rabbinowitz-Kowno, welche bereits vor 18 Jahren, als die letzte Rabbinerkommission tagte, sich entschieden für den polnischen Rabbinerzensns ausgesprochen haben, und sie wiesen auf die Tatsache hin, daß von den mehr als 500 Rabbinern, welche zu der „Keneseth Jisroel" zählten, ca. 80—90°/» in ihren Briefen an das Präsidium der letzteren sich gleichfalls für den polnischen Rabbinerzensus definitiv geäußert haben. Was die Resolution Nr. 16 hinsichtlich Talmud-Thora und Jeschiboth betrifft, so haben viele für dieselbe bloß deswegen gestimmt, >veil sie in der Forderung eines Bildungszciisus von Leitern und Lehrern dieser Anstalten und des obligatorischen Unterrichts in den Elementen der allgemeinen Fächer eine für die kleineren Gemeinden schwer zu befriedigende Bedingung erkannten. Es unterliegt für mich keinem Zweifel, daß wenn der zu gründende Verein zur Wahrung und Förderung der religiösen Interessen der gesetzestreuen Juden in's Leben treten und voraussichtlich die Rabbiner in großer Anzahl sich an seiner Wirksamkeit beteiligen werden, daß dann ihre erste Arbeit dahin gerichtet sein wird, aufrichtige, echtjüdische Religiösität mit moderner Bildung harmonisch zu vereinigen und alsdann mein besagtes Projekt die gebührende Würdigung finden wird I. G. Aus affev Wett. Deutsches Reich. Hannover. Die landwirtschaftliche Ausbildungs- Anstalt auf dem Lehrgut Steinhorst bei Celle tvird gegen Ende des Soinmers eröffnet werden. Es können dort noch einige jüdische junge Leute vom 15. Lebensjahre ab. landwirtschaftliche Lehrstellen erhalten. Die Ausbildung ruht in bewährten Händen und bis zur Eröffnung der Anstalt werden auch die nötigen rituellen Einrichtungen fertig gestellt fein. Die Einstellung einer Anzahl junger, bereits ausgebildeter jüdischer Landwirte, insbesondere zur Bedienung der Gespanne, hat sich durchaus bewährt. Es sind dies meist frühere Zöglinge der Jca. Jüdische Eltern, die ihre Söhne gern der Landwirtschaft zuführen wollen oder junge Leute, die sich ihr aus ftcien Stücken gern widmen wollen, werden ersucht, sich an die Alexander und Fanny Simolisch e Stiftung, Hannover, Hansahaus zu wenden. Aufgenonimen werden aber nur körperlich, geistig und moralisch durchaus Taugliche. Das Entgelt für Verköstigung und Ausbildung wird nach näherer Vereinbarung bemessen. Köln a.Rh. Der Ausschuß des Verbandes rheinischer Synagogengemeinden faßte folgende Resolution: „Der Ausschuß des Provinzialverbändes rheinischer Synagogengemeinden hält auch nach den Ergebnissen des 11. Gemcindelages daran fest, daß der D. I. G. B. an einer G e s a m t o r g a n i s a t i o n der preuß. Judenheit unentwegt weiter arbeiten möge." Karlsruhe. Zum Kapitel antisemitische Kurorte sei folgendes berichtet: In dein Prospekte des Luftkurorts Königsfeld (Schwarzwald) wird auf den „christlichen Charakter" des Ortes hingewicsen, „weshalb Israeliten ihn nicht aufsuchen". Als jüngst ein jüdischer Arzt, der weder in einem Hotel noch in einer Pension, sondern in einem Privathause Wohnung zu nehmen gedachte, dem Vermieter schrieb, daß er die Wohnung nehme, unter der Boraussetz« ung, als Israelit keinerlei Unannehmlichkeiten ausgesetzt zu sein, erhielt er mit der nächsten Post chon die verblüffende Antwort: „Als Bürger des Ortes Königsfeld müssen wir auf den fraglichen Satz in unserem Prospekte Rücksicht nehmen und daher unsere Verabredung rückgängig machen." Oesterreich-Ungar». Wien. Die Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 25. Juni brachte ein Rededuell zwischen den Abgeordneten Dr. S t r a n s k y, dem Führer der mährischen Jungtschechen, einem getauften Juden, rmd von Stransky, das es verdient, niedriger gehängt zu werden. Abg. Dr. S t r a n s k y: Das ist neu, daß der Falkner Antisemit ist. Soviel ich weiß, hat er mit einer Jüdin — keinen Antisemitismus getrieben. Große Heiterkeit und Zwischenrufe.) Abg. v. S t r a n s k y: Denken Sie an Ihre eigenen Angelegenheiten. (Widerspruch seitens des Wg. Dr. Stransky.) Ich führe so. etwas nicht an. Ihr Haß rührt nur naher, weil er Antisemit-ist. Sie sind kein Tscheche, Sie sind ein Jude. (Hört, hört! bei den Tschechen.) Abg. Dr. Stransky: Es behaupten Phrenologen und Leute, die sich mit Aeußerlichkeiten der Menschen viel befaßt haben, namentlich auch solche, die auch Ihren Namen mit dem meinigen vergleichen, daß die Wiege Ihrer Ahnen nicht weit von der Wiege meiner Ahnen gestanden sei. (Lebhafte Heiterkeit und Zustiminung bei den Tschechen.) Abg. v. Stransky: Sie wissen genau, daß es nicht wahr sei. Abg. Dr. S t r a n s k y: Ich weiß weder das eine noch das andere. Woher soll ich das wissen? Abg. v. Stransky: Also, wie können Sie es behaupten? Abg. Dr. Stransky: Habe ich cs denn behauptet? Abg. v. Stransky: Solche Lozzeloch! Wg. Dr. Stransky: Ja, sehen Sie. Daß Sie das Wort „Lozzeloch" so ausgezeichnet a u s s p r e ch e n, das spricht auch gegen Sic. (Schallende Heiterkeit und zahlreiche Zwischenrufe.) Nachher wandte sich Dr. Stransky gegen den Wg. K r o y mit folgenden Worten: Sie sind, glaube ich, ein Deutschradikaler. Soviel ich den Hang Ihrer Partei zum Antisemitismus kenne, weiß ich nicht, ob bei einer Anfrage an der kompetenten Stelle, beim Papst in Nom, wessen Antisemitismus besser ist, ich nicht das bessere Zeugnis bekäme. (Große Heiterkeit.) Ich habe nie „Los von Roni" gerufen. Aber von Parteien, welche mit Ihnen sehr eng liiert sind und sogar den Antisemitismus auf ihre Fahne geschrieben haben, sieht man die Führer, namentlich Dr. Lueger, Bielohlawek et tutti quanti in letzter Zeit sehr oft in Gesellschaft der Herren von Taussig, Lohn st ein usw. Ich weiß nicht, ob sie dem Judentum nicht eigentlich näher stehen als ich. Ich habe es hinter mir, sie haben cs vor sich. (Schallende Heiterkeit und zahlreiche Zwischenrufe.) Prag. Der alte Judensriedhof und die Altneusynagoge hatten heute den Besuch des Kronprinzen Franz Ferdinand. Die Borstandsmitglieder der Israel. Kultusgemeinde geleiteten den hohen Gast, der ihnen gegenüber seine Bewunderung für das Gesehene aussprach. Budapest. Hier kursiert folgendes nettes Geschichtchen: Graf S., der häufig Gelegenheit hat, in unmittelbare Berührung mit dem Monarchen zu gelangen, machte vor kurzem eine Automobilreise durch Siebenbürgen. Auf der Landstraße vor Zalatna mußte er infolge einer Panne Halt machen, und während der Chauffeur den Schaden reparierte, setzte sich der Graf an den Wegrand. Von ungefähr kommt da auch ein arnier jüdischer Hausierer die Straße gezogen, bleibt ein wenig stehen und beginnt mit dem Magnaten ein Gespräch: „Euer Gnaden kommen wohl von Budapest." „Ja." „Schöne Stadt, nicht wahr?" „Gewiß, eine sehr schöne Stadt." „Sind Sie auch schon gewesen in Wien?" .„Ich bin auch schon in Wien gewesen." „Nu, und' darf ich mir erlauben die Frage, haben Sie mal gesehen Se. Majestät den Kaiser?" „Gewiß, ich habe den Kaiser schon oft gesehen." „So, so, verzeihen Euer Gnaden, der Kaiser ist doch ein freundlicher Mann, nicht?" „Sie haben recht, der Kaiser ist einer der gütigsten Menschen, die wir haben." „Und noch eine Frage, Euer Gnaden. Könnten Sie mir nicht sagen, ich mein' nur so; ist der Kaiser auch freundlich mit den Juden? Ich mein', geht er auch so zum Judentisch, wenn er im Kaffeehaus ist?" „Aber was fällt Ihnen ein, der Kaiser geht doch nicht ins Kaffeehaus." „Nicht, was Sie nicht sagen, was tut er d enn, w e nn er n i ch t i n s Kaffeehaus geht." Der gute Mann, dem das Kaffeehaus jedenfalls als die Stätte höchster irdischer Seligkeit er-

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