Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 25 (2.7.1909)
- Date
- 1909-07-02
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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st«k>itislhks famiUcntilatt. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— KedaKtiörr chefchäftsstells: Frankfurt a. m.. vilbelerstraße 4/6, Lcke Lleichstraße T-lefo« 10507. r—- -! Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25 Psg. Die Reklamezeile. 100 „ Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach llebereinkunft. , ' 7. Jahrgang. Freitag, de» 13. Tamm 5669 (2. Juli 1969). Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Neue inschristliche Bestätigungen biblicher Berichte. — Das liberale englische Ministerium droht mit Antisemitismus. — Die Rabbinerkonferenz zu Wilna. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Die Tochter des Kardinals. — Sprechsaal. — Wochen-Kalender. — Familiennachrichten. — Barmizwohs. — Briefkasten. Neue inschriftliche Bestätigungen biblischer Berichte. Von Dr. Sigmund I a m p e l, Karlsruhe. lSchluß). . 4. Noch abenteuerlicher als der genannte biblische Bericht »rußten der Kritik die ferneren Angaben in Esra und Nehenria erscheinen, nach denen nämlich die Pcrserkönige Darms und Artaxcrxes verlangt haben, daß man im Tempel zu Jerusalem Opfer für sie darbringe und für ihr und ihrer Kinder Wohl dortselbst bete. Sollen diese großen Repräsentanten der Zoroastcr-Religion wirklich nach der Fürbitte des jüdischen Priesters sich gesehnt haben? In nnserenr Jnschriftenfunde schreiben die oberügyptischen Juden an den nichtjüdischcn Statthalter: „Und opfern werden wir für dich auf dem Altar des Gottes Jahn, und wir werden für dich beten zu jeder Zeit." Würden da diese Juden auf dieses Moment angespielt haben, toenn ihnen diese Gepflogenheit der persischen Fürsten Nicht bekannt gewesen wäre? 5. Unserem Reorganisator Esra legt die Bibel bekanntlich stets das Attribut „Sofer" bei. Die jüdische Tradition faßt dieses von jeher ini Sinne von „Schriftgelehrter, Schriftkundigcr" auf, ganz entsprechend den ferneren Angaben der Bibel, welche Esra als den Gelehrten und Gesetzeskundigen hinstellen. Alle hervorragenden Schriftgclehrten der Jahrhunderte nach Esra werden dementsprechend in der jüdischen Tradition die „Soferim" genannt. Erst die moderne Kritik, welche in der Degradierung des alten Judentums das Hervorragendste leistet, weiß uns zu belehren, daß das Adjektiv „Sofer" nichts anderes als „Schreibkundiger" bedeute und schließt daraus auf das tiefe Kulturniveau des exilischen Israel, in welchem Esra, weil der einzige Schreib- . kundige, allgemein „Schreiber" genannt wurde. Der neue Jnschriftenfund, welcher ans der Zeit Esras stammt, enthAt zahlreiche Verträge und Kaufkontrakte, in.welchen eine Unmenge von jüdischen Zeugen - genannt sind. Nicht nur sind die meisten Kontrastschreiber Juden, sondern auch _ fast sämtliche Zeugen, die größtenteils den untersten jüdischen Volksklassen angehören, haben eigenhändig unterschrieben. Hier sehen wir also die Nachkommen der armen Palästinensischen Bauern des Schreibens und des Lesens kundig, — und i in Palästina selbst, unter dem bessern Teil der! Bevölkerung, soll — so will es die Kritik — Esra der einzige Schreibkundige gewesen sein! Die Kritik wird sich, wohl oder übel, zu einer Modifizierung ihres Urteils über den Kulturstand des alten Israel bequemen müssen. 6. Wer der im Buche Esther genannte persische König Achaschwerosch war, wußte schon die griechische Bibelübersetzung im dritten vorchristlichen Jahrhundert nicht mehr. Sie identisiziert ihn mit Artaxerxes, unter dem aber die im Estherbuche erzählten Ereignisse sich keinesfalls zugetragen haben können. L'erxes, der für die Episode des Estherbuches sehr passend erschien, konnte seines Namens wegen dem Achaschwerosch nicht gleichgestellt werden. Jetzt haben die persischen Keilinschriften vor wenigen Jahren gezeigt, daß der persische'König, dessen Namen die Griechen zu Lerxes verstümmelt haben, in Wirstichkeit so geheißen batte, wie ihn das Estherbuch benennt. In diesen neuen Inschriften haben wir nun auch jüdischerseitS zeitgenössische korrekte Aufzeichnung dieses Namens. 7. Die Angabe des Estherbuchcs betreffs der geographischen Ausdehnung des persischen Reiches „von Haudu bis Ensch (gleich von Indien bis nach Aethiopien)" wurde noch bis vor kurzem als eine lächerliche Phantasie bezeichnet. Unser Jnschriftenfund, in welchen! jede Urkunde nach dem Regierungsjahr, des persischen Königs datiert ist, stainmt aber direkt von der äthiopischen Grenze. 8. Auch unsere mündliche Ueberlieferung erntet hier großen Gewinn. In den bekannten jüdischen Kontraktformularen des Mittelalters, wie sie bei Rabbi Jehuda Barsilai gesammelt sind, kehren ganze Zeilen dieser inschriftlichen Verträge wortwörtlich wieder. Da nun diese Formeln durch den Talmud nicht vermittelt sind, so können sie nur durch Ueberlieferung aus jener biblischen Zeit bis ins Mittelalter sich erhalten haben. Auch der in diesem Jnschriftenfund erhaltene Ehevertrag weist Termini auf, die in unserer Kethuba wiederkehren. Einen konkretern Beweis für die Treue unserer Ueberlieferung kann es kaum noch geben. Das liberale englische Ministerium droht mit Antisemitismus. Die Rede des englischen Finanzministers Lloyd George, die er am Donnerstag, den 24. Juni auf einem politischen Bankett, dem auch der Premier-Minister Asquith beiwohnte, gehalten hat, ttaf die englische Judenheit und speziell diejenigen Juden, die sich im englischen Pattiotismus nicht genug tun können, wie ein Blitz aus heiterem' Himmel. Sie erinnert in ihrer Fornr an jenen unheilsvollen Artikel der „Kreuzzeitung" üom Jahre 1876 gegen die deutschen Juden, dessen Folgen die Sturzwellen des Antisemitismus in Deutschland waren. "Anlaß dazu gab die Oppositton der Finanziers, an - deren Spitze auch jüdische Män¬ Nr. 25. ner stehen, gegen das vom Finanzminister L l o y d George eingebrachte Budget für das Jahr 1910. Dieses Budget sieht 'die Schaffung neuer Steuern vor. Gegen die neue Belastung des Vermögens wehren sich die Finanzmänner. Am letzten Mittwoch fand ein Protestmeeting der Cityfinanziers gegen das Budget des Finanzministers statt, dem Lord Avebury präsidierte und auf dem Lord Rothschild das Budget als Sozialismus bezeichnete. Lord 'Rothschilds Schwiegersohn, Lord Rosebery, bekämpfte ebenfalls das 'Budget. Diesem Protestmeeting der Finanziers antwortete die Regierung mit Asquith an der Spitze mit einem „Gegenmeeting". Auf diesem Gegenmeeting ergriff der Finanzminister das Wort und machte in seiner Rede Ausfälle gegen Lord Rothschild, den er als Fremden (will sagen Juden) bezeichnte und in einer Weise beschimpfte, wie es sich kein Minister, selbst in Rußland, erlauben dürfte. 1t. a. sagte er, daß sich die englische Regierung und das englische Volk gezwungen sehen werden, sich in die Reihe derjenigen Länder zu stellen, die sich vom Joche der Finanziers (will sagen: Juden) befreit haben. Um sich die ganze Tragtveite und Bedeutung dieses angekündigten Anttsemittsmus der liberalen englischen Regierung zu vergegenwärtigen, seien hier die markantesten Stellen der Lloyd Georgischen Rede wiedergegeben (wörtlich nach dem Daily Telegraph übersetzt): „Dann war da der unvermeidliche Lord Rothschild, der von dem Budget sagte: „Es ist Sozialismus und Kollekttvismns". Er frug sich, ob Lord Rothschild weiß, was Sozialismus bedeutet. Er ist überzeugt, daß er es nicht weiß. Er fände es ratsam, daß jemand Lord Rothschild ein 50 Pfg.-Handbuch über Sozialismus überreiche und ihm die Bedeutung desselben erkläre. Er fand, daß sie in England zuviel des Guten von Lord Rothschild 'hören. Das Land sollte keine Temperenz-Reform erhalten, weil Lord Rothschild es bei den Peers verhinderte. Sie müssen mehr „Dreadnoughts" haben; Lord Rothschild hat es aus einer Versammlung gesagt. Sie sollen nicht dafür bezahlen, wenn sie sie haben werden. Warum? So sagt Lord Rothschild. Sie dürfen keine Grund- und Uebersteuer haben. Lord Rothschild unterschrieb für die Bankers einen Protest, daß er es nicht gestatten wird. Sie dürfen keine Steuer auf unbebaute Grundstücke legen. Lord Rothschild, der Vorsitzende einer Jndustriehäuserkorporation, untersagte es. — Sie sollten keine Altersversorgung haben, weil Lord Rothschild Mitglied eines Komitees ist, das die Durchführung für unmöglich hält. Ist denn Lord Rothschild eigentlich der Diktator dieses Landes? Wurden alle Wege der Finanz-Sozialresorm versperrt durch ein Plakat: Kein Durchgang. Auf Befehl, Nathaniel Rothschild. — Es gibt Länder, wo sie es klar gemacht haben, daß sie sich nicht ihre Politik von großen Finanzmännern diktteren lassen wollen, und wenn hier so weiter geht, werden wir uns diesen anschließen."