Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 24 (25.6.1909)
- Date
- 1909-06-25
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Ente 4. MairkfMer ZsraeWWs FamilinMakt. Nr. 24. Breslau. Der biefet Zage im ^>4. Lebensjahr verstorbene ordentliche Universitätsprofcssor Dr. Siegmund Fraenkel war ein Sohn des in Breslau verstorbenen Rabbiners Daniel Fraenkel und mütterlicherseits ein Enkel des Berliner Rabb.- Assessors Elchanan Rosenstein. Er war eine anerkannte Autorität auf dem Gebiete der semitischen Sprachen, namentlich des Arabischen. ch Colmar. Stadlrat Mannheimer. Präsident der Israel. Konsistoriums des Ober-Elsaß, wurde in der letzten Stadtratssitzung zum Sparkassenvorstand gewählt. Rattbor. Ein Seitenstück zu der aus Köln gemeldeten Ernennung eines getauften Juden zum Reichsgerichtsrat bildet die Auszeichnung, die ein hiesiger Jurist, der Staatsanwalt C o r w e g h durch seine Berufung nach Berlin erfahren hat. Der preußische Staat reihte ihn, als er noch Cohn hieß und Jude war, nicht in jene bevorzugte Beamtenkategorie ein. Mit dem Augenblicke jedoch, da' er den Nanien Cohn ablegte und nach der Taufe sich Corwegh nennen durfte, stand weder seiner Ernennung zum Staatsanwalt noch seiner Wahl zum Reserveoffizier etwas im Wege. London. Nathan Salomon Joseph, der Schwager des Chief-Rabbi, ist im Alter von 74 Jahren verschieden. Joseph hat als Architekt eine Anzahl öffentliche Bauten, darunter mehrere der Londoner Synagogen, ausgeführt. An dem jüdischen Leben Englands nahm er seit 50 Jahren den regsten aktiven Anteil. — Im 70. Lebensjahre verschied Abraham Rosenfeld, Seniorchef der Weltfirma Lazarus and Rosenfeld. Rosenfeld war aus Sommerhausen in Bayern gebürtig. In verschiedenen jüd. Organisationen Londons hat er sich in leitender Stelle betätigt. - Paris. Dr. Anselme Schwartz, Schwiegersohn des Rabbiners Debre und Bruder des Brüsseler Oberrabbiners, ist zum Obcrchirurgen der hiesen Spitäler ernannt worden. Rew-Aork. Jacob Gordin, der hervorragende jüdische Dramendichter, ist von seinem langen schweren Leiden erlöst worben. Gordin, der 1853 im Poltawaer Gouvernement geboren wuroe, ioar bis 1880, in.welchem Jahre er als Anhänger der Tolstoi'schen ethischen Richtung Rußland verlassen mußte, nur der russischen Sprache mächtig. In Amerika angekommen, erfolgte eine vollständige Umwandlung in seinem Wesen; er widmete sich fortan nur den jüdischen Volksmassen und schrieb nur im Jargon. — Die Newyorker Judenheit hat dieser Tage außerdem zwei angesehene Mitglieder verloren: Henry Wolfsohn, der bedeutendste hiesige Konzert- Unternehmer, und Albert Fricdlandcr, Mitglied der Handelskammer und Direktor der Erziehungs-Allianz. — Bertha Pappenheim- Frankfurt a. M., die deutsche Delegierte auf dem Internationalen Fräuenkongreß in Toronto (Kanada), weilt hier und studiert die von Frauen geleiteten jüdischen Wohltätigkeits -Anstalten. Die Tochter des Kardinals. Historische Erzählung von Friedrich Rott. (Fortsetzung). Der Baron rang sichtlich nach Mäßigung, er hätte die geplante Verbindung seiner Tochter mit dem reichsten Kavalier des Landes gar zu ungern in die Brüche gehen sehen. „Ueberlege, was Du tust, Arnulf, Mia war die Lieblingsnichte Deiner Mutter, urü> im Trauerjahr ihre Lieblingsnichte heimführen, das kann kein sinniger Mensch als Mangel an Pietät bezeichnen." Der junge Mann wechselte wiederholt die Farbe: zögernd, doch mit Bestimmtheit, erklärte er, noch vor dem Leichenschmaus habe er sich's gelobt, in diesem Jahr kein Freudenfest zu begehen. Der Baron brach in ein grelles Gelächter aus. „Das hat die Judendirne Dir eingeblasen! Die Teufelsbrut! Die verfluchte Judendirne, der Henker soll sie holen!" — ,FDheim!" schrie Arnulf „ich verbitte mir eine solche Sprache! In meinem Hause dulde ich das nicht!" Abermals lachte der Baron grell auf. „Seb mir einer den Buben an, ist noch nicht trocken hinter den Ohren und will seiner Mutter Bruder verbieten, was er reden will! — Willst mir am Ende nicht auch Dein Haus verbieten?" „Ja! ja! — Wenn Du nicht uufhörst, das Mädchen zu beschimpfen, das meine Mutter so zärtlich geliebt hat, dann verbiete ich Dir mein Haus! — Dann rufe ich meine Leute und lasse Dich die Stiegen hinunter werfen!" Das war zu viel, das konnte sich Baron Holms nicht bieten lassen. Er schäumte vor Wut. die Sprache drohte ihm zu versagen, nur mühsam brachte er die Worte hervor: „Unverschämter Hund! — der Teufel soll Dich holen! — mit Mia ist's aus — heirate Deine Jüdin! —" „Danke für den guten Rat, bester Oheim," versetzte Arnulf, „bisher habe ich daran noch nicht gedacht, aber ich werde 's überlegen und werde nicht verfehlen. Dich zu meiner Hochzeit zu laden." Ein gräulicher Fluch war die Antwort des alten Herrn, fluchend verließ er das Zimmer, donnernd log die Tür in's Schloß. Tief aufatmend blickte Arnulf dein sich Enternenden nach. — Sein Zorn war urplötzlich verlogen. — Seltsam! seltsam! — Was hatte denn sein Onkel gesagt, daß ihm urplötzlich so wohlig geworden war? — Und wie das Herz ihm pochte, so rasch, so überlaut. — Seltsam war es in der Tat, seit Wochen war er sich darüber klar, daß das junge Mädchen einen unauslöschlichen Eindruck auf ihn gemacht hatte, daß er sie liebte mit aller Macht der ersten reinen Liebe, daß er aus öder Steppe oder auf fernem Eiland mit ihr allein sich überglücklich geschätzt haben würde, — und dennoch war es ihm nie in den Sinn gekommen, baß er sie heiraten könne. — Erst sein Onkel in seiner Wut hatte ihm diese Möglichkeit gezeigt, — freilich, indem er sie als Unmöglichkeit betrachtete. — Und allerdings, so sehr leicht war die Sache nicht, denn nicht nur, daß sie nicht von Adel war, sie war nicht einmal Christin, sie war Jüdin. Letzteres Hindernis ließ sich jedoch unschwer beseitigen, einige Tropfen Wasser aus ihr liebliches Haupt, und sie war Christin. — Und wozu hatte er denn sein kolossales Vermögen, wenn nicht um sich sein Leben erst lebenswert zu machen? — Und darüber war er sich klar, ohne Tirza war das Leben nicht des Lebens wert. — Koste es was es wolle und wenn sein halbes Vermögen drauf gehen sollte, für sie war ihm kein Opfer zu schwer. — Und es war bekannt, der Landesherr war nicht selten in Geldverlegenheit, um sich daraus zu befreien, war er zu allem bereit — warum hätte er nicht auch eine getaufte Jüdin zur Baronesse erheben sollen? Abermals atmete der junge Graf tief auf, während ein glückliches Lächeln seine Lippen umspielte. Wie war er seinem Onkel so dankbar, würde er ihni doch das Glück seines Lebens zu verdanken haben! — Es war nur die eine Frage, ob Tirza.einwilligen würde, zu seinem Glauben überzutreten, um die Seine zu werden. — Wenn sie ihn liebte, wie er sie liebte, dann konnte das — seiner Ansicht nach — keine Frage sein. — Aber ob sie ihn liebte? — Sie war allerdings immer freundlich zu ihm, und er zweifelte nicht, daß ihr seine Besuche stets willkommen waren, — und trotzdem: er konnte sich über die Hauptfrage nicht klar werden. Am liebsten wäre er jetzt sofort hinuntergeeilt in die Jubengasse zu der so heiß Geliebten, um sich über ihre Gesinnungen ihm gegenüber zu vergewissern. — Aber zu dieser Zeit in den Vormittagsstunden war ihr Vater schwerlich daheim, und ob sie ihn in dessen Abwesenheit gern empfangen würde? — Rein, nein, er mußte sich gedulden, mußte warten bis zu seiner gewohnten Besuchszeit, bis zum Abend. — Der Mond schwebte silbern am Firmament zwischen leichten flockigen Wolken, und hoch dariiber, doch für das Auge scheinbar nahe, funkelten zahllose Sterne in wunderbarer Pracht, als Graf Arnulf die Wohnung des Arztes erreicht hatte und die Tür zu dem traulich erhellten, mild durchwärmten Wohnzimmer öffnete. „Seid willkommen, Herr Gras, heute habe ich Euren Besuch mit ganz.besonderer Ungeduld erwartet» denn ich habe wieder einmal eine große Bitte an Euch." „Wenn es in meiner Macht steht, Eure Bitte zu erfüllen, so betrachtet dieselbe als geivährt; ich weiß, Ihr befürwortet nichts, was nicht der Befürwortung wert wäre." „Das ist selbstverständlich, bevor ich mich nicht von dem Wert einer Angelegenheit oder der Würdigkeit der Persönlichkeit überzeugt habe, darf ich nicht die Hochherzigkeit eines anderen dafür in Anspruch nehmen. Aber hier handelt es sich um eine in Wirklichkeit würdige Familie. Wie Ihr wisset, ist der Roßbachmüller vor einigen Wochen beim Hochwasser verunglückt und seine Frau liegt schwer krank danieder — wird den Frühling schwerlich erleben —, und nun die fünf Kinder, eines immer kleiner als das andere —" Ein Klopsen an der Tür unterbrach ihn, ein Bote rief den Arzt eiligst zu eüiem Verunglückten. Rasch zog Rabbi Jizchak seinen Oberrock über, drückte die Pelzkappe in die Stirn und steckte sein Verbandzeug und alles dazu Gehörige in die Tasche. „Ihr müßt entschuldigen, Herr Gras, ich mutz fort. — Aber Tirza, Du kennst die Angelegenheit so gut wie ich, teile dem Herrn Grafen alles eingehend mit, auch meine diesbezügliche Bitte —" „Sorge nicht Väterchen, ich weiß genau, um was Du den Grafen ersuchen wolltest." „Dann ist's gut. Gott. befohlen, Herr Graf! Auf Wiedersehn, Kleine!" — Auf einen Augenblick ging er in die Küche, inn den alten Diener während seiner Abwesenheit in's Wohnzimnier zu beordern; dann eilte er fort. Kopfschüttelnd sah ihm Graf Arnulf nach. „Ein so vielbeschäftigter Arzt wie Euer Vater hat doch eigentlich gar kein Leben; zu jeder Zeit, Tag und Nacht, muß er allen Menschen zu Diensten sein." „Das ist meines Vaters eigentliches Leben," erwiderte Tirza lächelnd, „ich glaube, er würde sich sehr unglücklich fühlen, wenn er nicht unablässig Menschen helfen könnte. 'Doch nun gestattet, daß ich die Angelegenheit weiter mitteile." „Redet! ich bin ganz Ohr." Doch Tirza schien es keineswegs, als ob er ihren Worten ein ausincrksames Gehör schenke, sie glaubte ihn eher der Unaufmerksamkeit zeihen zu müssen; doch als sie geendet hatte, erklärte er sich gern bereit, den Wunsch ihres Vaters zu ersüllcu. „Ich danke Euch, Herr Graf! — Ihr seid hier; aber Eure Gedanken scheinen ganz anderwärts zu sein." Der Graf atmete tief auf und fuhr sich mit der and über die Stirn. „Der Schein trügt, meine edauken sind nicht nur jetzt hier, sondern weilten während des ganzen Tages hier in diesem Zimmer, hier bei Euch." „Das hätte ich nicht gedacht, denn Ivenn —" „Gestattet, daß ich Euch meine Gedanken des heutigen Tages mittcile. Ich hatte schon des Vormittags eine sehr erregte Unterredung mit meinem Oheim, dem Baron Holms, der au meinem Lebenswandel verschiedenes auszusetzen sich erlaubte und mich jetzt, so kurz nach dem Ableben meiner gottseligen Mutter, zu einer Verbindung mit meiner Kusine drängen wollte." „Verzeihung, Herr Graf, daß ich Euch unterbreche. Ich erinnere mich, von Eurer gottseligen Frau Mutter gehört zu haben, daß Ihr Eure Kusine heiraten werdet; da kann es doch nicht gegen die kindliche Ehrfurcht und Liebe verstoßen, wenn Ihr Euch jetzt mit ihr verbindet." Ein schwerer Seufzer, es war beinahe ein Aechzen, entrang sich der Brust des Grafen. „Und das saget Ihr mir, Tirza! — Ist es Euch denn so ganz gteichgiltig, wenn ich mich verloben würde?" „Nein, gewiß nicht; — es würde mich sehr, sehr freuen." „Herr Gott im Himinel!" rief Arnulf, indeni er sich mit der Faust gegen die Stirn schlug, „wie man sich irren kann!" Das junge Mädchen blickte verständnislos zu ihm hinüber. „Was habt Ihr, Graf Arnulf? worin habt Ihr Euch geirrt?" „Darin, daß ich mir eingeredet habe, Ihr wäret mir gut — ich meine, so recht von Herzen gut." „Darin habt Ihr Euch keineswegs geirrt, Herr Graf, ich bin Euch gut — bin Euch sehr, sehr gut." „Und würdet Euch trotzdem freuen, wenn ich mich mit meiner Kusine verloben würde?" „Nicht trotzdem, sondern gerade deshalb, tvcil ich Euch gut bin." Er schüttelte unmutig den Kopf. „Ich bin auch Euch gut, Tirza, bin Euch sehr, sehr gut. — Aber wenn ich hören Ivürde, daß Ihr Euch mit einem andern verlobt habt — Herr Gott im Himmel! — Ich glaube, ich würde Eurem Verlobten ein scharfes Messer in die Brust stoßen." , „Gerechter Gott! Herr Graf, wie könnt Ihr so reden! — Nein, so böse könnte Ihr unmöglich sein! — Uebrigens fürchte ich auch nicht, daß es dazu je kommen könnte, denn ich werde mich nie verloben." „Ihr werdet Euch nie verloben? — warum nicht?" „Weil ich nie heiraten werde." „Wie könnt Ihr das wissen? Alle Mädchen heiraten, namentlich bei Eurem Volk. Und lveun ein schöner junger Manu kommen und um Eure Hand bitten Ivird, da werdet Ihr sie ihm geben, das weiß ich gewiß." (Fortsetzung folgt.) . Halber Friedrich ||aelle , - Offenbach a. M. —— Gegen Gicht nnd Rheumatismus bewährt. -ms Bai Hanüurg, Pension mm -ms mitDep. Prinzenhof. Prospekt gratis. Max Hecht.