Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 24 (25.6.1909)
- Date
- 1909-06-25
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nc 24 ragender jüdischer Intelligenz, Humanitären Sinnes »nd sozialen Verständnisses leuchtet ans den Blättern' seiner Geschichte. Schon unter der Leitung des ersten Vorsitzenden Moritz Kohner's wurden die Fragen geordneten Religionsunterrichtes, der Ausbildung der jüdischen Religionslehrer, deren materielle Bessernnd Sicherstellung, die Fragen des Armenwescns, der Wanderbettelei, der Zuführung der Juden zum Handwerk, ja sogar das Stellenvermittelungswesen und die Eröffnung von Erirerbsmöglichkeitcn für jüdische unbemittelte Frauen und Jungfrauen (durch die Begründung der Darlehenskajse für solche in Leipzig [1873]; und vor allem die Unterstützung leistungsschwacher Gemeinden in das Arbeitsgebiet des Deutsch - Israel. Gemeindebundes eingezcichnet. Schon das erste Gemeindestatut von Dr. Hon igln a n n - Breslau, das auf dem konstituierenden Gemeindctage nach dreitägiger Beratung am ersten Juli 1869 zur Annahme gelangte, stellte den noch heute geltenden Grundsatz ans, daß alle Fragen parteireligiösen Charakters nicht in den Aufgabenkreis des Gcmeindebundes hineingehören. Seine größere erste Aktion, die freilich den Schützern der Gewissensfreiheit nicht die Sympathie erwarb, war die lebhafte Agitation, die er gegen die Durchsetzung des von Eduard Lasker angeregten Austrittsgesetzes von 1876 entfalteteaber man sollte nicht vergessen, daß die Motive hierzu nicht Machtgelüste waren, sondern die ehrliche Sorge uni die Einheit des Jndentnms. Man befürchtete damals, daß die Folge des Austritlsgesetzes eine Zerstörung jeglichen Gcmeindelebens, die Auslösung zahlloser Gemeinden sein würde. Die spätere Zeit hat gelehrt, daß diese Befürchtniigen grundlos waren. Der Gedanke, daß die Organisation der Einzelkräfte ein dringendes Zeitcrfordernis sei — für die deutsche Judenhcit und die jüdischen Gemeinden noch mehr, als für andere Bcvölkernngsgruppen — hatte aber in den Köpfen unserer Glaubensgenossen noch nicht so tiefe Wurzeln geschlagen, daß eine schnellere Entwirkelnng zur Blüte des Deutsch-Israel. Gemeindebundes herbeigesührt werden konnte, und so stand er, als Moritz K o h - ner am 21. März 1877 seine Angen schloß, vor seiner Auflösung. Ein Versuch, den Sitz nach Berlin zu verlegen, scheiterte an der ablehnende» Haltung der Berliner. Aber jene Männer, die den Bund ins Leben gerufen hatten, hingen zu sehr an ihrem Werke. Damals gehörten dem Gemeindebunde nur noch 25 Gemeinden an. 'Am 19. September 1877 trat man zn einem außerordentlichen Gemcindetage zusammen und beschloß die Fortführung des Werkes. N a ch o d wurde zum Vorsitzenden gewählt, die Ausdehnung des Bundes, im Gegensatz zum ersten Statut, das auch die deutsch-ö st er r e i ch is ch e n Gemeinden zuließ, ans die r e i ch s d e u t - s ch e n Gemeinden beschränkt und mit allem Eifer an die Reorganisation des Bundes herangetreten. Mer schon nach wenigen Jahren mußte, da die sächsische Regierung die notwendige Erteilung der Korporatiousrechte ablehnte, der Sitz nach Berlin verlegt werden. Diese Uebersiedelnng nach Berlin, die am 21. Februar 1882 erfolgte, bedeutet einen Wendepunkt in der Geschichte des Gemeindebundes. Insbesondere, als Dr. Samuel Kristeiler nach dem Tode Nachods am 11. April 1882 das Präsidium übernahni, ging es mit der Entwickelung voran. Der Abschluß des Vertrages mit der „Viktoria", durch den die Zeutralversicherungskasse für jüdische Gemeindebeamte ihre segensreiche Tätigkeit beginnen konnte, hatte dem Gemeindebunde eine finanzielle Quelle erschlossen, aus der ihm heute nicht weniger als etwa 40 000 Jk jährlich zufließen. Daneben schuf Kristeller eine ganze Reihe von Institutionen für jüdische Handwerker, für wissenschaftliche Forschungen; unter seineni Präsidium erstand die Gemeindebibliothek, das statistische Jahrbuch und vor allem die Gemeindcunterstütznngskommission zur Errichtung und Erhaltung des Religionsunterrichtes in bedürftigen Genicinden. Daneben hatte in jenen Tagen, im ganzen ersten Vierteljahrhundert feines Bestandes, der Gcmeindebund auch die Hauptaufgaben in sein Arbeitsgebiet ausgenommen, welche heute vom „Zentralverein", vom „Verband der Deutschen Inden" und auch vom „Hilssverein der Deutschen Juden" — in natürlich intensiverem Maße — übernommen sind. Er betrieb sehr energisch die Bekämpfung des Antisemitismus, wirkte für die faktische Durchsetzung der vollen staatsbürgerlichen Gleichberechtigung der Juden, unterstützte die russischen Flüchtlinge, die die grausamen Verfolgungen aus ihrem Vaterlande vertrieben. Immerhin hatte er ein Gebiet nicht beackert, das so sehr dem Geiste unserer Zeit entspräche. Das sozialpolitische Moment und eine großzügige, zielbewußte und systematische Kleinarbeit fehlte bis zu jenem Tage, als der derzeitige Vorsitzende Professor Philippsvn nach dem Rücktritt Kristellers an die Spitze des Gemeindebundes trat. Unter ihm arbeitet die Berwaltungsmaschine auf all den weiten Gebieten in mustergiltiger Weise. Unter ihm erstand die Arbeiterkolonie in Weißensee, traten die Fürsorge - Anstalten für Knaben und Mädchen in Repzin und Plötzensee und die Erziehungs-Anstalt für geistig zurückgebliebene Kinder in Beelitz ins Leben. Das Gesamtarchiv der deut¬ Frankfurter Israelitisches FamilieEatt. scheu Juden, die religiöse Fürsorge der jüdischen Strafgefangenen sind die Werke der neuen Zeit. So zeigt eine Unsumme jüdischer Schasfenskrast, jüdischen Wohltuens, jüdischen Könnens die Entwickelung des Deutsch-Israel. Gemeindebundes. Karlsruhe. Wie bereits s. Zt. mitgeteilt, war das Kind des Kaufmann Marschall auf Anordnung desStadtrabbinatsdurch einenSchntzmann dem Religionsunterricht zuge - f ü h r t worden. — Heute hatte sich nun das Schöffengericht mit der Angelegenheit zu beschäftigen. Rechtsanwalt Dr. K a n d e r? Pforzheim hatte die Vertretung Marschall's übernommen. Er geißelte in seinem Plaidoyer das Verhalten des Oberrates der Israeliten, der in den Fällen Kayser und Marschall den schärfsten Gewissenszwang ausübte, weil es sich hier um Angehörige der orthodoxen Richtung handelte. Ganz anders sei das Verhalten des Oberrates, wenn Angehörige der sogenannten liberalen Richtung mit Dispcnsgesuchen bezüglich des Religionsunterrichtes an ihn herantreten. So sei es notorisch, daß der Oberrat entgegen seiner eigenen Bestimmung vom 18. Februar 1881, die das Hebräische als intvegrirenden Teil des Religionsunterrichtes festsetzt, erst jüngst in Pforzheim Dispens von diesem Unterricht erteilte. Ferner seien in Mannheim, Pforzheim, Freiburg und Karlsruhe einer ganzen Anzahl Familienväter, die ihre Kinder überhaupt ohne R e l i g i o u s u u t e r i ch t zu lassen wünschen, auch hierzu der erforderliche Dispens erteilt worden. Wie komme also der Oberrat dazu, in diesem Falle in solcher Weise vorzugehen, und ein Kind durch den Schutzmann zur Schule holen zu lassen? Allerdings stehe der Oberrat jetzt auf dem Standpunkt: der Religionsunterricht der hiesigen Religionsgesellschaft ist vollwertig, so lange cs sich um Kinder handelt, deren Eltern aus der Landessynagoge ausgeschieden sind; er ist aber nicht vollivertig für Kinder, deren Eltern noch der Landessynagoge angehören. Es sei dies ein Standpunkt, der logisch und juristisch gleich ungerechtfertigt ist. Es sei daher der Angeklagte freizusprechen, der lediglich, um einem Gewissenszwang zn entgehen, sein Kind in einen Religionsunterricht gesendet habe, der seinen eigenen Anschauungen entspricht. Die Berechtigung hierzu leite sich aus § 19 der Badischen Verfassung her, der jedem Staatsbürger volle Gewissensfreiheit garantiere. Das Gericht kam nach kurzer Beratung zur Verurteilung des Angeklagten zu einer Geldstrafe von 3 Mark. In den Urteilsgründen wird angeführt, daß von einem Eintreten in die Sache selbst abgesehen werden müsse. Das Gericht konnte lediglich die formale Seite prüfen. Ein Dispens lag nicht vor; ob ein solcher mit Recht oder Unrecht verweigert worden ist, entziehe sich der Nachprüfung des Gerichts. Der Angeklagte wird sich bei dieser Entscheidung nicht beruhigen, sondern Berufung einleg e n. Oesterreich-Ungarn. Wien. Die Bibliothek der israel. Kultusgemeinde hat durch die Großherzigkeit des Herrn Salo Cohn einen Teil der sehr wertvollen Bibliothek des Rabb. N. B. Friedmann s. A.- Sadagora erhalten. Herr Cohn hatte bereits vor einigen Jahren die gleichfalls sehr wertvolle Halberstamm'sche Bibliothek der israel. Kultusgemeinde gewidmet. Budapest. Für das aus den Zinsen von 2 Millionen Kronen der Freystädtler-, Wahrmann- und Taubschcn Stiftungen, sowie der Subvention der hiesigen israel. Kultusgemeinde zu errichtende und zu unterhaltende j ü d. Gymnasium sind die Vorarbeiten im Schwünge. Das zur Oberaufsicht der Schule bestimmte Kuratorium hat sich dieser Tage konstituiert. Es bildeten sich ferner eine Studienkommission unter Präsidium Oberrabbiners Dr. S. Kohn, die demnächst mit Anträgen bezüglich des Lehrplans hervoctretcn soll, und eine wirtschaftliche Kommission, deren Präses der Vorsteher der israel. Kultusgemeinde Dr. F. Weinmann ist: — Welcher Geist in diese Schule einziehen wird, das wird sich erst bei Erwählung der leitenden und unterrichtenden Persönlichkeiten zeigen. t. Graz. Der Rektor der Universität hat die Kassierung sämtlicher Ankündigungstafeln — mit Ausnahme jener der volkswirtschaftlichen und Humanitären Vereine — verfügt. Den Anlaß zu dieser Maßregel bot die von unbekannter Hand erfolgte Beschädigung der Ankündigungstafeln der jüdisch-nationalen Verbindung „C h a r i t a s". Prag. Eine lehrreiche Geschichte. wie Ritualmordbeschuldigungen entstehen, bietet folgender Fall: Der Eisenbahnstationsvorsteher Karl Sput in Wlastetz, dessen Station einsam im Walde liegt, lebt seit einem Ueberfall von Zigeunern zu nächtlicher Stunde in steter Aufregung. Ani 7. dss. erhielt der jüd. Geschäftsmann Ludwig König durch Vermittlung der Station ein Telegramm, in welchem es hieß, „er möge um den Leite 3. Knaben kommen." Der Vorsteher legte sich nun das Telegramm so aus, daß König, der keine Kinder hat, wahrscheinlich um einen Knaben fahren werde,, der in Topieletz verschwunden war, und er forschte der Sache nach. Herr König fuhr am 8. dss. nach Prag, um aus dem Franz Josef- Kinderspital ein Söhnchen seiner Schwester zu dieser heimzuholen. Auf dem Rückwege machte er in Piseck Einkäufe, u. a. Fleisch und Gemüse, und das Paket, in welchem sich die eingekauften Sachen sowie einige Kleider des Knaben seiner Schwester befanden, deponierte er auf der Heimreise nach seinem Wohnorte Oslow in der Bahnstation Wlastetz, von wo er sie ans Oslow abholen lassen wollte. Der Stationsvorsteher durchsuchte das Paket, fand Knabenkleider mit Blutflecken darin — die Blutflecken rührten von dem im Pakete befindlichen Fleische her — und erstattete Anzeige bei der Gendarmerie. Es wurde eine Untersuchung eingeleitet, und am 11. dss. erschien eine Gerichtskoniniission aus Pisek in Wlastetz. Es wurden zahlreiche Zeugen vernommen. Die Untersuchung ergab schließlich, daß die ganze Angelegenheit, wie schon eingangs erwähnt, nichts anderes als ein Phantasiegebilde des Stationschefs war. Herr König erstattete daraufhin die Strafanzeige gegen den Stationsvorstand wegen des Verbrechens der Verleumdung. Im Verlaufe der Untersuchung über diese Anzeige sagten die Zeugen aus, daß der Stationsvorsteher an Verfolgungswahn leide; daraufhin wurde, wie „Rar. Pol." berichtet, die Untersuchung wegen des Verbrechens der Verleumdung eingestellt. Rumänien. Jassy. Sämtliche jüdische Weingarten- Pächter aus den benachbarten Gemeinden wurden aufgefordert, sofort die Gegend zu verlassen, obwohl sie schon seit 30 und mehr Jahren ansässig sind. Diese Aufforderung wird dadurch begründet, daß den Juden der Aufenthalt in den Dorfgemeinde» verboten' ist. Es herrscht große Panik unter den Betroffenen, die ihr ganzes Hab und Gut in Gefahr sehen. Ein Rekurs an die oberen Behörden hat jedoch nichts genützt; es wurde geantwortet, daß dies eine Angelegenheit der Dorfgemeinden sei. Jerusalem. Im Mai wurden in der Poliklinik des Vereins Lemaan Zion behandelt: 991 diverse Kranke, 1422 Augenkranke. An durch Genickstarre Erkrankten wurden 110 Jmpftmgen ausgesührt. Die Llpotheke verfertigte 1442 Rezepte. Seit dem 1. Juni hat der Chefarzt der Augenklinik, Herr Dr. Erlanger, wiederum seine Tätigkeit begonnen. Trotzdem seine Ankunft geheimgehalten war, mußte er bereits am 1. Tage 120 Behandlungen vornehmen, und mehr als die doppelte Zahl mußte an diesem Tage abgewiesen werden. Der Neubau bei ter Klinik ist fertiggestellt und mit den notwendigen Einrichtungsgegenständen gut versehen. Die Zisterne enthält genügend Wasser für 4 Monate bei einer voraussichtlichen Krankenzahl von 25—30 Internen und 2—300 täglich ambulatorisch Behandelten. Es ist auch für gutes Wasser für spätere Zeit gesorgt. Alle Räume der Augenheilanstalt sind frisch getüncht und gestrichen und die Wasserleitung wiederum in Stand gesetzt. Personalien. Frankfurt a. M. Vorige Woche verschied hier 76 Jahre alt Frau Fanni Kahn geb. Flörsheim, Witwe des vor 2 Jahren verstorbenen Herrn Nathan Kahn und ehemalige Handarbeitslehrerin (u. a. an dem gewesenen Pensionat Neubürger der Eltern des Sanitätsrats Dr. Neubürger). Von wahrhaft jüdischem Geiste beseelt, war diese Frau von einer rührenden Einfachheit und Selbstlosigkeit. Ihre heitere Seelenruhe verließ sie niemals, und für jedermann hatte sie ein freundliches, gewinnendes Lächeln und — wenn nötig — ausgiebige materielle Unterstützung. Die Beteiligung an ihrem letzten Geleite bewies, daß man die Tugenden dieser ehrwürdigen Frau in weiten Kreisen wohl zu schätzen wußte. Pappenheim. Berlin. Dr. Max Levy-Dorn, Vertreter des Röntgen-Instituts im Virchow - Krankenhaus, erhielt den Charakter als Professor. Rödelheim. Am 19. Juni feierte Herr Sieg, mund Jonas seinen 70. Geburtstag. Der Jubilar, der noch sehr rüstig ist, ist bereits 58 Jahre ununterbrochen in der altrenomierten hebräischen Buchdruckerei von M. Lehrberger u. Co. (Inhaber: Ignatz Kaufmann, Frankftirt) tätig, arbeitet heute noch mit bewunderungswürdiger Gewissenhaftigkeit und Tüchtigkeit in seinem Berufe und ist bei Chef und Kollegen sehr beliebt. Mannheim. Der spanische Konsul a. D. Heinrich Nauen, früherer Seniorchef der Eisenhandlung A. Nauen sen. und langjähriges Mitglied des Synagogenrates, ist im Alter von 65 Jahren gestorben. Nauen, der allgemein die höchste Achtung genoß, besaß nicht weniger als 12 Orden.