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Neue jüdische Presse · 1909-06-25 · Heft 24 (25.6.1909) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 24 (25.6.1909)
Date
1909-06-25
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 begeht, nicht würdig ist, als religiöser Führer seiner Gemeinde zu gelten ... Er wird materiell entschädigt, aber vom Rabbinatssitz gewiesen. Nun ' kommt der ministerielle Poltergeist und bringt die diabolische Entscheidung, daß der Mann als Rabbiner wohl disqualifiziert, die Gemeinde aber gehalten sei, ihn als ewigen Matrikelführer in Amt und Würden, in Not und Brot zu halten, ansonsten" — — — Und dies dem regierungstreuen Stim—material, das durch ' die Bank ministeriell gesinnt ist und selbst im Schlaf noch die jeweilige Regierung hochleben läßt! Mit den Juden von der linken Seite, die sich manches Mal erkühnen. „in Politice" anderer Meinung als der gerade begünstigte Regierungschef zu sein, wird einfach Kegel geschoben. Ihnen vis-ä-vis geht die Willkür so weit, daß ihr offizielles Organ, Egjenlösij 20—21, den Aufruf bringt, es auf den letzten Kulturkampf, auf Tod und Leben ankommen zu lassen. ,,Ueberzeugen wir uns, ob man unsere Synagogen schließen, die Mikwos verstopfen und die Fleischbänke versiegeln wird!" Ihnen werden Statuten aufgezwungen, die ihre „jüdische" Existenz einfach unmöglich machen! Und trotz all dem ist die Ernüchterung bei diesem „Extra-doppeltstarken-Patrioten-Judentum" nicht cingetreten. Für Homona ging der chauvinistische Dusel so weit, daß man aus patriotischen Bedenken all jenen das Stimmrecht in der jüd. Gemeinde entzogen hat, die nicht autochtone Magyaren reinsten Kalibers sind. Nach Kaschau ist dies das zweite verwegene Kosakenstückchen dieser Art. Daß die berufenen Kreise mit der Verleihung solcher zweifelhafter Autonomien nicht kargen müssen, ist so natürlich, wie unnatürlich der Wunsch der orthodoxen Zenkralleitung: eine zweite orthodoxe Konfession mit allen Rechten und Pflichten zu organisieren. Im offiziellen Organ wird diese Idee mft Nachdruck und Sperrschrift propagiert. „Wie in Galantha sollen überall zwei 'orthodoxe Synagogen, ztvei orthodoxe Rabbonim, zwei orthodoxe Fleischausschrottstellen und zwei orthodoxe Friedhöfe ermöglicht werden." Das ist der Weisheit letzter Stuß! In knapper Formel ausgedrückt: Bor lauter Autonomisierung steht das ungarische Judentum vor der Atomisierung! Zioni. Eine Versammlung von Gesetzestreue« iu Naher«. Eine stattliche Anzahl von Gesetzestreuen hatten sich am 13. Juni im Hotel Goldschmidt in Würzburg eingefunden. Die Freude des Vorsitzenden darüber war berechtigt. Ein volles Haus wartete mit Sehnsucht auf die schauspielerischen Darstellungen. Das ist eigentlich ein böses Wort. Oder auch nicht. Es waren dramatische Szenen, die sich da vor den Augen der Nichteingeweihten abspiellen. Szenen von hohem sittlichen Ernst, Szenen, die Spannung auslösten. Eine epochale Tat. Wohl zum ersten Male wurde das Gesamtjudentwn Bayerns eingeladen, selbstbestimmend seine zukünftige Gestaltung zu entscheiden. Kein Feuilleton, keine bloße Bekanntgabe von Vormündern, — im richtigen parlamentarischen Kampfe, vor aller Oessentlichkeit, mit allen parlamentarischen Triks wurde da um ein Ideal gekämpft und Beschlüsse von epochaler Bedeutung gezeitigt. Ob die Schöpfer der Versammlung ihr Werk nicht bereuen? Ob sie dieses Experiment nochmals wiürerholen würden? Die „Laienwelt" stand in ihrer überwältigenden Majorität nicht hinter ihren Führern, den Rabbinern. Aber diese haben zum größten Teile eingeschwenkt. Wer hat denn dieses öminöse und unjüdische Wort von einem Gegensatz zwischen Laien und Rabbinern geprägt? Auf der Versammlung haben nur Rabbiner und zwar nicht im ironischen Sinne von Laien gesprochen. Das Ergebnis vom 13. Juni war eine Quittung für diese Auffassung. Die Laien waren klüger als die Rabbiner. Die Stimmung und die Abstimmung hat gezeigt, daß die „Laien" wissen, was ihnen und was dem Rabbiner zukommt. Heimberger, .der anerkannte Kenner des jüdischen Kirchenrechts, hat es juristisch formuliert: „Die Israeliten kennen keine Vorsteherschaft des Rabbiners; der Rabbiner ist ihnen nur ein Gelehrter, der im Dienste der Gemeinde, nicht aber an deren Spitze steht." Das ist deutlich. Nichtsdestoweniger hoben alle Versammlungsteilnehmer, auch die schärfiten Opponenten, es nicht an der natür¬ Frankftcrter MraelitWes Fmnüienblatt. lichen Hochachtung vor Talmide Chachomim fehlen lassen. Das erhöhte den Ernst ihres Standpunktes und gab der ganzen Versammlung ein einheitliches Fundament, das Fundament der Thora und Jiroh. Die Versammlung hat nach langen Verhandlungen und be' geschicktem Gebrauch parlamentarischer Sitten das Gegenteil von dem beschlossen, was sie nach der Meinung der Maßgebenden unter den Einberufern beschließen sollte. Man kann mit diesem Ergebnis im allgemeinen zuftieden sein. Die Revision d>es Judcnedikts aus orthodoxer Grundlage in Verbindung mit einer Centralkasse war der fast einstimmig gefaßte Beschluß der illustren Versammlung. Damit sind die Trümpfe für die Groß- und auch für die Kleingemeinden gekennzeichnet. Eine Organisation der Landgemeinden ist nun notwendig. Ihre Parole muß sein — Revision gegen Centralkasse; ohne Centralkasse keine Revision. Landgemeinden! — Vereinigt euch zur geschlossenen Willensstärkung und Willenskundgebung euerer Ansprüche! Der Landesverein ist nicht euer Waisenvater. Er .behandelt euch nur vom Standpunkte des Wohltäters. Die Zusammensetzung seiner Verwaltung bietet keine Gewähr für Verständnis eurer Lage, seine Verhandlungen und insbesondere seine Kommissionssitzungen finden hinter verschlossenen Türen statt. Diese Geheimtuerei kennzeichnet die Geringschätzung der öffentlichen Kritik und die Minderwertigkeit des Urteils aller jener, welche nicht Justiz- oder Kommerzienräte sind. Eine kleine aber wichtige Episode auf der Versammlung vom 13. Juni in Würzburg ist ein interessanter Scheinwerfer für die geheime Kommisfionssitzung des Landesvereins vom 10. Juni in Nürnberg. Das war u. W. die erste Kommissionssitzung des Landesvcreins für die Revision des Judenedikts. Zwei Münchner Juristen, ein Juflizrat und ein gewöhnlicher Rechtsanwalt, hatten in Form von Grundlagen Referate vorgelegt. Die Kommissionsmitglieder wurden zur Diskretion verpflichtet. Echt landesvereinlich. Aber Dr. K o h n-Ansbach enthüllte. Aus die einfachste Weise. Er erllärt in der 'Versammlung vom 13. Juni schien Austritt aus der Kommission vom 10. Juni — und enthüllte. Wir wissen nicht und ahnen es nicht, welche politische Mittel Herr Dr.' K o h n - Ansbach fernerhin noch für gut findet zur Verhinderung des Revisionswerkes. Herr Dr. Kohn hat immerhin durch seine, Enthüllungen den Dank der Oeffentlichkeit verdient. Wir haben ja von jeher tvor dieser Geheimtuerei gewarnt; wir ahnten, was vorgeht. Doch wir bitten Sie, Herr Dr. Kohn, enthüllen Sie weiter, enthüllen Sie alles. Sie können da manchen Fehler gut machen, den ^Sie mitverschuldet haben. Sind doch am 13. Juni sogar Ihre Amtsbrüder, Ihre Kampfgenossen, von Ihnen abgerückt, nnd das vor versammelter Mannschaft. Das war doch Verrat! In den: Augenblick, als Ihr Freund Dr. Stein, Rabbiner zu Schweinfurt, die bekannte Resolution bekannt gab, hat dieser Amtskollege — um mich bajuvarisch auszudrücken — Ihnen Herr Dr. Kohn, das Genick gebrochen. Und als Herr Rabbiner Dr. C o h n - Jchenhausen in begeisterten Worten die Revision begrüßte und begründete, als er gar die Deinung des Ministerialreferenten — die sein Kollege mit st vollweislich verschwieg — bekannt gab, — da war das Urteil besiegelt. Nicht die anerkannte Tüchtigkeit des Herrn S. Fränkcl -München, nicht das geschlossene Auftreten der anwesenden Lehrer, einzig und allein das Abrücken der Herren Rabbiner hat das überwältigende Votum für die Revision und Centralkasse herbeigesührt. Die Herren Rabbiner haben ihren gerechten Anteil an der Anerkennung des segensreichenBeschlnsses vom 13. Juni! Herr Dr. Kohn ist deshalb im Unrecht, wenn er seinen Unmut an den armen Lehrerwaisen durch Zurückziehen seines Beitrages von 5.— M ausläßt. Er möge doch lieber' sein eigenes Verhalteneiner Revision unterziehen, damit er sich nicht weiterhin in Widersprüchen bewegt, im Landesverein, der fteien Rabbinerkonferenz und in anderen Schöpfungen seines Geistes mit den Liberalen zusammenarbeitet nnd bei anderen Gelegenheiten wiederum ein Zusammengehen mit ihnen verwirft. Ben Ami. Die Rabbiuerkoufereuz zu Wilua. m. Es gab eine Zeit — und diese liegt nicht so weit hinter uns —, wo die Vernachlässigung oder sogar die wisseirtliche Verletzung des Religionsgesctzes nur unter den sogenannten „Gebildeten" wahrzunehmen war. Diese aber waren sehr dünn gesäet. Die Zahl der Juden, die eine öffentliche Schule besuchten, war noch äußerst gering, und diejenigen, welche auf autodidaktischem Wege sich moderne Bildung aneigneten, zählten nur wenig mehr als erstere. Allein diese letzteren — meist aus den einstmaligen Talmudbeflissenen sich rekrutierend und als „Maßkilim" im Ghetto bekannt — standen noch immer fast ausnahmslos auf jüdischem Boden. Wenn sie auch weit entfernt waren, ge¬ Nr. 24. setzestreue Jehudim zu sein und nicht selten sogar frivole Ausfälle gegen die heiligsten Traditionen sich erlaubten, immerhin waren sie in ihrer Weise mit Leib und Seele denk Judentum ergeben, ließen sich nur selten öffentliche Gesetzesverletzungen zuschulden kommen, lebten durchweg in der Mitte ihrer Gemeinde und teilten mit ihr redlich alle Lasten und Leiden. Nur die privilegierten Juden, d. h. diejenigen, welche durch ihre Bildung gewisse Rechte, die für Juden Privilegien bedeuteten, hatten, nur sie fielen faktisch vom eigentlichen historischen Judentum ab, wenn sie auch nicht aus derschiedenen Gründen diesen ihren Abfall durch offiziellen Uebertritt in's Christentum dokumentierten. Es ist somit begreiflich, daß diese „Gebildeten" als abschreckendes Beispiel dienten und Furcht vor moderner Bildung einslößten, sowie ferner, daß man sich um sie nicht mehr bekümmern zu'müssen glaubte und auf sie, als für das bestehende Judentum für ewig verloren, leichten Herzens Verzicht leistete. Die Zeiten haben sich aber inzwischen gar sehr geändert. Der Drang nach profaner Bildung wächst zusehends mit jedem Tage. Ist auch die Aufnahme der Juden in die allgemeinen mittleren Schulen, Universitäten und höhere Spezialschulen auf einen geringen Prozentsatz beschränkt, umso größer und stärker ist die Frequenz in den zahlreichen kaufmännischen Gemeinde- und Privatmittelschulen, die meist von Juden überfüllt sind. Und, leider, ist der negative Gei st der Pioniere moderner Bildung auch unter ihren Nachzüglern herrschend, und — was noch weit schlimmer ist — dieser Geist macht sich auch unter denen geltend, welche die allgemeineElementarschule besuchten. Mit der Verletzung des Sabbats in der Schule beginnend, greift die religiöse Zer« setzung immer mehr um sich, ohne auch nur auf den schwächsten Widerstand, geschweige denn auf energische Gegenwirkung zu stoßen. Dagegen findet sie kräftige Unterstützung in der fluchwürdigen Tätigkeit der sozialistischen Bewegung, welche vorerst den religiösen Bestand der Judenheit mit empörendster Rücksichtslosigkeit bekämpft, um desto leichter die Herrschaft über die großen Massen des jüdischen Proletariats zu gewinnen. Die religiöse Entartung der jüdischen Arbeiter- und Handwerkerjugend steigt von Tag zu Tag. Und während sonst die Eltern die Kinder erziehen, die Alten — die Jugend anleiten, sehen wir bei uns gerade das umgekehrte Verhältnis. Von den Bestrebungen der Jugend lassen sich immer mehr die Eltern beeinflussen und beherrschen. Man möchte nicht der fortschrittlichen Jugend gegenüber als rückschrittlich erscheinen. Damit beginnt es. Dann findet man Gefallen.an dem zwanglosen Leben, und mit der Zeit überbieten die Alten noch womöglich ihre jugendlichen Meister. Unter solchen Umständen wäre es unverzeihlicher Leichtsinn, sich mit der Tatsache zu vertrösten, daß die Abgefallenen immhin noch in kleiner Minorität sind im Vergleiche zu den zahllosen treu gebliebeneu Söhnen unseres Volkes. Vielmehr muß etwas Entschiedenes und womöglich Große» unternommen werden, um dem Zersetzungsprozeß Einhalt zu tun! Bon dieser Erkenntnis geleitet, hielt ich es als meine heilige Pflicht — da ich meinem Amte und Berufe zufolge den Bjldungsbestrebungen nahe stehe — ein Projekt auszuarbeiten, das darauf berechnet ist, der fortschreitenden Entartung unserer sich bildenden Jugend entgegenzutreten, und hielt ich die Rabbinerkonferenz als die geeignetste und berufenste Instanz für mein Projekt. (Schluß folgt). Aus aller Welt. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Das Merheiligenstraße 76 (gegenüber dem Cafe Goldschmidt) ausgestellte ModelldesSalomo Nischen Te m.p e l s wird nur noch bis Ende dieses Monats zu besichtigen sein. A Berlin. Am 29. Juni d. I. feiert der Deutsch-Israel. Gemeindebund seinen 40. Geburtstag. An diesem Tage vor vierzig Jahren traten auf Initiative von Moritz Kohner, Nachod, Advokat Lehmann-Dresden und Dr. Honigmann-Breslau etwa 40 deutsche Gemeinden in Leipzig zum Gemeindebünde zusammen. Heute umfaßt der Bund 990 Gemeinden, und sein Arbeitsfeld erstreckt sich Wer nicht weniger als 24 Anstalten, Stiftungen und Abteilungen. Was immer man auch hie nnd da gegen die Arbeit des Gemeinbebundes auszusehen haben mag, wenn man auch nicht immer mit allem wib jedem einverstanden ist, was der Initiative des Gemeinbebundes entsprungen ist, man wird nicht seine große Bedeutung für die Entwickelung des Gemeindewesens in Deutschland leugnen dürfen. Eine Unsumme von Liebe zum Judentum, auf« opferungswilliger jüdischer Selbstlosigkeit,, hervor-

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