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Neue jüdische Presse · 1909-06-25 · Heft 24 (25.6.1909) · page 1

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 24 (25.6.1909)
Date
1909-06-25
Page
– (sequence 1)
Language
German
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IrartkfHtrter frurlitifriirs lamüirnblatt. l!" ~ > Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In» und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen:; Deutschland und Oesterreich - Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— I - — KedaKtioir imd HefchLftsst-lle Zrankturt s. IR., vilbelerstraße 4/6, Ecke Lleichstraße T-refo« 10507. -HIW H>rpausgeber: GalA > Jnsertionspreise: Die viergespaltene Petitzeile. 25Psg. Die Reklamezeile. 100 „ Platz- und Daten-Vorschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. . 7. Jahrgang. Freitag, de« 6. Tamus 5669 (25. Juni 1909). Nr. 24. Inhalt des Hauptblattcs. Ar tikel: Neue inschriftliche Bestätigungen biblischer Berichte. — Brief aus Ungarn. — Eine Versammlung von Gesetzestreuen in Bayern. — Die Rabbinerkonferenz zu Wilna. — Aus allerWelt — Personalien. — Feuilleton: Die Tochter des Kardinals. — Wochen-Kalender. — Familiennachrichten. — Barmizwohs. Neue inschriftliche Bestätigungen biblischer Berichte. Bo» Dr. Sigmund Jampel, Karlsruhe. Der moderne Europäer, welcher auf die tvissenschaftlichen Errungenschaften des 19. Jahrhunderts zurückblicken kann, weiß in der Tat, im Vergleich zu den Alten, sehr viel. Allein vom Anblick dieser ungeheueren Fülle ist er so sehr berauscht worden, daß er sich schon für allwissend hält. Er glaubt, das Altertune so genau wie seine Gegenwart zu kennen und wagt es daher, genau zu bestimmen, was vor viele» Jahrtausenden denkbar oder undenkbar war. So kommt es nun, daß er allüberall in der Bibel, selbst in den natürlichsten Schilderungen und Erzählungen, auf lauter Ungeheuerlichkeiten und Abenteuerlichkeiten stößt. Wie auf einen Wink vom Himmel müssen daher die seit 2—3 Jahrtausenden im Erdinnern schlummernden Zeugen jener biblischen Ereignisse von Zeit zu Zeit immer emporsteigen, um unsere Bibelgegner zu überführen und die Treue unserer Ueberliefernng vor aller Welt klarzulegen. Einen solch bittern Streich gespielt bekommen gegenwärtig die sog. „voraussetzungslosen Bibelforscher" von den im vergangenen Jahre in Oberägypten gefundenen jüdischen Inschriften. Wir wollen hier einzelne Beispiele dem Leser vorfiihren. 1. In den biblischen Büchern Esra und Nehemia sind uns aus den Archiven der altpersischen Könige amtliche Edikte, sowie ein offizieller Briefwechsel, der zwischen diesen Königen und ihren Statthaltern geführt wurde, in aramäischer Sprache und Schrift erhalten. Da nun aber die Bibel deutlich berichtet, daß diese Urkunden nicht erst vom biblischen Verfasser in diesen dem Ebräischen so sehr nah verwandten aramäischen Dialett übertragen wurden, sondern daß das Aramäische die Originalsprache ihrer Abfassung war — wahaden nieschtaw ktaw arumis umeturgam arumis —, so ergeht sich die moderne Kritik in höhnischem Lächeln über die naive Aufschneiderei des biblischen Verfassers, der die persischen Großkönige, welche von Indien bis nach Zentralafrika herrschten, mit ihren Statthaltern in einem hebräischen Sprachzweig amtlich verkehren läßt, als hätten diese großen Weltbeherrscher, denen das jüdische Volk wie sein Palästina kaum dem Namen nach bekannt gewesen sein konnte, ihre eigene persische Reichssprache unbeachtet gelassen und des jüdischen Dialektes sich in ihrer Amtssprache bedient. Dem Kritiker erscheint dieser Bericht nicht weniger naiv. als wenn eine polnisch-jüdische Legende Karl den Großen mit seinen Landesbehörden in talmudischer Sprache würde verkehren lassen. In den letzten Jahren kamen nun mehrere Dokumente zum Vorschein, welche mit aller Evidenz beweisen, daß tatsächlich die aramäische Sprache — also die Sprache, welche in unfern Targumim und in dem Talmud vorliegt — im persischen Großreiche die Amtssprache war. So sind z. B. königliche Amtssiegel, darunter auch eines vom Ahaschwerosch des Estherbuches, in aramäischer Sprache und Schrift, ebenso auch verschiedene persische Grenzsteine in Aegypten, ebenfalls in derselben Sprache und Schrift, gefiinden worden. .Die Krone aber bekommt der Beweis vom offiziellen Charakter der aramäischen Sprache in persischer Zeit, von dem neuen Jnschristenfimd Oberägyptens aufgesetzt; denn derselbe bietet uns eine in aramäischer Sprache und Schrift äbgefaßte Urkunde, welche von einem nichtjüdischen, persischen Statthalter herrührt. 2. Die Bücher Esra und Nehemia teilen auch den Inhalt von amtlichen Akten, welche von Palästina an den persischen Hof gerichtet waren, wörtlich mit. 9hm kann es die Kritik nicht begreifen, wie der spätere biblische Verfasser zu diesen Dokumenten, welche doch im persischen Königsarchiv niedergelegt waren, gelangt sein mag. Daß man etwa in Palästina Kopien dieser Eingaben zu historischen Zwecken angefertigt hätte, wie es die konservativen Bibelforscher stets annahmen, eine solche moderne archivalischc Einrichtung glaubte die Kritik jenen primitiven Juden nicht zutrauen zu dürfen. Zum Schrecken jener „Voraussetzungslosen" bietet uns aber der neue Jnschriftenfiind sogar zwei Kopien von ein und derselben Urkunde, die an die persische Regierung abgegangen war. 3. In den genannten biblischen Büchern is Volt Gunstbezeugungen und Fördernngen, die der jcrusalemitische Tempel seitens der Perserkönige Kyros, Darms und Artaxerxes erfahren habe, mehrfach die Rede. Diese fürs Judentum so schmeichelhaften biblischen Berichte werden von der Kritik samt und sonders als prahlsüchtige Fiktionen verworfen. Wie sollen sich auch große Welteneroberer, wie Kyros und Darms, unr den Bau eines ärmlichen Tempels in einer versteckten Ecke ihres Weltreiches gekümmert haben? Nun lesen wir aber 'in der inschriftlichcn Petition der oberägyptischen Juden, daß der persische König Cambyses bei seiner Eroberung Aegyptens alle Tempel dortselbst zerstört hatte — dasselbe . berichtet bekanntlich auch Herodot, — während er die jüdischen Tempel dortselbst verschonte. Ist dieser zeitgenössische Bericht von der Handlungsweise des Cambyses nicht eine genaue Parallele zu den biblischen Berichten von seinen! Vater Cyros und seinem Nachfolger Darius? (Schluß folgt). Brief aus Ungar«. Von dem bevorstehenden Regierungswechsel haben wir eine günstige Beeinflussung unserer Lage nicht zu erwarten. 'Die Personen gehen; das System bleibt. Noch mit der Harpune im Leibe fühlt sich das Ministerium stark genug, dem nichtklerikalen llngartum eine harmlose Freude zu trüben, aus die es seit Monaten wartete. DaS große Turnfest der studierenden Jugend wurde einfach darmn abgeblasen, weil die protestantischen und jüdischen Oberlehrer ihre Kvnfessionsgenossen nicht zu der rein katholischen Feldmesse — die das erste Mal bei einem solchen Feste abgehalten wurde — kommandieren wollten. Die öffentliche Meinung wird jetzt vom Schulgesetz, das brennend aktuell unser ganzes Leben durchzieht, beherrscht. Es ist eine weitere Errungenschaft der Koalition der dunkle» Mächte, an der wir ein Leben lang zu verdauen haben werden. Im Namen der europäischen Kultur und des nationalen Bramarbas ist durch das neueste Schulgesetz das obligatorischeSchulgeld, die einzige Einnahmequelle der jüdisch-konfessionellen Schule, abgeschafft worden. Da aber die Gemeinden nicht in der Lage sind, diese Institution auf andere Weise zu erhalten, so stehen hunderte Schulen, die vom jüdischen Geiste getragen sind, vor dem Bankerott. Die jüdischen Schulen werden — das ist die Konsequenz dieses Gesetzes — vom Staate aufgesogen, sie verlieren den konfessionellen Charakter. Die Kinder erhalten durch behördliche Munificenz die approbierten Eßlöffel — allwöchentlich zwei Stunden — vom Religionsunterricht, und sind, wenn es gut geht und sie überaus fleißig sind — die Beispiele demonstrieren es — nach sechsjährigem Schulbesuch in der Lage, ihr jüdisches Credo mit samt dem ins Ungarische übersetzten Kaddisch nach allen Regeln des Stotterns abzuleiern! Für die weibliche Jugend bedeutet es noch mehr: die Vorbereitung des galizischen Mädchenraubsystems. Denn für ihre jüdische Erziehung steht, wenn sie religiös sein soll,nur das Kloster offen!! Und Hartstein, der Sekretär der orthodoxen Autonomie, jubelt darob in den Spalten des „Magjor Zsido" mit "hoher Genehmigung der allerhöchsten Zentralleitung. Bon der Autonomie der ungarländischen Orthodoxie scheint in den Kreisen der testamentmachenden Regierung eine besondere Auffassung zu herrschen. Da ist zum Beispiel der berüchtigte Fall von Varanno. Die orthodoxe Gemeinde-verlangt gegen den Rabbiner, der so ipso Matrikelführer ist, die Entscheidung des Disziplinar-SchiedsgerichtS. Dieses tagt, verhört Zeugen und urteilt streng, aber gerecht: daß ein Mann, der Fakta, wie sie dieser Leuchte des Exils nachgewiesen wurden.

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