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Neue jüdische Presse · 1909-06-18 · Heft 23 (18.6.1909) · p. Seite 10

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 23 (18.6.1909)
Date
1909-06-18
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Seite 18. und weinte sich die Augen blind. Wie zauberisch hatten Hoffnung und sehnsüchtige Erwartung noch vor kurzem ihr das Bild der Ehe umfärbt, und wie rasch war der Schmelz der Farbe gewichen und hatte die nackte Enttäuschung in ihrer ganze» brutalen Deutlichkeit übrig gelassen. Gleich welk gewordenen Blumen eines Straußes waren die Illusionen ihr Blatt für Blatt. vor die Füße gerollt. Und da lagen sie nun, beschmutzt und zerrissen und mit den kotigen Spuren, die achtloses Drüberwegschrciten zurückgelassen hatte, und erzählten ihrer Besitzerin eine Geschichte, die ihr das Herz abpressen konnte. Die Geschichte nämlich, wie man oft ganz unschuldig das Opfer einer skrupellosen Familienspekulation wird. Zum Glück gehörte die junge Frau zu jenen Naturen, die. wortlos aber bestimmt, sich auch stärkerem Windzug des Lebens entgegenstemmen und bereit lind, selbst der härtesten Scholle ihren spärlichen Ertrag abzuringen. Also versuchte sie, auf eigene Faust ihren Unterhalt zu gewinnen, vermietete Zimmer, beköstigte Pensionäre und brachte es sogar fertig. Fremden, die jhr ins Haus kamen, ein freundliches Gesicht zu zeigen. An einein Freitagabend, es war der Tag vor Jom Kippur und ich war eben im Begriff, mit meiner Mutter in die Synagoge zu gehn, sah ich sie zum ersten Mal. Sie hatte ein einfaches schwarzes Kleid an, uird in ihrem Blick war etwas von jenem eigentümlichen Glanz, den Frauen zu haben pflegen, wenn sie sich guter Hoffnung fühlen. Ihr zur Seite ging, bedächtig und mit der ganzen Würde seines Embonpoints, Wolf, der, mit dem Gebetbuch gestikulierend, eifrigst auf sie einsprach. Aber sie hörte nicht auf seine Worte. Gedankenvoll schaute sie vor sich hin. Ihre Züge hatten dabei etwas Verklärtes, wie unendliche hoffnungslose Wehmut es oft gerade über ein Frauenantlitz breitet. Ob sie daran dachte, daß man sich in Verhältnisse fügen müsse, die nicht mehr zu ändern sind? Oder an das Schicksal des Kindes, das sie in ihrem Schoße trug? Die Uhr schlug gerade fünf, als ich erwachte. Ich rieb mir die Augen und wußte im ersten Augenblicke nicht, wie ich eigentlich in dies mich so fremd anmutende Hotelzimmer gekommen war. Und dann erinnerte ich mich, daß ich mich für einige Tage nach meiner Vaterstadt begeben hatte, um Erbschaftsangelegenhciten zu erledigen. Der Stundenzeiger war nämlich inzwischen wieder durch ein paar Jahre gerannt und hatte gleichzeitig fast alles, was ich an Angehörigen besaß, rücksichtslos von der Erde gefegt. Ich stand auf, kleidete mich an und ging aus. Eine schon abendlich gefärbte Herbstsvnne lag über den Straßen, kroch in rötlichem Zickzack über die Dächer und Fronten der Häuser, über das Laub der Bäume und über "den Asphalt der Gassen und hauchte den Menschen ihren Äärchenatem ins Gesicht. Als ich mich so mitten durch all das flutende und lautlos an den Rändern der Schatten verzitternde Farbenmeer durchträumtc, wäre ich an einer Straßenecke beinahe mit jemand zusammengeprallt. Aber noch ehe ich Zeit hatte, mich zu entschuldigen, hörte ich, wie eine altbekannte, fettige Stimme mich fragte: „Sieht man Sie — denn auch einmal wieder? — Nun; — wie geht es . . . wie . . . steht es?" Es war niemand anders als Wolf. Abgesehen von einem spärlichen Grau in seinem dünn stehendeil Barthaar, schienen ihm die Jahre wenig angetan zu haben. Sein Bäuchlein war sogar merklich wanstiger geworden, was darauf schließen ließ, daß ihm die Pflege seiner Frau trefflichst anschlug. An der Hand führte er f ein kleines, buckliges, blutarmes Geschöpf, das etwa vier oder fünf Jahre zählen mochte. Ohne Zweifel sein Töchterchen. Ich erwiderte, was man gewöhnlich auf Fragen wie die obige zu erwidern pflegt. Und dann nahm ich Gelegenheit, ihm auf seinem eigensten Gebiete Beschäftigung zu geben. Ich erkundigte mich nämlich nach dem Wohlergehen der andern Mitglieder unseres Bekanntenkreises. ,Mas wollen Sie," gab Wolf zur Antwort, „Es ist immer und elvig die alte Geschichte." Sein Gesicht legte er dabei in ernste, würdevolle Falten. Und plötzlich, ohne daß ein sichtbarer Grund vorhanden gewesen wäre, fuhr er, sich ereifernd, fort: .Missen Sie, wie mir die ganze hiesige Gesellschaft vorkommt?" Seine freie rechte Hand schlug gleichzeitig eine Geste, daß der wagrecht gestellte Handteller etwa fünf Zentimeter über den Hutrand emporragte. „Wie jene Gefangenen bei Dostojewski, die tanzen und dabei mit ihren Ketten llirren. Auch ein jeder der hiesigen Einwohner hat solche Ketten. Nur-sieht man sie nicht." Ich streifte Wolf mit einem etwas verwundertem Seitenblick. Er war in: Grunde doch ein ganz intelligenter Mensch. „Sie kennen doch den Roman von Dostojewski: „Raskolnikow", in welchen: er die Erlebnisse seiner Gefangenschaft in Sibirien schildert." Frankfuckr Israelitisches Familienblati. „In „Raskolnikow"," fragte ich und glaubte, nicht recht gehört zu haben. „Gewiß ... in Raskolnikow," bestätigte Wolf siegesbewußt und schaute mich mit einer gewissen Herablassung an. „Es ist doch ein Werk, das jeder gebildete Mensch gelesen haben mutz." Und auf ein Mal wurde es mir klar. Dieser Mann hatte weder Raskolnikow noch jenen berühmten Dostojewskischen Roman gelesen, in dem die oben zitierte Stelle wirklich vorkommt. Wahrscheinlich hatte er mal jemand sie int selben Wortlaut Vorbringen hören, und nun plapperte er das Gehörte, um sich in Erscheinung zu setzen, einfach nach. Das war auch der Grund, warum er es so gewaltsam ins Gespräch hineinschlepptc. Es war also doch ein Hanswurst. Um von dem Thema abzulcnken, fing ich an, mich mit dem kleinen buckligen Mädchen zu beschäftigen. „Nun Trude,"'fiel Wolf ei», „wie macht denn der Hahn? Du weißt doch, der immer so mit dem Kamm schüttelt und solch böse Augen hat." Und papageiartig, wie Kinder, die man bis zum Ueberdruß täglich mit der gleichen Frage quält, erwiderte Trude: „Kik — ri — ki. Kik — ri —!i." „Wie macht aber der Wauwau von Tante Olly?" „Hau — hau — hau." Wolf's Stimme eignete wieder ganz der klebrige, alltägliche Klang, der ihr während seines „literarischen" Anfalls ein wenig abhanden gekommeii war. Und bei jeder Antwort der Kleinen, die nach Art der Buckligen ungemein frühreife, fast greisenhafte Gesichtszüge hatte, lächelte er — breit, unschön, unappetitlich. Es kam mir vor, als ob sein grinsendes Lächeln noch blöder geworden wäre. „Aber Sie verzeihen" — und hier gab Wolf sich einen Ruck und zappelte äußerst geschäftig mit Armen und Beinen — „ich muß mich leider schon von Ihnen verabschieden... cs hat mich wirklich gefreut . . . aber ich habe da im Hause gegenüber etwas sehr Wichtiges zu erledigen." Und indem er seinen Mund meinem Ohr näherte, raunte er mir zu: „Ich beabsichtige nämlich da einen Laden zu mieten. Man glaubt allgemein, daß ich schon abgetan und erledigt bin. Doch man irrt sich sehr. Dies Mal wird es ein Weingeschäft werden . . . ich sage Ihnen . . . daß man sich wird die Finger lecken können." Doch ich ließ mich nicht niehr täuschen. Wie aus einem Automaten, in den man ein Geldstück geworfen hat, schienen mir die Worte aus dem Munde dieses Poseurs herauszufalleu. Worte, die nur auf der Zunge saßen und auch nicht den Schatten wirklicher Energie überdeckten. Was war es aber, was mich trotzdem an Wolf in diesem Augenblick so frappierte? — Ja. . . etwas Hartes, Stählernes, das sekundenlang in seinen Blicken auf. glänzte, um ebenso plötzlich, wie cs gekommen war, zu verschwinden. Doch bevor ich mir über diese Wahrnehmung völlig Rechenschaft geben konnte, war sie schon an meiner Bewußtheit vorbeigeschwungen . . . und ich dachte nicht mehr daran. Ich hatte bereits ein paar Schritte vorwärts getan. „Herr K. . . .," krähte es mir da wieder in die Ohren, „Sie entschuldigen . . . eine Frage." Wolf, die kleine Bucklige an der Hand schleppend, steuerte lokoniotivartig von neuein auf mich zu. Nach seinem Gebühren glaubte ich darauf schließen zu dürfen, daß es sich um eine Frage handle, die über das Wohl und Wehe seines ganzen Daseins entscheiden müsse. „Sie verzeihen," begann er keuchend, „ich weiß zwar, daß ich. . . eigentlich nicht das Recht habe, Sie zu fragen. . . aber . . . wir sind ja alte Bekannte . . . man sagt nämlich," hier faßte er mich scharf ins Auge, „daß . . . Ihre Schwester sich verlobt hat. Ist es wahr? Sie können gewiß sein, daß Ihr Geheimnis bei mir verwahrt sein wird . . . wie in einein Grab." Ich konnte mich eines leisen Lächelns über die unfreiwillige 5komik dieses Clowns nicht erwehren. „Es ist gar kein Geheimnis-" erwiderte ich, „das Gerücht ist wahr. Meine Schwester ist verlobt." „So — o — o, wirklich!!! Nun . . . was macht er, was ist er, was tut er?" Die ganze Situation belustigte mich derart» daß ich ihm ironisch Auskunft gab. Dann, aufs neue ablenlend: „Wie geht es eigentlich Ihrer Frau Gemahlin, Herr Wolf?" „Gottsejdank . . . ganz gut." Und in Gedanken noch ganz mit der eben gehörten Neuigkeit beschäftigt: „Warum soll es ihr denn schlecht gehn?" Wieder zog er eiligst davon. Doch dies Mal drehte er sich nicht mehr um." Sobald es sich um seine Geschäfte als „Stadtpost" handelte, war sein Eifer echt und wahrhaft ohne Grenzen. Einige Minuten später sah ich in einer Kunsthandlung ein eigenartiges Bild ausgestellt: Eine Heide, über die kreischend der Nachtwind fährt. Dunkles, zerklüftetes Gewölk jagt durch die Luft und verschlingt alles Licht. Nur durch einen winzigen Wolkenspalt zittert ein Mondstrahl auf die Erde und in dem Mondstrahl sieht man ein junges Nr. 23. Weib über die Heide schreiten. Sie hat ein — anscheinend schlafendes — Kind an sich gepreßt, das sie küßt und, da die ganze Wucht der Belichtung auf ihren Kopf konzentriert ist, kann man genau bemerken, wie Tränen über ihre Wangen rollen. Ein paar Schritte hinter ihr, fast schon vom Dunkel verschlungen, schlägt ein harlekinartig gekleideter Wechsclbalg einen Purzelbaum. Ich weiß nicht, wie es kam, daß ich in dieser Sekunde an die so leichthin, fast herzlos gesprochenen Worte Wolfs denken mußte: „Warum soll cs ihr denn schlecht gehn?" Und dann fiel mir ei», daß solch naive Herzlosigkeit bei Menschen nichts Seltenes ist, die mit jener sogenannten Gutmütigkeit ein voll gerüttelt' Maß von Borniertheit verbinden. Vor kurzem kam mir durch Zufall eine Zeitung meiner Heimatsstadt in die Hände, in der folgendes zu lesen stand: „Wie wir erfahren, hat der Weinhändlcr A. Wolf gestern Abend durch einen Sprung ans dem Fenster seinem Leben ein Ende gemacht. Die Tat ist zweifelsohne in einem Anfall geistiger Umnachtung geschehen. Wolf, der schon seit einiger Zeit ein seltsames Gebühren an den Tag legte, sah, am Fenster sitzend, die Weinfässer einer Konkurrenzfirma vorbeisahren. Und darüber ergrimmte er derart, daß er, tobsüchtig geworden, sich aus der Höhe des vierten Stockwerks auf den unschuldigen Gegenstand seines Zornes stürzte. Leider erwiesen sich die Fässer härter als er. Statt, daß er sie zermalmte, zermalmten sie ihn." Das war das traurige Ende eines traurigen Hanswursts. Z ü r i ch. D. K a b a ck. Sprechsaal. (Ohne Verantwortlichkeit der Redaktion.) Sehr geehrter Herr Redakteur! Ich finde in Ihrer Nummer vom 11. d. M. einen „Brief aus der Schweiz", dessen Inhalt mich veranlaßt, gegen die darin ausgesprochene eigenartige Ansicht Stellung zu nehmen, obwohl Sie inir als langjährigeur ALvnnenten ganz gewiß die für Sie außerordentlich erfreuliche Eigenschaft werden konzedieren müssen, daß ich Sie mit Zuschriften und Artikeln bisher »och nicht allzu oft belästigt habe. Ihr I. M.-Korrespondent aus Basel regt sich in dein eben zitterten Artikel über eine Maßnahme auf, die der Schweizer Israelitische Gern e i n d e b u n d in seiner letzten Tagung diskutiert hat. Zweck nieiner Zuschrift soll cs nun durchaus nicht sein, mich über die Berechtigung oder Nichtberechtigung der Motive auszulassen, die die Schweizer .Herren veranlaßt haben, eine, wenn auch vielleicht nicht in vollem Umfange zu billigende, so doch durchaus verständliche Maßnahme ins Auge zu fassen. Wenn aber Ihr Herr Berichterstatter gleich eingangs seines Artikels von einer „angeblichen Schnorrerplage in Deutschland" redet, so beweist allein diese einzige Wendung eine solche Unerfahrenheit in dieser Frage, daß man ihm die Berechtigung einer Kritik absprechen kann. Der provisorische Beschluß der Schweizer Delegierten, nach dem Gewohnheitsbettle r nicht ins Innere der Schweiz hinein dürfen oder nach welchem sie weiter direkt bis an die Grenze oder über diese hinaus abzuschieben sind, wird sich vielleicht nicht durchführen lassen, ohne daß in dem einen oder dem anderen Falle ein Bedürftiger Unrecht erleidet. Im Allgemeinen aber dürste die Durchführung eines derartigen Beschlusses für jedes Land, das sich ihm anschlietzt, von den segensreichsten Folgen sein, nicht nur für den Bewohner des Landes selbst, sondern — so paradox es klingen mag —, für die wirklich bedürftigen Bettler. Es ist mir unverständlich, daß Ihr Artikelschreiber für denjenigen, der den Gewohnheitsbettler von dem unverschuldet in Not Geratenen unterscheiden will, das Talent der Spionriecherei in Anspruch nimmt. In der Praxis, die sich natürlich erst mit der Zeit Herausstellen wird, wird sehr rasch den ausschließlich mit dieser Materie beschäftigten Personen die Unterscheidungsmöglichkcit zwischen den beiden in Frage kommenden Kategorien von Bettlern gegeben werden. Bis heute hatten die Unschuldigen mit den Schuldigen zu leiden, wenn denr Angebcttelten einmal die Geduld riß. Wird dieser Beschluß durchgeführt, so werden die Vorteile ausschließlich den: unverschuldet in Not Geratenen zugute kommen, der jederzeit auf eine Unterstützung rechnen kann, die um soviel reichlicher ausfällt, als-der erlverbsmäßige Schnorrer weniger bekommt. Die zehn Unschuldigen, die im ersteil Jahre mit den neunzig Schuldigen leiden, werdeil mit der Zeit zu fünf, zil einem vermindert werden und schließlich überhaupt nicht mehr in Frage kommen. Der Jude, der giebt — und welcher Jude gibt seinem armen Bruder nicht gern? — wird weiter geben, wird um so lieber geben, alsdie persönliche Belästigung in Fortfall kommt, und um so lieber geben, weil er endlich einmal die Gewißheit hat, daß seine Gabe in richtige Hände kommt.

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