Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 23 (18.6.1909)
- Date
- 1909-06-18
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Ste. 23. ßeüe 3. Frankfurter Israelitisches Familienblatt. seiner Art, das jetzt bereits seiner baldigen Realisierung entgcgengeht. Es wurden ferner Institute in Deutschland, deren Wirksamkeit sich auf das Gebiet des Änswandernngswesens erstreckt, subventioniert. An der Gründung der Simon-Stiftung, Hannover, der Land- und Lehrgntgesellschaft in Hannover, die voraussichtlich wertvolle Dienste auch in dieser Hinsicht leisten wird, beteiligte sich der Hilssvcrein mit einer Summe von 5000 Mark. Es wurde ferner in der Sitzung Mt Befriedigung begrüßt, daß die Konferenz, die der Hilfsverein der Deutschen Juden in Königsberg i. P. cinberufen hatte und in der außer Vertretern des Berliner Zentralbureaus für Jüdische Auswandcrungsangelegenheiten Delegierte seiner Grcnzkomitees und Vertreter der Jnforiliationsblrreans der Jewish Colonization Association in Rußland teilgenonnncn haben, einen weiteren Schritt vorwärts. in der Richtung der planvollen und zweckmäßigen Regulierung der Auswanderung, insbesondere schon durch organisatorische Maßnahmen in Rußland geführt habe. Die Rabbinerkonferenz zu Wilna. (Schluß). Ebensowenig Aussicht auf praktischen Erfolg hat auch die Resolution 11. Wenn die Regierung — von dem Standpunkte ausgehend, daß der religiöse Lehrer und Leiter ihrer Untertanen, dessen Entscheidungen - in Fragen religiös-bürgerlicher Natur nicht selten von unabsehbar praktischer Bedeutung sind, einige Garantien für die richtige Würdigung der Verhältnisse und Bedingungen der Zeit und des OrteS bieten mutz — einen gewissen Bildungszensus von den Geistlichen aller Konfessionen verlangt, so ist es ja nicht zu erwarten, daß sie mit den jüdischen Geistlichen eine Ausnahme machen wird. Von der Aussichtslosigkeit aus Berücksichtigung der besagten Resolution schon abgesehen, schien mir dieselbe an sich höchst unzeitgemäß und sogar befremdend. Zu einer Zeit, wo der Bildungsdraug ein allgemeiner ist, wo selbst die ärmsten jüdischen Eltern sich übermäßig anstrengcn, ihren Kindern allgenceine Bildung angedeihen zu lassen, wo die Kenntnis der Landessprache zur unabweisbaren Notwendigkeit geworden ist und der Mensch gemeiniglich nach seinen! Bildungsgrade belvertet und geschätzt wird, — in einer solchen Zeit sollte gerade der Rabbiner die einzige Ausnahme bilden, sollte er gerade der einzige Bildnngsunkundige sein? Welcher Achtung kann er sich dann in seiner Gemeinde erfreuen und welches Ansehen kann er bei der Obrigkeit haben, bei welcher er seine Gemeinde zu vertreten hat? . Unbedingtes Ansehen- und Ehrerbietung ist aber der Lebensnerv für die ersprießliche Wirksamkeit des Rabbiners. Bei aller Achtung vor seinem talmudisch - rabbinischen Wissen und vor der sittlichen Größe seiner lauteren Persönlichkeit, wenn er aber hinsichtlich profaner Bildung zurückgeblieben ist, kann er unmöglich auf die mehr gebildeten Elemente seiner Gemeinde den erwünschten Einfluß ansüben. Leider wollten dies die Wortführer der Konferenz nicht einsehen und ließen nicht einmal den so bescheidenen Bildungszensns, welcher für die Rabbiner in Polen obligatorisch ist, selbst für die zukünftigen Rabbiner gelten, worin eine gewisse unheimliche Scheu vor profaner Bildung unverkennbar ist. Bon diesen Gefühlen geleitet, mußten sie konsequent zu der Resolution 16 kommen. Wenn man einmal sich vor profaner Bildung ängstigt, in ihr eine Gefahr für die Religiösität erblickt, dann ist es ganz natürlich, daß man sie aus den Talmudthoraschulen und Jeschiboth verbannt wissen will, daß man als Lehrer und Leiter dieser Lehranstalten solche Leute haben möchte, die keinen Bildungszensus haben. Das ist wohl konsequent, — aber ist es auch an sich richtig? Man bedenke vor allein, daß Elementarbildung für Arm und Reich, für Klein und Groß ’ zur unumgänglichen Notwendigkeit geworden ist, ohne welche man sich in keiner Lebensstellung behelfen kann, — daß es pädagogisch in jeder Beziehung weit ratsamer ist, daß die Aneignung allgemeiner Elementarbildung Hand in Hand gehen soll mit der Erwerbung religiösen Wissens und daß es unstreitig zweckmäßiger ist, den Unterricht in sämtlichen Lehrgegenständen in einer und derselben Schule, unter einer und derselben Anleitung zu erhalten, als zu gleicher Zeit verschiedene Schulen zu besuchen — für allgemeine Bildung besonders und für die jüdischen Gegenstände besonders — und daß es schließlich von unabsehbarem pädagogischen und religiösen Schaden ist, die letzteren Gegenstände den ersteren entgegenzusetzen,- nie wenig man dabei erzielt, hat uns die Erfahrung in Rußland, ganz besonders in den letzten Jahren zur Genüge belehrt. Daß leider Lehrer mit Bildungszensus nicht selten religiös indifferent sind, ja sogar zuweilen sich zur-Religion feindselig verhalten, ist noch lange kein Grund, allgemeine Bildung aus den Talmndthoraschulen zu verbannen; vielmehr sollte es als Sporn dienen, Lehrer heranzubilden, die von einem positiven religiösen Geist beseelt und durchdrungen sind, was ohne besondere Schwierigkeiten zu erlangen wäre, wenn die zahlreichen bewährten „Porusch im" verwendet werden sollen. Wenn diese jungen Leute, meist sehr begabt, von sittlichem Ernst und höchst arbeitsam, ein Lehrerexamen machen würden — was ich bereits vor mehreren Jahren mit Unterstützung des „Vereins zur Verbreitung der Bildung" unternommen habe und worin ich von gewissen Rabbinern gehindert wurde —, könnten sie ganz vorzügliche Lehrer für die jüdischen Schulen abgeben und von großem Segen für die gesctzestrcucn Juden sein, die jetzt sehr häufig in großer Verlegenheit sind, wenn sie bei der Erziehung ihrer Kinder den inodernen Ansprüchen Rechnung tragen wollen und tragen müssen. Und loäre cs au sich nicht viel besser, wenn, anstatt die Bildung ängstlich auszumcidcn und dabei meist das Entgegengesetzte von dein zu bewirken, was sie anstrebeu, wen» die Rabbiner sich der Bildung freundlich näherten und ihr womöglich ein echt jüdisches Gepräge aufdrückten? Diese und ähnliche Betrachtungen habe ich mit nötigem Nachdruck vorgebracht, drang aber mit denselben nicht durch, ebensowenig wie mit meinem umfassenden Projekt, über welches ich in meinem nächsten Briefe berichten werde. F. G. Eine Rede des Präsidenten Taft in der Synagoge zu Piitsburg. Anläßlich einer Durchreise sprach der Präsident auf Veranlassung des Rev. Dr. I. Leonard L c v y in der Synagoge. Er führte ungefährfolgendes aus: „Ich betrachte es als einen großen Vorzug, hier vor diesem intelligenten und patriotischen Publikum zu erscheinen, infolge der Aufforderung Ihres Führers, Ihres Rabbi, der ein intimer Freund meines Vorgängers war und der, wie ich annehmen darf, jene Freundschaft auch auf Mich übertragen hat. Ich sreue mich, hier in diesem schönen Gebäude zu sein und so zu zeigen, daß unsere Regierung für alle Völker gleich ist, und daß die konstitutionelle Vorsehung weise war, als sie erklärte, daß für unser Land keine religiösen Vorschriften existieren. Alls Präsident der Vereinigten Staaten fühle ich mich in diesem jüdischen Tabernakel ebenso zu Hause und so wohl geborgen als in irgend einer anderen Kirche . des ganzen Landes. Das Gebet, dem wir jetzt gelauscht, ist so voll menschlicher Liebe und Güte, daß cs unsere Engherzigkeit und Bigotterie beschämen muß. In keiner Krisis der Geschichte des Landes noch unter irgend einer Bedingung haben die jüdischen Bürger je die höchste» Erwartungen des Patriotismus unerfüllt gelassen. Ich baue auf Ihre Unterstützung, wie Sie solche meinen Vorgängern gewährt haben, mit dem intensiven Wunsch, dieses Land wahrhaft groß und gut zu machen." N e w y o r k, 30. Mai 1009. Aus aller Welt. Deutsches Reich. Frankfurt a. M. Eine Anzahl jüdischer B ä ck e r m e i st e r hatte gegen die Verordnung vom 4. März 1896, nach der die Arbeitsfchicht jedes Gehilfen die Dauer von 12 Stunden (bei Einrechnung einer Pause von 1 Stunde — 13 Stunden) nicht überschreiten darf, verstoßen, indem sie ihre Gehilfen an Freitagen bis zu 13 Stunden beschäftigten. Sie kamen deshalb vor das Schöffengericht. Das Gericht fällte ein freisprechendes Urteil. Es erkannte an, daß eine Zuwiderhandlung gegen die Verordnung nicht vorliegt, da die Gehilfen, die nicht nur an den Sonntagen und allgemeinen Feiertagen, sondern auch an den Samstagen und jüdischen Feiertagen von der Arbeit befreit sind, noch lange nicht 84 Stunden arbeiten. Berlin. Auf die Angriffe des Geheimen Kommerzienrats Goldberger von der Alliance Jsraölite Universelle erläßt der Hilfsverein der Deutschen Juden folgende Erklärung: „1. Der Hilfsvereiu der Deutschen Juden hat sich niemals zum Programm des Zionismus bekannt oder zionistische Tendenzen gefördert. Allerdings ist er iinmer bereit, ohne Voreingenommenheit mit jeder Organisation in konkreter praktischer Arbeit sich zusammen zu finden. 2. Die hebräische Sprache dient in unseren Kindergärten als Unterrichtssprache, weil sie bei den vielsprachigen Elementen die gegebene einheitliche Unterrichtssprache ist. Es ist dies eine pädagogische Notwendigklit, der sich niemand verschließen kann, der die Verhältnisse an Ort und Stelle kennt. Hat doch aus denselben Erwägungen heraus auch der Chacham Baschi in Konstantinopel neuerdings verfügt, daß sämtliche Berichte und Eingaben an ihn, um die Vielsprachigkeit zu vermeiden, in hebräischer Sprache abgefaßt sein sollen. 3. Bei der Auswahl der Lehrer und Lehrerinnen wird der Hilssverein ausschließlich davon geleitet. Persönlichkeiten anzustellen, deren religiöser und sittlicher Lebenswandel zu keinen Beden,en Anlaß gibt, und deren pädagogische Fähigkeiten dem ihnen anzuvertrauenden Amte entsprechen. Der Hilssverein hat mit seinem Leyrerpersonal die besten Erfahrungen gemacht, und es ist ihm nie bekannt geworden, daß seine Lehrer und Lehrerinnen die vom Hilssverein aufgestellten Grundsätze für die Erziehung und den Unterricht nicht innehalten. Die Grundsätze unseres Erziehungswerkes haben sich aufs tresslichste bewährt. Nach der Verschiedenheit der lokalen Bedürfnisse — nur diese sind maßgebend — ändern sich selbstredend auch Unterrichtssprache und Unterrichtsgegenstände. Im Orient bezweckt unser Schulwcrk, eine bodenständige, mit deu Heimatsprachen vertraute, ihrem Vaterlande ergebene, mit ausreichenden Kenntnissen für ihr Leben und Wirken in der Heimat ausgerüstete und ihr Judentum achtende Jugend heranzubilden 4. DaS Fundament unserer Erziehungstätigkeit im Orient bilden naturgemäß die Kindergärten. Aber auf diesem Fundamente habe» wir in der kurzen Spanne Zeit ein schulwcrk errichtet, wie in demselben Zeitraum nie eine Organisation zuvor. Das Schulwerk, au dem wir beteiligt sind, umfaßt heute 14 Kindergärten, 13 Knaben- und Mädchenschulen, 2 Handelsschulen, 1 Haushaltungsschule, 1 Lehrerseminar und 2 Mädchenheime. Außerdem hat der Hilfsverein zu der Begründung des Jüdischen Instituts für technische Erziehung in Palästina zu Haifa, das jetzt ins Leben tritt, die Initiative gegeben. 5. Unsere Schulen entsprechen, was den religiösen Standpunkt anbelangt, sowohl den religiösen Anschauungen der einheimischen Bevölkerung als auch den Forderungen der religiösen Autoritäten im Wendland. Das muß uns genügen." Berlin. No. 136 vom 14. Juni der »Allgem. Fleischerzeitung enthält folgenden Artikel: „Für die Tötungsart des Schlichtens hoben sich die Fleischer-Innungen zu Gießen und Alsfeld in Oberhessen ausgesprochen. In beiden Jnnungsversammlungen wurde einstimmig festgestellt, daß das Fleisch der geschachteten Tiere im Gegensatz zu einem auf andere Art getöteten Stück Vieh besser und vor allem h a l t b a re r sei. Diese Ansicht wird besonders damit begründet, daß bei geschächtetem Vieh alsbaldige Blutentleerung eintritt, was zur Folge hat, daß dadurch das Fleisch haltbarer wird. Es wurde weiter erklärt, daß bei Schießen oder Schlagen, durch den hierdurch verursachten Schreck, das Blut in den Körper des Tieres zurückgedrängt wird. Dies habe zur Folge, daß das Blut mehr oder weniger iin Fleisch verbleibt und deshalb dieses eher und in größerem Maße dem natürlichen Zersetzungsprozeß ausgesetzt ist. (b.) Straßburg. Die Gegenstände, welche das Israelit. Museum bis jetzt erworben hat, haben schon die Zahl von 250 erreicht. Es muß bereits ein zweiter Saal eröffnet werden. Das Elsässische Museum, in dem das Israelit. Museum untergebracht ist, war so entgegenkommend, auch diesen zweiten Saal dem „Verein zur Erhaltung jüd. Denkmäler in Elsaß- Lothringen" kostenlos zur Verfügung zu stellen. Während nun der erste Saal als jüd. Wohnzimmer und jüd. Bethaus eingerichtet ist, wird der neue Saal eine Art Bes - Hamidrasch darstellen. ch Bollwciler cOoer Elsaß). Seit einigen Jahren erhebt sich ein Misthaufen vor der Synagoge, den die Eigentümerin trotz wiederholter Aufforderung nicht entfernen will. Der Misthaufen wirkt nicht nur durch den Anblick auf die Gotteshausbesucher abstoßend, sondern auch der Ausdunst verdirbt jedem Passanten das Gefühl der Ehrfurcht vor dem hl. Orte. Nachdem nun die Kultusverwaltung mit ihren Bitten nichts erreichen konnte, strengte sie gegen die Eigentümerin einen Prozeß an, der leider zu Ungunsten der jüdischen Gemeinde entschieden wurde. Die Gemeinde hat sofort beim Landgericht in Colmar appelliert. Man ist allgemein gespannt, wie die Sache sich wenden wird. Die Gemeinde will den Prozeß bis zur letzten Instanz durchführen. Die Eigentümerin behauptet nämlich, den Platz, wo der Misthaufen sitzt, eigen zu nennen, was jedoch nicht nachgewiesen werden konnte. Selbst wenn dies der Fall, dürfte sie im Interesse - der Ortsverhältnisse und der Hygiene den Kompost- Haufen nicht unbedeckt lassen. Bemerkt sei ferner, daß sich die Gemeinde auch an die Schulverwaltung wenden wird, da der Misthaufen 'auch in der Nähe des jüdischen Schulhauses liegt und dessen Geruch dort schädlich empfunden wird. Oesterreich-Ungar». Arad. In seiner gestrigen Sitzung hat sich der Munizipal - Ausschuß der Stadt mit dem Millionen-Testament des jüngst v-rstorbenen Juden I. N. Spitzer befaßt, der zur Hälfte die Stadt Arad und zur anderen Hälfte die iüd. Gemeinde und die Chewra- Kadischah in Arad zu Erben seines Vermögens machte. Die Stadt beschloß, sich mit der Schwester des Verstorbenen in der Weise zu einigen, daß