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Neue jüdische Presse · 1909-06-18 · Heft 23 (18.6.1909) · p. Seite 4

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 23 (18.6.1909)
Date
1909-06-18
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. KranPttker ZsraMWeS Familienölakt. sie 40 000 Kr.- bar und 18 000 Kr. Jahresrente erhält; er beschloß seiner, nach ersolgier Einigung eine Straße „Spitzer-Jgnaz-utcza" zu nennen. Rußland. Petersburg. Die bevorstehende Zweihundertjahrfeier der Schlacht bei Poltawa, die als großes Nationalfest in Anwesenheit der kaiserlichen Familie mit großem Pomp vor sich gehen wird, dürfte den dortigen Juden noch lange in trauriger Erinnerung bleiben. Ans Anlaß dieser Feier sind nämlich mehr als tausend Juden aus Poltawa ansgewiesen worden. Sämtliche in der Kurakinskagasse, der Festzugsstraße, wohnhaften Juden mußten die Stadt verlassen, ,,damit sie die Prozession mit ihren Blicken nicht entweihen." Der Mini st errat hat ein neues Gesetzcsprojekt angenommen, das die Juden von der aktiven und passiven Beteiligung an den Semstmohwählen ausschließt. Für die Duma, den Reichstag, haben also die Juden das Wahlrecht, — aber für die Kreis- und Provinziallandtage sollen sie es nicht haben! Merkwürdige Logik. — Im Aufträge der Wilnaer Rabbinerkonferenz hatte der hiesig!- Rabbiner Katzenellenbogen eine Unterredung mit dein Generalgouverneur von Finnland wegen Aufhebung des Schächtverbots. Der Generalgouverneur erklärte, daß er, wenn das Schächtverbot im Landtage beraten.wird, sich beim Zaren zu Gunsten der Juden verwenden werde. — In Karitzkin (Gouv. Grodnow) haben die Bauern an einem Markttag plötzlich und ohne jede Ursache die Juden auf den Straßen überfallen und die Fenster in jüdischen Häusern eingeschlagen. Die 60 jüdischen Familien hielten sich darauf den ganzen Tag versteckt, bis die Ruhe gegen Abend wieder hergestellt war. Amerika. New-Bork. Der vor einigen Wochen zu Cannes in Frankreich verstorbene hiesige Bankier Sigmund Neustadt, Schwiegervater Mortimer L. Schifs's, hinterließ 100 000 Dollars für Wohltätigkeitszwecke, deren nähere Bestimmung seiner Witwe überlassen sind. G leailMon. Die Tochter des Kardinals. Historische Erzählung von Friedrich Rott. lFortsetzung). Als Rabbi Jizchak nach Hause kam, war er im ersten Augenblick nicht angenehm berührt durch Tirza's Bericht über den Besuch des Grasen Turnet. Als sie jedoch die Bemerkung hinzufügte, die dessen Mutter über ihre Söhne geäußert, da schwand feine Besorgnis, und er empfing den Grasen am folgenden Tage wie den bestempfohlenen Sohn einer befreundeten Familie. Arnulf fühlte sich in der Unterhaltung mit dem geistvollen Manne mit dem Blick auf dessen liebreizende Tochter, die hin und wieder auch einige Worte dazwischen warf, so behaglich, daß er voUständig daran vergessen hatte, daß er sich am Morgen einen Finger verletzt hatte, worüber er den Arzt konsultieren wollte. Erst unmittelbar vor dem .Fortgehen erinnerte er sich daran und zeigte die Verwundung seinem Gastgeber. Dieser schüttelte den Kopf. „Kommt mit in mein Zimmer, ich muß die Sache genauer in Augenschein nehmen, und ich fürchte sogar, daß ich Euch Schinerzen werde bereiten müssen." „Davor brauchet Ihr Euch auch nicht zu fürchten, Doktor; aus Schincrzen mache ich mir nichts." „Um so besser, doch nun bitte, setzet Euch und verhaltet Euch möglichst ruhig." Arnulf zeigte sich in Wirklichkeit als Stoiker. Während die Wunde gereinigt und verbunden wurde, verhielt er sich vollständig regungslos; doch als der Arzt erklärte, morgen wieder Nachsehen zu müssen, da hätte er laut aufjauchzen mögen. — Überglücklich, daß er voraussichtlich nun öfter Gelegenheit haben werde, mit dem schönen Mädchen zusammen zu sein, machte sich Arnulf auf den Heimweg. Zwar empfand er zuweilen höllische Schmerzen, aber der Gedanke an Tirza machte ihn gleichgiltig gegen alles andere. Der Verwalter schüttelte mißbilligend den Kopf, als ihm der Gras in überschwänglichen Worten von dem unvergleichlich schönen Mädchen erzählte und von seiner Unterredung mit deren Vater. „Ihr hättet den Doktor herauf kommen lassen sollen, Herr Graf! Es ist nicht gut, sich alle Tage in Gefahr zu begeben." „Unsinn, Werner, Ihr solltet mich besser kennen; das Mädchen ist bei mir in keiner Gefahr." „Das weiß ich. — Mer Ihr begebt Euch in Gefahr, Herr Graf; Ihr seid schon jetzt in die schöne Jüdin bis über die Ohren verliebt." »Ich glaube wahrhaftig, daß Ihr recht habt," versetzte Arnulf lachend, „aber darin sehe ich keine Gefahr." „Herr Graf —" „Bitte, keine Moralpredigt, Werner, dergleichen liebe ich nicht. Und außerdem, ich kann absolut nicht begreifen, welch' eine Gefahr dabei sein könnte, daß ich ein schönes Mädchen schön finde." „ES ist ein Judenmädchen." „Darum ist sie nicht weniger schön, und überhaupt bei schönen Mädchen sicht man nicht auf die Rasse. Sogar der egyptische Pharao, der alle Judenjungen hat ersausen lassen, hat ausdrücklich besohlen, daß man die Judenniädchen leben lassen soll. Vermutlich hat er auch gefunden, daß die meisten Jüdinnen schön sind." ' Der Verwalter zuckte die Achseln. „Die hochselige Gnädige hat das Judenmädchcii sehr, sehr gern gehabt; aber von ihrer Schönheit habe ich sie nie reden gehört. — Doch der Herr Graf weiß, was er zu tun hat, ich werde mir nicht erlauben —" „Aergert Euch nicht, Werner, ich will sogar zugeben, daß Ihr von Eurem Standpunkt aus recht habt; — aber — ich habe auch recht. Es mag eine Gefahr sein, dem liebreizenden Mädchen gegenüber zu sitzen und sich mit ihr zu unterhalten, denn sie weiß so lieblich zu plaudern, hat niehr Witz und Temperament als alle adeligen Mädchen und Frauen, die ich kenne; — doch die Wonne ist noch größer als die Gefahr, — und — ich trotze der Gefahr." — Und er trotzte der Gefahr. Tag für Tag kam er zu Rabbi Jizchak und ließ seinen „bösen Finger" verbinden und verweilte bei der Gelegenheit mindestens eine Stunde, häufig aber auch mehrere Stunden ' in Gesellschaft des von ihm angebeteten Mädchens. Aber er war ein durch und durch ehrenhafter Charakter, er wollte das liebreizende Mädchen nicht in's Gerede bringen, darum kam er gewöhnlich Abends, wenn er den Doktor zu Hause wußte und unterhielt sich vorwiegend mit ihm, dessen geistvoll belehrende Bemerkungen er überaus hoch schätzte, doch wußte er stets auch Tirza in's Gespräch zu ziehen. Seine Besuche hörten nicht auf, auch nicht, als sein Finger längst geheilt ivar. Und der Rabbi, obgleich er den jungen Mann längst durchschaut hatte und nicht zweifelte, daß dessen Besuche weniger ihm als seiner Tochter galten, empfing ihn dennoch stets mit zuvorkomniender Freundlichkeit, denn er hielt sich überzeugt, daß der Graf seiner Tochter nie zu nahe treten würde. Wer obgleich nian Arnulf fast nie in Rabbi Jizchaks Haus eintretcn sah, so wußte man doch, daß er fast täglich oort verkehrte, und diese Tatsache war auch seinem Onkel und mutmaßlichen Schwiegervater bekannt worden. Baron Holms hielt sich nicht nur berechtigt, sonder» im Interesse seiner Tochter geradezu verpflichtet, seinen Ressen darüber zur Rede zu stellen. Gras Arnulf stellte die Tatsache keineswegs in Abrede, erklärte jedoch über sein Tun oder Lassen keineui Menschen Rechenschaft zu schulden. Dem Baron schwoll die Kampscsadcr auf der Stirn. „Du huldigst seltsamen Anschauungen gegenüber dem Bruder Deiner gottseligen Mutter, dem Vater Deiner zukünftigen Gattin —" Auch dem Grafen schoß das Blut in's Angesicht. „Pardon, lieber Oheim, es ist, wie mir gesagt worden ist, männiglich bekannt, daß meine gottselige Mutter das Mädchen, mit dem Du mir den Verkehr wehren möchtest, zärtlich geliebt hat; diese Tatsache dürfte dem Bruder meiner Mutter vollauf genügen. Was jeboch meine künftige Gattin betrifft, so gestehe ich ihr erst dann die Berechtigung, sich um mein Verhalten zu kümmern, nachdem ich mich ihr gegenüber erklärt haben werde." „Hölle und Teufel!" schrie der Baron, niil dem Fuße stampfend, „was soll das heißen? — ob Du Dich ihr gegenüber erklärt hast oder nicht, Euphcnia ist doch Deine Braut; — das wirst Du doch nicht bestreiten wollen?" „Ich will nur bestreiten, daß ich überhaupt eine Braut habe, nachdem ich noch mit keinem Mädchen ein Wort vom Heiraten gesprochen habe» mich noch keiner erklärt." „Verdammter Blödsinn! kommst Du mir schon wieder damit? — Aus Deine Erklärung kommt es doch nicht au! Du weißt, daß es längst bestimmt war, daß Du und Mia ein Paar werden sollt. — Weißt Du das vielleicht nicht?" Arnulf zuckte die Achseln. „Ich weiß nicht, wer ein Recht oder wer die Macht hätte, in dieser oder in irgend welcher Beziehung über mich zu bestimmen. Ich weiß nach dieser Richtung hin nur, daß Du mit meiner gottseligen Mutter darüber gesprochen hast und daß meine Mutter nichts dagegen gehabt hat. Ob sie es aber besonders gewünscht hat — das weiß ich nicht." „Ach, Unsinn! warum sollte es denn Deine Mutter nicht gewünscht haben, daß ihre Nichte, die Tochter ihres einzigen Bruders, ihr? Schwiegertochter wird?" Nr. 23. »Ich sagte nicht, daß sie es nicht gewünscht hat; ich sage nur, daß mir nichts darüber bekannt ist. Und ich wiederhole, daß ich niemandem die Berechtigung zuerkenne, mir in irgend welcher Beziehung Vorschristen zu machen." Der alte Herr preßte die Lippen aufeinander; er erkannte seinen Ressen nicht wieder. War das der sonst so sanfte gefügige Arnulf, von dem seine Tochter behauptet hatte, sie werde ihn in der Ehe um den Finger wickeln können? — Doch er sah ein, er mußte sich mäßigen, um nicht alles zu verlieren. Denn wenn es seiner Tochter auch nicht an Freiern fehlen würde, ein solcher wie Graf Arnulf würde sich schwerlich für sie finden. Und er wußte überdies, daß seine Mia ihren Vetter liebte und sich als seine Braut betrachtete, obgleich er selbst nie mit ihr.darüber gesprochen hatte. „Du bist ein stolzer Kavalier," sagte der Baron, ein Lächeln erzwingend, „sei unbesorgt, ich werde es mir nie in den Sinn kommen lassen. Dir in irgend welcher Beziehung Vorschriften machen zu wollen. Aber zugeben wirst Du, daß es mich seltsam berühren muß, nachdem Deine gottselige Mutter und ich, sowie unsere ganze Familie es stets als Tatsache betrachtet hatten,. daß Du und meine Tochter mit einander verlobt wäret, nun auf einmal von Dir zu hören, daß Du keine Braut hast —" Eine leise Röte überzog das Angesicht des jungen Mannes. „Ich bedauere aufrichtig, lieber Oheim,' Dich verletzt zu haben; aber das war nicht meine Schuld." Der Baron wiegte den Kopfhin und her. „Ich will Dich nicht anklagen, — aber behaupten, daß das nicht Deine Schuld ist, das kann ich doch auch nicht, — denn Du weißt und hast gewußt, daß es in unserer Familie wie in allen angesehenen Familien des Adels von jeher üblich war und ist, daß die Eltern über die ehelichen Verbindungen ihrer Kinder bindende Beschlüsse fassen." „Daß die Väter über ihre minderjährigen Kinder solche Bestimmungen trafen,. vermutlich auch noch treffen, ist mir bekannt. Aber ich bin volljährig, und mein Vater ist längst.tot und, ich wiederhole, meine gottselige Mutter hat mir gegenüber nie den Wunsch geäußert, eine derartige Bestimmung zu treffen." „Du vergissest, daß Du in der letzten Zeit ihres Lebens nicht hier gewesen bist und daß in dem von Deiner Mutter eigenhändig geschriebenen Entwurf zum Testament ausdrücklich von Deiner Verbindung mit Mia die Rede ist." „Das ist richtig, daran hatte ich nicht gedacht. — Uebrigens, auch darin ist meiner Verbindung mit Mia nur als vorausgesetzt erwähnt, doch nicht als Wunsch." „Sollte das nicht einerlei sein?" „Gewiß nicht. Einen mir gegenüber geäußerten Wunsch meiner Mutter, würde ich mich verpflichtet halten zu erfüllen." „Aber einen nur mir gegenüber geäußerten Wunsch Deiner Mutter, den willst Du nicht erfüllen?" „Das habe ich nicht gesagt." »Ich glaube doch gehört zu haben, -aß Du gesagt hast. Du habest keine Braut." „Allerbings. — Mer das heißt doch nicht, daß ich nie eine Braut haben isverde! — Bin ich es nicht unserem Stamm schuldig, zu heiraten?" „Freut mich, daß Du das einsiehst. Also wann beabsichtigst Du, Dich zu verloben?" „Das weiß ich selbst nicht. Im Trauerjahr keinesfalls!" „Was? Noch zehn Monate sollte Mia warten? — Und wenn sie es nicht will? —1 Meinst Du, es fehlte ihr an Freiern?" „Das glaube ich durchaus nicht." „Baron Schweitzhein hat in der vorigen Woche nm sie angehalten und Graf Grühkosf tags darauf." >,Daß ein Mädchen wie Mia viel umworben ist, ist selbstverständlich." „Und wenn sie nun einen oder den andern ihrer Bewerber annimmt, wie dann?" Arnulf zuckte die Achseln. „Vorausgesetzt daß sie keinem Unwürdigen ihre Hand reicht, wäre ich nicht berechtigt, cs ihr zu verargen." Der Baron ward kirschrot vor Aerger. „Und das läßt Dich so gleichgültig? Donnerwetter noch mal! — Du bist mir ein schöner. — Aber ich versteh schon, — dahinter steckt nichts anderes als die verfluchte Judenbrut! — Der Teufel soll sie holen!" „Ich verstehe Dich nicht," entgegnete Arnulf erregt. „Was?" schrie der Baron, „Du verstehst mich nicht? noch deutlicher soll ich reden? i— Na. meinethalben schreie ich Dir's in die Ohren, daß die verfluchte Judenbirne Dich mit ihren Teufelskünsten verhext haben muß, wenn es Dir gleichgültig sein kann, daß die Baronesse Holms, die Dir bestimmte Braut, einen andern heiratet." „Ich habe nicht gesagt, daß mir das gleichgültig sein würde, ich habe nur auf Deine diesbezügliche Frage erwidert, daß ich nicht berechtigt wäre, es ihr zu verargen, wenn sie nicht' bis nach Ablauf des Trauerjahres warten wollte." (Fortsetzung folgt.)

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