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Neue jüdische Presse · 1909-06-18 · Heft 23 (18.6.1909) · p. Seite 2

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Journal
Neue jüdische Presse
Volume
7 (1909)
Issue
Heft 23 (18.6.1909)
Date
1909-06-18
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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fcetir 2 Was ist an diesen Tatsachen wahr? Dr. Adler ist der Chief-Rabbi der jüd. „Untertanen" Englands, das stimmt; — aber: er hat kein einziges südisch-wissenschaftliches Werk verfasst, das verdient, nur genannt zu werden; sein Einfluß auf die jüdischen Massen ist, da er als geborener Hannoveraner und englischer Ucberpatriot die Untertancnschaft Seiner Majestät Predigt, gleich null, und von seiner außergewöhnlich großen talmudischen Gelehrsamkeit ist nichts bekannt. Was er für das jüdische Volk geleistet, beschränkt sich auf die von ihm mit siebzig Jahren entdeckte Weisheit, daß die Juden kein Volk sind.*) Wer bei Lord Rothschild — die große Demonstration der englischen Judenheit. Der große Bluff . . . Sonst sind die Whitechapeler Juden die Polacken und die Schnorrer, obwohl sic schwer arbeiten und ihr Brot redlich verdienen — aber um die christliche Welt von einer Führerschaft zu überzeugen, sind sie gut genug . . . Arme Juden' Doch zum Lobe der Whitechapeler Juden sei es gesagt, sie sind nicht zu Rothschild gekomnicn, um chm und Dr. Adler die Möglichkeit zu geben, ihre Führerschaft zu demonstrieren, auch nicht, um den großen jüdischen Gelehrten und Gaon zu feiern, sondern — um sich Rothschilds Park anzusehen und Rothschild zu sehen. Und sie gingen auch befriedigt heim. Für die Zeitungsartikel über diese Feier sind sie nicht verantwortlich. — Ja, bei Lord Rothschild. Zur Frage der Gesamtorgarüsattou. Was nun? Wenn man nach deni jüngsten „Deutsch- Israel. Gemeindetage" die Frage: was nun? aufwirst, so sollte man meinen, darauf gäbe es eine klare, eindeutige Antwort, die unschwer aus den Beschlüssen des Gemeindetages selbst hervorgehe. Der einzige prinzipielle Beschluß, der nach lang«- Beratung gefaßt wurde, war die Annahme des Antrages Friedmann: „Bei der Organisation der jüdischen Gemeinden Preußens ist über die Lokalgemeindc und über die Bezirksgemeinde eine wcftere Organisation nur insoweit zu schaffen, als es zur Bildung und zur Unterhaltung von Bezirksgemeinden sowie zur Bildung von Ruhegehaltskassen erforderlich ist. Eine Organisation von Provinzgemeinden und der Landesgemeinde ist nur insoweft zu bilden, als durch dieselben die Selbständigkeit der Gemeinden in keiner Weise beeinträchtigt wird." Und dazu beschloß man auf Antrag des Landgerichtsrats Loewe, den ursprünglich vorgelegten Gesetzentwurf der Kommission „als Material zu überweisen für weitere Arbeit". . . . Also in gar nicht mißzuverstehender Weise hat das Plenum des Gemeindetages der Kommission die Direktive gegeben, unter Verwertung des bereits vorliegenden Materials nunmehr einen Gesetzentwurf auszuarbeitcn, der in der Hauptsache die Schaffung eines reinen Zweckverbandes „zur Bildung und zur Unterhaltung von Bezirksgemeinden, sowie zur Bildung von Ruhegehaltskassen" vorsieht, da'Iber hinaus eine organisatorische und repräsentative Zusammenfassung nur insoweit, als sie „die Selbstständigkeit der Gemeinden in keiner Weise beeinträchtigt. Ganz klar! Man lehnt das Prinzip der Gesamtorganisation als solches nicht ab; in den Vordergrund des Interesses sollen die praktischen Bedürfnisse der kleinen Gemeinden gerückt werden, die höheren Organisationsformcn nur iu einer, der Autonomie der Einzelgemeinde absolut unschädlichen Form verwirklicht werden. Also heraus aus dem Entwurf mit allen Vor- *) Wir teilen die Ansicht unseres geschätzten Mitarbeiters über die Bewertung des Chief-Rabbi Dr. Wler nicht Wohl soll anerkmint werden, daß — wie bei solchen Gelegenheiten üblich — die englische Presse den Mund zu voll genommen hat; aher die Tatsache ist unseres Erachtens feststehend, daß Dr. Adler eine Persönlichkeit und ein jüdischer Gekehrter ist und sich mannigfache Verdienste um die englische und um die osteuropäische Judenheit erworben hat. D. Redakt. Frankfurter Israelitisches Familienblau. schriften über Anstellung und Machtbereich von Rabbinern, über Prüfungsbehördcn für Rabbiner und Lehrer, über Einführung von Religionsbüchcrn, heraus mft den Bestimmungen über ein rückständiges Wahlrecht für die Gemeindckörperschaften, heraus mit allem, was für die einzelne Gemeinde eine Quelle des Gewissensdruckes werden könnte! Daß und wo in. Entwürfe Bestimmungen enthalten sind, die die Selbständigkeit der Gemeinden schwer zu beeinträchtigen geeignet wären, muß den Herren von der Kommission aus den Verhandlungen des Gemcindetages und aus den verschiedensten Preßstimmcn klar ge- Ivorden sein. Es kann danach nicht schwer halten, unter Erhaltung des großen Rahmens der Organisation diese mit einem Inhalt zu füllen, der im Wesentlichen auf die Erfüllung einer praktischen Solidarität hinausläuft, ohne die ideelle Harmonie zu gefährden. Doch scheint diese Vereinfachung der Organisationsaufgabe an maßgebenden Stellen sehr unwillkommen zu sein. Man ist bei dem ursprünglichen Entwurf zu tief in die Nachahmung des verwaltungstechnischen Bureaukratismus und in die Nachbildung der Staatskirche Preußens hincingeraten, um so leichten Herzens davon loszukommen. Deshalb taucht jetzt an verschiedenen Stellen der jüdischen Presse gleichzeitig der Versuch auft die Ergebnisse des Gemeindetages wcgzudisputieren. Da wird einfach behauptet: „Es kann keine Rede davon sein, daß der Antrag Friedmann als Ausdruck des Willens der Majorität irgend eine direktive Bedeutung für die Mitglieder der Kommission haben kann" — so zu lesen in der „liberalen" grünen Zeitung! — Und das „Hamburger Familienblatt" deutelt den Plenarbeschluß dahin, daß weitergearbeitet werden soll, „wenn möglich auf der Basis dieses Antrags, aber nicht um jeden Preis". Gleichzeitig wagt dieses Blatt, das seinen Lesern wohl ein sehr kurzes Gedächtnis zutraut,' zu behaupten, der „Antrag Loewe mache den Antrag Friedmann unter Umständen illusorisch", während die „Allgemeine Zeitung des Judentums" selbst ein so schwaches Gedächtnis hat, daß sie aus dem Antrag Loewe einen Antrag Makower macht und ihm die Absicht zuschreibt, das Votum des Gemeindetages der Kommission lediglich als Material zu überweisen. Es kommt aber noch besser! Dw Herren haben offenbar selbst das Gefühl, daß solche Kunststücke nicht hinreichen, um die Kommission von der Pflicht, auf Basis des Antrags Friedmann ihre Arbeiten fortzuführen, gänzlich zu entlasten. Sic verwandeln deshalb die Majorität rasch in eine Minorität. Von 182 Delegierten fehlten bei der Abstimmung 54, von 478 Stimmen waren 117 nicht vertreten — als ob bei so stark beschickten Tagungen jemals eine größere Frequenz vou Abstimmcnden vorhanden wäre. Wie selten sind z. B. im preußischen Landtag mit 443 Abgeordneten, selbst bei den wichtigsten Abstimmungen, höhere . Präsenzverhältnisse sestzustellen. Aber viel schlimmer — das Berliner wie das Hainburger Blatt konstatieren in trauriger Ucbcrcinstimmung, daß ein großer Teil der Abstimmenden sich über Bedeutung und Tragweite des Antrages 'überhaupt nicht klar war und auch jetzt noch nicht klar ist. Zuerst lacht man über diese mitlcidwürdige Manier, durch Herabdrückung des Gesamtniveaus der Delegiertenversammlung den offiziellen Entwurf retten zu wollen. Aber das Lachen vergeht, wenn man nachher schwarz auf weiß fünf Delegierte verzeichnet findet, die den beneidenswerten Mut der capitis diminutio finden und nachträglich ihr Votum .zurückziehen. Als ob in der Geschäftsordnung einer parlamentarisch geleiteten Versammlung irgendwo in der Welt solch nachträgliche Selbstdesavouierung Berücksichtigung fände. Aber eine liberale Judcnzeitung und das Hamburger Blatt ndjmcu gerade diese Herren in Anspruch, um die Majorität für den Antrag Friedmann fortzuzaubern. Nun, wir können solche Spiele ruhig denen überlassen, die sie selbst ernst zu nehmen geneigt sind. Tatsächlich ist es ganz gleichgültig, ob der _ Hz. 23. Antrag eine knappe Majorität hatte oder es auch nur auf 100 Stimmen Minorität gebracht hätte. Kein Gesetzentwurf, der imSchoßcdcs Gemein dcbu ndes selbst auf den Widerstand' einer irgendwie beträchtlichen Minorität stößt, wird die Beachtung der regierenden Körperschaften zu finden hoffen dürfen. Von diesem Gesichtspunkt sollten die Herren der Kommission bei ihrer Mitarbeit sich leiten lassen, wollen sie wirklich „pour le roi de Prusse" arbeiten! Mögen sie nicht auf Stimmen hören wie etwa folgende: „Die Verhandlungen großer Verbandstagc zeitigen nur selten ein befriedigendes Resultat; die Beschlüsse sind oft nur allzu sehr Sache des Zufalls und des unbewachten Augenblicks — so auch im vorliegenden Falle" (Hamburger Familienblatt). Vielmehr sollten sie in voller Loyalität gegen die Beschlüsse des Gemeindetages ernstlich und ehrlich, ohne Rechthaberei und Empfindlichkeit bemüht sein, ein neues Werk zu schassen, einen Weg zu finden, auf dem man zu einer möglichst einmütig votierten Gesamtorganisation der preußischen Juden doch noch gelangt. Dr. Jeremias, Posen. Auszug aus dem Protokoll der Sitzuug des geschästsführeude« Ausschusses des Hilfsvereius derDeutscheu Jude« am2.Juui1999. Am 2. Juni 1909 fand unter B o r s i tz des Herrn James Simon eine Sitzung des geschäftsführenden Ausschusses statt. In der Sitzung wurden u. a. Bewilligungen für Rußland, Galizien Rumänien, Bulgarien, die europäische und asiatische Türkei vorgenommen. Besonders umfangreich waren die Bewilligungen für das Schulwerk in Palästina, dessen Gesamtbudget auf der Tagesordnung stand. Die Gesamtsumme der Bewilligungen betrug über 100000 JL Es wurde bei dieser Gelegenheit die lebhafte Genugtuung seitens des geschäftssührenden Ausschusses zum Ausdruck gebracht, daß die Grundsätze, nach denen der Hilfsverein sein Schulwerk von Anfang an organisiert hat, sich nach jeder Richtung hin bestens bewährt haben und gerade unter den neuen Verhältnissen in der Türkei besonders fruchtbringend zur Geltung kommen. Das Schulwerk des Hilfsvereins ist in den verschiedenen Ländern nach den Anschauungen und Bedürfnissen der Bevölkerung organisiert, der es dienen soll. Der Hilfsverein vermittelt überall, ohne in die Freiheit der Ueberzeugung und das Recht der Selbstbestimmung einzugreifen, die religiösen und kulturellen Werte, die in Einklang stehen mit den lebendigen starken Kräften undBedürsnissen im dortigen Judentum. An allen Anstalten des Hilfvereins im Orient, von den Kindergärten bis zu dem Lehrerseminar in Jerusalem, ist —im Gegensatz zu anderen Erziehungstendenzen, — das leitende Prinzip des Unterrichts die Erziehung zur Liebe zur Heimat und zum Judentume. Deshalb' ist außer den Realien dem Studium der Landessprachen ein Hauptplatz eingeräumt, ohne daß darüber die Vermittelung von Kultursprachen, die erforderlich sind, vernachlässigt wird. Das Hebräische, das im Orient in Schple und Haus immer .mehr das einheitliche Verständigungsmittel zwischen den vielsprachigen jüdischen Elementen bildet, ist im Schulprogramm des Hilssvereins nach dem Maße seiner Bedeutung für das praktische Leben wie für pädagogische Zwecke gleichfalls von vornherein entsprechend berücksichtigt worden. Das Ziel des Hilfvereins, den Juden die Bildung in Realien und Sprache zu geben, die.'sie zur vollen Teilnahme am wirtschaftlichen und öffentlichen Leben in der Türkei befähigt, gewinnt eine erhöhte Berechtigung und Bedeutung' in per gegenwärtigen Zeit, wo eine Regeneration des Landes von ungeahnter Tragweite in. die Nähe gerückt ist. Der beste Beweis, daß die Grundlagen des Schulwerks Len Bedürfnissen und Wünschen der einheimischen Bevölkerung entsprechen, find die zahlreichen dringenden Anträge, die zur Reorganisation und Begründung von Schul- und Erziehungsanstalten nach dem Mustxr der bestehenden an ihn gelangen und denen er nach Maßgabe der ihm zufließenden Mittel Folge geben wird. Um die Möglichkeiten und Chancen der Beteiligung der Juden an der. Erschließung ' des Orients in neuer Richtung zu vermehren, hat der Hilfsverein auch die Initiative zu der Begründung des Jüd. Instituts für tech nische Erziehung in Haifa ergriffen, des ersten

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