Neue jüdische Presse
- Journal
- Neue jüdische Presse
- Volume
- 7 (1909)
- Issue
- Heft 23 (18.6.1909)
- Date
- 1909-06-18
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Zsrartkfitrter frurlilifdire ftiilinMitt , --> Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnementspreis pro Vierteljahr: In Frankfurt a. M. Mk. 1.— frei ins Haus. Bei der Post abonniert im In- und Ausland Mk. 1,02 (einschließlich Bestellgebühr). Unter Streifband bezogen: Deutschland und Oesterreich-Ungarn Mk. 1,50, sonstige Länder Mk. 2.— t--—-- HedaKtioil und Geschäftsstelle Srankfurt a. m.. vilbelerstraße 4/6, Ecke Lleichstraße ®cref on 10507. —i-x r Herausgeber: Aalg Gei^. i Jnsertionspreise: Die viergespaltene Peützeile. . . . '. 25 Psg. Die Reklamezelle. 100 Platz- und Daten-Borschrift ohne Verbindlichkeit. Beilagen: Preis nach Uebereinkunft. 1———-——— 7. Jahrgang. Freitag, -e« 29. Siwan 5669 (18. Juni 1909). Nr. 23. Inhalt des Hauptblattes. Artikel: Bei Lord Rothschild. — Zur Frage der Gesamtorganisation. — Auszug aus dem Protokoll der Sitzung des gefchästsführenden Ausschusses des Hilfsvereins der Deutschen Juden am 2. Juni 1909. — Die Rabbinerkonferenz zu Wilna. — Eine Rede des Präfidenten Taft in der Synagoge zu Pittsburg. — Aus aller Welt. — Feuilleton: Die Tochter des Kardinals. — Wochen-Kalender. — Familiennachrichten. Bei Lord Rothschild. Bon Maxime Le Ma! tre. Juden und Journalisten sind neugierige Menschen, und da ich glücklicherweise Jude nnd unglücklicherweise Journalist bin, so bin ich doppelt neugierig. Seit etwa einem Monat lese ich in den Londoner Zeitungen von Chies-Rabbi Dr. Adler, von seinem siebzigsten Geburtstag, von einer Feier, die man ihm zu Ehren veranstaltet, lese ich von Dr. Hermann Achter, 'dem Führer der Judenheit, dem Chef der englischen Judenheit, lese ich von dem großen jüd. Gelehrten und Schriftsteller Dr. Adler. Der „Daily Telegraph" feiert ihn als Gelehrten, die „Times" als den großen jüdischen Volksführer, die „Morning Post" als den Ches der englischen Judenheit und als den großen jüdischen Gelehrten .... Ich hatte ferner gelesen, daß am' 10. Juni jüdische Gemeindevorsteher aus allen Gauen Großbritanniens in Lord Rothschilds Gunnersbury- Park sich versammeln werden, uni dem Chief- Rabbi die Glückwünsche der englischen Judenheit zu überbringen, daß Lord Rothschild bei dieser Gelegenheit eine Rede halten und Dr. Adler die Rede mit einer Rede beantworten werde, — alles Leckerbissen für einen jüdischen Journalisten, — ein Wüstentrunk für seine Neugierde. Und so ging ich ebenfalls in den Gunnersbury Park, in der Hoffnung, etwas Großes, zumindest etwas Neues zu erleben. * An einem Donnerstag war es. Der Tag war kalt und regnerisch. Der Himmel war ausdruckslos und mit Lumpen-Wolken bedeckt. Eine Stimmung voll bleierner Langweile hing über dem unfreundlichen Tag. 'Die Straßen voll Morast, überall banale englische Alltäglichkeit, schmucklos, katzenjämmerlich, dunnn, öde, traurig, langwellig — und ich in Gehrock und Zylirü>erhut zum Feste. Und nach langen Fahrten mit der Untergrund- und Obergrundbahn, in Omnibussen und Droschken erreichte ich um vier Uhr den großen Park. Tausende und Abertausende starren unter ihrem geöffneten Regenschirmen und warteten auf Einlaß.- Auch ich stellte mich in Reih und Glied und erhielt auch gleich den andern die gewünschte Karte. Während der: halben Stunde, die ich unter der Menge wartete, hörte ich alle Sprachen: Jargon, deutsch, hebräisch, russisch, aber nicht englisch. Im großen, herrlichen Park waren große Zelt-Restaurants errichtet und jeder konnte nach Herzenslust genießen — auf Staatskosten. Eine Militärkapelle spielte „6od save the King", Wagners Lohengrin, Elgaws „Liebcsgruß" und Strauß' „Wiener Blut". Die Menge aß, trank, rauchte; viele bestätigten mit wichtiger Miene, daß Rothschild wirklich reich ist; große Gruppen unterhielten sich über alle gleichgültigen Dinge, — und man ließ cs sich gut gehen. Mötzlich hieß es: „Der Lord werd halten a Drösche", „Lord Rothschlld hält a Speech". Ein großer Teil der „Gratulanten" stellte sich vor die Portale des herrlichen Schlosses, wo sie folgende Rede*) des Lord Rothschild hörten: „Lieber Dr. Adler, es bietet mir eine große Genugtuung, daß diejenigen Untertanen unseres höchst gnädigen Souverains des,Königs, die sich zu demjüdischen Glauben bekennen, mich veranlaßt haben, Sic heute hier zu empfangen und Ihnen zu gratulieren anläßlich Ihres 70. Geburtstages und des 50. Jahres Ihres eifrigen Wirkens in der jüdischen Gemeinde. Dr. Allster! Ich hoffe, daß Sie noch lange unter uns weilen werden, um uns den Vorteil Ihrer Weisheit und Ihrer Freundschaft zu gewähren. Es würde mir schlecht anstehcn, dem Wortlaut der Adresse der Mitglieder der „United Synagogue" noch etwas hinzuzufügen, welche ich das Vergnügen habe. Ihnen vorzulesen, und wenn ich es wage. Ihnen etwas in das Gesicht zu sagen, so ist es die Tatsache, daß Sie allen Juden dieser großen Nation wert nnd teuer sind, nicht allein durch Ihre Frömmigkeit und das Interesse, das Sie der Wohlfahrt des öffentlichen Lebens geschenkt haben, sondern auch durch den erhabenen Geist der Duldung, der Sie auszeichnet; daß Sie erkennen und stets erkannt, haben und ausgesprochen in einer Ihrer beredsten Predigten, daß „Judaismus" kein eingeäscherter Tempel ist, sondern die Religion von der Thora eingeschärft, und daß Sie immer der Worte eingedenk waren: „Liebet den Fremden, denn Ihr wäret selbst fremd in Egypten." Sie haben auch erkannt, daß es viele wohltätige und religiöse Männer und Frauen gibt, obgleich sie nichts wissen von Tefillinlegen und Tallistragen. Zum Schluß wünsche ich Ihnen ein langes Leben und alles Glück im Kreise Ihrer Frau, Kinder und Enkel." (Lebhafter Beifall!) („Den Beifall habe ich in den Zeitungen gelesen.") Die Logik . . . Also sprach der Lord. Die Juden, diese Whitechapeler Juden, die sein Englisch kaum verstehen, sind nur Untertanen Seiner Majestät nnd dabei noch jüdischen Glaubens. — Ein gewaltiger Fortschritt. Früher hieß es „Glaubensbrüder", „Religionsgenossen" und „Glaubensgenossen", jetzt sind sie nur noch Untertanen Seiner Majestät. — Die Juden der englischen Nation — Aber man kann auch guter Jude sein ohne Tallis und TeMin — d. h. ohne Religion. — Und diese ganze Weisheit anläßlich der Feier eines Chief-Rabbi und eines Führers *) Wörtlich übersetzt. des jüdischen Volkes, diese Lordweisheit vor russischen und polnischen Juden!-Und die Logik, — die Logik. — — — Daraus sprach Herr Chief-Rabbi Tr. Adler. Er sprach sehr feierlich, sehr bewegt und gerührt; — aber, was er sprach, weist ich nicht — und alle, die seine Rede gehört haben, wissen es auch nicht. Ich hätte auch gerne seine Rede, ein diplomatisches Meisterstück, übersetzt; allein ich fürchte, der Leser wird mir nicht glauben . ... Und den Inhalt anzugeben, ist unmöglich. Inzwischen war es spät geworden. Tausende lange und kurze, graue und schwarze Bärte mit breit beschirmten Zylinderhüten spazierten im Park, bewunderten Rothschilds Reichtum, feine Gartenkunst, seinen guten Geschmack, ließen sich noch Tee servieren, sprachen über die schlechten Zeiten und über das schlechte Wetter — eine tiefe, feierliche Stimmung. Und während es vom Himmel regnete und die Kapelle „God save the King" spielte, verließen die vielen jüdischen Frauen und jüdischen Männer aus Whitechapel Rothschilds Park. Sie hatten sich satt gesehen, sich von Rothschilds Reichtum überzeugt, den Lord Rothschild selbst gesehen, — und sie konnten beftiedigt heimgehen. Auch ich ging, halb niedergeschlagen und verstimmt. Ich liebe die Karrikatur, ich liebe auch die Tragödie; — aber dem Schwank und der geistlosen Komödie kann ich keinen Geschmack abgewinnen. — — — — Als ich schon in der Untergrundbahn saß, beftug ich einen alten, würdevollen Juden über seinen Eindruck von der „Feier"? Er blinzelte seine klugen Augen, überlegte einen Augenblick und sagte mir halblaut im echten Barditschewer Jargon: „Ot do is alles Bloss. Auch uni Rabbonim, auch uni Lordes! Nor stam a soi. Rothschilds Park ist ganz schön, auf alle Juden gesagt." * Am 11. Juni las ich in den Londoner Zeitungen, daß gestern Lord Rochschlld und Lady Rothschild eine große „Reception" zu Ehren des Chief-Rabbi Dr. Adler in ihrem Gunnersbury Park veranstaltet und daß sich zu diesem Empfange die Elüe der englischen Judenhell, sowie Vertreter von den englischen Kolonien eingefunden hatten. Und die Zeitungen erzählten von dem ungeheuren Einflüsse des gewaltigen Volksführers Dr. Adler auf die englischen Juden, von der kindlichen Anhänglichkell der Juden an Dr. Adler, und wieder priesen sie den großen jüdischen Volksführer, wieder lobten sie ihn und seine Werke. Wenn man den'Londoner Zellungen Glauben schenken wollte, hätte man annehmen müssen, daß 1. Dr. Adler der Chef der Judenheit ist, 2. daß er der größte Mische Gelehrte ist, 3. daß sein siebzigjähriger Geburtstag eine gewaltige Bewegung in der englischen sowie in der gesamten Judenheü hervorgerufen und 4. daß die „Feier" im Gmmersbury Park sich zu einer gewaltigen Demonstration der englischen Juden für den Chief-Rabbi Dr. Adler gestaltet hätte —.